„Dichotomie“ – Versionsunterschied
| [ungesichtete Version] | [ungesichtete Version] |
Die Seite wurde neu angelegt: „dichotom-ie {{agrie.-dt.}} wrtl. 'Zweischnitt'; 'Entzeitheit, Zweigeteiltheit', entspr. wrtl. lat.-dt. 'Division' * Dichotomie f. ‘Zweiteilung, gabelartige Verzweigung’, entlehnt (17. Jh.) ** aus griech. ''dichotomíā'' (διχοτομία) ‘Teilung in zwei Hälften’, *** zu griech. ''dichotómos'' (''διχοτόμος'') Adj. ‘in zwei Teile geschnitten, gespalten’, **** aus griech. ''díc…“ |
K Textersetzung - „== Weblinks ==“ durch „== Weblinks == Kategorie:Wikipedia.de Artikel“ |
||
| (5 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
[[dichotom]][[-ie]] | [[dichotom]][[-ie]] [[Sprachstufe::agr.-deu.]] wrtl. '[[Zweischnitt]]'; '[[Entzeitheit]], [[Zweigeteiltheit]]', [[entspr.]] [[wrtl.]] [[lat.-deu.]] '[[Division]]' | ||
* Dichotomie f. ‘Zweiteilung, gabelartige Verzweigung’, entlehnt (17. Jh.) | * Dichotomie f. ‘Zweiteilung, gabelartige Verzweigung’, entlehnt (17. Jh.) | ||
** aus griech. | ** aus griech. ''[[dichotomíā]]'' (διχοτομία) ‘Teilung in zwei Hälften’, | ||
*** zu griech. ''[[dichotómos]]'' | *** zu griech. ''[[dichotómos]]'' (''διχοτόμος'') Adj. ‘in zwei Teile geschnitten, gespalten’, | ||
**** aus griech. ''[[dícha]]'' (δίχα) ‘zweifach’ | **** aus griech. ''[[dícha]]'' (δίχα) ‘zweifach’ | ||
**** und griech. ''[[tómos]]'' (''[[τόμος]]'') ‘einschneidend’, | **** und griech. ''[[tómos]]'' (''[[τόμος]]'') ‘einschneidend’, | ||
***** zu griech. ''[[témnein]]'' ([[τέμνειν]]) ‘schneiden, zerteilen, ab-, durchschneiden’. | ***** zu griech. ''[[témnein]]'' ([[τέμνειν]]) ‘schneiden, zerteilen, ab-, durchschneiden’. | ||
'''Dichotomie''' (aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">δίχα</span> <span class="Latn" lang="grc-Latn">dícha</span>, „zweifach, doppelt“ und [https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">τομή</span> <span class="Latn" lang="grc-Latn">tomé</span> „Schnitt“<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-1 [1]]</sup>) bezeichnet die [https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorisierung_(Kognitionswissenschaft) Kategorisierung] von zwei [https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenstand Objekten] der gleichen Art, die einander ohne [https://de.wikipedia.org/wiki/Schnittmenge Schnittmenge] gegenüberstehen, aber dennoch aufgrund bestimmter Merkmale als zusammengehörig [https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung wahrgenommen] werden. Sie können einander ergänzen (zum Beispiel ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Begriffsbeziehung#Komplement%C3%A4re_Begriffe_(Komplement,_Komplementarit%C3%A4t) komplementäres Begriffspaar]) oder eine Aufteilung in zwei Teile ausdrücken, zum Beispiel die Aufteilung eines Bereichs in zwei Teilbereiche (ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Markt Markt] in zwei [https://de.wikipedia.org/wiki/Teilmarkt Teilmärkte]). | |||
== Dichotomie == | |||
<div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Etymologie == | |||
</div><p>Dichotomie bedeutet wörtlich ‚Halbieren, Zerschneiden‘ ([https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">διχοτομία</span> <span class="Latn" lang="grc-Latn">[[dichotomía]]</span>; aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">δίχα</span> <span class="Latn" lang="grc-Latn">dícha</span>, deutsch ‚entzwei‘, ‚getrennt‘ und [https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">τέμνειν</span> <span class="Latn" lang="grc-Latn">témnein</span>, deutsch ‚schneiden‘).<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-2 [2]]</sup><sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-3 [3]]</sup> Das Adjektiv lautet '''dichotom''' oder '''dichotomisch.''' Man spricht beispielsweise von einer ''dichotomen'' oder ''dichotomischen Methode'', wenn sie auf Einteilungen in jeweils zwei Teile oder Gruppen beruht.</p><div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Dichotomie im Sinne der Mengentheorie == | |||
</div> | |||
[[Datei:220px-Dichotomy.svg.png|verweis=https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Dichotomy.svg|mini|218x218px|Illustration einer Dichotomie: Die Begriffe A und B sind als separate Kreise dargestellt]] | |||
<p>Entscheidend ist bei der dichotomen Einteilung einer Menge (Beispiel: Einteilung in zwei Begriffe A und B), dass</p> | |||
*jedes Element der einen oder der anderen Untermenge (A oder B) zuzuordnen ist und | |||
*kein Element beiden Untermengen (Begriffen) zugleich zuzuordnen ist; die Untermengen dürfen also keine [https://de.wikipedia.org/wiki/Mengenlehre#Schnittmenge Schnittmenge] haben (die Begriffe sind [https://de.wikipedia.org/wiki/Disjunkt disjunkt]). | |||
<p>Bei einer dichotomen Einteilung ist der Fehler der ''unangemessenen Einteilung'' ausgeschlossen. Es wird gefordert, dass zwei einander [https://de.wikipedia.org/wiki/Komplementarit%C3%A4t komplementäre] Begriffe den Umfang oder die Bedeutung des ursprünglichen Begriffes vollständig umfassen. Eine unvollständige Einteilung oder eine sich überschneidende Einteilung ist somit nicht möglich. Die Vereinigung der dichotomen Begriffe führt wieder zum Ursprungsbegriff.</p><p>Dichotome Einteilungen sind nicht immer zweckmäßig. Zum Beispiel können bei plakativen Einteilungen der Bevölkerung in Alt und Jung, Stadt und Land, Schwarz und Weiß (Hautfarbe) die Unterschiede überbetont werden und mögliche Gemeinsamkeiten aus dem Blick geraten („Schwarz-Weiß-Malerei“).</p><div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Dichotomien in der Mathematik == | |||
</div><p>Beispiele aus den Bereichen Mathematik und Logik:</p> | |||
*die Einteilung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Ganze_Zahl ganzen Zahlen] in [https://de.wikipedia.org/wiki/Parit%C3%A4t_(Mathematik) gerade] und ungerade Zahlen, | |||
*die Einteilung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Reelle_Zahl reellen Zahlen] in [https://de.wikipedia.org/wiki/Rationale_Zahl rationale] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Irrationale_Zahl irrationale Zahlen], | |||
*die Einteilung der rationalen Zahlen in ganze Zahlen und Brüche, deren Zähler und Nenner [https://de.wikipedia.org/wiki/Teilerfremdheit teilerfremd] sind, | |||
*die Einteilung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Aussage_(Logik) Aussagen] in wahre und falsche Aussagen („Tertium non datur“ (lat.: „Etwas drittes gibt es nicht“)). | |||
<p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Statistik Statistik] versteht man unter einer dichotomen oder binären Variablen eine Variable, die zwei Ausprägungen hat, zum Beispiel die Variable „Münze“ mit den beiden Ausprägungen „Kopf“ und „Zahl“.</p><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Testtheorie_(Statistik) Testtheorie] bezeichnet man ein Antwortformat als dichotom, wenn lediglich zwei Antwortmöglichkeiten vorgegeben sind, zum Beispiel „Ja“ und „Nein“. Im Gegensatz dazu werden auch mehrfach gestufte Antwortformate verwendet, zum Beispiel „nie“, „selten“, „manchmal“, „oft“ und „immer“.</p><p>In der mathematischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Optimierung_(Mathematik) Optimierung] versteht man unter einem dichotomen Verfahren eine Methode der lokalen nichtlinearen Optimierung ohne Nebenbedingung. Ein solches Verfahren, das mit gleich großen Halbierungen von Intervallen arbeitet, ist die [https://de.wikipedia.org/wiki/Intervallhalbierungsmethode Intervallhalbierungsmethode].</p><div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Dichotomien in der Astronomie == | |||
</div><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Astronomie Astronomie] wird die Phase, während der ein nicht selbst leuchtendes Gestirn – also meist ein Planet oder Mond im Gegensatz zu einem Stern – von einem Betrachter als zur Hälfte beleuchtet gesehen wird, als Dichotomie bezeichnet. In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Visuelle_Astronomie visuellen Astronomie] bedeutet Dichotomie daher auch „[https://de.wikipedia.org/wiki/Halbphase Halbphase]“: Ein Planet oder Mond ist genau von der Seite beleuchtet (d. h. im [https://de.wikipedia.org/wiki/Tag-Nacht-Grenze Phasenwinkel] 90°), sodass er als [https://de.wikipedia.org/wiki/Halbkreis Halbkreisfläche] erscheint. Bekanntestes Beispiel ist die Phase des [https://de.wikipedia.org/wiki/Mondphase Halbmondes], aus der zum Beispiel [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristarch_von_Samos Aristarch von Samos] die Entfernung des Mondes abschätzen konnte. Von der Erde aus können Halbphasen außer beim Mond nur bei den [https://de.wikipedia.org/wiki/Unterer_und_oberer_Planet unteren Planeten] [https://de.wikipedia.org/wiki/Merkur_(Planet) Merkur] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Venus_(Planet) Venus] beobachtet werden.</p><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Planetologie Planetologie] steht der Begriff für die unter den festen Himmelskörpern verbreitete Erscheinung von zwei auffallend unterschiedlich gestalteten Halbkugeln. Die bekanntesten Beispiele sind neben der Erde und dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Mond Erdmond] der Planet [https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_(Planet) Mars] und der Saturnmond [https://de.wikipedia.org/wiki/Iapetus_(Mond) Iapetus]:</p> | |||
*bei der Erde der auffällige Unterschied zwischen Land- und [https://de.wikipedia.org/wiki/Wasserhemisph%C3%A4re Wasserhemisphäre] – eine Folge der Bildung des [https://de.wikipedia.org/wiki/Pazifischer_Ozean Pazifik], | |||
*beim Mond die vielen [https://de.wikipedia.org/wiki/Mare_(Mond) Mare] der Vorderseite, die auf der [https://de.wikipedia.org/wiki/Mondr%C3%BCckseite Mondrückseite] weitgehend fehlen – eine Folge des „[https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fes_Bombardement Großen Bombardements]“ durch Asteroiden vor etwa vier Milliarden Jahren, | |||
*beim Mars eine ähnliche „Zweiteilung“ zwischen Nord- und [https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdhemisph%C3%A4re Südhemisphäre]: im Norden hauptsächlich [https://de.wikipedia.org/wiki/Tiefebene Tiefebenen], im Süden gewaltige [https://de.wikipedia.org/wiki/Hochland_(Landschaft) Hochländer]. (Der mittlere Großkreis, der diese topografischen Hemisphären voneinander trennt, ist dabei 40° gegen den [https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84quator Äquator] geneigt. Die unsymmetrische [https://de.wikipedia.org/wiki/Massenverteilung Massenverteilung] bewirkt, dass der [https://de.wikipedia.org/wiki/Massenmittelpunkt Schwerpunkt] des Mars gegenüber dem geometrischen Mittelpunkt um drei Kilometer in Richtung der nördlichen Tiefebenen versetzt ist.) | |||
<p>Beim Begriff „[https://de.wikipedia.org/wiki/Venus_(Planet) Venus]-Dichotomie“ wird der Begriff nicht korrekt verwendet, weil er nicht die Halbphase, sondern die zeitweilige [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sichelgestalt&action=edit&redlink=1 Sichelgestalt] des Abend- bzw. Morgensterns betrifft. Die „Hörner“ der Venussichel stehen einander nicht um 180° gegenüber, sondern greifen über, eine Folge der dichten Venusatmosphäre. Diese „Dichotomie“ der Venussichel wurde schon im 17. Jahrhundert bemerkt, ist auch bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Tagbeobachtung Tagbeobachtungen] festzustellen und war vor der Epoche der Raumfahrt eine Möglichkeit, die [https://de.wikipedia.org/wiki/Dichte Dichte] der [https://de.wikipedia.org/wiki/Atmosph%C3%A4re_(Astronomie) Atmosphäre] abzuschätzen. Weil sie sich als erstaunlich dicht erwies, kam seit [https://de.wikipedia.org/wiki/Hieronymus_Schr%C3%B6ter Hieronymus Schröter] die Vermutung auf, es könnte [https://de.wikipedia.org/wiki/Venusianer Venusianer] geben.</p><div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Dichotomie in der klinischen Psychologie == | |||
</div><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Klinische_Psychologie Klinischen Psychologie] steht Dichotomie für ein absolutes Denkmuster und eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Verzerrung kognitive Verzerrung], bei dem eine Person Dinge nur in zwei extreme Stufen bzw. Kategorien unterteilt und ignoriert wird, dass sich dazwischen noch eine Skala von Graustufen befindet. Daher wird auch vom ''Alles-Oder-Nichts-Denken'' gesprochen. Beim ''Schwarz-Weiß-Denken'' schiebt der Patient neutrale (graue) Informationen in die negative (schwarze) Kategorie, was auf depressives Denken hindeutet.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-4 [4]]</sup><sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-5 [5]]</sup> Dichotomie kann eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Theorie_der_Depression#Formen_der_kognitiven_Verzerrung kognitive Verzerrung der Depression] und von anderen psychischen Erkrankungen wie der [https://de.wikipedia.org/wiki/Borderline-Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung Borderline-Persönlichkeitsstörung] und der [https://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziative_Identit%C3%A4tsst%C3%B6rung Dissoziativen Identitätsstörung] sein. Bei einer dissoziativen Identitätsstörung wird zum Beispiel von einem Kind, das von dem Vater missbraucht worden ist, eine Teilpersönlichkeit erschaffen, die den Vater liebt, und eine, die ihn hasst. Grund dafür ist, dass die Tat nicht mit der Liebe des Vaters koexistieren kann und so zwei konträre Persönlichkeiten geschaffen werden, die nichts voneinander wissen oder sich nicht austauschen wollen.<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-6 [6]]</sup><sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-7 [7]]</sup><sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-8 [8]]</sup></p><p>Beispiele für dichotomes Denken sind z. B. die Einteilung in Gut und Böse, die Einteilung in makellos und fehlerhaft, die Einteilung in sauber und schmutzig oder die Einteilung in heilig und sündhaft. Ebenfalls kann dichotomes Denken bei Vorurteilen und Rollenbildern, wie z. B. der Einteilung nach weiblichem und männlichem Verhalten vorkommen.<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-9 [9]]</sup><sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-10 [10]]</sup></p><p>Der Mensch wendet meist dichotomes Denken an, um gedankliche Abwägungen zu verdichten und zu kontrastieren, so dass wenig Zweifel an der Handlung aufkommt und diese daher konsequent durchgeführt werden kann. Ebenfalls wird es angewandt, um trotz mehrschichtigen und komplexen Konflikten zu einer relativ klaren Entscheidungsfindung zu kommen und die Komplexität bei der Entscheidungsfindung zu reduzieren und kognitive Prozesse und Zeit dadurch einzusparen. Im sozialen Kontext geht es Personen meist darum, sich mit ihrer Position von anderen abzugrenzen und durchzusetzen, was zu dichotomem Denken führen kann.</p><p>Allerdings gehen bei diesem Denken auch viele Abwägungsmöglichkeiten verloren und die Sachverhalte werden zu schnell, einseitig und subjektiv bewertet, so dass es oft an einem ausgewogenen Diskurs und Dialog mangelt oder es zur Vermeidung kommt. In Gruppen und Organisationen kann daher auch die rhetorische Strategie [https://de.wikipedia.org/wiki/Advocatus_Diaboli Advocatus Diaboli] eingesetzt werden, um den aktuellen Stand der Diskussion zu kritisieren und so Einschränkungen und Einseitigkeiten zu hinterfragen und dementsprechend zu korrigieren.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-11 [11]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Dichotomien in anderen Gebieten == | |||
</div><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Botanik Botanik] spricht man von Dichotomie oder einer dichotomen Teilung, wenn sich die ursprüngliche [https://de.wikipedia.org/wiki/Sprossachse Sprossachse] in zwei annähernd gleiche Teile verzweigt.</p><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Phylogenetik Phylogenetik] werden in [https://de.wikipedia.org/wiki/Kladogramm Kladogrammen] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Stammbaum Stammbäumen] Verzweigungen von evolutionären Ästen als dichotom angenommen und bei unklaren Verwandtschaftsverhältnissen als [https://de.wikipedia.org/wiki/Polytomie polytome] [https://de.wikipedia.org/wiki/Knoten_(Graphentheorie) Knoten] beschrieben.</p><p>Im Fach [https://de.wikipedia.org/wiki/Anatomie Anatomie] bezieht sich der Begriff beispielsweise auf die Verzweigung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Luftr%C3%B6hre Luftröhre] in zwei [https://de.wikipedia.org/wiki/Bronchialsystem Hauptbronchien].</p><p>In der (strukturalistischen) [https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachwissenschaft Sprachwissenschaft] sind viele Dichotomien grundlegend, zum Beispiel die Dichotomie von [https://de.wikipedia.org/wiki/Synchronie Synchronie] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Diachronie Diachronie] oder die Dichotomie von [https://de.wikipedia.org/wiki/Signifikant Signifikant] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Signifikat Signifikat].<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-12 [12]]</sup></p><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss Claude Lévi-Strauss] hat Gesellschaften nach deren Motivation zum [https://de.wikipedia.org/wiki/Kultureller_Wandel kulturellen Wandel] eingeteilt und eine Dichotomie zwischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Kalte_und_hei%C3%9Fe_Kulturen_oder_Kulturelemente kalten und heißen Kulturen] postuliert. [https://de.wikipedia.org/wiki/David_Graeber David Graeber] und [https://de.wikipedia.org/wiki/David_Wengrow David Wengrow] beschreiben dichotome Verhaltensweisen beziehungsweise Kulturmerkmale zwischen benachbarten Gesellschaften und sprechen dabei von [https://de.wikipedia.org/wiki/Schismogenese Schismogenese].</p><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Volkswirtschaftslehre Volkswirtschaftslehre] wurde [https://de.wikipedia.org/wiki/David_Hume David Hume] 1752 bekannt für seine Auffassung von der reinen Dichotomie des [https://de.wikipedia.org/wiki/Geld Geldes], die in einer strikten Trennung des [https://de.wikipedia.org/wiki/Gut_(Wirtschaftswissenschaft)#Allgemeines güter-] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Geldwirtschaft geldwirtschaftlichen] Sektors zum Ausdruck kommt,<sup id="cite_ref-13" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-13 [13]]</sup>wobei die [https://de.wikipedia.org/wiki/Inflation Inflation] allein im geldwirtschaftlichen Sektor ihre Ursachen habe.<sup id="cite_ref-14" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#cite_note-14 [14]]</sup> Außerdem wird die Trennung von Variablen in [https://de.wikipedia.org/wiki/Nennwert nominale] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Reale_Gr%C3%B6%C3%9Fe reale Größen] als ''(neo)[https://de.wikipedia.org/wiki/Klassische_Dichotomie klassische Dichotomie]'' bezeichnet.</p><p>Im deutschen [https://de.wikipedia.org/wiki/Strafrecht Strafrecht] bezeichnet man die Einteilung der Delikte in [https://de.wikipedia.org/wiki/Verbrechen Verbrechen] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Vergehen Vergehen] gemäß <span class="plainlinks-print">[https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__12.html § 12]</span> [https://de.wikipedia.org/wiki/Strafgesetzbuch_(Deutschland) StGB] als „Dichotomie des Strafrechts“, die zum 1. Januar 1975 an die Stelle der zuvor auch in Deutschland nach französischem Vorbild existierenden [https://de.wikipedia.org/wiki/Trichotomie Trichotomie] (Dreiteilung) getreten ist.</p><p>Die [https://de.wikipedia.org/wiki/Humes_Gesetz Sein-Sollen-Dichotomie] ist ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Metaethik metaethisches] Prinzip, wonach eine dichotomische Einteilung in deskriptive und normative [https://de.wikipedia.org/wiki/Aussage_(Logik) Aussagen] in der Ethik besteht. Deshalb kann nicht von einem ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Sein Sein]'' auf ein [https://de.wikipedia.org/wiki/Sollen Sollen] geschlossen werden.</p><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie Philosophie] gibt es verschiedene Lehren, die den Aufbau der Wirklichkeit auf zwei Prinzipien zurückführen. Ein Beispiel ist der [https://de.wikipedia.org/wiki/Hylemorphismus Hylemorphismus]. Dies ist die moderne Bezeichnung für eine zentrale Lehre in der Philosophie des [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles Aristoteles], nach der die endlichen Substanzen aus zwei verschiedenen Prinzipien bestehen, nämlich dem Stoff oder der Materie (griechisch hýlē) und der Form (griechisch morphḗ).</p><div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Siehe auch == | |||
</div> | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Dihairesis Dihairesis] (siehe dort [https://de.wikipedia.org/wiki/Dihairesis#Theorie_der_Dihairesis Theorie der Dihairesis]) | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Falsches_Dilemma Falsches Dilemma] („falsche Dichotomie“) | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Polytomie Polytomie] (Vielteilung) | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Dualismus Dualismus] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Gegensatz Gegensatz] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenteil Gegenteil] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Antonym Gegenbegriff (Antonym)] | |||
<div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Weblinks == | |||
[[Kategorie:Wikipedia.de Artikel]] | |||
</div><div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/Dichotomie Wiktionary: Dichotomie]''' – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div><div class="mw-heading mw-heading2"> | |||
== Einzelnachweise == | |||
</div> | |||
#<span class="reference-text">Ursula Hermann: ''Knaurs etymologisches Lexikon.'' 10000 Wörter unserer Gegenwartssprache; Herkunft und Geschichte. Droemer Knaur, München 1983, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3426260743 ISBN 3-426-26074-3], S. 112.</span> | |||
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Pape Wilhelm Pape]/Max Sengebusch (Bearb.): <cite>Handwörterbuch der griechischen Sprache</cite>. 3. Auflage, 6. Abdruck. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914 ([http://images.zeno.org/Pape-1880/K/big/Pape-1880----01-0647.png zeno.org] [abgerufen am 9. Mai 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Helmut Genaust: ''Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen.'' 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Nikol, Hamburg 2005, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3937872167 ISBN 3-937872-16-7], S. 206 (Nachdruck von 1996).</span> | |||
#<span class="reference-text">Frank Wills: <cite>Kognitive Therapie nach Aaron T. Beck: Therapeutische Skills kompakt</cite>. Junfermann Verlag, 2014, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783955711337 ISBN 978-3-95571-133-7] ([https://books.google.de/books?id=Dro6BgAAQBAJ&pg=PA47#v=onepage google.de] [abgerufen am 19. Juli 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Rhena Branch, Rob Willson: <cite>Kognitive Verhaltenstherapie für Dummies</cite>. John Wiley & Sons, 2017, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783527810970 ISBN 978-3-527-81097-0] ([https://books.google.de/books?id=B19CDwAAQBAJ&pg=PT52&dq=alles+oder+nichts+denken&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwj68pq_-8DjAhVF66QKHWC5ByYQ6AEIQjAE#v=onepage&q=alles%20oder%20nichts%20denken&f=false google.de] [abgerufen am 19. Juli 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text"><span class="cite">[https://www.spektrum.de/news/lebensmuede-menschen-sprechen-in-absolutismen/1568192 ''Schwarz-weiß-Denken: Lebensmüde Menschen sprechen in Absolutismen.'']<span class="Abrufdatum"> Abgerufen am 19. Juli 2019</span>.</span></span> | |||
#<span class="reference-text">Domenic Cicchitti: <cite>Psychotherapie der dissoziativen Störungen: Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend</cite>. Georg Thieme Verlag, 2006, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783131305121 ISBN 978-3-13-130512-1]([https://books.google.de/books?id=5Kb3a_VyMCcC&pg=PA105&dq=Dichotomes+denken&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiSsuSF_MDjAhUS16QKHdnQBYMQ6AEIKTAA#v=onepage&q=Dichotomes%20denken&f=false google.de] [abgerufen am 19. Juli 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Birger Dulz, Sabine C. Herpertz, Otto F. Kernberg, Ulrich Sachsse: <cite>Handbuch der Borderline-Störungen: ÜberSetzungen von Hans-Otto Thomashoff</cite>. Schattauer, 2018, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783608263732 ISBN 978-3-608-26373-2] ([https://books.google.de/books?id=lv9DDwAAQBAJ&pg=PA254&dq=Dichotomes+denken&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiSsuSF_MDjAhUS16QKHdnQBYMQ6AEINTAC#v=onepage&q=Dichotomes%20denken&f=false google.de][abgerufen am 19. Juli 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Nancy Jay: <cite>Geschlechterdifferenzierung und dichotomes Denken</cite>. In: <cite>Männer Mythos Wissenschaft : Grundlagentexte zur feministischen Wissenschaftskritik</cite>. Centaurus-Verlag-Ges., Pfaffenweiler 1989, S. 245–262([https://www.meta-katalog.eu/Record/12047fmt meta-katalog.eu] [abgerufen am 19. Juli 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Barbara Schaeffer-Hegel, Maria-Barbara Watson-Franke: <cite>Männer Mythos Wissenschaft: Grundlagentexte zur feministischen Wissenschaftskritik</cite>. Centaurus-Verlagsgesellschaft, 1989, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783890852140 ISBN 978-3-89085-214-0]([https://books.google.de/books?id=VToqAAAAYAAJ&q=dichotomes+Denken&dq=dichotomes+Denken&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjMs_KgocHjAhXy8KYKHSMKDlY4ChDoAQg_MAU google.de] [abgerufen am 19. Juli 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Martin Sauerland: <cite>Design Your Mind! Denkfallen entlarven und überwinden: Mit zielführendem Denken die eigenen Potenziale voll ausschöpfen</cite>. Springer-Verlag, 2018, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783658214623 ISBN 978-3-658-21462-3] ([https://books.google.de/books?id=c8RXDwAAQBAJ&pg=PA20&dq=dichotomes+Denken&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiozsOXncHjAhUrIMUKHcQpDTsQ6AEILzAB#v=onepage&q=dichotomes%20Denken&f=false google.de][abgerufen am 19. Juli 2019]).</span> | |||
#<span class="reference-text">Vgl. Helmut Rehbock: ''Dichotomie.'' In: [https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Gl%C3%BCck Helmut Glück] (Hrsg.): ''Metzler Lexikon Sprache.'' 4. Auflage. Metzler, Stuttgart 2010.</span> | |||
#<span class="reference-text">David Hume, ''Of Money'', 1752/1964, S. 309</span> | |||
#<span class="reference-text">David Hume, ''Of Interest'', 1752/1964, S. 296</span> | |||
[[Kategorie:Begrifflogik]] | |||
Aktuelle Version vom 2. April 2026, 08:36 Uhr
dichotom-ie agr.-deu. wrtl. 'Zweischnitt'; 'Entzeitheit, Zweigeteiltheit', entspr. wrtl. lat.-deu. 'Division'
- Dichotomie f. ‘Zweiteilung, gabelartige Verzweigung’, entlehnt (17. Jh.)
- aus griech. dichotomíā (διχοτομία) ‘Teilung in zwei Hälften’,
Dichotomie (aus altgriechisch δίχα dícha, „zweifach, doppelt“ und altgriechisch τομή tomé „Schnitt“[1]) bezeichnet die Kategorisierung von zwei Objekten der gleichen Art, die einander ohne Schnittmenge gegenüberstehen, aber dennoch aufgrund bestimmter Merkmale als zusammengehörig wahrgenommen werden. Sie können einander ergänzen (zum Beispiel ein komplementäres Begriffspaar) oder eine Aufteilung in zwei Teile ausdrücken, zum Beispiel die Aufteilung eines Bereichs in zwei Teilbereiche (ein Markt in zwei Teilmärkte).
Dichotomie
Etymologie
Dichotomie bedeutet wörtlich ‚Halbieren, Zerschneiden‘ (altgriechisch διχοτομία dichotomía; aus altgriechisch δίχα dícha, deutsch ‚entzwei‘, ‚getrennt‘ und altgriechisch τέμνειν témnein, deutsch ‚schneiden‘).[2][3] Das Adjektiv lautet dichotom oder dichotomisch. Man spricht beispielsweise von einer dichotomen oder dichotomischen Methode, wenn sie auf Einteilungen in jeweils zwei Teile oder Gruppen beruht.
Dichotomie im Sinne der Mengentheorie

Entscheidend ist bei der dichotomen Einteilung einer Menge (Beispiel: Einteilung in zwei Begriffe A und B), dass
- jedes Element der einen oder der anderen Untermenge (A oder B) zuzuordnen ist und
- kein Element beiden Untermengen (Begriffen) zugleich zuzuordnen ist; die Untermengen dürfen also keine Schnittmenge haben (die Begriffe sind disjunkt).
Bei einer dichotomen Einteilung ist der Fehler der unangemessenen Einteilung ausgeschlossen. Es wird gefordert, dass zwei einander komplementäre Begriffe den Umfang oder die Bedeutung des ursprünglichen Begriffes vollständig umfassen. Eine unvollständige Einteilung oder eine sich überschneidende Einteilung ist somit nicht möglich. Die Vereinigung der dichotomen Begriffe führt wieder zum Ursprungsbegriff.
Dichotome Einteilungen sind nicht immer zweckmäßig. Zum Beispiel können bei plakativen Einteilungen der Bevölkerung in Alt und Jung, Stadt und Land, Schwarz und Weiß (Hautfarbe) die Unterschiede überbetont werden und mögliche Gemeinsamkeiten aus dem Blick geraten („Schwarz-Weiß-Malerei“).
Dichotomien in der Mathematik
Beispiele aus den Bereichen Mathematik und Logik:
- die Einteilung der ganzen Zahlen in gerade und ungerade Zahlen,
- die Einteilung der reellen Zahlen in rationale und irrationale Zahlen,
- die Einteilung der rationalen Zahlen in ganze Zahlen und Brüche, deren Zähler und Nenner teilerfremd sind,
- die Einteilung von Aussagen in wahre und falsche Aussagen („Tertium non datur“ (lat.: „Etwas drittes gibt es nicht“)).
In der Statistik versteht man unter einer dichotomen oder binären Variablen eine Variable, die zwei Ausprägungen hat, zum Beispiel die Variable „Münze“ mit den beiden Ausprägungen „Kopf“ und „Zahl“.
In der Testtheorie bezeichnet man ein Antwortformat als dichotom, wenn lediglich zwei Antwortmöglichkeiten vorgegeben sind, zum Beispiel „Ja“ und „Nein“. Im Gegensatz dazu werden auch mehrfach gestufte Antwortformate verwendet, zum Beispiel „nie“, „selten“, „manchmal“, „oft“ und „immer“.
In der mathematischen Optimierung versteht man unter einem dichotomen Verfahren eine Methode der lokalen nichtlinearen Optimierung ohne Nebenbedingung. Ein solches Verfahren, das mit gleich großen Halbierungen von Intervallen arbeitet, ist die Intervallhalbierungsmethode.
Dichotomien in der Astronomie
In der Astronomie wird die Phase, während der ein nicht selbst leuchtendes Gestirn – also meist ein Planet oder Mond im Gegensatz zu einem Stern – von einem Betrachter als zur Hälfte beleuchtet gesehen wird, als Dichotomie bezeichnet. In der visuellen Astronomie bedeutet Dichotomie daher auch „Halbphase“: Ein Planet oder Mond ist genau von der Seite beleuchtet (d. h. im Phasenwinkel 90°), sodass er als Halbkreisfläche erscheint. Bekanntestes Beispiel ist die Phase des Halbmondes, aus der zum Beispiel Aristarch von Samos die Entfernung des Mondes abschätzen konnte. Von der Erde aus können Halbphasen außer beim Mond nur bei den unteren Planeten Merkur und Venus beobachtet werden.
In der Planetologie steht der Begriff für die unter den festen Himmelskörpern verbreitete Erscheinung von zwei auffallend unterschiedlich gestalteten Halbkugeln. Die bekanntesten Beispiele sind neben der Erde und dem Erdmond der Planet Mars und der Saturnmond Iapetus:
- bei der Erde der auffällige Unterschied zwischen Land- und Wasserhemisphäre – eine Folge der Bildung des Pazifik,
- beim Mond die vielen Mare der Vorderseite, die auf der Mondrückseite weitgehend fehlen – eine Folge des „Großen Bombardements“ durch Asteroiden vor etwa vier Milliarden Jahren,
- beim Mars eine ähnliche „Zweiteilung“ zwischen Nord- und Südhemisphäre: im Norden hauptsächlich Tiefebenen, im Süden gewaltige Hochländer. (Der mittlere Großkreis, der diese topografischen Hemisphären voneinander trennt, ist dabei 40° gegen den Äquator geneigt. Die unsymmetrische Massenverteilung bewirkt, dass der Schwerpunkt des Mars gegenüber dem geometrischen Mittelpunkt um drei Kilometer in Richtung der nördlichen Tiefebenen versetzt ist.)
Beim Begriff „Venus-Dichotomie“ wird der Begriff nicht korrekt verwendet, weil er nicht die Halbphase, sondern die zeitweilige Sichelgestalt des Abend- bzw. Morgensterns betrifft. Die „Hörner“ der Venussichel stehen einander nicht um 180° gegenüber, sondern greifen über, eine Folge der dichten Venusatmosphäre. Diese „Dichotomie“ der Venussichel wurde schon im 17. Jahrhundert bemerkt, ist auch bei Tagbeobachtungen festzustellen und war vor der Epoche der Raumfahrt eine Möglichkeit, die Dichte der Atmosphäre abzuschätzen. Weil sie sich als erstaunlich dicht erwies, kam seit Hieronymus Schröter die Vermutung auf, es könnte Venusianer geben.
Dichotomie in der klinischen Psychologie
In der Klinischen Psychologie steht Dichotomie für ein absolutes Denkmuster und eine kognitive Verzerrung, bei dem eine Person Dinge nur in zwei extreme Stufen bzw. Kategorien unterteilt und ignoriert wird, dass sich dazwischen noch eine Skala von Graustufen befindet. Daher wird auch vom Alles-Oder-Nichts-Denken gesprochen. Beim Schwarz-Weiß-Denken schiebt der Patient neutrale (graue) Informationen in die negative (schwarze) Kategorie, was auf depressives Denken hindeutet.[4][5] Dichotomie kann eine kognitive Verzerrung der Depression und von anderen psychischen Erkrankungen wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der Dissoziativen Identitätsstörung sein. Bei einer dissoziativen Identitätsstörung wird zum Beispiel von einem Kind, das von dem Vater missbraucht worden ist, eine Teilpersönlichkeit erschaffen, die den Vater liebt, und eine, die ihn hasst. Grund dafür ist, dass die Tat nicht mit der Liebe des Vaters koexistieren kann und so zwei konträre Persönlichkeiten geschaffen werden, die nichts voneinander wissen oder sich nicht austauschen wollen.[6][7][8]
Beispiele für dichotomes Denken sind z. B. die Einteilung in Gut und Böse, die Einteilung in makellos und fehlerhaft, die Einteilung in sauber und schmutzig oder die Einteilung in heilig und sündhaft. Ebenfalls kann dichotomes Denken bei Vorurteilen und Rollenbildern, wie z. B. der Einteilung nach weiblichem und männlichem Verhalten vorkommen.[9][10]
Der Mensch wendet meist dichotomes Denken an, um gedankliche Abwägungen zu verdichten und zu kontrastieren, so dass wenig Zweifel an der Handlung aufkommt und diese daher konsequent durchgeführt werden kann. Ebenfalls wird es angewandt, um trotz mehrschichtigen und komplexen Konflikten zu einer relativ klaren Entscheidungsfindung zu kommen und die Komplexität bei der Entscheidungsfindung zu reduzieren und kognitive Prozesse und Zeit dadurch einzusparen. Im sozialen Kontext geht es Personen meist darum, sich mit ihrer Position von anderen abzugrenzen und durchzusetzen, was zu dichotomem Denken führen kann.
Allerdings gehen bei diesem Denken auch viele Abwägungsmöglichkeiten verloren und die Sachverhalte werden zu schnell, einseitig und subjektiv bewertet, so dass es oft an einem ausgewogenen Diskurs und Dialog mangelt oder es zur Vermeidung kommt. In Gruppen und Organisationen kann daher auch die rhetorische Strategie Advocatus Diaboli eingesetzt werden, um den aktuellen Stand der Diskussion zu kritisieren und so Einschränkungen und Einseitigkeiten zu hinterfragen und dementsprechend zu korrigieren.[11]
Dichotomien in anderen Gebieten
In der Botanik spricht man von Dichotomie oder einer dichotomen Teilung, wenn sich die ursprüngliche Sprossachse in zwei annähernd gleiche Teile verzweigt.
In der Phylogenetik werden in Kladogrammen oder Stammbäumen Verzweigungen von evolutionären Ästen als dichotom angenommen und bei unklaren Verwandtschaftsverhältnissen als polytome Knoten beschrieben.
Im Fach Anatomie bezieht sich der Begriff beispielsweise auf die Verzweigung der Luftröhre in zwei Hauptbronchien.
In der (strukturalistischen) Sprachwissenschaft sind viele Dichotomien grundlegend, zum Beispiel die Dichotomie von Synchronie und Diachronie oder die Dichotomie von Signifikant und Signifikat.[12]
Claude Lévi-Strauss hat Gesellschaften nach deren Motivation zum kulturellen Wandel eingeteilt und eine Dichotomie zwischen kalten und heißen Kulturen postuliert. David Graeber und David Wengrow beschreiben dichotome Verhaltensweisen beziehungsweise Kulturmerkmale zwischen benachbarten Gesellschaften und sprechen dabei von Schismogenese.
In der Volkswirtschaftslehre wurde David Hume 1752 bekannt für seine Auffassung von der reinen Dichotomie des Geldes, die in einer strikten Trennung des güter- und geldwirtschaftlichen Sektors zum Ausdruck kommt,[13]wobei die Inflation allein im geldwirtschaftlichen Sektor ihre Ursachen habe.[14] Außerdem wird die Trennung von Variablen in nominale und reale Größen als (neo)klassische Dichotomie bezeichnet.
Im deutschen Strafrecht bezeichnet man die Einteilung der Delikte in Verbrechen und Vergehen gemäß § 12 StGB als „Dichotomie des Strafrechts“, die zum 1. Januar 1975 an die Stelle der zuvor auch in Deutschland nach französischem Vorbild existierenden Trichotomie (Dreiteilung) getreten ist.
Die Sein-Sollen-Dichotomie ist ein metaethisches Prinzip, wonach eine dichotomische Einteilung in deskriptive und normative Aussagen in der Ethik besteht. Deshalb kann nicht von einem Sein auf ein Sollen geschlossen werden.
In der Philosophie gibt es verschiedene Lehren, die den Aufbau der Wirklichkeit auf zwei Prinzipien zurückführen. Ein Beispiel ist der Hylemorphismus. Dies ist die moderne Bezeichnung für eine zentrale Lehre in der Philosophie des Aristoteles, nach der die endlichen Substanzen aus zwei verschiedenen Prinzipien bestehen, nämlich dem Stoff oder der Materie (griechisch hýlē) und der Form (griechisch morphḗ).
Siehe auch
- Dihairesis (siehe dort Theorie der Dihairesis)
- Falsches Dilemma („falsche Dichotomie“)
- Polytomie (Vielteilung)
- Dualismus
- Gegensatz und Gegenteil
- Gegenbegriff (Antonym)
Weblinks
Einzelnachweise
- Ursula Hermann: Knaurs etymologisches Lexikon. 10000 Wörter unserer Gegenwartssprache; Herkunft und Geschichte. Droemer Knaur, München 1983, ISBN 3-426-26074-3, S. 112.
- Wilhelm Pape/Max Sengebusch (Bearb.): Handwörterbuch der griechischen Sprache. 3. Auflage, 6. Abdruck. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914 (zeno.org [abgerufen am 9. Mai 2019]).
- Helmut Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-16-7, S. 206 (Nachdruck von 1996).
- Frank Wills: Kognitive Therapie nach Aaron T. Beck: Therapeutische Skills kompakt. Junfermann Verlag, 2014, ISBN 978-3-95571-133-7 (google.de [abgerufen am 19. Juli 2019]).
- Rhena Branch, Rob Willson: Kognitive Verhaltenstherapie für Dummies. John Wiley & Sons, 2017, ISBN 978-3-527-81097-0 (google.de [abgerufen am 19. Juli 2019]).
- Schwarz-weiß-Denken: Lebensmüde Menschen sprechen in Absolutismen. Abgerufen am 19. Juli 2019.
- Domenic Cicchitti: Psychotherapie der dissoziativen Störungen: Krankheitsmodelle und Therapiepraxis – störungsspezifisch und schulenübergreifend. Georg Thieme Verlag, 2006, ISBN 978-3-13-130512-1(google.de [abgerufen am 19. Juli 2019]).
- Birger Dulz, Sabine C. Herpertz, Otto F. Kernberg, Ulrich Sachsse: Handbuch der Borderline-Störungen: ÜberSetzungen von Hans-Otto Thomashoff. Schattauer, 2018, ISBN 978-3-608-26373-2 (google.de[abgerufen am 19. Juli 2019]).
- Nancy Jay: Geschlechterdifferenzierung und dichotomes Denken. In: Männer Mythos Wissenschaft : Grundlagentexte zur feministischen Wissenschaftskritik. Centaurus-Verlag-Ges., Pfaffenweiler 1989, S. 245–262(meta-katalog.eu [abgerufen am 19. Juli 2019]).
- Barbara Schaeffer-Hegel, Maria-Barbara Watson-Franke: Männer Mythos Wissenschaft: Grundlagentexte zur feministischen Wissenschaftskritik. Centaurus-Verlagsgesellschaft, 1989, ISBN 978-3-89085-214-0(google.de [abgerufen am 19. Juli 2019]).
- Martin Sauerland: Design Your Mind! Denkfallen entlarven und überwinden: Mit zielführendem Denken die eigenen Potenziale voll ausschöpfen. Springer-Verlag, 2018, ISBN 978-3-658-21462-3 (google.de[abgerufen am 19. Juli 2019]).
- Vgl. Helmut Rehbock: Dichotomie. In: Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 4. Auflage. Metzler, Stuttgart 2010.
- David Hume, Of Money, 1752/1964, S. 309
- David Hume, Of Interest, 1752/1964, S. 296