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„Frühscholastik“ – Versionsunterschied

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[[Johannes von Salisbury]] (1115–1180) lernte bei Abaelard, Thierry von Chartres und Wilhelm von Conches. Er vertrat wie Abaelard den Konzeptualismus und war Sekretär von [[Thomas Becket]]. In dieser Funktion schrieb er eine frühe [[Staatstheorie]] (''Policraticus''), in der er [[Sittlichkeit]] und [[Tugend|Tugenden]] zu den [[Pflicht|Pflichten]] der Staatsvertreter erklärte und den [[Tyrannenmord]] rechtfertigte. Auch [[Arnold von Brescia]] war Schüler Abaelards. Als radikaler Denker vertrat er die Ideale des [[Urchristentum|Urchristentums]], wandte sich gegen die weltliche Macht des [[Papst|Papstes]] und trat gegen [[Hörigkeit (Rechtsgeschichte)|Hörigkeit]] und [[Leibeigenschaft]]<nowiki/>ein.
[[Johannes von Salisbury]] (1115–1180) lernte bei Abaelard, Thierry von Chartres und Wilhelm von Conches. Er vertrat wie Abaelard den Konzeptualismus und war Sekretär von [[Thomas Becket]]. In dieser Funktion schrieb er eine frühe [[Staatstheorie]] (''Policraticus''), in der er [[Sittlichkeit]] und [[Tugend|Tugenden]] zu den [[Pflicht|Pflichten]] der Staatsvertreter erklärte und den [[Tyrannenmord]] rechtfertigte. Auch [[Arnold von Brescia]] war Schüler Abaelards. Als radikaler Denker vertrat er die Ideale des [[Urchristentum|Urchristentums]], wandte sich gegen die weltliche Macht des [[Papst|Papstes]] und trat gegen [[Hörigkeit (Rechtsgeschichte)|Hörigkeit]] und [[Leibeigenschaft]]<nowiki/>ein.


[[Alanus ab Insulis]] ([[Alain de Lille]]) entwarf nach dem Vorbild des [[Euklid]] eine [[axiom|axiomatische]] Theologie, in der er von der Einheit des Einen ausgeht.{{SchaufensterEnde|Frühscholastik}}
[[Alanus ab Insulis]] ([[Alain de Lille]]) entwarf nach dem Vorbild des [[Euklid]] eine [[axiom|axiomatische]] Theologie, in der er von der Einheit des Einen ausgeht.{{SchaufensterEnde|Frühscholastik}}{{SORTIERUNG:Scholastik_früh}}
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Aktuelle Version vom 15. Juli 2026, 15:28 Uhr


Die Frühscholastik ist die Zeit der Schulphilosophie, in der herausragende Denker sich nicht mehr auf die klösterliche Kontemplation beschränken, sondern mit Argumenten der Vernunft offensichtliche Widersprüche in den kirchlichen Lehren hinterfragen und diskutieren wollten. Oft brachten solche Diskussionen sie in Gefahr. Sie wurden als Ketzer verurteilt und mussten ihre Thesen widerrufen, wenn sie keine Risiken für Leib und Leben eingehen wollten. Dennoch fanden sich immer wieder freie Geister, die aus Überzeugung für die Vernunft eintraten.

Im Abendmahlsstreit vertrat Berengar von Tours (gest. 1088) aus der Schule von Chartres die Auffassung, dass Brot und Wein bei der Eucharistie nur sinnbildlich zu betrachten seien. Sein Gegner, Lanfrank von Bec (1005–1089), wollte keine Vernunftgründe hören, sondern nur den Autoritäten folgen, worauf Berengar argumentierte, dass er in der Vernunft nach dem Bilde Gottes geschaffen sei.

Miniatur des Anselm von Canterbury aus dem Monologion (spätes 11. Jahrhundert)

Anselm von Canterbury (1033–1109) wollte zwar Augustinus nicht widersprechen, unterschied sich aber deutlich von diesem, indem er die Dialektik als Methode auf die christliche Gotteslehre anwandte und damit zeigte, dass diese sich im Wesentlichen als vernunftnotwendig nachweisen ließ. In diesem Sinne führte er auch den berühmten ontologischen Gottesbeweis, in dem rein semantisch gezeigt wird, dass man die Existenz Gottes nicht bestreiten kann, ohne bereits eine Vorstellung von diesem und seiner Vollkommenheit zu haben. Dennoch war der Vorrang der Theologie für ihn unstrittig, so dass er mit Augustinus bekannte: Credo ut intelligam, also „ich glaube, um zu verstehen“ (Proslogion, Kapitel 1).

Petrus Damiani (um 1006–1072) war bekannt für seinen Kampf gegen die Sittenlosigkeit der römischen Geistlichkeit. Er war der Schöpfer des Spruchs von der Philosophie als der „Magd der Theologie“ (Philosophia ancilla theologiae), mit dem er sich gegen die Scholastiker, also insbesondere Berengar und Anselm, wandte, die über die Vernunft den Glauben erschließen wollten. (Die Wendung geht zurück auf Philo von Alexandriens Auslegung von Gen 16,1f, welche Klemens von Alexandrien übernahm; Origenes verwendet stattdessen Ex 3,22 und Ex 11,22; auch Deu 21,11-13 wurde häufig angeführt.[1])

Adelard von Bath (um 1090–1160) reiste als junger englischer Gelehrter nach Spanien, um die arabischen Wissenschaften kennenzulernen. Zurückgekehrt übersetzte er eine Vielzahl arabischer Schriften und betonte immer wieder die Überlegenheit der arabischen Wissenschaften insbesondere in den Bereichen der Medizin, Mathematik und Astronomie.

Gilbert von Poitiers (ca. 1080–1145), ein Schüler des Bernhard von Chartres, war Vertreter des Realismus im Universalienstreit und wurde begriffsgeschichtlich durch die Unterscheidung zwischen Gott und Gottheit sowie von Individualität und Singularität bekannt. Er wurde wegen seiner Hervorhebung der Vernunft von Bernhard von Clairvauxscharf angegriffen.

Johannes Roscelinus von Compiègne (ca. 1050–1120) formulierte eine besonders radikale Fassung des Nominalismus, die ihn in Auseinandersetzungen insbesondere mit Wilhelm von Champeaux führte. Roscelinus ging so weit, aus der Annahme, dass die Universalien nichts als Namen sind, zu schließen, dass es auch keine Trinität gäbe, also auch Gott Vater, Jesus und der Heilige Geist als drei Naturen bzw. Götter aufzufassen seien (Tritheismus). Die Thesen Roscelinus’ wurden verurteilt und er musste widerrufen.

Wilhelm von Champeaux (gest. 1121) war entschiedener Realist und setzte sich im Universalienstreit gegen Roscelinus durch. Wilhelm war Gründer des Stiftes Saint-Victor,[2] das in der Folgezeit eine Reihe von der Mystikzuzurechnenden Vertretern hervorbrachte, u. a. Hugo von St. Viktor (1097–1147, eigentlich Graf Hugo von Blankenburg), wobei dieser andererseits aber auch ein intensives Naturinteresse zeigte. Für Wilhelm lag das Universale ganz im Individuum.

Peter Abaelard und Eloise

Peter Abaelard (1079–1142) war sowohl Schüler von Roscelinus als auch von Wilhelm von Champeaux. Er entwickelte im Universalienstreit eine vermittelnde Position, die davon ausgeht, dass Universalien weder vor den Dingen sind (Realismus), noch nach den Dingen als Bezeichnungen gebildet werden (Nominalismus), sondern rein im Verstande als Abstraktion der einzelnen Dinge entstehen, demnach in den Dingen (in rebus) liegen. Diese Position wird auch als Konzeptualismus bezeichnet. Bekannt wurde er vor allem durch seine Weiterentwicklung der scholastischen Methode, seine logischen Schriften und Stellungnahmen zur Ethik (scito te ipsum = „Erkenne dich selbst“) und Religionsphilosophie. In seiner Schrift Sic et non listete er in Frageform in 158 Kapiteln Widersprüche auf, die sich aus den Texten der Bibel und den Lehrern der Kirchenväter ergaben, um nachzuweisen, dass die Theologie der Hilfe der Vernunft bedarf, um in solchen Zweifelsfragen zu sinnvollen Aussagen und Entscheidungen zu kommen. Abaelard unterschied zwischen Begriff und dessen Bedeutung, die der Mensch festlegt. Das Gute lag für ihn allein in der guten Absicht, nicht im Ergebnis, d. h. dem Einhalten formaler Regeln. Er wandte sich gegen die vorherrschende Lehre, dass Gott durch den Kreuzestod dem Teufel die Rechte am Menschen, die dieser aufgrund der Erbsünde erworben hatte, abgekauft habe. Gott war für ihn vielmehr ein Gott der Liebe, der dem Menschen durch sein Opfer die Gnade der Erlösung gewährt. Auch setzte Abaelard sich für eine friedliche Beziehung der Religionen ein. Er schrieb einen Brief über die Geschichte seiner Niederlagen, in dem er auch die berühmte Liebesbeziehung zu seiner Schülerin Heloisa und ihre tragische Entwicklung darstellt. Aufgrund seines selbstbewussten, ständig auf Auseinandersetzung ausgerichteten Auftretens und der teilweise deutlich von Augustinus abweichenden Lehren stand Abaelard in ständigem Konflikt zu den orthodoxen Kirchenvertretern seiner Zeit, insbesondere Bernhard von Clairvaux, Wilhelm von Champeaux und seinem ehemaligen Schüler Wilhelm von Saint-Thierry. Abaelard wurde zweimal als Ketzer verurteilt.

Petrus Lombardus (ca. 1100–1160) schrieb weit verbreitete Sentenzen, in denen wesentliche Aussagen der Patristik, insbesondere Zitate von Augustinus gesammelt und in einer systematischen Ordnung zusammengestellt waren. Diese Sentenzen wurden für mehrere hundert Jahre zu einem allgemeinen Lehrwerk. Auch Thomas von Aquin schrieb einen Kommentar hierzu, und selbst noch Martin Luther hat es kommentiert.

Thierry von Chartres (gest. um 1155) war ein Lehrer der sieben freien Künste, der im Rückgriff auf Platons Timaiosund die stoische Physik die Schöpfungsgeschichte als einen Naturprozess auslegte. Dahinter stand die Vorstellung, dass Gott zwar die (vier) Elemente geschaffen hat, die Welt aber im Übrigen ihren eigenen Weg ging. Die Bedeutung Thierrys liegt vor allem darin, dass Nikolaus Cusanus in hohem Maße auf seine Schriften zurückgegriffen hat.

Wilhelm von Conches (gest. nach 1150) unterschied das Begreifen der Dinge, die unsichtbar sind wie Gott oder die Seelen, von dem Begreifen der sichtbaren Dinge. Auf der einen Seite stand Gott als Macht, Weisheit und Wille, auf der anderen Seite eine atomistische Welt. Auch bei ihm wird ein stark physikalisch geprägtes Weltbild erkennbar, das ebenso von Platon beeinflusst war.

Johannes von Salisbury (1115–1180) lernte bei Abaelard, Thierry von Chartres und Wilhelm von Conches. Er vertrat wie Abaelard den Konzeptualismus und war Sekretär von Thomas Becket. In dieser Funktion schrieb er eine frühe Staatstheorie (Policraticus), in der er Sittlichkeit und Tugenden zu den Pflichten der Staatsvertreter erklärte und den Tyrannenmord rechtfertigte. Auch Arnold von Brescia war Schüler Abaelards. Als radikaler Denker vertrat er die Ideale des Urchristentums, wandte sich gegen die weltliche Macht des Papstes und trat gegen Hörigkeit und Leibeigenschaftein.

Alanus ab Insulis (Alain de Lille) entwarf nach dem Vorbild des Euklid eine axiomatische Theologie, in der er von der Einheit des Einen ausgeht.

  1. ↑ Vgl. Bernardus Baudoux: Philosophia „Ancilla Theologiae“, in: Antonianum 12 (1937), 293–326
  2. ↑ Rainer Berndt: Sankt Viktor, Schule von. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 30, Berlin/New York 1999, S. 42–46, hier S. 43.