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„Alkinoos (Philosoph)“ – Versionsunterschied

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<p>'''Alkinoos''' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">Ἀλκίνοος</span> ''Alkínoos'') war ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Antike antiker] griechischer [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_Antike Philosoph]. Vermutlich lebte er im 2. Jahrhundert. Er gehört zu den bekanntesten Vertretern des [https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelplatonismus Mittelplatonismus], der zu seiner Zeit herrschenden Richtung im [https://de.wikipedia.org/wiki/Platonismus Platonismus]. Da von den Werken der Mittelplatoniker nur relativ wenig erhalten ist, stellt Alkinoos’ ''Lehrbuch der Grundsätze [https://de.wikipedia.org/wiki/Platon Platons]'' (''Didaskalikós tōn Plátōnos dogmátōn'', kurz ''Didaskalikos'') eine der wichtigsten Quellen für das mittelplatonische Verständnis der Hinterlassenschaft des Schulgründers dar. Das Werk, eine zusammenfassende und systematische Darstellung der platonischen Philosophie, gewährt Einblicke in das Denken der Platoniker der [https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6mische_Kaiserzeit römischen Kaiserzeit] vor dem Aufkommen des [https://de.wikipedia.org/wiki/Neuplatonismus Neuplatonismus] im 3. Jahrhundert. In kontroversen Fragen bietet der ''Didaskalikos'' in der Regel keine Entscheidungen des Verfassers, sondern berichtet nur über unterschiedliche Lehrmeinungen.</p><p>Seit langem umstritten ist die Frage der Identität des Alkinoos. Von den verschiedenen in der Forschungsliteratur erörterten Vorschlägen, ihn mit anderweitig bezeugten Philosophen zu identifizieren, hat sich bisher keiner durchgesetzt.</p>
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[[Datei:Paris. Gr. 1962, fol. 147r.jpg|mini|Der Anfang des ''Didaskalikos'' des Alkinoos in der ältesten Handschrift, Paris, [[Bibliothèque nationale de France|Französische Nationalbibliothek]], Gr. 1962, fol. 147r (9. Jahrhundert)]]
'''Alkinoos''' ({{grcS|Ἀλκίνοος}} ''Alkínoos'') war ein [[antike]]r griechischer [[Philosophie der Antike|Philosoph]]. Vermutlich lebte er im 2. Jahrhundert. Er gehört zu den bekanntesten Vertretern des [[Mittelplatonismus]], der zu seiner Zeit herrschenden Richtung im [[Platonismus]]. Da von den Werken der Mittelplatoniker nur relativ wenig erhalten ist, stellt Alkinoos’ ''Lehrbuch der Grundsätze [[Platon]]s'' (''Didaskalikós tōn Plátōnos dogmátōn'', kurz ''Didaskalikos'') eine der wichtigsten Quellen für das mittelplatonische Verständnis der Hinterlassenschaft des Schulgründers dar. Das Werk, eine zusammenfassende und systematische Darstellung der platonischen Philosophie, gewährt Einblicke in das Denken der Platoniker der [[Römische Kaiserzeit|römischen Kaiserzeit]] vor dem Aufkommen des [[Neuplatonismus]] im 3. Jahrhundert. In kontroversen Fragen bietet der ''Didaskalikos'' in der Regel keine Entscheidungen des Verfassers, sondern berichtet nur über unterschiedliche Lehrmeinungen.
 
Seit langem umstritten ist die Frage der Identität des Alkinoos. Von den verschiedenen in der Forschungsliteratur erörterten Vorschlägen, ihn mit anderweitig bezeugten Philosophen zu identifizieren, hat sich bisher keiner durchgesetzt.
 
== Leben und Identitätsfrage ==
Über das Leben des Alkinoos ist nichts bekannt. In Handschriften des ''Didaskalikos'' ist er als Autor genannt; nur aus der mutmaßlichen Entstehungszeit dieses Werks lässt sich erschließen, dass seine Aktivität wohl ins 2. Jahrhundert fällt. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der ''Didaskalikos'' schon im 1. oder erst im 3. Jahrhundert entstanden ist.<ref>Siehe zur Datierung John Whittaker: ''Introduction''. In: John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): ''Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon''. 2. (unveränderte) Auflage, Paris 2002, S. VII–LXXII, hier: XIIf.; John Dillon (Hrsg.): ''Alcinous: The Handbook of Platonism'', Oxford 1993, S. XIIf.; Tryggve Göransson: ''Albinus, Alcinous, Arius Didymus'', Göteborg 1995, S. 133.</ref>
 
Da ansonsten keine Informationen über Alkinoos vorliegen, hat [[Jakob Freudenthal|Jacob Freudenthal]] 1879 vorgeschlagen, ihn mit [[Albinos (Philosoph)|Albinos]], einem bekannten Mittelplatoniker des 2. Jahrhunderts, zu identifizieren.<ref>Jacob Freudenthal: ''Der Platoniker Albinos und der falsche Alkinoos'', Berlin 1879.</ref> Freudenthal meinte, bei dem handschriftlich überlieferten Namen Alkinoos handle es sich um einen Schreibfehler, im Originaltext habe „Albinos“ gestanden. Diese [[Hypothese]] untermauerte er mit Hinweisen auf inhaltliche Übereinstimmungen zwischen dem ''Didaskalikos'' und der sicher von Albinos stammenden Schrift ''Einführung in [[Platon]]s Dialoge''. Die Identifizierung von Alkinoos und Albinos fand bald Anklang; sie blieb bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts herrschende [[Lehrmeinung]]. Erst ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben Michelangelo Giusta und John Whittaker in einer Reihe von Untersuchungen gezeigt, dass die Gleichsetzung der beiden Denker irrig ist; diese Erkenntnis hat sich in der Folgezeit durchgesetzt.<ref>Die Forschungsgeschichte ist dargestellt bei Tryggve Göransson: ''Albinus, Alcinous, Arius Didymus'', Göteborg 1995, S. 13–23.</ref>
 
Außerdem ist in der Forschung vorgeschlagen worden, den Verfasser des ''Didaskalikos'' mit zwei gleichnamigen Philosophen zu identifizieren, über die sehr wenig bekannt ist:
* In den ''Lebensbeschreibungen der Sophisten'', die der [[Sophistik|Sophist]] [[Flavius Philostratos|Philostratos]] verfasste, wird „Alkinoos der Stoiker“ erwähnt.<ref>Philostratos, ''Vitae sophistarum'' 1,24, hrsg. Carl Ludwig Kayser, ''Flavii Philostrati opera'', Band 2, Leipzig 1871, S. 40 Zeilen 28–32.</ref> In der Forschung wird die Hypothese erwogen, dieser ansonsten unbekannte Philosoph sei mit dem Autor des ''Didaskalikos'' gleichzusetzen.<ref>Simone Follet: ''Alcinoos''. In: Richard Goulet (Hrsg.): ''Dictionnaire des philosophes antiques'', Band 1, Paris 1989, S. 113f.; Harold A. S. Tarrant: ''Alcinous, Albinus, Nigrinus''. In: ''[[Antichthon]]'' 19, 1985, S. 87–95, hier: 88f., 94; John Whittaker: ''Platonic Philosophy in the Early Centuries of the Empire''. In: ''[[Aufstieg und Niedergang der römischen Welt]]'', Band 36.1, Berlin 1987, S. 81–123, hier: 98–101; Tryggve Göransson: ''Albinus, Alcinous, Arius Didymus'', Göteborg 1995, S. 133–135; strikt gegen die Hypothese ist [[Matthias Baltes]]: ''Muß die „Landkarte des Mittelplatonismus“ neu gezeichnet werden?'' In: Matthias Baltes: ''Dianoemata. Kleine Schriften zu Platon und zum Platonismus'', Stuttgart 1999, S. 327–350, hier: 341f.</ref>
* Der byzantinische Gelehrte [[Photios I.|Photios]] berichtet, dass ein Autor namens „Josepos“ in einer Abhandlung über das Universum Lehren eines „Alkinous“, offenbar eines Platonikers, über die [[Seele]] und die [[Materie]] bekämpfte.<ref>Photios, ''Bibliothek'' cod. 48.</ref> Ob es sich bei diesem Platoniker um den Verfasser des ''Didaskalikos'' handelt, ist unklar. Jedenfalls scheint sich die Kritik des „Josepos“, eines Christen, von dessen Werk nur Fragmente erhalten sind, nicht auf den ''Didaskalikos'' zu beziehen. Nach einer verbreiteten Forschungsmeinung ist „Josepos“ mit [[Hippolyt von Rom]] zu identifizieren.<ref>Marie-Luise Lakmann (Hrsg.): ''Platonici minores. 1. Jh. v. Chr. – 2. Jh. n. Chr.'' Leiden/Boston 2017, S. 41f., 274f.; Simone Follet: ''Alcinous''. In: Richard Goulet (Hrsg.): ''Dictionnaire des philosophes antiques'', Band 1, Paris 1989, S. 114f.; Tryggve Göransson: ''Albinus, Alcinous, Arius Didymus'', Göteborg 1995, S. 135f.</ref>
 
Eine neuartige, spekulative Variante der Gleichsetzungshypothesen hat 1985 [[Harold Tarrant]] vorgeschlagen. Er meint, der Platoniker Albinos, dessen Name lateinischen Ursprungs war (Albinus), habe in einer späten Phase seines Lebens seine Zugehörigkeit zur griechischen Kultur und sein Bekenntnis zu einer griechischen philosophischen Tradition durch eine Namensänderung betonen wollen. Daher habe er beschlossen, sich fortan Alkinoos zu nennen. Aus diesem zweiten Lebensabschnitt stamme der ''Didaskalikos''. Dieser Philosoph Albinos/Alkinoos sei auch der von Philostratos erwähnte und als Stoiker bezeichnete Alkinous.<ref>Harold A. S. Tarrant: ''Alcinous, Albinus, Nigrinus''. In: ''Antichthon'' 19, 1985, S. 87–95, hier: 88–95.</ref>
 
== Didaskalikos ==
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== Rezeption ==
=== Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit ===
In der Schule [[Plotin]]s, der in Rom im 3. Jahrhundert den Neuplatonismus begründete, gehörte der ''Didaskalikos'' nicht zu den im Unterricht verwendeten Werken, und auch bei den spätantiken Neuplatonikern fand er keine Beachtung. Die älteste erhaltene Handschrift – der berühmte Codex Parisinus Graecus 1962 – stammt aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts.<ref>John Whittaker: ''Introduction''. In: John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): ''Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon'', 2. Auflage, Paris 2002, S. XVf., XXXVI.</ref>
 
Spätestens im Jahr 1460 fertigte der Humanist [[Pietro Balbi]] die erste lateinische Übersetzung des ''Didaskalikos'' an; er widmete sie [[Nikolaus von Kues]]. 1469 wurde sie in Rom als Anhang zu einer Apuleius-Ausgabe gedruckt. Damit war Alkinoos der erste griechischsprachige Autor der Antike, von dem ein Werk – wenn auch nur in Übersetzung – im Druck erschien. Die zweite lateinische Übersetzung stammte von [[Marsilio Ficino]], der sie 1464 [[Cosimo de’ Medici]] widmete; ihr Erstdruck erschien erst 1497. Die erste Ausgabe des griechischen Textes war eine [[Aldinen|Aldine]], die 1521 in Venedig herausgebracht wurde, wobei der ''Didaskalikos'' einen Anhang zu einer Apuleius-Edition bildete; der Herausgeber Francesco d’Asola übte scharfe Kritik an der „barbarischen“ Übersetzung Balbis. Es folgte eine Reihe von weiteren Ausgaben. In Paris erschien 1567 eine lateinische Übersetzung des Humanisten [[Denis Lambin]] (Dionysius Lambinus). Die 1656 veröffentlichte englische Übersetzung von Thomas Stanley war die erste Übertragung in eine moderne Sprache. 1853 publizierte [[Karl Friedrich Hermann]] in Leipzig die erste kritische Ausgabe.<ref>Orrin F. Summerell, Thomas Zimmer (Hrsg.): ''Alkinoos, Didaskalikos. Lehrbuch der Grundsätze Platons'', Berlin 2007, S. XIII; John Whittaker: ''Introduction''. In: John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): ''Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon'', 2. Auflage, Paris 2002, S. XLVIII–LXII.</ref>
 
1554 veröffentlichte der aus Sevilla stammende Humanist [[Sebastián Fox Morcillo]] in Basel einen Kommentar zu Platons ''Timaios'' ''(In Platonis Timaeum commentarium)''. Dabei stützte er sich unter anderem auf Alkinoos’ Deutung von Platons Philosophie. Er las Alkinoos, dessen Harmonisierung von Platon und Aristoteles ihm zusagte, im griechischen Original.<ref>Siehe María José Martínez Benavides: ''La filosofía de Platón en el renacimiento a través de un intermediario''. In: ''Fortunatae'', Nr. 9, 1997, S. 81–101.</ref>
 
=== Moderne Altertumswissenschaft ===
 
In der Altertumswissenschaft sind die Urteile über die philosophische Eigenleistung des Alkinoos unterschiedlich ausgefallen. Da das Verhältnis des ''Didaskalikos'' zu den darin verarbeiteten verlorenen Quellen schlecht einschätzbar ist, fällt die Beurteilung der Originalität schwer. Widersprüchliche oder von unterschiedlichen Perspektiven bestimmte Aussagen in dem Werk können damit zusammenhängen, dass Alkinoos nicht ein geschlossenes eigenes System präsentiert, sondern den Platonismus in der Rolle eines Berichterstatters schildert. Manche Forscher weisen auf die teils mangelnde Kohärenz hin oder sehen in Alkinoos einen bloßen [[Kompilation (Literatur)|Kompilator]], der als Philosoph unbedeutend gewesen sei;<ref>So beispielsweise Tryggve Göransson: ''Albinus, Alcinous, Arius Didymus'', Göteborg 1995, S. 132; ihm widerspricht als Rezensent Matthias Baltes: ''Muß die „Landkarte des Mittelplatonismus“ neu gezeichnet werden?'' In: Matthias Baltes: ''Dianoemata. Kleine Schriften zu Platon und zum Platonismus'', Stuttgart 1999, S. 327–350, hier: 333–341.</ref> andere billigen ihm Fähigkeiten bei der Erschließung des Stoffs zu.<ref>So beispielsweise Orrin F. Summerell, Thomas Zimmer (Hrsg.): ''Alkinoos, Didaskalikos. Lehrbuch der Grundsätze Platons'', Berlin 2007, S. XIII; Burkhard Reis: ''Der Platoniker Albinos und sein sogenannter Prologos'', Wiesbaden 1999, S. 15; Harold Tarrant: ''Instruction and Hermeneutics in the Didascalicus''. In: Ada Neschke-Hentschke (Hrsg.): ''Argumenta in dialogos Platonis'', Teil 1, Basel 2010, S. 77–100, hier: 98.</ref> [[David Sedley]] hält die im ''Didaskalikos'' dargestellte Interpretation von Platons Erkenntnistheorie für eine „nicht geringe Leistung“.<ref>David Sedley: ''Alcinous’ Epistemology''. In: Keimpe A. Algra u.&nbsp;a. (Hrsg.): ''Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy'', Leiden 1996, S. 300–312, hier: 312.</ref> Nach der Analyse von [[Franco Trabattoni]] hat Alkinoos in seiner Auseinandersetzung mit rivalisierenden [[Philosophenschulen der Antike|Philosophenschulen]] eine originelle Version des Platonismus entwickelt, mit der er das Spannungsverhältnis zwischen der [[Metaphysik|metaphysischen]] und der naturwissenschaftlichen Dimension der platonischen Weltanschauung zu bewältigen versuchte.<ref>Franco Trabattoni: ''Logos and noēsis in Alcinous, Didaskalikos 4.'' In: ''Phronesis'' 61, 2016, S. 60–81, hier: 60f., 79f.</ref> Franco Ferrari meint, die Abhängigkeit des Werks von [[Doxographie|doxographischen]] Quellen sei kein Grund, „die philosophischen Qualitäten des Verfassers zu schmälern“; dieser habe eine der interessantesten Schriften des Mittelplatonismus geschaffen.<ref>Franco Ferrari: ''Alkinoos.'' In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): ''Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike'' (= ''Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike.'' Band 5/1), Basel 2018, S. 607–613, hier: 608.</ref>
 
== Textausgaben und Übersetzungen ==
* [[John M. Dillon|John Dillon]] (Hrsg.): ''Alcinous: The Handbook of Platonism''. Clarendon Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-824472-X (englische Übersetzung mit Einführung und ausführlichem Kommentar)
* John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): ''Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon''. 2. (unveränderte) Auflage, Les Belles Lettres, Paris 2002, ISBN 2-251-00407-6 (kritische Edition des griechischen Textes mit französischer Übersetzung und Kommentar)
* Orrin F. Summerell, Thomas Zimmer (Hrsg.): ''Alkinoos, Didaskalikos. Lehrbuch der Grundsätze Platons''. De Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019451-7 (unkritische Ausgabe des griechischen Textes mit deutscher Übersetzung)
 
== Literatur ==
<!-- John Dillon: ''The Middle Platonists'' hier bitte nicht einfügen, ist überholt! -->
'''Übersichtsdarstellung'''
* Franco Ferrari: ''Alkinoos.'' In: [[Christoph Riedweg]] u. a. (Hrsg.): ''Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike'' (= ''[[Grundriss der Geschichte der Philosophie]]. Die Philosophie der Antike.'' Band 5/1). Schwabe, Basel 2018, ISBN 978-3-7965-3698-4, S. 607–613, 690–692
'''Untersuchungen'''
* [[Karin Alt]]: ''Gott, Götter und Seele bei Alkinoos''. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06935-6
* Tryggve Göransson: ''Albinus, Alcinous, Arius Didymus''. Acta Universitatis Gothoburgensis, Göteborg 1995, ISBN 91-7346-282-9, S. 105–202
* [[Charlotte Köckert]]: ''Christliche Kosmologie und kaiserzeitliche Philosophie.'' Mohr Siebeck, Tübingen 2009, ISBN 978-3-16-149831-2, S. 127–174
* [[David Sedley]]: ''The Theoretikos Bios in Alcinous''. In: [[Thomas Bénatouïl]], [[Mauro Bonazzi]] (Hrsg.): ''Theoria, Praxis and the Contemplative Life after Plato and Aristotle''. Brill, Leiden 2012, ISBN 978-90-04-22532-9, S. 163–181
 
== Anmerkungen ==
<references />
 
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Aktuelle Version vom 21. September 2026, 13:37 Uhr

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Der Anfang des Didaskalikos des Alkinoos in der ältesten Handschrift, Paris, Französische Nationalbibliothek, Gr. 1962, fol. 147r (9. Jahrhundert)

Alkinoos (altgriechisch Ἀλκίνοος Alkínoos) war ein antiker griechischer Philosoph. Vermutlich lebte er im 2. Jahrhundert. Er gehört zu den bekanntesten Vertretern des Mittelplatonismus, der zu seiner Zeit herrschenden Richtung im Platonismus. Da von den Werken der Mittelplatoniker nur relativ wenig erhalten ist, stellt Alkinoos’ Lehrbuch der Grundsätze Platons (Didaskalikós tōn Plátōnos dogmátōn, kurz Didaskalikos) eine der wichtigsten Quellen für das mittelplatonische Verständnis der Hinterlassenschaft des Schulgründers dar. Das Werk, eine zusammenfassende und systematische Darstellung der platonischen Philosophie, gewährt Einblicke in das Denken der Platoniker der römischen Kaiserzeit vor dem Aufkommen des Neuplatonismus im 3. Jahrhundert. In kontroversen Fragen bietet der Didaskalikos in der Regel keine Entscheidungen des Verfassers, sondern berichtet nur über unterschiedliche Lehrmeinungen.

Seit langem umstritten ist die Frage der Identität des Alkinoos. Von den verschiedenen in der Forschungsliteratur erörterten Vorschlägen, ihn mit anderweitig bezeugten Philosophen zu identifizieren, hat sich bisher keiner durchgesetzt.

Leben und Identitätsfrage

Über das Leben des Alkinoos ist nichts bekannt. In Handschriften des Didaskalikos ist er als Autor genannt; nur aus der mutmaßlichen Entstehungszeit dieses Werks lässt sich erschließen, dass seine Aktivität wohl ins 2. Jahrhundert fällt. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Didaskalikos schon im 1. oder erst im 3. Jahrhundert entstanden ist.[1]

Da ansonsten keine Informationen über Alkinoos vorliegen, hat Jacob Freudenthal 1879 vorgeschlagen, ihn mit Albinos, einem bekannten Mittelplatoniker des 2. Jahrhunderts, zu identifizieren.[2] Freudenthal meinte, bei dem handschriftlich überlieferten Namen Alkinoos handle es sich um einen Schreibfehler, im Originaltext habe „Albinos“ gestanden. Diese Hypothese untermauerte er mit Hinweisen auf inhaltliche Übereinstimmungen zwischen dem Didaskalikos und der sicher von Albinos stammenden Schrift Einführung in Platons Dialoge. Die Identifizierung von Alkinoos und Albinos fand bald Anklang; sie blieb bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts herrschende Lehrmeinung. Erst ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben Michelangelo Giusta und John Whittaker in einer Reihe von Untersuchungen gezeigt, dass die Gleichsetzung der beiden Denker irrig ist; diese Erkenntnis hat sich in der Folgezeit durchgesetzt.[3]

Außerdem ist in der Forschung vorgeschlagen worden, den Verfasser des Didaskalikos mit zwei gleichnamigen Philosophen zu identifizieren, über die sehr wenig bekannt ist:

  • In den Lebensbeschreibungen der Sophisten, die der Sophist Philostratos verfasste, wird „Alkinoos der Stoiker“ erwähnt.[4] In der Forschung wird die Hypothese erwogen, dieser ansonsten unbekannte Philosoph sei mit dem Autor des Didaskalikos gleichzusetzen.[5]
  • Der byzantinische Gelehrte Photios berichtet, dass ein Autor namens „Josepos“ in einer Abhandlung über das Universum Lehren eines „Alkinous“, offenbar eines Platonikers, über die Seele und die Materie bekämpfte.[6] Ob es sich bei diesem Platoniker um den Verfasser des Didaskalikos handelt, ist unklar. Jedenfalls scheint sich die Kritik des „Josepos“, eines Christen, von dessen Werk nur Fragmente erhalten sind, nicht auf den Didaskalikos zu beziehen. Nach einer verbreiteten Forschungsmeinung ist „Josepos“ mit Hippolyt von Rom zu identifizieren.[7]

Eine neuartige, spekulative Variante der Gleichsetzungshypothesen hat 1985 Harold Tarrant vorgeschlagen. Er meint, der Platoniker Albinos, dessen Name lateinischen Ursprungs war (Albinus), habe in einer späten Phase seines Lebens seine Zugehörigkeit zur griechischen Kultur und sein Bekenntnis zu einer griechischen philosophischen Tradition durch eine Namensänderung betonen wollen. Daher habe er beschlossen, sich fortan Alkinoos zu nennen. Aus diesem zweiten Lebensabschnitt stamme der Didaskalikos. Dieser Philosoph Albinos/Alkinoos sei auch der von Philostratos erwähnte und als Stoiker bezeichnete Alkinous.[8]

Didaskalikos

Rezeption

Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit

In der Schule Plotins, der in Rom im 3. Jahrhundert den Neuplatonismus begründete, gehörte der Didaskalikos nicht zu den im Unterricht verwendeten Werken, und auch bei den spätantiken Neuplatonikern fand er keine Beachtung. Die älteste erhaltene Handschrift – der berühmte Codex Parisinus Graecus 1962 – stammt aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts.[1]

Spätestens im Jahr 1460 fertigte der Humanist Pietro Balbi die erste lateinische Übersetzung des Didaskalikos an; er widmete sie Nikolaus von Kues. 1469 wurde sie in Rom als Anhang zu einer Apuleius-Ausgabe gedruckt. Damit war Alkinoos der erste griechischsprachige Autor der Antike, von dem ein Werk – wenn auch nur in Übersetzung – im Druck erschien. Die zweite lateinische Übersetzung stammte von Marsilio Ficino, der sie 1464 Cosimo de’ Medici widmete; ihr Erstdruck erschien erst 1497. Die erste Ausgabe des griechischen Textes war eine Aldine, die 1521 in Venedig herausgebracht wurde, wobei der Didaskalikos einen Anhang zu einer Apuleius-Edition bildete; der Herausgeber Francesco d’Asola übte scharfe Kritik an der „barbarischen“ Übersetzung Balbis. Es folgte eine Reihe von weiteren Ausgaben. In Paris erschien 1567 eine lateinische Übersetzung des Humanisten Denis Lambin (Dionysius Lambinus). Die 1656 veröffentlichte englische Übersetzung von Thomas Stanley war die erste Übertragung in eine moderne Sprache. 1853 publizierte Karl Friedrich Hermann in Leipzig die erste kritische Ausgabe.[2]

1554 veröffentlichte der aus Sevilla stammende Humanist Sebastián Fox Morcillo in Basel einen Kommentar zu Platons Timaios (In Platonis Timaeum commentarium). Dabei stützte er sich unter anderem auf Alkinoos’ Deutung von Platons Philosophie. Er las Alkinoos, dessen Harmonisierung von Platon und Aristoteles ihm zusagte, im griechischen Original.[3]

Moderne Altertumswissenschaft

In der Altertumswissenschaft sind die Urteile über die philosophische Eigenleistung des Alkinoos unterschiedlich ausgefallen. Da das Verhältnis des Didaskalikos zu den darin verarbeiteten verlorenen Quellen schlecht einschätzbar ist, fällt die Beurteilung der Originalität schwer. Widersprüchliche oder von unterschiedlichen Perspektiven bestimmte Aussagen in dem Werk können damit zusammenhängen, dass Alkinoos nicht ein geschlossenes eigenes System präsentiert, sondern den Platonismus in der Rolle eines Berichterstatters schildert. Manche Forscher weisen auf die teils mangelnde Kohärenz hin oder sehen in Alkinoos einen bloßen Kompilator, der als Philosoph unbedeutend gewesen sei;[4] andere billigen ihm Fähigkeiten bei der Erschließung des Stoffs zu.[5] David Sedley hält die im Didaskalikos dargestellte Interpretation von Platons Erkenntnistheorie für eine „nicht geringe Leistung“.[6] Nach der Analyse von Franco Trabattoni hat Alkinoos in seiner Auseinandersetzung mit rivalisierenden Philosophenschulen eine originelle Version des Platonismus entwickelt, mit der er das Spannungsverhältnis zwischen der metaphysischen und der naturwissenschaftlichen Dimension der platonischen Weltanschauung zu bewältigen versuchte.[7] Franco Ferrari meint, die Abhängigkeit des Werks von doxographischen Quellen sei kein Grund, „die philosophischen Qualitäten des Verfassers zu schmälern“; dieser habe eine der interessantesten Schriften des Mittelplatonismus geschaffen.[8]

Textausgaben und Übersetzungen

  • John Dillon (Hrsg.): Alcinous: The Handbook of Platonism. Clarendon Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-824472-X (englische Übersetzung mit Einführung und ausführlichem Kommentar)
  • John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon. 2. (unveränderte) Auflage, Les Belles Lettres, Paris 2002, ISBN 2-251-00407-6 (kritische Edition des griechischen Textes mit französischer Übersetzung und Kommentar)
  • Orrin F. Summerell, Thomas Zimmer (Hrsg.): Alkinoos, Didaskalikos. Lehrbuch der Grundsätze Platons. De Gruyter, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019451-7 (unkritische Ausgabe des griechischen Textes mit deutscher Übersetzung)

Literatur

Übersichtsdarstellung

Untersuchungen

  • Karin Alt: Gott, Götter und Seele bei Alkinoos. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06935-6
  • Tryggve Göransson: Albinus, Alcinous, Arius Didymus. Acta Universitatis Gothoburgensis, Göteborg 1995, ISBN 91-7346-282-9, S. 105–202
  • Charlotte Köckert: Christliche Kosmologie und kaiserzeitliche Philosophie. Mohr Siebeck, Tübingen 2009, ISBN 978-3-16-149831-2, S. 127–174
  • David Sedley: The Theoretikos Bios in Alcinous. In: Thomas Bénatouïl, Mauro Bonazzi (Hrsg.): Theoria, Praxis and the Contemplative Life after Plato and Aristotle. Brill, Leiden 2012, ISBN 978-90-04-22532-9, S. 163–181

Anmerkungen

  1. ↑ John Whittaker: Introduction. In: John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon, 2. Auflage, Paris 2002, S. XVf., XXXVI.
  2. ↑ Orrin F. Summerell, Thomas Zimmer (Hrsg.): Alkinoos, Didaskalikos. Lehrbuch der Grundsätze Platons, Berlin 2007, S. XIII; John Whittaker: Introduction. In: John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon, 2. Auflage, Paris 2002, S. XLVIII–LXII.
  3. ↑ Siehe María José Martínez Benavides: La filosofía de Platón en el renacimiento a través de un intermediario. In: Fortunatae, Nr. 9, 1997, S. 81–101.
  4. ↑ So beispielsweise Tryggve Göransson: Albinus, Alcinous, Arius Didymus, Göteborg 1995, S. 132; ihm widerspricht als Rezensent Matthias Baltes: Muß die „Landkarte des Mittelplatonismus“ neu gezeichnet werden? In: Matthias Baltes: Dianoemata. Kleine Schriften zu Platon und zum Platonismus, Stuttgart 1999, S. 327–350, hier: 333–341.
  5. ↑ So beispielsweise Orrin F. Summerell, Thomas Zimmer (Hrsg.): Alkinoos, Didaskalikos. Lehrbuch der Grundsätze Platons, Berlin 2007, S. XIII; Burkhard Reis: Der Platoniker Albinos und sein sogenannter Prologos, Wiesbaden 1999, S. 15; Harold Tarrant: Instruction and Hermeneutics in the Didascalicus. In: Ada Neschke-Hentschke (Hrsg.): Argumenta in dialogos Platonis, Teil 1, Basel 2010, S. 77–100, hier: 98.
  6. ↑ David Sedley: Alcinous’ Epistemology. In: Keimpe A. Algra u. a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 300–312, hier: 312.
  7. ↑ Franco Trabattoni: Logos and noēsis in Alcinous, Didaskalikos 4. In: Phronesis 61, 2016, S. 60–81, hier: 60f., 79f.
  8. ↑ Franco Ferrari: Alkinoos. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/1), Basel 2018, S. 607–613, hier: 608.
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