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„Akt und Potenz“ – Versionsunterschied

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Die Begriffe '''Akt''' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinisch] actus, [https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">ἐνέργεια</span> <span class="Latn" lang="grc-Latn">''energeia''</span>; weitgehend synonym ist ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Entelechie entelecheia]''<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Akt-Potenz#cite_note-1 [1]]</sup>) und '''Potenz''' (lateinisch potentia, griechisch δύναμις, ''dynamis'') sind im [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie philosophischen] Sprachgebrauch Gegenbegriffe. Akt (lat. actus = ''das Getriebenwerden'') ist die [https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastisch scholastische] Übersetzung des Begriffs energeia bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles Aristoteles] (um 384–322 v. Chr.). „Potenz“ bezeichnet die noch nicht realisierte [https://de.wikipedia.org/wiki/Modalit%C3%A4t_(Philosophie) Möglichkeit], zu der aber ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gen_(F%C3%A4higkeit) Vermögen (Fähigkeit)] oder eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Dispositionelle_Eigenschaft Disposition] besteht. „Akt“ bezeichnet dagegen die Realisierung oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Wirklichkeit Verwirklichung] dieser Möglichkeit.
[[Akt]] und [[Potenz]] "[[Tat]] und [[Vermögen]]"
== <span id="Aristoteles_/_antike_Philosophie">Aristoteles / antike Philosophie</span> ==
<p>Dieser Begriffsgebrauch geht auf die [https://de.wikipedia.org/wiki/Naturphilosophie Naturphilosophie] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Ontologie Ontologie] des Aristoteles zurück. Die spätere griechische und lateinische Philosophie hat sich dem weitgehend angeschlossen.</p><p>Für Aristoteles hat die Wirklichkeit eine ontologische Priorität vor der Möglichkeit.<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Akt-Potenz#cite_note-2 [2]]</sup> Eines der Argumente für diese Position ist, dass die Realisierung je bestimmter Veränderungen nicht erklärbar wäre, wenn nicht jeweils ein Prinzip vorausgesetzt wird, das diese Veränderung verursacht. Da eine unendliche Reihe von Aktualisierern außerdem undenkbar ist, nimmt Aristoteles als erstes Prinzip seiner Kosmologie einen unbewegten ''Beweger'' an – nicht etwa nur eine ungeformte Materie mit Potenz zur Veränderung. Dieses erste Prinzip bezeichnet er außerdem als nur auf sich selbst bezogenes Denken. Zugleich ist es mit der vollkommensten Art der Bewegung verbunden, der Kreisbewegung. Gott bzw. seine Vernunfttätigkeit ist „wirkliche Tätigkeit“.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Akt-Potenz#cite_note-3 [3]]</sup></p>
== <span id="Aktive_und_passive_Potenz">Aktive und passive Potenz</span> ==
<p>Es kann zwischen aktiver und passiver Potenz unterschieden werden. Die passive Potenz bedeutet die Empfangsmöglichkeit einem Akt gegenüber. Passive Potenz hat zum Beispiel ein Stück Lehm, das zu einer Vase geformt werden kann. Die aktive Potenz bedeutet das Vermögen, selbst einen Akt hervorzubringen. Aktive Potenz hat zum Beispiel ein Künstler, der aus einem Stück Lehm eine Vase oder einen Krug formen kann. Sowohl aktive wie passive Potenz betrifft die ontologisch sachhaltige Zuschreibung konkreter Vermögen und ist insofern mehr als logische Möglichkeit. Ein Sachverhalt ist nämlich schon dann logisch möglich, wenn sein Gegenteil nicht logisch notwendig ist; eine Potenz kommt einer Sache aber nur dann zu, wenn die aktuale ''Welt so eingerichtet ist'', dass die Sache ein Vermögen zu einem entsprechenden Akt besitzt.</p>
== <span id="Scholastik">Scholastik</span> ==
<p>In diesen Ausgangslagen hat der scholastische Begriff des Wesens Gottes als reiner Akt ([https://de.wikipedia.org/wiki/Actus_purus actus purus]) seinen Ursprung.</p>
== <span id="Neuere_Entwicklungen">Neuere Entwicklungen</span> ==
<p>Im [https://de.wikipedia.org/wiki/Neuthomismus Neuthomismus] wurde die Akt- und Potenzlehre weiterentwickelt.</p><p>Im Rückgriff auf Aristoteles hat [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt Wilhelm von Humboldt] auch Sprache als ''energeia'' verstanden, also als wirkende Kraft statt als statisches System.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Akt-Potenz#cite_note-4 [4]]</sup></p><p>Auf die philosophische Bezeichnung des Akts gehen die [https://de.wikipedia.org/wiki/Aktualit%C3%A4tstheorie Aktualitätstheorie] und die [https://de.wikipedia.org/wiki/Aktpsychologie Aktpsychologie] zurück. Die ältere [https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6genspsychologie Vermögenspsychologie] leitet sich ebenfalls von der scholastischen Tradition ab.</p>
== <span id="Literatur">Literatur</span> ==


*Dietrich Schlüter: ''Akt/Potenz.'' In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Historisches_W%C3%B6rterbuch_der_Philosophie Historisches Wörterbuch der Philosophie].'' Band 1, S. 134–142.
Die Begriffe '''Akt''' (lat. ''[[actus]]'', agr. ἐνέργεια  [[enérgeia|''energeia'']] weitgehend synonym ist ''[[entelécheia|<span lang="grc" dir="ltr">entelecheia</span>]]''<ref>[[Michael-Thomas Liske]]: ''entelecheia''. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): ''Wörterbuch der antiken Philosophie'', München 2002, S. 135.</ref>) und '''Potenz''' (lateinisch ''[[potentia]]'', griechisch δύναμις, ''[[dýnamis|dynamis]]'') sind im [[Philosophie|philosophischen]] Sprachgebrauch Gegenbegriffe. Akt (lat. actus = ''das Getriebenwerden'') ist die [[scholastisch]]e Übersetzung des Begriffs energeia bei [[Aristoteles]] (um 384–322 v. Chr.). „Potenz“ bezeichnet die noch nicht realisierte [[Modalität (Philosophie)|Möglichkeit]], zu der aber ein [[Vermögen (Fähigkeit)]] oder eine [[Dispositionelle Eigenschaft|Disposition]] besteht. „Akt“ bezeichnet dagegen die Realisierung oder [[Wirklichkeit|Verwirklichung]] dieser Möglichkeit.
<p>Zum Begriff ἐνέργεια:</p>
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Picht Georg Picht]: ''Der Begriff des Energeia bei Aristoteles.'' In: Georg Picht: ''Hier und Jetzt. Philosophieren nach Auschwitz und Hiroshima.'' Stuttgart 1980, Band 1, S. 289–308.
*Max Jammer: ''Energie.'' In: ''Historisches Wörterbuch der Philosophie.'' Band 2, S. 494–499.
*Max Jammer und Marc Lange: ''Energy'' und ''Energy (Addendum).'' In: Donald M. Borchert (Hrsg.): ''Encyclopedia of Philosophy.'' 2. Auflage. Detroit 2006, Band 3, S. 225–234 und 234–237.
*Roberto Radice, Richard Davies, [https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Reale Giovanni Reale]: ''Aristotle's Metaphysics: Annotated Bibliography of the Twentieth-Century Literature.'' Brill, Leiden 1997, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9004108955 ISBN 9004108955] (Abschnitte ''actuality'', ''potency'').


== <span id="Weblinks">Weblinks</span> ==
== Aristoteles / antike Philosophie ==
Dieser Begriffsgebrauch geht auf die [[Naturphilosophie]] und [[Ontologie]] des Aristoteles zurück. Die spätere griechische und lateinische Philosophie hat sich dem weitgehend angeschlossen.


*C.A. Dubray: [http://www.newadvent.org/cathen/01124a.htm ''Actus et Potentia''], in: ''Catholic Encyclopedia.'' Band 1, New York: Robert Appleton 1907.
Für Aristoteles hat die Wirklichkeit eine ontologische Priorität vor der Möglichkeit.<ref>[[Metaphysik (Aristoteles)|Met.]] 12, 1071b12-1072a8</ref> Eines der Argumente für diese Position ist, dass die Realisierung je bestimmter Veränderungen nicht erklärbar wäre, wenn nicht jeweils ein Prinzip vorausgesetzt wird, das diese Veränderung verursacht. Da eine unendliche Reihe von Aktualisierern außerdem undenkbar ist, nimmt Aristoteles als erstes Prinzip seiner [[Kosmologie]] einen unbewegten ''Beweger'' an – nicht etwa nur eine ungeformte Materie mit Potenz zur Veränderung. Dieses erste Prinzip bezeichnet er außerdem als nur auf sich selbst bezogenes Denken. Zugleich ist es mit der vollkommensten Art der Bewegung verbunden, der Kreisbewegung. Gott bzw. seine Vernunfttätigkeit ist „wirkliche Tätigkeit“.<ref>[[Metaphysik (Aristoteles)|Met.]] 12, 1072b24-29</ref>
*Enrique Alarcón: [http://www.corpusthomisticum.org/tla.html#actus actus] und [http://www.corpusthomisticum.org/tlp.html#potentia potentia], in: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Aquin Thomas]-Lexikon.'' 3. Auflage. Universität von Navarra, Pamplona 2006.
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Istv%C3%A1n_Bodn%C3%A1r István Bodnár]:&nbsp;[http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-natphil/ ''Aristotle's Natural Philosophy.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]''.
*Joe Sachs:&nbsp;[http://www.iep.utm.edu/aris-mot#H2 ''Energeia and Entelechia, in: Aristotle: Motion and its Place in Nature.''] In: J. Fieser, B. Dowden (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Encyclopedia_of_Philosophy Internet Encyclopedia of Philosophy]''.
*S. Marc Cohen:&nbsp;[http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-metaphysics/#ActPot ''Actuality and Potentiality, in: Aristotle's Metaphysics.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]''.
*Justo Fernández López: [https://web.archive.org/web/20070503064810/http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/e/ENERGEIA%20%20%20Energeia.htm Energeia] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten Memento] vom 3. Mai 2007 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]''), in: [https://web.archive.org/web/20071012032203/http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/Eingangsseite/Lexikon-Linguistik-Eingangsseite.htm Lexikon der Linguistik und Nachbardisziplinen] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Web-Archivierung#Begrifflichkeiten Memento] vom 12. Oktober 2007 im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Archive Internet Archive]'') (Zusammenstellung von Textauszügen)


== <span id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</span> ==
== Aktive und passive Potenz ==
Es kann zwischen aktiver und passiver Potenz unterschieden werden. Die passive Potenz bedeutet die Empfangsmöglichkeit einem Akt gegenüber. Passive Potenz hat zum Beispiel ein Stück Lehm, das zu einer Vase geformt werden kann. Die aktive Potenz bedeutet das Vermögen, selbst einen Akt hervorzubringen. Aktive Potenz hat zum Beispiel ein Künstler, der aus einem Stück Lehm eine Vase oder einen Krug formen kann. Sowohl aktive wie passive Potenz betrifft die ontologisch sachhaltige Zuschreibung konkreter Vermögen und ist insofern mehr als logische Möglichkeit. Ein [[Sachverhalt]] ist nämlich schon dann logisch möglich, wenn sein Gegenteil nicht logisch notwendig ist; eine Potenz kommt einer Sache aber nur dann zu, wenn die aktuale ''Welt so eingerichtet ist'', dass die Sache ein Vermögen zu einem entsprechenden Akt besitzt.


#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Michael-Thomas_Liske Michael-Thomas Liske]: ''entelecheia''. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): ''Wörterbuch der antiken Philosophie'', München 2002, S. 135.</span>
== Scholastik ==
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik_(Aristoteles) Met.] 12, 1071b12-1072a8</span>
In diesen Ausgangslagen hat der scholastische Begriff des Wesens Gottes als reiner Akt ([[actus purus]]) seinen Ursprung.
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik_(Aristoteles) Met.] 12, 1072b24-29</span>
 
#<span class="reference-text">Hans Schwarz: ''Enérgeia, Sprache als (Humboldt).'' In: ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Historisches_W%C3%B6rterbuch_der_Philosophie Historisches Wörterbuch der Philosophie].'' Band 2, S. 492–494.</span>
== Neuere Entwicklungen ==
Im [[Neuthomismus]] wurde die Akt- und Potenzlehre weiterentwickelt.
 
Im Rückgriff auf Aristoteles hat [[Wilhelm von Humboldt]] auch Sprache als ''energeia'' verstanden, also als wirkende Kraft statt als statisches System.<ref>Hans Schwarz: ''Enérgeia, Sprache als (Humboldt).'' In: ''[[Historisches Wörterbuch der Philosophie]].'' Band 2, S. 492–494.</ref>
 
Auf die philosophische Bezeichnung des Akts gehen die [[Aktualitätstheorie]] und die [[Aktpsychologie]] zurück. Die ältere [[Vermögenspsychologie]] leitet sich ebenfalls von der scholastischen Tradition ab.
 
== Literatur ==
* Dietrich Schlüter: ''Akt/Potenz.'' In: ''[[Historisches Wörterbuch der Philosophie]].'' Band 1, S. 134–142.
 
Zum Begriff ἐνέργεια:
* [[Georg Picht]]: ''Der Begriff des Energeia bei Aristoteles.'' In: Georg Picht: ''Hier und Jetzt. Philosophieren nach Auschwitz und Hiroshima.'' Stuttgart 1980, Band 1, S. 289–308.
* Max Jammer: ''Energie.'' In: ''Historisches Wörterbuch der Philosophie.'' Band 2, S. 494–499.
* Max Jammer und Marc Lange: ''Energy'' und ''Energy (Addendum).'' In: Donald M. Borchert (Hrsg.): ''Encyclopedia of Philosophy.'' 2. Auflage. Detroit 2006, Band 3, S. 225–234 und 234–237.
<!--
* Alexander P. Mourelatos: ''Aristotle's powers and modern empiricism.'' In: ''Ratio'' 9 (1967) S. 97–104.
* [[Nancy Cartwright (Philosophin)|Nancy Cartwright]]: ''Aristotle on bodies, matter, and potentiality.'' In Allan Gotthelf / James Lennox (Hrsg.): ''Philosophical issues in Aristotle's biology'', Cambridge: Cambridge University Press 1987, S. 392–407.
-->
* Roberto Radice, Richard Davies, [[Giovanni Reale]]: ''Aristotle's Metaphysics: Annotated Bibliography of the Twentieth-Century Literature.'' Brill, Leiden 1997, ISBN 9004108955 (Abschnitte ''actuality'', ''potency'').
 
== Weblinks ==
[[Kategorie:Wikipedia.de Artikel]]
* C.A. Dubray: [http://www.newadvent.org/cathen/01124a.htm ''Actus et Potentia''], in: ''Catholic Encyclopedia.'' Band 1, New York: Robert Appleton 1907.
* Enrique Alarcón: [http://www.corpusthomisticum.org/tla.html#actus actus] und [http://www.corpusthomisticum.org/tlp.html#potentia potentia], in: ''[[Thomas von Aquin|Thomas]]-Lexikon.'' 3. Auflage. Universität von Navarra, Pamplona 2006.
* {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-natphil/|Aristotle's Natural Philosophy|[[István Bodnár]]}}
* {{IEP|http://www.iep.utm.edu/aris-mot#H2|Energeia and Entelechia, in: Aristotle: Motion and its Place in Nature|Joe Sachs}}
* {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-metaphysics/#ActPot|Actuality and Potentiality, in: Aristotle's Metaphysics|S. Marc Cohen}}
* Justo Fernández López: {{Webarchiv | url=http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/e/ENERGEIA%20%20%20Energeia.htm | wayback=20070503064810 | text=Energeia}}, in: {{Webarchiv | url=http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/Eingangsseite/Lexikon-Linguistik-Eingangsseite.htm | wayback=20071012032203 | text=Lexikon der Linguistik und Nachbardisziplinen}} (Zusammenstellung von Textauszügen)
 
== Einzelnachweise ==
<references />
 
[[Kategorie:Ontologie]]
[[Kategorie:Aristoteles]]

Aktuelle Version vom 2. April 2026, 07:37 Uhr

Akt und Potenz "Tat und Vermögen"

Die Begriffe Akt (lat. actus, agr. ἐνέργεια energeia weitgehend synonym ist entelecheia[1]) und Potenz (lateinisch potentia, griechisch δύναμις, dynamis) sind im philosophischen Sprachgebrauch Gegenbegriffe. Akt (lat. actus = das Getriebenwerden) ist die scholastische Übersetzung des Begriffs energeia bei Aristoteles (um 384–322 v. Chr.). „Potenz“ bezeichnet die noch nicht realisierte Möglichkeit, zu der aber ein Vermögen (Fähigkeit) oder eine Disposition besteht. „Akt“ bezeichnet dagegen die Realisierung oder Verwirklichung dieser Möglichkeit.

Aristoteles / antike Philosophie

Dieser Begriffsgebrauch geht auf die Naturphilosophie und Ontologie des Aristoteles zurück. Die spätere griechische und lateinische Philosophie hat sich dem weitgehend angeschlossen.

Für Aristoteles hat die Wirklichkeit eine ontologische Priorität vor der Möglichkeit.[2] Eines der Argumente für diese Position ist, dass die Realisierung je bestimmter Veränderungen nicht erklärbar wäre, wenn nicht jeweils ein Prinzip vorausgesetzt wird, das diese Veränderung verursacht. Da eine unendliche Reihe von Aktualisierern außerdem undenkbar ist, nimmt Aristoteles als erstes Prinzip seiner Kosmologie einen unbewegten Beweger an – nicht etwa nur eine ungeformte Materie mit Potenz zur Veränderung. Dieses erste Prinzip bezeichnet er außerdem als nur auf sich selbst bezogenes Denken. Zugleich ist es mit der vollkommensten Art der Bewegung verbunden, der Kreisbewegung. Gott bzw. seine Vernunfttätigkeit ist „wirkliche Tätigkeit“.[3]

Aktive und passive Potenz

Es kann zwischen aktiver und passiver Potenz unterschieden werden. Die passive Potenz bedeutet die Empfangsmöglichkeit einem Akt gegenüber. Passive Potenz hat zum Beispiel ein Stück Lehm, das zu einer Vase geformt werden kann. Die aktive Potenz bedeutet das Vermögen, selbst einen Akt hervorzubringen. Aktive Potenz hat zum Beispiel ein Künstler, der aus einem Stück Lehm eine Vase oder einen Krug formen kann. Sowohl aktive wie passive Potenz betrifft die ontologisch sachhaltige Zuschreibung konkreter Vermögen und ist insofern mehr als logische Möglichkeit. Ein Sachverhalt ist nämlich schon dann logisch möglich, wenn sein Gegenteil nicht logisch notwendig ist; eine Potenz kommt einer Sache aber nur dann zu, wenn die aktuale Welt so eingerichtet ist, dass die Sache ein Vermögen zu einem entsprechenden Akt besitzt.

Scholastik

In diesen Ausgangslagen hat der scholastische Begriff des Wesens Gottes als reiner Akt (actus purus) seinen Ursprung.

Neuere Entwicklungen

Im Neuthomismus wurde die Akt- und Potenzlehre weiterentwickelt.

Im Rückgriff auf Aristoteles hat Wilhelm von Humboldt auch Sprache als energeia verstanden, also als wirkende Kraft statt als statisches System.[4]

Auf die philosophische Bezeichnung des Akts gehen die Aktualitätstheorie und die Aktpsychologie zurück. Die ältere Vermögenspsychologie leitet sich ebenfalls von der scholastischen Tradition ab.

Literatur

Zum Begriff ἐνέργεια:

  • Georg Picht: Der Begriff des Energeia bei Aristoteles. In: Georg Picht: Hier und Jetzt. Philosophieren nach Auschwitz und Hiroshima. Stuttgart 1980, Band 1, S. 289–308.
  • Max Jammer: Energie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2, S. 494–499.
  • Max Jammer und Marc Lange: Energy und Energy (Addendum). In: Donald M. Borchert (Hrsg.): Encyclopedia of Philosophy. 2. Auflage. Detroit 2006, Band 3, S. 225–234 und 234–237.
  • Roberto Radice, Richard Davies, Giovanni Reale: Aristotle's Metaphysics: Annotated Bibliography of the Twentieth-Century Literature. Brill, Leiden 1997, ISBN 9004108955 (Abschnitte actuality, potency).

Einzelnachweise

  1. ↑ Michael-Thomas Liske: entelecheia. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, S. 135.
  2. ↑ Met. 12, 1071b12-1072a8
  3. ↑ Met. 12, 1072b24-29
  4. ↑ Hans Schwarz: Enérgeia, Sprache als (Humboldt). In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2, S. 492–494.