„Sozialgesellschaft“ – Versionsunterschied
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== Gesellschaft (Soziologie) == | |||
'''Gesellschaft''' bezeichnet in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziologie Soziologie] eine durch unterschiedliche [https://de.wikipedia.org/wiki/Merkmal Merkmale] zusammengefasste und abgegrenzte Anzahl von Personen, die als sozial Handelnde ([https://de.wikipedia.org/wiki/Akteur Akteure]) miteinander verknüpft leben und direkt oder indirekt [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Interaktion sozial interagieren]. ''Gesellschaft'' bezieht sich sowohl auf die [https://de.wikipedia.org/wiki/Menschheit Menschheit] als ganze (gegenüber Tieren und Pflanzen) als auch auf bestimmte Gruppen von Menschen, beispielsweise auf ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Volk Volk]oder eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Nation Nation]. Gesellschaft kann sich aber auch auf einen räumlich abgegrenzten und strukturierten Zusammenhang zwischen Menschen beziehen, auf [https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektiv Kollektive] oder auch auf ein Knäuel ''(cluster)'' im [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziales_Netzwerk_(Soziologie) sozialen Netzwerk] der Menschheit, das sich durch die [https://de.wikipedia.org/wiki/Netzwerkdichte Netzwerkdichte] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Multiplexit%C3%A4t Multiplexität] der Interaktionen abgrenzen lässt. In den aktuellen [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialwissenschaften Sozialwissenschaften] wird die Bezeichnung oft mit ungenauer Bedeutung verwendet.<p>Der [https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Ethnologie) Gesellschaftsbegriff in der Ethnologie bzw. Anthropologie] sowie im [https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Staatsrecht) Staatsrecht] wird jeweils anders definiert und verwendet als in der Soziologie.<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie)#cite_note-1 [1]]</sup> Theoretisch befasst sich die '''Gesellschaftstheorie''' mit dem soziologischen Begriff der Gesellschaft.</p> | |||
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<p>„Gesellschaft bedeutet wörtlich den Inbegriff räumlich vereint lebender oder vorübergehend auf einem Raum vereinter Personen. So ergibt es sich aus der etymologischen Herleitung des Wortes von [https://de.wikipedia.org/wiki/Althochdeutsch ahd]. sal = Raum, ahd. selida = Wohnung; heute noch erhalten in: nhd. ‚Saal‘, skand. sal = Stockwerk, russ. ssjelo = Hof, Landsitz (vielleicht zusammenhängend mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinisch] solum = Grund und Boden). Geselle, ahd. gisellio, ist also der ‚Saalgenoss‘.“<sup id="cite_ref-Geiger_Gesellschaft_2-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie)#cite_note-Geiger_Gesellschaft-2 [2]]</sup></p><p>Der | <p>„Gesellschaft bedeutet wörtlich den Inbegriff räumlich vereint lebender oder vorübergehend auf einem Raum vereinter Personen. So ergibt es sich aus der etymologischen Herleitung des Wortes von [https://de.wikipedia.org/wiki/Althochdeutsch ahd]. sal = Raum, ahd. selida = Wohnung; heute noch erhalten in: nhd. ‚Saal‘, skand. sal = Stockwerk, russ. ssjelo = Hof, Landsitz (vielleicht zusammenhängend mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinisch] solum = Grund und Boden). Geselle, ahd. gisellio, ist also der ‚Saalgenoss‘.“<sup id="cite_ref-Geiger_Gesellschaft_2-0" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie)#cite_note-Geiger_Gesellschaft-2 [2]]</sup></p><p>Der Begriff ist unmittelbar wahrscheinlich von [[Geselle]] bzw. von [[Gesellenschaft]] abgeleitet. Gesellenschaft war der Zusammenschluss von Gesellen zur Durchsetzung von Forderungen zur Änderung der von den [[Zunftmeistern]] (der „[[Meisterschaft]]“) bestimmten Arbeitsbedingungen. Im heutigen Sprachgebrauch deuten Wendungen, wie „sich [[gesellen]]“ (vgl. „[[Gleich und gleich gesellt sich gern]].“) oder „[[gesellig]]“ ([[Geselligkeit]]) auf einen räumlich und zeitlich offenen Zusammenhang von Personen. Der Konflikt zwischen Gesellenschaft und Meisterschaft der mittelalterlichen [[Zunft]] ist beiden Begriffen im heutigen Sprachgebrauch fremd. In der neuzeitlichen Rechtsentwicklung hat sich die [https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Recht) Rechtssprache] als wertungsfreier Gruppenbegriff durchgesetzt. In [[Friedrich Schleiermacher|Schleiermachers]] Unterscheidung von Gesellschaft und [[Gemeinschaft]] klingt dieses Rechtsdenken an.<sup id="cite_ref-Geiger_Gesellschaft_2-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie)#cite_note-Geiger_Gesellschaft-2 [2]]</sup></p><p>Die Ideen der [[Aufklärungszeitalter|Aufklärung]] von einer vernunftgemäßen Regierung wurden durch die [https://de.wikipedia.org/wiki/Franz%C3%B6sische_Revolution Französische Revolution] der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Im 19. Jahrhundert wurde dann „Gesellschaft“ zur Übersetzung von engl. ''society'' und frz. ''société'' eingesetzt. Der Begriff der ''civil society'' oder „[https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerliche_Gesellschaft bürgerlichen Gesellschaft]“ diente dem aufkommenden Bürgertum als Gegenbegriff zum [https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutismus absolutistischen] Fürsten[https://de.wikipedia.org/wiki/Staat staat]. Fortan wurde der [https://de.wikipedia.org/wiki/Dualismus Dualismus] der Begriffe [https://de.wikipedia.org/wiki/Staat_und_Gesellschaft Staat und Gesellschaft] grundlegend für die [https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Philosophie politische Philosophie] des [https://de.wikipedia.org/wiki/Liberalismus Liberalismus].<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie)#cite_note-3 [3]]</sup></p><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Biosoziologie Biosoziologisch] gesehen ist der Mensch von Natur aus in Gesellschaft. Mit (bereits) [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles Aristoteles]’ Worten ist er ein <span class="Grek" lang="grc-Grek-GR">ζώον πολιτικόν</span> ''(zóon politikón)'', ein auf „Staaten-(Gemeinden-, [https://de.wikipedia.org/wiki/Polis Poleis-])Bildung angelegtes Wesen“.</p> | ||
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<p>Die Bezeichnung „Gesellschaft“ ist als zentraler Grundbegriff der Soziologie umstritten. 2011 schrieb [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Schwinn Thomas Schwinn] in einer Übersicht von „starken und schwachen Gesellschaftsbegriffen“. Diese bezeichnete er als „Verfallsstufen eines traditionsreichen Konzepts“.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie)#cite_note-4 [4]]</sup> Er beschreibt die Theoriegeschichte des Begriffs und unterscheidet u. a. [https://de.wikipedia.org/wiki/Systemtheorie systemtheoretische] Ansätze (u. a. [https://de.wikipedia.org/wiki/Talcott_Parsons Talcott Parsons], [https://de.wikipedia.org/wiki/Niklas_Luhmann Niklas Luhmann]), [https://de.wikipedia.org/wiki/Handlungstheorie_(Soziologie) handlungstheoretische] Fundierungsversuche ([https://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Giddens Anthony Giddens], [https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Esser Hartmut Esser]) oder Kombinationen aus System- und Handlungstheorie ([https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Habermas Jürgen Habermas], [https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Schimank Uwe Schimank]).</p><p>Auch in der heutigen Soziologie ist die Verwendung des Begriffes ''Gesellschaft'' umstritten. So fordert z. B. der britische Soziologe John Urry für eine Soziologie des 21. Jahrhunderts die Abkehr von der Analyse von Gesellschaften (''Sociology Beyond Societies'', London 2000).</p> | <p>Die Bezeichnung „Gesellschaft“ ist als zentraler Grundbegriff der Soziologie umstritten. 2011 schrieb [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Schwinn Thomas Schwinn] in einer Übersicht von „starken und schwachen Gesellschaftsbegriffen“. Diese bezeichnete er als „Verfallsstufen eines traditionsreichen Konzepts“.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie)#cite_note-4 [4]]</sup> Er beschreibt die Theoriegeschichte des Begriffs und unterscheidet u. a. [https://de.wikipedia.org/wiki/Systemtheorie systemtheoretische] Ansätze (u. a. [https://de.wikipedia.org/wiki/Talcott_Parsons Talcott Parsons], [https://de.wikipedia.org/wiki/Niklas_Luhmann Niklas Luhmann]), [https://de.wikipedia.org/wiki/Handlungstheorie_(Soziologie) handlungstheoretische] Fundierungsversuche ([https://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Giddens Anthony Giddens], [https://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Esser Hartmut Esser]) oder Kombinationen aus System- und Handlungstheorie ([https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Habermas Jürgen Habermas], [https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Schimank Uwe Schimank]).</p><p>Auch in der heutigen Soziologie ist die Verwendung des Begriffes ''Gesellschaft'' umstritten. So fordert z. B. der britische Soziologe John Urry für eine Soziologie des 21. Jahrhunderts die Abkehr von der Analyse von Gesellschaften (''Sociology Beyond Societies'', London 2000).</p> | ||
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<p>Für [https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Bourdieu Pierre Bourdieu] ist Gesellschaft nicht völlig erklärbar. Es gebe aber zwei zu unterscheidende Ebenen: die Ebene der sozialen Praxis, in der sich das Leben in „Gesellschaft stiftender [https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit_(Philosophie)#Zweck_und_Ziel_der_Arbeit Arbeit]“ nach Regelmäßigkeiten abspiele, deren Ablauf die Akteure zum großen Teil [https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbewusste unbewusst] inkorporiert haben, und die Ebene der [https://de.wikipedia.org/wiki/Praxistheorie Theorie der Praxis], wo untersucht werden müsse, die unbewussten, in ihrer Gesamtheit kaum wahrgenommenen Machtverhältnisse der sozialen Praxis aufzudecken, und zwar dort, wo sie weitestgehend mit den Gewohnheiten des Handelns, des Wahrnehmens und Beurteilens bricht. Bourdieus sehr einflussreiches Werk enthält damit eine gesellschaftskritische Komponente.</p> | <p>Für [https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Bourdieu Pierre Bourdieu] ist Gesellschaft nicht völlig erklärbar. Es gebe aber zwei zu unterscheidende Ebenen: die Ebene der sozialen Praxis, in der sich das Leben in „Gesellschaft stiftender [https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit_(Philosophie)#Zweck_und_Ziel_der_Arbeit Arbeit]“ nach Regelmäßigkeiten abspiele, deren Ablauf die Akteure zum großen Teil [https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbewusste unbewusst] inkorporiert haben, und die Ebene der [https://de.wikipedia.org/wiki/Praxistheorie Theorie der Praxis], wo untersucht werden müsse, die unbewussten, in ihrer Gesamtheit kaum wahrgenommenen Machtverhältnisse der sozialen Praxis aufzudecken, und zwar dort, wo sie weitestgehend mit den Gewohnheiten des Handelns, des Wahrnehmens und Beurteilens bricht. Bourdieus sehr einflussreiches Werk enthält damit eine gesellschaftskritische Komponente.</p> | ||
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*[https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx Karl Marx] – globaler [https://de.wikipedia.org/wiki/Ausbeutung Ausbeutungsmechanismus] im [https://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus Kapitalismus]; | *[https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx Karl Marx] – globaler [https://de.wikipedia.org/wiki/Ausbeutung Ausbeutungsmechanismus] im [https://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus Kapitalismus]; | ||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Gumplovicz Ludwig Gumplovicz] – [https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg Krieg] zwischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Gruppe Gruppen]; | *[https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Gumplovicz Ludwig Gumplovicz] – [https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg Krieg] zwischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Gruppe Gruppen]; | ||
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Aktuelle Version vom 8. Juni 2025, 07:53 Uhr
Sozialgesellschaft lat.-frz.-deu. wrtl. 'Folggesellschaft, Volksgesellschaft', glhrt. 'soziale Gesellschaft', 'Gesellschaft gemäß Soziologie und oder Sozialismus'; Anm. KF: a.s. ist eine Gesellschaft bedingt der Entstehung der Soziologie und der maßgebenden meist französischen Soziologen bedingt auch Sozialismus.
Gesellschaft (Soziologie)
Gesellschaft bezeichnet in der Soziologie eine durch unterschiedliche Merkmale zusammengefasste und abgegrenzte Anzahl von Personen, die als sozial Handelnde (Akteure) miteinander verknüpft leben und direkt oder indirekt sozial interagieren. Gesellschaft bezieht sich sowohl auf die Menschheit als ganze (gegenüber Tieren und Pflanzen) als auch auf bestimmte Gruppen von Menschen, beispielsweise auf ein Volkoder eine Nation. Gesellschaft kann sich aber auch auf einen räumlich abgegrenzten und strukturierten Zusammenhang zwischen Menschen beziehen, auf Kollektive oder auch auf ein Knäuel (cluster) im sozialen Netzwerk der Menschheit, das sich durch die Netzwerkdichte und Multiplexität der Interaktionen abgrenzen lässt. In den aktuellen Sozialwissenschaften wird die Bezeichnung oft mit ungenauer Bedeutung verwendet.
Der Gesellschaftsbegriff in der Ethnologie bzw. Anthropologie sowie im Staatsrecht wird jeweils anders definiert und verwendet als in der Soziologie.[1] Theoretisch befasst sich die Gesellschaftstheorie mit dem soziologischen Begriff der Gesellschaft.
Begriffsgeschichte
„Gesellschaft bedeutet wörtlich den Inbegriff räumlich vereint lebender oder vorübergehend auf einem Raum vereinter Personen. So ergibt es sich aus der etymologischen Herleitung des Wortes von ahd. sal = Raum, ahd. selida = Wohnung; heute noch erhalten in: nhd. ‚Saal‘, skand. sal = Stockwerk, russ. ssjelo = Hof, Landsitz (vielleicht zusammenhängend mit lateinisch solum = Grund und Boden). Geselle, ahd. gisellio, ist also der ‚Saalgenoss‘.“[2]
Der Begriff ist unmittelbar wahrscheinlich von Geselle bzw. von Gesellenschaft abgeleitet. Gesellenschaft war der Zusammenschluss von Gesellen zur Durchsetzung von Forderungen zur Änderung der von den Zunftmeistern (der „Meisterschaft“) bestimmten Arbeitsbedingungen. Im heutigen Sprachgebrauch deuten Wendungen, wie „sich gesellen“ (vgl. „Gleich und gleich gesellt sich gern.“) oder „gesellig“ (Geselligkeit) auf einen räumlich und zeitlich offenen Zusammenhang von Personen. Der Konflikt zwischen Gesellenschaft und Meisterschaft der mittelalterlichen Zunft ist beiden Begriffen im heutigen Sprachgebrauch fremd. In der neuzeitlichen Rechtsentwicklung hat sich die Rechtssprache als wertungsfreier Gruppenbegriff durchgesetzt. In Schleiermachers Unterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft klingt dieses Rechtsdenken an.[2]
Die Ideen der Aufklärung von einer vernunftgemäßen Regierung wurden durch die Französische Revolution der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Im 19. Jahrhundert wurde dann „Gesellschaft“ zur Übersetzung von engl. society und frz. société eingesetzt. Der Begriff der civil society oder „bürgerlichen Gesellschaft“ diente dem aufkommenden Bürgertum als Gegenbegriff zum absolutistischen Fürstenstaat. Fortan wurde der Dualismus der Begriffe Staat und Gesellschaft grundlegend für die politische Philosophie des Liberalismus.[3]
Biosoziologisch gesehen ist der Mensch von Natur aus in Gesellschaft. Mit (bereits) Aristoteles’ Worten ist er ein ζώον πολιτικόν (zóon politikón), ein auf „Staaten-(Gemeinden-, Poleis-)Bildung angelegtes Wesen“.
Soziologische Schulen
Die Bezeichnung „Gesellschaft“ ist als zentraler Grundbegriff der Soziologie umstritten. 2011 schrieb Thomas Schwinn in einer Übersicht von „starken und schwachen Gesellschaftsbegriffen“. Diese bezeichnete er als „Verfallsstufen eines traditionsreichen Konzepts“.[4] Er beschreibt die Theoriegeschichte des Begriffs und unterscheidet u. a. systemtheoretische Ansätze (u. a. Talcott Parsons, Niklas Luhmann), handlungstheoretische Fundierungsversuche (Anthony Giddens, Hartmut Esser) oder Kombinationen aus System- und Handlungstheorie (Jürgen Habermas, Uwe Schimank).
Auch in der heutigen Soziologie ist die Verwendung des Begriffes Gesellschaft umstritten. So fordert z. B. der britische Soziologe John Urry für eine Soziologie des 21. Jahrhunderts die Abkehr von der Analyse von Gesellschaften (Sociology Beyond Societies, London 2000).
Marxismus (Marx)
Nach Karl Marx ist Gesellschaft die Gesamtheit der Verhältnisse zwischen den Menschen, also die Summe der Beziehungen und der Verhältnisse unter den Individuen und nicht die Individuen als solche.[5] Die Gesellschaft wird hier nach dem geschichtlichen Entwicklungsstand der ökonomischen Verhältnisse analysiert, wobei Marx zunächst drei grundlegende Gesellschaftsformationen beschreibt:
- die ursprüngliche primäre oder archaische Formation (Urgesellschaft) auf dem Boden des Gemeineigentums und sozialer Homogenität, die sich auf ihrer letzten und höchsten Entwicklungsstufe mit der Teilung der Arbeit, mit individuell genutztem Gemeineigentum allmählich sozial differenziert und in die sekundäre Formation hinüberzuwachsen beginnt.
- die sekundäre Formation der auf großem Privateigentum basierenden sozialheterogenen Gesellschaften (asiatische Produktionsweise, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und bürgerlich-kapitalistischeGesellschaft)
- die kommunistische Gesellschaftsformation mit dem Sozialismus als Vorstufe bzw. Übergangsphase zur klassenlosen Gesellschaft
Soziologische Klassiker
Gemeinschaft und Gesellschaft (Tönnies)
Nach Ferdinand Tönnies ist Gesellschaft eine genau definierte Gruppierung von Personen. Er versteht „Gesellschaft“ als Gegensatz zur „Gemeinschaft“. Analytisch eingeführt wurde der Fachbegriff Gesellschaftin der sich etablierenden Soziologie durch Tönnies 1887 in seinem Werk Gemeinschaft und Gesellschaft. Danach zeichnet sich Gemeinschaft durch gegenseitiges Vertrauen, emotionale Anbindung und Homogenität aus. Tönnies stellt dem Begriff der Gemeinschaft den Begriff Gesellschaft gegenüber. Der Gemeinschaft bedienen sich nach Tönnies die Akteure mit jeweils individuellen Zielen. Dies führt zu einer nur losen Verknüpfung der Individuen in der Gesellschaft. Beide, Gemeinschaft und Gesellschaft, sind für ihn gemeinsamer Gegenstand der Soziologie. Sein Gesellschaftsbegriff im engeren Sinne ist also axiomatisch abgestützt und streng deduktiv gewonnen. In diesem Sinne wird die Bezeichnung nur noch selten in der Soziologie verwendet. Bei Tönnies ist Gesellschaft eine besondere Form gegenseitiger gewollter Bejahung von Menschen, die sich dieser Form als eines Mittels zur Erreichung ihrer individuellen Ziele bedienen (siehe oben).
Vergesellschaftung (Weber)
Max Weber knüpft mit seinem Begriff Vergesellschaftung noch stark an Tönnies’ Merkmale an.
Differenzierung (Simmel)
1890 führte Georg Simmel den Begriff Differenzierung (auch soziale Differenzierung oder gesellschaftliche Differenzierung) in die Soziologie ein. Differenzierung bezeichnet langfristige Veränderungen einer Gesellschaft. Diese Veränderungen können verbunden sein mit der Neuentstehung oder Aufgliederung von Sozialen Positionen, Lebenslagen und/oder Lebensstilen. Mit Differenzierung wird auch das Ergebnis solcher Prozesse bezeichnet, nämlich „soziale Differenziertheit“.
Strukturfunktionalismus (Parsons)
Laut Strukturfunktionalismus bildet sich aus Akteuren eine Gesellschaft dann, wenn sie in der Lage ist, mittels bestimmter sozialer Funktionen die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen (vergleiche Talcott Parsons, sowie den Funktionalismus). Funktional darauf ausgerichtet, bilden sich Institutionen, und ohne die Herausbildung von entsprechenden Strukturen ist eine dauerhafte Bedürfnisbefriedigung nicht möglich. Auch ein Robinson Crusoe überlebt nur, weil er die Methoden zur Bewältigung der Welt (Normen, Werte, Fähigkeiten) verinnerlicht hat, weil er die Gesellschaft in sich trägt – beispielsweise wenn er auf seiner einsamen Insel fromm wird. Akteur (oder strittig: Individuum) und Gesellschaft stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Langfristig stabilisieren sich Gesellschaften nur, wenn sie sich über Sozialisation, Strukturen und Wertvorstellungen reproduzieren. Ursprüngliche Instanz ist hier durch biologische Determination die Kernfamilie, aber sogar dies ist umstritten.
Systemtheorie (Luhmann)
Niklas Luhmann spricht von einer „Gesellschaft“, wenn konformes und abweichendes Verhalten in Bezug auf Normen und Werte festgelegt ist und eine entsprechende Differenzierung von Erwartungen und Reaktionen vorhanden ist.[6]
In der kommunikationstheoretischen Konzeption Luhmanns wird die Gesellschaft als „alle füreinander kommunikativ zugänglichen Ereignisse“ beschrieben. Gesellschaft in systemtheoretischen Begriffen ist demnach das umfassendste soziale System – jene Einheit, die keine soziale Umwelt mehr hat und alle anderen sozialen Systeme inklusive Organisationen sowie Verhältnisse und Tatbestände umfasst. Anders ausgedrückt ist Gesellschaft alles, was durch Kommunikation füreinander erreichbar ist.
Praxis und Theorie der Praxis (Bourdieu)
Für Pierre Bourdieu ist Gesellschaft nicht völlig erklärbar. Es gebe aber zwei zu unterscheidende Ebenen: die Ebene der sozialen Praxis, in der sich das Leben in „Gesellschaft stiftender Arbeit“ nach Regelmäßigkeiten abspiele, deren Ablauf die Akteure zum großen Teil unbewusst inkorporiert haben, und die Ebene der Theorie der Praxis, wo untersucht werden müsse, die unbewussten, in ihrer Gesamtheit kaum wahrgenommenen Machtverhältnisse der sozialen Praxis aufzudecken, und zwar dort, wo sie weitestgehend mit den Gewohnheiten des Handelns, des Wahrnehmens und Beurteilens bricht. Bourdieus sehr einflussreiches Werk enthält damit eine gesellschaftskritische Komponente.
Weltgesellschaft
Tönnies’ und Luhmanns Ansätze erlauben oder implizieren – wie die vieler anderer soziologischer Makrotheoretiker – auch die Idee einer Weltgesellschaft:
- Karl Marx – globaler Ausbeutungsmechanismus im Kapitalismus;
- Ludwig Gumplovicz – Krieg zwischen Gruppen;
- Ferdinand Tönnies – Welthandel;
- Niklas Luhmann – globale Verbreitung von Medienkommunikation sowie ein (welt)gesellschaftliches Funktionssystem
Diese Ansätze werden interdisziplinär prominent von der Weltsystemanalyse um Immanuel Wallerstein vertreten.
Siehe auch
- Sozialstruktur – Gemeinwesen
- nivellierte Mittelstandsgesellschaft
- Gesellschaftsordnung
- Gesellschaftsmodelle:
- Agrargesellschaft · Arbeitsgesellschaft · Post-Arbeitsgesellschaft · Gute Gesellschaft · Industriegesellschaft · Leistungsgesellschaft · Postindustrielle Gesellschaft · Informationsgesellschaft · Wissensgesellschaft · Digitale Wissensgesellschaft · Netzwerkgesellschaft · Konsumgesellschaft · Freizeitgesellschaft · Erlebnisgesellschaft · Risikogesellschaft · Ego-Gesellschaft · Ständegesellschaft · bürgerliche Gesellschaft · Bürgergesellschaft · Dienstleistungsgesellschaft · Überflussgesellschaft · Wegwerfgesellschaft · Zivilgesellschaft
Literatur
- Norbert Elias: Was ist Soziologie? Juventa, München 1970.
- Johannes Heinrichs: Logik des Sozialen. Woraus Gesellschaft entsteht. Steno, München 2005.
- Karl-Heinz Hillmann: Gesellschaft. In: ders.: Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 410). 4., überarbeitete und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4.
- Peter Koslowski: Evolution und Gesellschaft. Eine Auseinandersetzung mit der Soziobiologie. 2. Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 1984.
- Jörn Lamla, Henning Laux, Hartmut Rosa, David Strecker (Hrsg.): Handbuch der Soziologie. UVK, Konstanz 2014, ISBN 978-3-8252-8601-9.
- Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 1997, ISBN 3-518-28960-8.
- Hartmut Rosa, Jörg Oberthür u. a.: Gesellschaftstheorie. UVK, München 2020, ISBN 978-3-8252-5244-1.
- Peter Ruben: Gemeinschaft und Gesellschaft – erneut betrachtet. In Dittmar Schorkovitz (Hrsg.): Ethnohistorische Wege und Lehrjahre eines Philosophen. Frankfurt am Main 1995.
- Gunter Runkel: Allgemeine Soziologie. Gesellschaftstheorie, Sozialstruktur und Semantik. Oldenbourg, München/ Wien 2005, ISBN 3-486-57708-5 (v. a. Kap. 2: Soziologische Klassiker und ihre Theorien).
- Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft. 1887; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005.
- Bernard Willms: System und Subjekt oder die politische Antinomie der Gesellschaftstheorie. In: Franz Maciejewski (Hrsg.): Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-518-06101-1, S. 43–77.
Weblinks
- Linkkatalog zum Thema Gesellschaft bei curlie.org (ehemals DMOZ)
- Georg Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. (Memento vom 5. Februar 2012 im Internet Archive)
- Soziologie schafft Gesellschaft, Armin Nassehi über den soziologischen Diskurs der Moderne. Deutschlandfunk.
- Weltgesellschaft Tagungsintro des Instituts für Weltgesellschaft der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld und der Zeitschrift für Soziologie.
- Bundeszentrale für politische Bildung Das Unbehagen an der Gesellschaft von Martin Hartmann, Institut für Sozialforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Einzelnachweise
- Robert Hettlage: Bauerngesellschaften. Die bäuerliche Lebenswelt als soziologisches Exotikon? In: Robert Hettlage: Die post-traditionale Welt der Bauern. Campus, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34007-0, S. 12.
- Theodor Geiger: Gesellschaft. In: Alfred Vierkandt (Hrsg.): Handwörterbuch der Soziologie (= Enke Sozialwissenschaften). Vorwort von René König. Einleitung von Paul Hochstim. Gekürzte Studienausgabe. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-432-91551-9, S. 38–48 (die ungekürzte Ausgabe, in Verbindung mit […] Götz Briefs […] Franz Eulenburg […] Franz Oppenheimer […] Werner Sombart […] Ferdinand Tönnies […] Alfred Weber […] Leopold von Wiese […], erschien 1931, DNB 36145662X, LCCN 32-019286, OCLC 753128534 u. a.; deren unveränderter Nachdruck [ergänzt um ein Geleitwort von Helmut Schelsky] 1959, DNB 451820479, OCLC 67599443 u. a., jeweils S. 201–211); hier: Kapitel I Wortsinn und Geschichte des allgemeinen Sprachgebrauchs, S. 39 (ungekürzte Ausgabe: S. 202).
- Theodor Geiger: Ideologie und Wahrheit. Eine soziologische Kritik des Denkens. Mit einem Nachwort von Frank Benseler. (= Soziologische Essays.) 2. Auflage. Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin 1968, DNB 456713034, LCCN 73-371605, OCLC 912098460 u. a., ZDB-ID 2384724-4 (die 1. Auflage [ohne Nachwort] (= Sammlung Die Universität. Band 41) erschien im Humboldt-Verlag, Stuttgart/Wien 1953, DNB 36377369X, LCCN ltf90-010286, OCLC 644700442 u. a., ZDB-ID 252692-x, ein Jahr nach dem Tode Theodor Geigers am 16. Juni 1952); Kapitel VIUrsprungschichten der Ideologie, S. 93–96 (1. Auflage: S. 107–111).
- In: Jens Greve, Clemens Kroneberg, Thomas Schwinn: Soziale Differenzierung: Erkenntnisgewinne handlungs- und systemtheoretischer Zugänge. VS-Verlag, 2011, ISBN 978-3-531-17388-7, S. 27–44.
- Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. 1857, Seite 189.
- Niklas Luhmann: Interaktion, Organisation und Gesellschaft. In: Derselbe: Soziologische Aufklärung. Band 2: Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Westdeutscher Verlag, Opladen 1975, S. ??.