„Bayesianische Erkenntnistheorie“ – Versionsunterschied
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[[bayesianisch|Bayesianische]] [[Erkenntnistheorie]] | |||
Die '''Bayesianische Erkenntnistheorie''' ist ein formaler Ansatz zu verschiedenen Themen der [[Erkenntnistheorie]], der seine Wurzeln in den Werken von [[Thomas Bayes]] auf dem Gebiet der [[Wahrscheinlichkeitstheorie]] hat.<ref name=":0"><span class="reference-text">Erik J. Olsson: <cite lang="en" dir="auto" class="lang">Introduction to Formal Philosophy</cite>. Springer, 2018, Bayesian Epistemology, S. 431–442 (englisch, [https://philpapers.org/rec/OLSBE Online]).</span></ref> Ein Vorteil ihrer formalen Methode gegenüber der traditionellen Erkenntnistheorie besteht darin, dass ihre [[Konzepte]] und [[Theoreme]] mit hoher [[Präzision]] [[definiert]] werden können. | |||
.< | Sie basiert auf der Idee, dass [[Glaube]] im Bezug auf [[subjektive Wahrscheinlichkeit]] verstanden werden kann. Als solche sind sie den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitstheorie unterworfen, die als [https://de.wikipedia.org/wiki/Rationalit%C3%A4t Rationalitätsnormen] fungieren. Diese Normen können in statische Bedingungen und dynamische Bedingungen unterteilt werden. Diese Bedingungen regeln, ob ein Glaube zu einem gewissen Zeitpunkt rational ist und ob bei Erhalt neuer Belege eine Änderung stattfinden soll. Der charakteristischste Bayesianische Ausdruck dieser Prinzipien findet sich in Form der sogenannten „Dutch books“, die die Irrationalität von Handelnden durch eine Reihe von Wetten veranschaulichen, die zu einem Verlust für den Handelnden führen, unabhängig davon, welches der probabilistischen Ereignisse eintritt. Bayesianer haben diese Grundprinzipien auf verschiedene erkenntnistheoretische Themen angewendet, aber der [[Bayesianismus]] deckt nicht alle Themen der traditionellen Erkenntnistheorie ab. Das Problem der [[Bestätigung (Wissenschaftstheorie)|Bestätigung]] in der [[Wissenschaftstheorie]] kann beispielsweise durch das Bayesianische ''Prinzip der Konditionalisierung'' angegangen werden, indem man davon ausgeht, dass ein Beleg eine Theorie bestätigt, wenn er die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass diese Theorie wahr ist. | ||
Es gibt verschiedene Vorschläge, den Begriff der [[Kohärenztheorie|Kohärenz]] in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit zu definieren, meist in dem Sinne, dass zwei Aussagen kohärent sind, wenn die Wahrscheinlichkeit ihrer Konjunktion höher ist, als wenn sie neutral zueinander stehen würden. Der Bayesianische Ansatz hat sich auch auf dem Gebiet der [[soziale Erkenntnistheorie|sozialen Erkenntnistheorie]] als fruchtbar erwiesen, zum Beispiel in Bezug darauf, inwiefern man den Behauptungen anderer vertrauen kann. Der Bayesianismus sieht sich immer noch mit verschiedenen theoretischen Einwänden konfrontiert, die noch nicht vollständig gelöst sind. | |||
== Beziehung zur traditionellen Erkenntnistheorie == | |||
Die traditionelle Erkenntnistheorie und die Bayesianische Erkenntnistheorie sind beide Formen der Erkenntnistheorie, unterscheiden sich jedoch in verschiedenen Punkten, beispielsweise hinsichtlich ihrer Methodik, ihrer Interpretation des Glaubens, der Rolle, die [[Begründung|Rechtfertigung]] oder [[Bestätigung (Wissenschaftstheorie)|Bestätigung]] in ihnen spielen, und einiger ihrer Forschungsinteressen. Die traditionelle Erkenntnistheorie befasst sich mit Themen wie der Analyse der ''Natur des [[Wissen]]s'', meist in Bezug auf gerechtfertigten wahren [[Glaube]]n, den ''Quellen des Wissens'', wie Wahrnehmung, der ''Struktur eines Wissensbestandes'', zum Beispiel in Form von [[Erkenntnistheoretischer Fundamentalismus|Fundamentalismus]] oder [[Kohärentismus]], und dem Problem der ''philosophischen Skepsis'' oder der Frage, ob Wissen überhaupt möglich ist.<ref>{{Internetquelle |autor=David A. Truncellito |url=https://iep.utm.edu/epistemo/ |titel=Epistemology |werk=Internet Encyclopedia of Philosophy |abruf=2021-03-05 |sprache=en}}</ref><ref>{{Internetquelle |autor=Matthias Steup, Ram Neta |url=https://plato.stanford.edu/entries/epistemology/ |titel=Epistemology |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2020 |abruf=2021-03-05 |sprache=en}}</ref> Diese Untersuchungen basieren normalerweise auf epistemischen Intuitionen und betrachten Glaubenssätze als entweder vorhanden oder abwesend.<ref name="Hartmann">{{Literatur |Autor=Stephan Hartmann, Jan Sprenger |Titel=The Routledge Companion to Epistemology |Verlag=London: Routledge |Datum=2010 |Sprache=en |Kapitel=Bayesian Epistemology |Seiten=609–620 |Online=[https://philpapers.org/rec/BOVSIO Online]}}</ref> Die Bayesianische Erkenntnistheorie hingegen arbeitet mit der Formalisierung von Begriffen und Problemen, die im traditionellen Ansatz oft vage sind. Sie konzentriert sich dabei stärker auf mathematische Intuitionen und verspricht ein höheres Maß an Präzision.<ref name="Olsson">{{Literatur |Autor=Erik J. Olsson |Titel=Introduction to Formal Philosophy |Verlag=Springer |Datum=2018 |Sprache=en |Kapitel=Bayesian Epistemology |Seiten=431–442 |Online=[https://philpapers.org/rec/OLSBE Online]}}</ref><ref name="Hartmann"/> Sie betrachtet Glauben als ein kontinuierliches Phänomen, das in verschiedenen Abstufungen auftritt, den sogenannten Glaubensgraden (''credences'').<ref name="Hájek">{{Literatur |Autor=Alan Hájek, Hanti Lin |Titel=A Tale of Two Epistemologies? |Sammelwerk=Res Philosophica |Band=94 |Nummer=2 |Datum=2017 |Sprache=en |Seiten=207–232 |DOI=10.5840/resphilosophica201794264 |Online=[https://philpapers.org/rec/HJEATO Online]}}</ref> Einige Bayesianer haben sogar vorgeschlagen, dass der herkömmliche Glaubensbegriff aufgegeben werden sollte.<ref name="Talbott">{{Internetquelle |autor=William Talbott |url=https://plato.stanford.edu/entries/epistemology-bayesian/ |titel=Bayesian Epistemology |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2016 |abruf=2021-03-06 |sprache=en}}</ref> | |||
Es gibt aber auch Vorschläge, die beiden miteinander zu verbinden, zum Beispiel die Locke'sche These (''Lockean thesis''), die den Glauben als Glaubensgrad über einem bestimmten Schwellenwert definiert.<ref>{{Literatur |Autor=Kevin Dorst |Titel=Lockeans Maximize Expected Accuracy |Sammelwerk=Mind |Band=128 |Nummer=509 |Datum=2019 |Sprache=en |Seiten=175–211 |DOI=10.1093/mind/fzx028 |Online=[https://philpapers.org/rec/DORLME-2 Online]}}</ref><ref>{{Literatur |Autor=Dustin Troy Locke |Titel=The Decision-Theoretic Lockean Thesis |Sammelwerk=Inquiry: An Interdisciplinary Journal of Philosophy |Band=57 |Nummer=1 |Datum=2014 |Sprache=en |Seiten=28–54 |DOI=10.1080/0020174x.2013.858421 |Online=[https://philpapers.org/rec/LOCTDL Online]}}</ref> In der traditionellen Erkenntnistheorie spielt die [[Epistemische Rechtfertigung|Rechtfertigung]] eine zentrale Rolle, wohingegen sich die Bayesianer auf die damit verwandten Begriffe der Bestätigung und Nichtbestätigung durch Belege konzentriert haben.<ref name="Hájek"/> Für beide Ansätze sind Belege wichtig, aber nur der traditionelle Ansatz ist an der Untersuchung der Quellen der Belege, wie Wahrnehmung und Gedächtnis, interessiert. Der Bayesianismus hingegen hat sich auf die Rolle von Belegen für Rationalität konzentriert: wie die Glaubensgrade einer Person nach Erhalt neuer Belege angepasst werden sollten.<ref name="Hájek"/> Es besteht eine Analogie zwischen den Bayesianischen Rationalitätsnormen in Bezug auf Wahrscheinlichkeitsgesetze und den traditionellen Rationalitätsnormen in Bezug auf die deduktive Konsistenz.<ref name="Hájek"/><ref name="Talbott"/> Bestimmte traditionelle Probleme, wie das Thema der Skepsis gegenüber unserem Wissen über die Außenwelt, lassen sich nur schwer in Bayesianischen Begriffen ausdrücken.<ref name="Hájek"/> | |||
== Grundlagen == | |||
Die Bayesianische Erkenntnistheorie basiert auf einigen wenigen Grundprinzipien, die zur Definition verschiedener anderer Begriffe verwendet und auf viele Themen der Erkenntnistheorie angewendet werden können.<ref name="Hájek"/><ref name="Hartmann"/> Im Kern stellen diese Prinzipien Bedingungen dafür dar, welche Glaubensgrade wir verschiedenen [[Aussage (Logik)|Propositionen]] zuschreiben sollten. Sie bestimmen, was eine ideal rationale Person glauben würde.<ref name="Talbott"/> Die Grundprinzipien können unterteilt werden in synchrone oder statische Prinzipien, die regeln, wie Glaubensgrade zu jedem Zeitpunkt zugewiesen werden, und diachrone oder dynamische Prinzipien, die festlegen, wie diese Glaubensgrade geändert werden sollten, wenn man neue Belege erhält. Die ''Wahrscheinlichkeitsaxiome'' und das „principal principle“ gehören zu den statischen Prinzipien, während das Prinzip der Konditionalisierung die dynamischen Aspekte als eine Form der probabilistischen Inferenz regelt.<ref name="Talbott"/><ref name="Hartmann"/> Der charakteristischste Bayesianische Ausdruck dieser Prinzipien findet sich in Form der sogenannten [[Dutch books]], die die Irrationalität von Handelnden durch eine Reihe von Wetten veranschaulichen, die zu einem Verlust für den Handelnden führen, unabhängig davon, welches der probabilistischen Ereignisse eintritt.<ref name="Hartmann"/> Dieser Test zur Feststellung von Irrationalität wird auch als „pragmatischer Selbstdemontagetest“ (''pragmatic self-defeat test'') bezeichnet.<ref name="Talbott"/> | |||
=== Glaube, Wahrscheinlichkeit und Wetten === | |||
Ein wichtiger Unterschied zur traditionellen Erkenntnistheorie besteht darin, dass sich die Bayesianische Erkenntnistheorie nicht auf den Begriff des einfachen Glaubens konzentriert, sondern auf den Begriff der Glaubensgrade, sogenannte „credences“.<ref name="Olsson"/> Dieser Ansatz versucht, die Idee der Gewissheit zu erfassen:<ref name="Hartmann"/> Wir glauben an verschiedenste Behauptungen, aber wir sind uns bei einigen sicherer, {{nowrap|z. B.}} dass die Erde rund ist, als bei anderen, {{nowrap|z. B.}} dass [[Platon]] der Autor des [[Alkibiades I|ersten Alkibiades]] war. Diese Grade treten in Werten zwischen 0 und 1 auf. 1 entspricht dem vollständigen Glauben der Behauptung, 0 entspricht dem vollständigen Unglauben, d. h. dem Glauben an das Gegenteil. Und 0,5 entspricht einem Nichtglauben, d. h. es wird weder die Behauptung noch ihr Gegenteil geglaubt. Laut der Bayesianischen Wahrscheinlichkeitsinterpretation stehen Glaubensgrade für subjektive Wahrscheinlichkeiten. In Anlehnung an [[Frank P. Ramsey]] werden sie im Sinne der Bereitschaft interpretiert, Geld auf eine Behauptung zu wetten.<ref>{{Internetquelle |autor=Alan Hájek |url=https://plato.stanford.edu/entries/probability-interpret/#SubPro |titel=Interpretations of Probability: 3.3 The Subjective Interpretation |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2019 |abruf=2021-03-06 |sprache=en}}</ref><ref name="Olsson"/><ref name="Hartmann"/> Ein Glaubensgrad von 0,8 ({{nowrap|d. h.}} 80 %), dass Ihre Lieblingsfußballmannschaft das nächste Spiel gewinnt, würde also bedeuten, dass Sie bereit sind, bis zu vier Euro aufs Spiel zu setzen, um die Chance zu haben, einen Euro Gewinn zu erzielen. Diese Darstellung stellt eine enge Verbindung zwischen der Bayesianischen Erkenntnistheorie und der [[Entscheidungstheorie]] her.<ref name="Pettigrew">{{Literatur |Autor=Richard Pettigrew |Titel=Précis of Accuracy and the Laws of Credence |Sammelwerk=Philosophy and Phenomenological Research |Band=96 |Nummer=3 |Datum=2018 |Sprache=en |Seiten=749–754 |DOI=10.1111/phpr.12501 |Online=[https://philpapers.org/rec/PETPOA-3 Online]}}</ref><ref>{{Literatur |Autor=Jonathan Weisberg |Titel=Handbook of the History of Logic: Inductive logic |Datum=2011 |Sprache=en |Kapitel=Varieties of Bayesianism: 2.2 The Degree of Belief Interpretation |Online=[https://philpapers.org/rec/WEIVOB Online]}}</ref> | |||
Es mag den Anschein haben, dass das Wettverhalten nur ein Spezialgebiet ist und als solches nicht geeignet ist, einen so allgemeinen Begriff wie Glaubensgrade zu definieren. Aber, wie Ramsey argumentiert, wetten wir ständig, wenn man dies im weitesten Sinne versteht. Wenn wir zum Beispiel zum Bahnhof gehen, wetten wir darauf, dass der Zug pünktlich kommt, sonst wären wir zu Hause geblieben.<ref name="Hartmann"/> Aus der Interpretation von Glaubensgraden im Sinne der Wettbereitschaft folgt, dass es irrational wäre, irgendeiner Aussage einen Glaubensgrad von 0 oder 1 zuzuschreiben, außer bei [[Kontradiktion|Widersprüchen]] und [[Tautologie (Logik)|Tautologie]]n.<ref name="Talbott"/> Der Grund hierfür ist, dass die Zuschreibung dieser Extremwerte bedeuten würde, dass man bereit wäre, alles zu wetten, einschließlich des eigenen Lebens, selbst wenn der mögliche Gewinn minimal wäre.<ref name="Olsson"/> Ein weiterer negativer Nebeneffekt solch extremer Glaubensgrade ist, dass sie dauerhaft fixiert sind und nicht mehr aktualisiert werden können, wenn man neue Belege erhält. | |||
Dieser zentrale Grundsatz des Bayesianismus, dass Glaubensgrade als subjektive Wahrscheinlichkeiten interpretiert werden und daher den Wahrscheinlichkeitsnormen unterliegen, wird als ''Probabilismus'' bezeichnet.<ref name="Pettigrew"/> Diese Normen drücken die Natur der Glaubensgrade von ideal rationalen Personen aus.<ref name="Hartmann"/> Sie stellen keine Anforderungen daran, welchen Glaubensgrad wir zu einem bestimmten Glaubenssatz haben sollten, zum Beispiel, ob es morgen regnen wird. Stattdessen schränken sie das Glaubenssystem als Ganzes ein.<ref name="Hartmann"/> Bei einem Glaubensgrad von 0,8, dass es morgen regnen wird, sollte beispielsweise der Glaubensgrad in die gegenteilige Proposition, nämlich dass es morgen nicht regnen wird, 0,2 betragen, nicht 0,1 oder 0,5. Laut Stephan Hartmann und Jan Sprenger lassen sich die Axiome der Wahrscheinlichkeit durch die folgenden beiden Gesetze ausdrücken: (1) <math>P(A) = 1</math> für jede Tautologie <math>A</math>; (2) für inkompatible (sich gegenseitig ausschließende) Propositionen <math>A</math> and <math>B</math>, <math>P(A \lor B) = P(A) + P(B)</math>.<ref name="Hartmann"/> | |||
Ein weiteres wichtiges Bayesianisches Prinzip der Glaubensgrade ist das von [[David Kellogg Lewis|David Lewis]] stammende „principal principle“.<ref name="Pettigrew"/> Es besagt, dass unser Wissen über objektive Wahrscheinlichkeiten mit unseren subjektiven Wahrscheinlichkeiten in Form von Glaubensgraden übereinstimmen sollte.<ref name="Hartmann"/><ref name="Hájek"/> Wenn Sie also wissen, dass die objektive Wahrscheinlichkeit, dass eine Münze auf Kopf landet, bei 50 % liegt, dann sollte Ihr Glaubensgrad, dass die Münze auf Kopf landet, bei 0,5 liegen. | |||
Die ''Wahrscheinlichkeitsaxiome'' bestimmen zusammen mit dem ''principal principle'' den ''statischen'' oder ''synchronen'' Aspekt der Rationalität: wie die Glaubensgrade einer Person aussehen sollten, wenn man sie nur einen Moment betrachtet.<ref name="Olsson"/> Rationalität beinhaltet aber auch einen ''dynamischen'' oder ''diachronen'' Aspekt, der beim Ändern der eigenen Glaubensgrade ins Spiel kommt, wenn man mit neuen Belegen konfrontiert wird. Dieser Aspekt wird durch das ''Prinzip der Konditionalisierung'' bestimmt.<ref name="Olsson"/><ref name="Hartmann"/> | |||
=== Prinzip der Konditionalisierung === | |||
Das Prinzip der Konditionalisierung regelt, wie sich die Glaubensgrade einer Person an eine Hypothese ändern sollte, wenn sie neue Belege für oder gegen diese Hypothese erhält.<ref name="Talbott"/><ref name="Pettigrew"/> Als solches drückt es den dynamischen Aspekt des Verhaltens ideal rationaler Personen aus.<ref name="Olsson"/> Es basiert auf dem Begriff der [[bedingte Wahrscheinlichkeit|bedingten Wahrscheinlichkeit]], die das Maß für die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Ereignis eintritt, wenn ein anderes Ereignis bereits eingetreten ist. Die unbedingte Wahrscheinlichkeit, dass <math>A</math> eintritt, wird gewöhnlich mit <math>P(A)</math> ausgedrückt, während die bedingte Wahrscheinlichkeit, dass <math>A</math> eintritt, wenn <math>B</math> bereits eingetreten ist, als <math>P(A \mid B)</math> geschrieben wird. Zum Beispiel beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Münze bei zwei Würfen zweimal auf Kopf landet, nur 25 %. Aber die bedingte Wahrscheinlichkeit dafür, dass dies eintritt, wenn die Münze schon beim ersten Wurf auf Kopf gelandet ist, beträgt dann 50 %. Das Prinzip der Konditionalisierung wendet diese Idee auf Glaubensgrade an:<ref name="Olsson"/> Wir sollten unseren Glaubensgrad, dass die Münze zweimal auf Kopf landet, ändern, wenn wir einen Beleg dafür erhalten, dass sie bereits beim ersten Wurf auf Kopf gelandet ist. Die Wahrscheinlichkeit, die der Hypothese vor dem Ereignis zugewiesen wurde, wird als [[A-priori-Wahrscheinlichkeit]] bezeichnet.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.oxfordreference.com/view/10.1093/oi/authority.20110803100346583 |titel=prior probability |werk=Oxford Reference |abruf=2021-03-06 |sprache=en}}</ref> Die Wahrscheinlichkeit danach ist die [[A-posteriori-Wahrscheinlichkeit]]. Nach dem ''einfachen Prinzip der Konditionalisierung'' lässt sich dies folgendermaßen ausdrücken: <math>P_\text{posterior}(H) = P_\text{prior}(H \mid B) = \frac {P_\text{prior}(H \land B)}{P_\text{prior}(B)}</math>.<ref name="Olsson"/><ref name="Talbott"/> Die A-posteriori-Wahrscheinlichkeit, dass die Hypothese wahr ist, ist also gleich der bedingten A-priori-Wahrscheinlichkeit, dass die Hypothese bei Eintreten des Belegs wahr ist, welche wiederum gleich der A-priori-Wahrscheinlichkeit ist, dass sowohl die Hypothese wahr ist und der Beleg eintritt, geteilt durch die A-priori-Wahrscheinlichkeit, dass der Beleg eintritt. Der ursprüngliche Ausdruck dieses Prinzips, der sogenannte [[Satz von Bayes]], kann direkt aus dieser Formulierung abgeleitet werden.<ref name="Talbott"/> | |||
Das ''einfache Prinzip der Konditionalisierung'' macht die Annahme, dass unsere Glaubensgrade an erworbene Belege, also deren A-posteriori-Wahrscheinlichkeit, 1 beträgt, was unrealistisch ist. Wissenschaftler müssen beispielsweise manchmal zuvor akzeptierte Belege verwerfen, wenn sie neue Entdeckungen machen, was unmöglich wäre, wenn der entsprechende Glaubensgrad 1 wäre.<ref name="Talbott"/> Eine alternative Form der Konditionalisierung, die von [[Richard Jeffrey]] vorgeschlagen wurde, passt die Formel an, um die Wahrscheinlichkeit der Belege zu berücksichtigen:<ref>{{Literatur |Autor=Christopher J. G. Meacham |Titel=Understanding Conditionalization |Sammelwerk=Canadian Journal of Philosophy |Band=45 |Nummer=5 |Datum=2015 |Sprache=en |Seiten=767–797 |DOI=10.1080/00455091.2015.1119611 |Online=[https://philpapers.org/rec/MEAUC Online]}}</ref><ref>{{Literatur |Autor=Borut Trpin |Titel=Jeffrey Conditionalization: Proceed with Caution |Sammelwerk=Philosophical Studies |Band=177 |Nummer=10 |Datum=2020 |Sprache=en |Seiten=2985–3012 |DOI=10.1007/s11098-019-01356-3 |Online=[https://philpapers.org/rec/TRPJCP Online]}}</ref> <math>P_\text{posterior}(H) = P_\text{prior}(H \mid B) \cdot P_\text{posterior}(B) + P_\text{prior}(H \mid \lnot B) \cdot P_\text{posterior}(\lnot B)</math>.<ref name="Talbott"/> | |||
=== Dutch books === | |||
Englisch ''Dutch books'' bedeutet wörtlich ''niederländische Bücher''. Dieser Ausdruck meint aber nicht ''ganz bestimmte'' oder ''irgend welche'' Bücher aus den Niederlanden, sondern geht zurück auf die Bücher von [[Buchmacher]]n, also Läden die Wetten annehmen. | |||
Ein Dutch book ist eine Reihe von Wetten, die zwangsläufig zu einem Verlust führt.<ref>{{Literatur |Autor=Richard Pettigrew |Titel=The Dutch Book Arguments |Verlag=Cambridge, UK: Cambridge University Press |Datum=2020 |Sprache=en |Online=[https://philpapers.org/rec/PETTDB Online]}}</ref><ref name="Vineberg">{{Internetquelle |autor=Susan Vineberg |url=https://plato.stanford.edu/entries/dutch-book/ |titel=Dutch Book Arguments |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2016 |abruf=2021-03-06 |sprache=en}}</ref> Eine Person ist anfällig für ein Dutch book, wenn ihre Glaubensgrade gegen die Wahrscheinlichkeitsgesetze verstoßen.<ref name="Hartmann"/> Dies kann entweder auf synchrone Weise geschehen, wenn der Konflikt zwischen gleichzeitig gehaltenen Glaubensgraden auftritt, oder auf diachrone Weise, wenn die Person nicht angemessen auf neue Belege reagiert.<ref name="Talbott"/><ref name="Vineberg"/> Im einfachsten synchronen Fall sind nur zwei Glaubensgrade beteiligt: der Glaubensgrad in eine Proposition und in ihre Verneinung.<ref name="Talbott2"/> Die Wahrscheinlichkeitsgesetze besagen, dass diese beiden Glaubensgrade zusammen 1 ergeben sollten, da entweder die Proposition oder ihre Verneinung wahr ist. Personen, die gegen dieses Gesetz verstoßen, sind anfällig für ein synchrones Dutch book.<ref name="Talbott"/> Dies ist beispielsweise der Fall, wenn eine Person einen Glaubensgrad von 0,51 hat, dass es morgen regnen wird, und einen Glaubensgrad von 0,51, dass es morgen nicht regnen wird. In diesem Fall wäre die Person bereit, zwei Wetten zu 0,51 € anzunehmen für die Chance, 1 € zu erhalten: eine, dass es regnen wird, und eine andere, dass es nicht regnen wird. Die beiden Wetten zusammen kosten 1,02 €, was zu einem Verlust von 0,02 € führt, unabhängig davon, ob es regnen wird oder nicht.<ref name="Talbott2">{{Internetquelle |autor=William Talbott |url=https://plato.stanford.edu/entries/epistemology-bayesian/supplement2.html |titel=Bayesian Epistemology > Dutch Book Arguments (Stanford Encyclopedia of Philosophy) |werk=plato.stanford.edu |abruf=2023-01-12 |sprache=en |archiv-url=https://web.archive.org/web/20210927064319/https://plato.stanford.edu/entries/epistemology-bayesian/supplement2.html |archiv-datum=2021-09-27 |offline=ja }}</ref> Das Prinzip hinter diachronen Dutch books ist dasselbe, aber sie sind komplizierter, da sie Wetten vor und nach dem Erhalt neuer Belege beinhalten und zudem berücksichtigen müssen, dass es in jedem Fall einen Verlust gibt, unabhängig davon, wie die Belege ausfallen.<ref name="Talbott2"/><ref name="Vineberg"/> | |||
Es gibt verschiedene Interpretationen darüber, was es bedeutet, dass eine Person anfällig für ein Dutch book ist. Nach der traditionellen Interpretation zeigt eine solche Anfälligkeit, dass die Person irrational ist, da sie sich bereitwillig auf ein Verhalten einlassen würde, das nicht in ihrem besten Eigeninteresse liegt.<ref name="Talbott"/> Ein Problem dieser Auslegung besteht darin, dass sie von logischer Allwissenheit als Voraussetzung für Rationalität ausgeht, was insbesondere in komplizierten diachronen Fällen problematisch ist. Eine alternative Interpretation verwendet Dutch books als „eine Art Heuristik, um festzustellen, wann die eigenen Glaubensgrade das Potenzial zur pragmatischen Selbstdemontage haben“.<ref name="Talbott"/> Diese Auslegung ist mit einer realistischeren Auffassung der Rationalität angesichts menschlicher Begrenztheit vereinbar.<ref name="Vineberg"/> | |||
Dutch books stehen in engem Zusammenhang mit den Wahrscheinlichkeitsaxiomen.<ref name="Vineberg"/> Das ''Dutch book Theorem'' besagt, dass nur Glaubensgradverteilungen, die nicht den Wahrscheinlichkeitsaxiomen folgen, anfällig für Dutch books sind. Das ''umgekehrte Dutch book Theorem'' besagt, dass keine Glaubensgradverteilung, die diesen Axiomen folgt, durch ein Dutch book angreifbar ist.<ref name="Hartmann"/><ref name="Vineberg"/> | |||
== Anwendungen == | |||
=== Bestätigungstheorie === | |||
In der Wissenschaftstheorie bezieht sich der Begriff „[[Bestätigung (Wissenschaftstheorie)|Bestätigung]]“ auf die Beziehung zwischen einem Beleg und einer dadurch bestätigten Hypothese.<ref name="Huber">{{Internetquelle |autor=Franz Huber |url=https://iep.utm.edu/conf-ind/ |titel=Confirmation and Induction |werk=Internet Encyclopedia of Philosophy |abruf=2021-03-06 |sprache=en}}</ref> Die ''Bestätigungstheorie'' ist das Studium der Bestätigung und Entkräftung: wie wissenschaftliche Hypothesen durch Belege gestützt oder entkräftet werden.<ref name="Crupi">{{Internetquelle |autor=Vincenzo Crupi |url=https://plato.stanford.edu/entries/confirmation/ |titel=Confirmation |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2021 |abruf=2021-03-06 |sprache=en}}</ref> Die ''Bayesianische Bestätigungstheorie'' bietet ein Modell der Bestätigung, das auf dem ''Prinzip der Konditionalisierung'' beruht.<ref name="Talbott"/><ref name="Huber"/> Ein Beleg bestätigt eine Theorie, wenn die bedingte Wahrscheinlichkeit dieser Theorie relativ zum Beleg höher ist als die unbedingte Wahrscheinlichkeit der Theorie an sich.<ref name="Huber"/> Formal ausgedrückt: <math>P(H \mid B) > P(H)</math>.<ref name="Talbott"/> Wenn der Beleg die Wahrscheinlichkeit der Hypothese verringert, wird sie entkräftet. Wissenschaftler interessieren sich normalerweise nicht nur dafür, ob ein Beleg eine Theorie stützt, sondern auch, wie viel Unterstützung er bietet. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie dieser Grad bestimmt werden kann.<ref name="Huber"/> Die einfachste Version misst bloß die Differenz zwischen der bedingten Wahrscheinlichkeit der Hypothese relativ zum Beleg und der unbedingten Wahrscheinlichkeit der Hypothese, {{nowrap|d. h.}} der Grad der Unterstützung ist <math>P(H \mid B) - P(H)</math>.<ref name="Hartmann"/> Das Problem bei der Messung dieses Grades besteht darin, dass er davon abhängt, wie sicher die Theorie bereits vor Erhalt des Belegs ist. Wenn also ein Wissenschaftler bereits sehr sicher ist, dass eine Theorie wahr ist, dann wird ein weiterer Beleg seinen Glaubensgrad nicht sehr beeinflussen, selbst wenn der Beleg sehr stark wäre.<ref name="Talbott"/><ref name="Hartmann"/> Eine weitere Bedingung ist, dass überraschende Belege, welche für sich genommen eine geringe Wahrscheinlichkeit haben, mehr Unterstützung bieten.<ref name="Hartmann"/><ref name="Huber"/> Wissenschaftler stehen oft vor dem Problem, sich zwischen zwei konkurrierenden Theorien entscheiden zu müssen. In solchen Fällen geht es nicht so sehr um die absolute Bestätigung oder darum, inwieweit ein neuer Beleg diese oder jene Theorie unterstützen würde, sondern um die relative Bestätigung, {{nowrap|d. h.}} darum, welche Theorie durch den neuen Beleg stärker unterstützt wird.<ref name="Talbott"/> | |||
Ein bekanntes Problem der Bestätigungstheorie ist das [[Rabenparadox]] von [[Carl Gustav Hempel]].<ref name="Fitelson"/><ref name="Crupi"/><ref name="Huber"/> Hempel weist zunächst darauf hin, dass der ''Anblick eines schwarzen Rabens'' als Beleg für die Hypothese gilt, dass ''alle Raben schwarz sind'', während der ''Anblick eines grünen Apfels'' normalerweise nicht als Beleg für oder gegen diese Hypothese angesehen wird. Das Paradox besteht in der Überlegung, dass die Hypothese „alle Raben sind schwarz“ logisch äquivalent ist zu der Hypothese „wenn etwas nicht schwarz ist, dann ist es kein Rabe“.<ref name="Huber"/> Da der Anblick eines grünen Apfels als Beleg für die zweite Hypothese gilt, sollte er auch als Beleg für die erste Hypothese gelten.<ref name="Talbott"/> Der Bayesianismus erlaubt, dass der Anblick eines grünen Apfels die Rabenhypothese unterstützt, und erklärt zugleich unsere anfängliche entgegengesetzte Intuition. Zu diesem Ergebnis kommt man, wenn man annimmt, dass der Anblick eines grünen Apfels die Rabenhypothese zwar nur minimal, aber dennoch positiv unterstützt, während der Anblick eines schwarzen Rabens deutlich mehr Unterstützung bietet.<ref name="Talbott"/><ref name="Huber"/><ref name="Fitelson">{{Literatur |Autor=Branden Fitelson, James Hawthorne |Titel=How Bayesian Confirmation Theory Handles the Paradox of the Ravens |Sammelwerk=The Place of Probability in Science |Band=284 |Verlag=Springer |Datum=2010 |Sprache=en |Seiten=247–275 |DOI=10.1007/978-90-481-3615-5_11 |Online=[https://philpapers.org/rec/HAWHBC Online]}}</ref> | |||
=== Kohärenz === | |||
Kohärenz spielt in verschiedenen erkenntnistheoretischen Theorien eine zentrale Rolle, beispielsweise in der Kohärenztheorie der Wahrheit oder in der Kohärenztheorie der Rechtfertigung.<ref>{{Internetquelle |autor=James O. Young |url=https://plato.stanford.edu/entries/truth-coherence/ |titel=The Coherence Theory of Truth |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2018 |abruf=2021-03-04 |sprache=en}}</ref><ref>{{Internetquelle |autor=Erik Olsson |url=https://plato.stanford.edu/entries/justep-coherence/ |titel=Coherentist Theories of Epistemic Justification |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2017 |abruf=2021-03-04 |sprache=en}}</ref> Es wird oft angenommen, dass Gruppen von Glaubenssätzen eher wahr sind, wenn sie kohärent sind, als wenn sie nicht kohärent sind.<ref name="Olsson"/> So würden wir beispielsweise eher einem Detektiv vertrauen, der alle Beweisstücke zu einer kohärenten Geschichte zusammenfügen kann. Es besteht jedoch keine allgemeine Einigkeit darüber, wie Kohärenz zu definieren ist.<ref name="Olsson"/><ref name="Hartmann"/> Der Bayesianismus wurde auf diesem Gebiet angewandt, indem er präzise Definitionen von Kohärenz in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit bietet, die dann zur Lösung anderer Probleme im Zusammenhang mit Kohärenz eingesetzt werden können.<ref name="Hartmann"/> Eine solche Definition wurde von Tomoji Shogenji vorgebracht, der vorschlägt, dass die Kohärenz zwischen zwei Glaubenssätzen gleich der Wahrscheinlichkeit ihrer Konjunktion geteilt durch die Wahrscheinlichkeit jedes einzelnen Glaubenssatzes ist, {{nowrap|d. h.}} <math>Koh\ddot{a}renz(A, B) = \frac{P(A \land B)}{(P(A) \cdot P(B))}</math>.<ref name="Hartmann"/><ref name="Shogenji"/> Intuitiv gesehen wird damit gemessen, wie wahrscheinlich es ist, dass die beiden Glaubenssätze gleichzeitig wahr sind, im Vergleich dazu, wie wahrscheinlich dies wäre, wenn sie in einem neutralen Verhältnis zueinander stünden.<ref name="Shogenji">{{Literatur |Autor=Tomoji Shogenji |Titel=Is Coherence Truth Conducive? |Sammelwerk=Analysis |Band=59 |Nummer=4 |Datum=1999 |Sprache=en |Seiten=338–345 |DOI=10.1111/1467-8284.00191 |Online=[https://philpapers.org/rec/SHOICT Online]}}</ref> Die Kohärenz ist hoch, wenn die beiden Glaubenssätze füreinander relevant sind.<ref name="Hartmann"/> Die so definierte Kohärenz ist relativ zu einer Glaubensgradverteilung. Dies bedeutet, dass es vorkommen kann, dass zwei Propositionen eine hohe Kohärenz für eine Person und eine niedrige Kohärenz für eine andere Person haben, aufgrund der Unterschiede in den A-posteriori-Wahrscheinlichkeiten der Glaubensgrade der beiden Personen.<ref name="Hartmann"/> | |||
=== Soziale Erkenntnistheorie === | |||
Die soziale Erkenntnistheorie untersucht die Relevanz sozialer Faktoren für das Wissen.<ref name="Goldman">{{Internetquelle |autor=Alvin Goldman, Cailin O'Connor |url=https://plato.stanford.edu/entries/epistemology-social/ |titel=Social Epistemology |werk=The Stanford Encyclopedia of Philosophy |hrsg=Metaphysics Research Lab, Stanford University |datum=2021 |abruf=2023-01-12 |sprache=en}}</ref> Dies ist beispielsweise im Bereich der Wissenschaft relevant, da einzelne Wissenschaftler oft auf die Entdeckungen anderer Wissenschaftler vertrauen müssen, um Fortschritte zu erzielen.<ref name="Olsson"/> Der Bayesianische Ansatz kann auf verschiedene Themen der sozialen Erkenntnistheorie angewendet werden. Zum Beispiel kann probabilistisches Denken im Bezug auf Zeugenaussagen verwendet werden, um zu bewerten, wie zuverlässig ein bestimmter Bericht ist.<ref name="Talbott"/> Auf diese Weise kann formal nachgewiesen werden, dass Zeugenaussagen, die probabilistisch unabhängig voneinander sind, mehr Unterstützung bieten als andernfalls.<ref name="Olsson"/> Ein weiteres Thema in der sozialen Erkenntnistheorie betrifft die Frage, wie man den Glauben der Individuen innerhalb einer Gruppe aggregieren kann, um den Glauben der Gruppe als Ganzes zu ermitteln.<ref name="Goldman"/> Der Bayesianismus geht an dieses Problem heran, indem er die Wahrscheinlichkeitszuweisungen der verschiedenen Individuen aggregiert.<ref name="Talbott"/><ref name="Olsson"/> | |||
== Kritik == | |||
=== Problem der Prioren === | |||
Um probabilistische Schlussfolgerungen auf der Grundlage neuer Belege ziehen zu können, muss der betreffenden Proposition bereits eine A-priori-Wahrscheinlichkeit zugewiesen worden sein.<ref name="Pettigrew2">{{Literatur |Autor=Richard Pettigrew |Titel=Accuracy, Risk, and the Principle of Indifference |Sammelwerk=Philosophy and Phenomenological Research |Band=92 |Nummer=1 |Datum=2016 |Sprache=en |Seiten=35–59 |DOI=10.1111/phpr.12097 |Online=[https://philpapers.org/rec/PETARA-4 Online]}}</ref> Dies ist jedoch nicht immer der Fall: Es gibt viele Propositionen, die eine Person nie in Betracht gezogen hat und zu denen sie daher keinen Glaubensgrad hat. Dieses Problem wird in der Regel dadurch gelöst, dass man der betreffenden Proposition eine Wahrscheinlichkeit zuweist, um durch Konditionalisierung aus den neuen Belegen zu lernen.<ref name="Talbott"/><ref>{{Literatur |Autor=Jeffrey A. Barrett |Titel=Description and the Problem of Priors |Sammelwerk=Erkenntnis |Band=79 |Nummer=6 |Datum=2014 |Sprache=en |Seiten=1343–1353 |DOI=10.1007/s10670-014-9604-2 |Online=[https://philpapers.org/rec/BARDAT-3 Online]}}</ref> Das ''Problem der Prioren'' betrifft die Frage, wie diese anfängliche Zuweisung erfolgen sollte.<ref name="Pettigrew2"/> ''Subjektive Bayesianer'' gehen davon aus, dass es neben der probabilistischen Kohärenz keine oder nur wenige Bedingungen gibt, die bestimmen, wie wir die Anfangswahrscheinlichkeiten zuweisen. Das Argument für diese Freiheit bei der Wahl der anfänglichen Glaubensgrade ist, dass sich die Glaubensgrade ändern werden, wenn wir mehr Belege erhalten, und nach einer ausreichenden Anzahl von Schritten auf denselben Wert konvergieren, unabhängig davon, wo wir beginnen.<ref name="Talbott"/> ''Objektive Bayesianer'' hingegen behaupten, dass es verschiedene Bedingungen für die anfängliche Zuordnung gibt. Eine wichtige Bedingung ist das [[Indifferenzprinzip]].<ref name="Hájek"/><ref name="Pettigrew2"/> Es besagt, dass die Glaubensgrade gleichmäßig auf alle möglichen Ergebnisse verteilt werden sollten.<ref>{{Literatur |Autor=Benjamin Eva |Titel=Principles of Indifference |Sammelwerk=Journal of Philosophy |Band=116 |Nummer=7 |Datum=2019 |Sprache=en |Seiten=390–411 |DOI=10.5840/jphil2019116724 |Online=[https://philpapers.org/rec/EVAPOI Online]}}</ref><ref name="Pettigrew"/> In einem Beispiel möchte eine Person die Farbe der Kugeln vorhersagen, die aus einer Urne gezogen werden, die nur rote und schwarze Kugeln enthält, ohne Informationen über das Verhältnis von roten zu schwarzen Kugeln zu haben.<ref name="Talbott"/> Auf diese Situation angewandt, besagt das Indifferenzprinzip, dass die Person zunächst davon ausgehen sollte, dass die Wahrscheinlichkeit, eine rote Kugel zu ziehen, 50 % beträgt. Dies ist auf symmetrische Überlegungen zurückzuführen: Es ist die einzige Verteilung, bei der die A-priori-Wahrscheinlichkeiten invariant gegenüber einer Änderung der Bezeichnung sind.<ref name="Talbott"/> Während dieser Ansatz in einigen Fällen funktioniert, führt er in anderen Fällen zu Paradoxien. Ein weiterer Einwand ist, dass man keine A-priori-Wahrscheinlichkeiten auf der Grundlage von anfänglicher Unwissenheit zuweisen sollte.<ref name="Talbott"/> | |||
=== Problem der logischen Allwissenheit === | |||
Die Rationalitätsnormen gemäß den Standarddefinitionen der Bayesianischen Erkenntnistheorie setzen ''logische Allwissenheit'' voraus: Die Person muss sicherstellen, dass sie alle Wahrscheinlichkeitsgesetze für alle ihre Glaubensgrade genau befolgt, um als rational zu gelten.<ref>{{Literatur |Autor=Sinan Dogramaci |Titel=Solving the Problem of Logical Omniscience |Sammelwerk=Philosophical Issues |Band=28 |Nummer=1 |Datum=2018 |Sprache=en |Seiten=107–128 |DOI=10.1111/phis.12118 |Online=[https://philpapers.org/rec/DOGSTP Online]}}</ref><ref>{{Literatur |Autor=Peter Hawke, Aybüke Özgün, Francesco Berto |Titel=The Fundamental Problem of Logical Omniscience |Sammelwerk=Journal of Philosophical Logic |Band=49 |Nummer=4 |Datum=2020 |Sprache=en |Seiten=727–766 |DOI=10.1007/s10992-019-09536-6 |Online=[https://philpapers.org/rec/HAWTFP-2 Online]}}</ref> Wer dies nicht tut, ist anfällig für [[Dutch books]] und daher irrational. Dies ist ein unrealistischer Maßstab für den Menschen, wie Kritiker hervorgehoben haben.<ref name="Talbott"/> | |||
=== Alte Belege === | |||
Das sogenannte {{lang|en|old evidence problem}} (Problem der alten Belege) betrifft Fälle, in denen eine Person zum Zeitpunkt des Erwerbs eines Belegs nicht weiß, dass er eine Hypothese bestätigt, sondern erst später von dieser unterstützenden Beziehung erfährt.<ref name="Talbott"/> Normalerweise würde die Person ihren Glaubensgrad an die Hypothese erhöhen, nachdem sie diese Beziehung entdeckt hat. Dies ist jedoch in der Bayesianischen Bestätigungstheorie nicht zulässig, da eine Konditionalisierung nur bei einer Änderung der Wahrscheinlichkeit der Belegaussage erfolgen kann, was nicht der Fall ist.<ref name="Talbott"/><ref name="Howson"/> Die Beobachtung bestimmter [[Tests der allgemeinen Relativitätstheorie#Periheldrehung des Merkur|Anomalien in der Umlaufbahn Merkurs]] ist beispielsweise ein Beleg für die [[allgemeine Relativitätstheorie]]. Diese Daten wurden jedoch vor der Formulierung der Theorie erworben und gelten daher als alte Belege.<ref name="Howson">{{Literatur |Autor=Colin Howson |Titel=The 'Old Evidence' Problem |Sammelwerk=British Journal for the Philosophy of Science |Band=42 |Nummer=4 |Datum=1991 |Sprache=en |Seiten=547–555 |DOI=10.1093/bjps/42.4.547 |Online=[https://philpapers.org/rec/HOWTOE Online]}}</ref> | |||
== Siehe auch == | |||
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== Einzelnachweise == | |||
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Aktuelle Version vom 30. Juli 2026, 20:24 Uhr
Bayesianische Erkenntnistheorie
Die Bayesianische Erkenntnistheorie ist ein formaler Ansatz zu verschiedenen Themen der Erkenntnistheorie, der seine Wurzeln in den Werken von Thomas Bayes auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitstheorie hat.[1] Ein Vorteil ihrer formalen Methode gegenüber der traditionellen Erkenntnistheorie besteht darin, dass ihre Konzepte und Theoreme mit hoher Präzision definiert werden können.
Sie basiert auf der Idee, dass Glaube im Bezug auf subjektive Wahrscheinlichkeit verstanden werden kann. Als solche sind sie den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitstheorie unterworfen, die als Rationalitätsnormen fungieren. Diese Normen können in statische Bedingungen und dynamische Bedingungen unterteilt werden. Diese Bedingungen regeln, ob ein Glaube zu einem gewissen Zeitpunkt rational ist und ob bei Erhalt neuer Belege eine Änderung stattfinden soll. Der charakteristischste Bayesianische Ausdruck dieser Prinzipien findet sich in Form der sogenannten „Dutch books“, die die Irrationalität von Handelnden durch eine Reihe von Wetten veranschaulichen, die zu einem Verlust für den Handelnden führen, unabhängig davon, welches der probabilistischen Ereignisse eintritt. Bayesianer haben diese Grundprinzipien auf verschiedene erkenntnistheoretische Themen angewendet, aber der Bayesianismus deckt nicht alle Themen der traditionellen Erkenntnistheorie ab. Das Problem der Bestätigung in der Wissenschaftstheorie kann beispielsweise durch das Bayesianische Prinzip der Konditionalisierung angegangen werden, indem man davon ausgeht, dass ein Beleg eine Theorie bestätigt, wenn er die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass diese Theorie wahr ist.
Es gibt verschiedene Vorschläge, den Begriff der Kohärenz in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit zu definieren, meist in dem Sinne, dass zwei Aussagen kohärent sind, wenn die Wahrscheinlichkeit ihrer Konjunktion höher ist, als wenn sie neutral zueinander stehen würden. Der Bayesianische Ansatz hat sich auch auf dem Gebiet der sozialen Erkenntnistheorie als fruchtbar erwiesen, zum Beispiel in Bezug darauf, inwiefern man den Behauptungen anderer vertrauen kann. Der Bayesianismus sieht sich immer noch mit verschiedenen theoretischen Einwänden konfrontiert, die noch nicht vollständig gelöst sind.
Beziehung zur traditionellen Erkenntnistheorie
Die traditionelle Erkenntnistheorie und die Bayesianische Erkenntnistheorie sind beide Formen der Erkenntnistheorie, unterscheiden sich jedoch in verschiedenen Punkten, beispielsweise hinsichtlich ihrer Methodik, ihrer Interpretation des Glaubens, der Rolle, die Rechtfertigung oder Bestätigung in ihnen spielen, und einiger ihrer Forschungsinteressen. Die traditionelle Erkenntnistheorie befasst sich mit Themen wie der Analyse der Natur des Wissens, meist in Bezug auf gerechtfertigten wahren Glauben, den Quellen des Wissens, wie Wahrnehmung, der Struktur eines Wissensbestandes, zum Beispiel in Form von Fundamentalismus oder Kohärentismus, und dem Problem der philosophischen Skepsis oder der Frage, ob Wissen überhaupt möglich ist.[2][3] Diese Untersuchungen basieren normalerweise auf epistemischen Intuitionen und betrachten Glaubenssätze als entweder vorhanden oder abwesend.[4] Die Bayesianische Erkenntnistheorie hingegen arbeitet mit der Formalisierung von Begriffen und Problemen, die im traditionellen Ansatz oft vage sind. Sie konzentriert sich dabei stärker auf mathematische Intuitionen und verspricht ein höheres Maß an Präzision.[5][4] Sie betrachtet Glauben als ein kontinuierliches Phänomen, das in verschiedenen Abstufungen auftritt, den sogenannten Glaubensgraden (credences).[6] Einige Bayesianer haben sogar vorgeschlagen, dass der herkömmliche Glaubensbegriff aufgegeben werden sollte.[7]
Es gibt aber auch Vorschläge, die beiden miteinander zu verbinden, zum Beispiel die Locke'sche These (Lockean thesis), die den Glauben als Glaubensgrad über einem bestimmten Schwellenwert definiert.[8][9] In der traditionellen Erkenntnistheorie spielt die Rechtfertigung eine zentrale Rolle, wohingegen sich die Bayesianer auf die damit verwandten Begriffe der Bestätigung und Nichtbestätigung durch Belege konzentriert haben.[6] Für beide Ansätze sind Belege wichtig, aber nur der traditionelle Ansatz ist an der Untersuchung der Quellen der Belege, wie Wahrnehmung und Gedächtnis, interessiert. Der Bayesianismus hingegen hat sich auf die Rolle von Belegen für Rationalität konzentriert: wie die Glaubensgrade einer Person nach Erhalt neuer Belege angepasst werden sollten.[6] Es besteht eine Analogie zwischen den Bayesianischen Rationalitätsnormen in Bezug auf Wahrscheinlichkeitsgesetze und den traditionellen Rationalitätsnormen in Bezug auf die deduktive Konsistenz.[6][7] Bestimmte traditionelle Probleme, wie das Thema der Skepsis gegenüber unserem Wissen über die Außenwelt, lassen sich nur schwer in Bayesianischen Begriffen ausdrücken.[6]
Grundlagen
Die Bayesianische Erkenntnistheorie basiert auf einigen wenigen Grundprinzipien, die zur Definition verschiedener anderer Begriffe verwendet und auf viele Themen der Erkenntnistheorie angewendet werden können.[6][4] Im Kern stellen diese Prinzipien Bedingungen dafür dar, welche Glaubensgrade wir verschiedenen Propositionen zuschreiben sollten. Sie bestimmen, was eine ideal rationale Person glauben würde.[7] Die Grundprinzipien können unterteilt werden in synchrone oder statische Prinzipien, die regeln, wie Glaubensgrade zu jedem Zeitpunkt zugewiesen werden, und diachrone oder dynamische Prinzipien, die festlegen, wie diese Glaubensgrade geändert werden sollten, wenn man neue Belege erhält. Die Wahrscheinlichkeitsaxiome und das „principal principle“ gehören zu den statischen Prinzipien, während das Prinzip der Konditionalisierung die dynamischen Aspekte als eine Form der probabilistischen Inferenz regelt.[7][4] Der charakteristischste Bayesianische Ausdruck dieser Prinzipien findet sich in Form der sogenannten Dutch books, die die Irrationalität von Handelnden durch eine Reihe von Wetten veranschaulichen, die zu einem Verlust für den Handelnden führen, unabhängig davon, welches der probabilistischen Ereignisse eintritt.[4] Dieser Test zur Feststellung von Irrationalität wird auch als „pragmatischer Selbstdemontagetest“ (pragmatic self-defeat test) bezeichnet.[7]
Glaube, Wahrscheinlichkeit und Wetten
Ein wichtiger Unterschied zur traditionellen Erkenntnistheorie besteht darin, dass sich die Bayesianische Erkenntnistheorie nicht auf den Begriff des einfachen Glaubens konzentriert, sondern auf den Begriff der Glaubensgrade, sogenannte „credences“.[5] Dieser Ansatz versucht, die Idee der Gewissheit zu erfassen:[4] Wir glauben an verschiedenste Behauptungen, aber wir sind uns bei einigen sicherer, z. B. dass die Erde rund ist, als bei anderen, z. B. dass Platon der Autor des ersten Alkibiades war. Diese Grade treten in Werten zwischen 0 und 1 auf. 1 entspricht dem vollständigen Glauben der Behauptung, 0 entspricht dem vollständigen Unglauben, d. h. dem Glauben an das Gegenteil. Und 0,5 entspricht einem Nichtglauben, d. h. es wird weder die Behauptung noch ihr Gegenteil geglaubt. Laut der Bayesianischen Wahrscheinlichkeitsinterpretation stehen Glaubensgrade für subjektive Wahrscheinlichkeiten. In Anlehnung an Frank P. Ramsey werden sie im Sinne der Bereitschaft interpretiert, Geld auf eine Behauptung zu wetten.[10][5][4] Ein Glaubensgrad von 0,8 (d. h. 80 %), dass Ihre Lieblingsfußballmannschaft das nächste Spiel gewinnt, würde also bedeuten, dass Sie bereit sind, bis zu vier Euro aufs Spiel zu setzen, um die Chance zu haben, einen Euro Gewinn zu erzielen. Diese Darstellung stellt eine enge Verbindung zwischen der Bayesianischen Erkenntnistheorie und der Entscheidungstheorie her.[11][12]
Es mag den Anschein haben, dass das Wettverhalten nur ein Spezialgebiet ist und als solches nicht geeignet ist, einen so allgemeinen Begriff wie Glaubensgrade zu definieren. Aber, wie Ramsey argumentiert, wetten wir ständig, wenn man dies im weitesten Sinne versteht. Wenn wir zum Beispiel zum Bahnhof gehen, wetten wir darauf, dass der Zug pünktlich kommt, sonst wären wir zu Hause geblieben.[4] Aus der Interpretation von Glaubensgraden im Sinne der Wettbereitschaft folgt, dass es irrational wäre, irgendeiner Aussage einen Glaubensgrad von 0 oder 1 zuzuschreiben, außer bei Widersprüchen und Tautologien.[7] Der Grund hierfür ist, dass die Zuschreibung dieser Extremwerte bedeuten würde, dass man bereit wäre, alles zu wetten, einschließlich des eigenen Lebens, selbst wenn der mögliche Gewinn minimal wäre.[5] Ein weiterer negativer Nebeneffekt solch extremer Glaubensgrade ist, dass sie dauerhaft fixiert sind und nicht mehr aktualisiert werden können, wenn man neue Belege erhält.
Dieser zentrale Grundsatz des Bayesianismus, dass Glaubensgrade als subjektive Wahrscheinlichkeiten interpretiert werden und daher den Wahrscheinlichkeitsnormen unterliegen, wird als Probabilismus bezeichnet.[11] Diese Normen drücken die Natur der Glaubensgrade von ideal rationalen Personen aus.[4] Sie stellen keine Anforderungen daran, welchen Glaubensgrad wir zu einem bestimmten Glaubenssatz haben sollten, zum Beispiel, ob es morgen regnen wird. Stattdessen schränken sie das Glaubenssystem als Ganzes ein.[4] Bei einem Glaubensgrad von 0,8, dass es morgen regnen wird, sollte beispielsweise der Glaubensgrad in die gegenteilige Proposition, nämlich dass es morgen nicht regnen wird, 0,2 betragen, nicht 0,1 oder 0,5. Laut Stephan Hartmann und Jan Sprenger lassen sich die Axiome der Wahrscheinlichkeit durch die folgenden beiden Gesetze ausdrücken: (1) für jede Tautologie ; (2) für inkompatible (sich gegenseitig ausschließende) Propositionen and , .[4]
Ein weiteres wichtiges Bayesianisches Prinzip der Glaubensgrade ist das von David Lewis stammende „principal principle“.[11] Es besagt, dass unser Wissen über objektive Wahrscheinlichkeiten mit unseren subjektiven Wahrscheinlichkeiten in Form von Glaubensgraden übereinstimmen sollte.[4][6] Wenn Sie also wissen, dass die objektive Wahrscheinlichkeit, dass eine Münze auf Kopf landet, bei 50 % liegt, dann sollte Ihr Glaubensgrad, dass die Münze auf Kopf landet, bei 0,5 liegen.
Die Wahrscheinlichkeitsaxiome bestimmen zusammen mit dem principal principle den statischen oder synchronen Aspekt der Rationalität: wie die Glaubensgrade einer Person aussehen sollten, wenn man sie nur einen Moment betrachtet.[5] Rationalität beinhaltet aber auch einen dynamischen oder diachronen Aspekt, der beim Ändern der eigenen Glaubensgrade ins Spiel kommt, wenn man mit neuen Belegen konfrontiert wird. Dieser Aspekt wird durch das Prinzip der Konditionalisierung bestimmt.[5][4]
Prinzip der Konditionalisierung
Das Prinzip der Konditionalisierung regelt, wie sich die Glaubensgrade einer Person an eine Hypothese ändern sollte, wenn sie neue Belege für oder gegen diese Hypothese erhält.[7][11] Als solches drückt es den dynamischen Aspekt des Verhaltens ideal rationaler Personen aus.[5] Es basiert auf dem Begriff der bedingten Wahrscheinlichkeit, die das Maß für die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Ereignis eintritt, wenn ein anderes Ereignis bereits eingetreten ist. Die unbedingte Wahrscheinlichkeit, dass eintritt, wird gewöhnlich mit ausgedrückt, während die bedingte Wahrscheinlichkeit, dass eintritt, wenn bereits eingetreten ist, als geschrieben wird. Zum Beispiel beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Münze bei zwei Würfen zweimal auf Kopf landet, nur 25 %. Aber die bedingte Wahrscheinlichkeit dafür, dass dies eintritt, wenn die Münze schon beim ersten Wurf auf Kopf gelandet ist, beträgt dann 50 %. Das Prinzip der Konditionalisierung wendet diese Idee auf Glaubensgrade an:[5] Wir sollten unseren Glaubensgrad, dass die Münze zweimal auf Kopf landet, ändern, wenn wir einen Beleg dafür erhalten, dass sie bereits beim ersten Wurf auf Kopf gelandet ist. Die Wahrscheinlichkeit, die der Hypothese vor dem Ereignis zugewiesen wurde, wird als A-priori-Wahrscheinlichkeit bezeichnet.[13] Die Wahrscheinlichkeit danach ist die A-posteriori-Wahrscheinlichkeit. Nach dem einfachen Prinzip der Konditionalisierung lässt sich dies folgendermaßen ausdrücken: .[5][7] Die A-posteriori-Wahrscheinlichkeit, dass die Hypothese wahr ist, ist also gleich der bedingten A-priori-Wahrscheinlichkeit, dass die Hypothese bei Eintreten des Belegs wahr ist, welche wiederum gleich der A-priori-Wahrscheinlichkeit ist, dass sowohl die Hypothese wahr ist und der Beleg eintritt, geteilt durch die A-priori-Wahrscheinlichkeit, dass der Beleg eintritt. Der ursprüngliche Ausdruck dieses Prinzips, der sogenannte Satz von Bayes, kann direkt aus dieser Formulierung abgeleitet werden.[7]
Das einfache Prinzip der Konditionalisierung macht die Annahme, dass unsere Glaubensgrade an erworbene Belege, also deren A-posteriori-Wahrscheinlichkeit, 1 beträgt, was unrealistisch ist. Wissenschaftler müssen beispielsweise manchmal zuvor akzeptierte Belege verwerfen, wenn sie neue Entdeckungen machen, was unmöglich wäre, wenn der entsprechende Glaubensgrad 1 wäre.[7] Eine alternative Form der Konditionalisierung, die von Richard Jeffrey vorgeschlagen wurde, passt die Formel an, um die Wahrscheinlichkeit der Belege zu berücksichtigen:[14][15] .[7]
Dutch books
Englisch Dutch books bedeutet wörtlich niederländische Bücher. Dieser Ausdruck meint aber nicht ganz bestimmte oder irgend welche Bücher aus den Niederlanden, sondern geht zurück auf die Bücher von Buchmachern, also Läden die Wetten annehmen.
Ein Dutch book ist eine Reihe von Wetten, die zwangsläufig zu einem Verlust führt.[16][17] Eine Person ist anfällig für ein Dutch book, wenn ihre Glaubensgrade gegen die Wahrscheinlichkeitsgesetze verstoßen.[4] Dies kann entweder auf synchrone Weise geschehen, wenn der Konflikt zwischen gleichzeitig gehaltenen Glaubensgraden auftritt, oder auf diachrone Weise, wenn die Person nicht angemessen auf neue Belege reagiert.[7][17] Im einfachsten synchronen Fall sind nur zwei Glaubensgrade beteiligt: der Glaubensgrad in eine Proposition und in ihre Verneinung.[18] Die Wahrscheinlichkeitsgesetze besagen, dass diese beiden Glaubensgrade zusammen 1 ergeben sollten, da entweder die Proposition oder ihre Verneinung wahr ist. Personen, die gegen dieses Gesetz verstoßen, sind anfällig für ein synchrones Dutch book.[7] Dies ist beispielsweise der Fall, wenn eine Person einen Glaubensgrad von 0,51 hat, dass es morgen regnen wird, und einen Glaubensgrad von 0,51, dass es morgen nicht regnen wird. In diesem Fall wäre die Person bereit, zwei Wetten zu 0,51 € anzunehmen für die Chance, 1 € zu erhalten: eine, dass es regnen wird, und eine andere, dass es nicht regnen wird. Die beiden Wetten zusammen kosten 1,02 €, was zu einem Verlust von 0,02 € führt, unabhängig davon, ob es regnen wird oder nicht.[18] Das Prinzip hinter diachronen Dutch books ist dasselbe, aber sie sind komplizierter, da sie Wetten vor und nach dem Erhalt neuer Belege beinhalten und zudem berücksichtigen müssen, dass es in jedem Fall einen Verlust gibt, unabhängig davon, wie die Belege ausfallen.[18][17]
Es gibt verschiedene Interpretationen darüber, was es bedeutet, dass eine Person anfällig für ein Dutch book ist. Nach der traditionellen Interpretation zeigt eine solche Anfälligkeit, dass die Person irrational ist, da sie sich bereitwillig auf ein Verhalten einlassen würde, das nicht in ihrem besten Eigeninteresse liegt.[7] Ein Problem dieser Auslegung besteht darin, dass sie von logischer Allwissenheit als Voraussetzung für Rationalität ausgeht, was insbesondere in komplizierten diachronen Fällen problematisch ist. Eine alternative Interpretation verwendet Dutch books als „eine Art Heuristik, um festzustellen, wann die eigenen Glaubensgrade das Potenzial zur pragmatischen Selbstdemontage haben“.[7] Diese Auslegung ist mit einer realistischeren Auffassung der Rationalität angesichts menschlicher Begrenztheit vereinbar.[17]
Dutch books stehen in engem Zusammenhang mit den Wahrscheinlichkeitsaxiomen.[17] Das Dutch book Theorem besagt, dass nur Glaubensgradverteilungen, die nicht den Wahrscheinlichkeitsaxiomen folgen, anfällig für Dutch books sind. Das umgekehrte Dutch book Theorem besagt, dass keine Glaubensgradverteilung, die diesen Axiomen folgt, durch ein Dutch book angreifbar ist.[4][17]
Anwendungen
Bestätigungstheorie
In der Wissenschaftstheorie bezieht sich der Begriff „Bestätigung“ auf die Beziehung zwischen einem Beleg und einer dadurch bestätigten Hypothese.[19] Die Bestätigungstheorie ist das Studium der Bestätigung und Entkräftung: wie wissenschaftliche Hypothesen durch Belege gestützt oder entkräftet werden.[20] Die Bayesianische Bestätigungstheorie bietet ein Modell der Bestätigung, das auf dem Prinzip der Konditionalisierung beruht.[7][19] Ein Beleg bestätigt eine Theorie, wenn die bedingte Wahrscheinlichkeit dieser Theorie relativ zum Beleg höher ist als die unbedingte Wahrscheinlichkeit der Theorie an sich.[19] Formal ausgedrückt: .[7] Wenn der Beleg die Wahrscheinlichkeit der Hypothese verringert, wird sie entkräftet. Wissenschaftler interessieren sich normalerweise nicht nur dafür, ob ein Beleg eine Theorie stützt, sondern auch, wie viel Unterstützung er bietet. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie dieser Grad bestimmt werden kann.[19] Die einfachste Version misst bloß die Differenz zwischen der bedingten Wahrscheinlichkeit der Hypothese relativ zum Beleg und der unbedingten Wahrscheinlichkeit der Hypothese, d. h. der Grad der Unterstützung ist .[4] Das Problem bei der Messung dieses Grades besteht darin, dass er davon abhängt, wie sicher die Theorie bereits vor Erhalt des Belegs ist. Wenn also ein Wissenschaftler bereits sehr sicher ist, dass eine Theorie wahr ist, dann wird ein weiterer Beleg seinen Glaubensgrad nicht sehr beeinflussen, selbst wenn der Beleg sehr stark wäre.[7][4] Eine weitere Bedingung ist, dass überraschende Belege, welche für sich genommen eine geringe Wahrscheinlichkeit haben, mehr Unterstützung bieten.[4][19] Wissenschaftler stehen oft vor dem Problem, sich zwischen zwei konkurrierenden Theorien entscheiden zu müssen. In solchen Fällen geht es nicht so sehr um die absolute Bestätigung oder darum, inwieweit ein neuer Beleg diese oder jene Theorie unterstützen würde, sondern um die relative Bestätigung, d. h. darum, welche Theorie durch den neuen Beleg stärker unterstützt wird.[7]
Ein bekanntes Problem der Bestätigungstheorie ist das Rabenparadox von Carl Gustav Hempel.[21][20][19] Hempel weist zunächst darauf hin, dass der Anblick eines schwarzen Rabens als Beleg für die Hypothese gilt, dass alle Raben schwarz sind, während der Anblick eines grünen Apfels normalerweise nicht als Beleg für oder gegen diese Hypothese angesehen wird. Das Paradox besteht in der Überlegung, dass die Hypothese „alle Raben sind schwarz“ logisch äquivalent ist zu der Hypothese „wenn etwas nicht schwarz ist, dann ist es kein Rabe“.[19] Da der Anblick eines grünen Apfels als Beleg für die zweite Hypothese gilt, sollte er auch als Beleg für die erste Hypothese gelten.[7] Der Bayesianismus erlaubt, dass der Anblick eines grünen Apfels die Rabenhypothese unterstützt, und erklärt zugleich unsere anfängliche entgegengesetzte Intuition. Zu diesem Ergebnis kommt man, wenn man annimmt, dass der Anblick eines grünen Apfels die Rabenhypothese zwar nur minimal, aber dennoch positiv unterstützt, während der Anblick eines schwarzen Rabens deutlich mehr Unterstützung bietet.[7][19][21]
Kohärenz
Kohärenz spielt in verschiedenen erkenntnistheoretischen Theorien eine zentrale Rolle, beispielsweise in der Kohärenztheorie der Wahrheit oder in der Kohärenztheorie der Rechtfertigung.[22][23] Es wird oft angenommen, dass Gruppen von Glaubenssätzen eher wahr sind, wenn sie kohärent sind, als wenn sie nicht kohärent sind.[5] So würden wir beispielsweise eher einem Detektiv vertrauen, der alle Beweisstücke zu einer kohärenten Geschichte zusammenfügen kann. Es besteht jedoch keine allgemeine Einigkeit darüber, wie Kohärenz zu definieren ist.[5][4] Der Bayesianismus wurde auf diesem Gebiet angewandt, indem er präzise Definitionen von Kohärenz in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit bietet, die dann zur Lösung anderer Probleme im Zusammenhang mit Kohärenz eingesetzt werden können.[4] Eine solche Definition wurde von Tomoji Shogenji vorgebracht, der vorschlägt, dass die Kohärenz zwischen zwei Glaubenssätzen gleich der Wahrscheinlichkeit ihrer Konjunktion geteilt durch die Wahrscheinlichkeit jedes einzelnen Glaubenssatzes ist, d. h. .[4][24] Intuitiv gesehen wird damit gemessen, wie wahrscheinlich es ist, dass die beiden Glaubenssätze gleichzeitig wahr sind, im Vergleich dazu, wie wahrscheinlich dies wäre, wenn sie in einem neutralen Verhältnis zueinander stünden.[24] Die Kohärenz ist hoch, wenn die beiden Glaubenssätze füreinander relevant sind.[4] Die so definierte Kohärenz ist relativ zu einer Glaubensgradverteilung. Dies bedeutet, dass es vorkommen kann, dass zwei Propositionen eine hohe Kohärenz für eine Person und eine niedrige Kohärenz für eine andere Person haben, aufgrund der Unterschiede in den A-posteriori-Wahrscheinlichkeiten der Glaubensgrade der beiden Personen.[4]
Soziale Erkenntnistheorie
Die soziale Erkenntnistheorie untersucht die Relevanz sozialer Faktoren für das Wissen.[25] Dies ist beispielsweise im Bereich der Wissenschaft relevant, da einzelne Wissenschaftler oft auf die Entdeckungen anderer Wissenschaftler vertrauen müssen, um Fortschritte zu erzielen.[5] Der Bayesianische Ansatz kann auf verschiedene Themen der sozialen Erkenntnistheorie angewendet werden. Zum Beispiel kann probabilistisches Denken im Bezug auf Zeugenaussagen verwendet werden, um zu bewerten, wie zuverlässig ein bestimmter Bericht ist.[7] Auf diese Weise kann formal nachgewiesen werden, dass Zeugenaussagen, die probabilistisch unabhängig voneinander sind, mehr Unterstützung bieten als andernfalls.[5] Ein weiteres Thema in der sozialen Erkenntnistheorie betrifft die Frage, wie man den Glauben der Individuen innerhalb einer Gruppe aggregieren kann, um den Glauben der Gruppe als Ganzes zu ermitteln.[25] Der Bayesianismus geht an dieses Problem heran, indem er die Wahrscheinlichkeitszuweisungen der verschiedenen Individuen aggregiert.[7][5]
Kritik
Problem der Prioren
Um probabilistische Schlussfolgerungen auf der Grundlage neuer Belege ziehen zu können, muss der betreffenden Proposition bereits eine A-priori-Wahrscheinlichkeit zugewiesen worden sein.[26] Dies ist jedoch nicht immer der Fall: Es gibt viele Propositionen, die eine Person nie in Betracht gezogen hat und zu denen sie daher keinen Glaubensgrad hat. Dieses Problem wird in der Regel dadurch gelöst, dass man der betreffenden Proposition eine Wahrscheinlichkeit zuweist, um durch Konditionalisierung aus den neuen Belegen zu lernen.[7][27] Das Problem der Prioren betrifft die Frage, wie diese anfängliche Zuweisung erfolgen sollte.[26] Subjektive Bayesianer gehen davon aus, dass es neben der probabilistischen Kohärenz keine oder nur wenige Bedingungen gibt, die bestimmen, wie wir die Anfangswahrscheinlichkeiten zuweisen. Das Argument für diese Freiheit bei der Wahl der anfänglichen Glaubensgrade ist, dass sich die Glaubensgrade ändern werden, wenn wir mehr Belege erhalten, und nach einer ausreichenden Anzahl von Schritten auf denselben Wert konvergieren, unabhängig davon, wo wir beginnen.[7] Objektive Bayesianer hingegen behaupten, dass es verschiedene Bedingungen für die anfängliche Zuordnung gibt. Eine wichtige Bedingung ist das Indifferenzprinzip.[6][26] Es besagt, dass die Glaubensgrade gleichmäßig auf alle möglichen Ergebnisse verteilt werden sollten.[28][11] In einem Beispiel möchte eine Person die Farbe der Kugeln vorhersagen, die aus einer Urne gezogen werden, die nur rote und schwarze Kugeln enthält, ohne Informationen über das Verhältnis von roten zu schwarzen Kugeln zu haben.[7] Auf diese Situation angewandt, besagt das Indifferenzprinzip, dass die Person zunächst davon ausgehen sollte, dass die Wahrscheinlichkeit, eine rote Kugel zu ziehen, 50 % beträgt. Dies ist auf symmetrische Überlegungen zurückzuführen: Es ist die einzige Verteilung, bei der die A-priori-Wahrscheinlichkeiten invariant gegenüber einer Änderung der Bezeichnung sind.[7] Während dieser Ansatz in einigen Fällen funktioniert, führt er in anderen Fällen zu Paradoxien. Ein weiterer Einwand ist, dass man keine A-priori-Wahrscheinlichkeiten auf der Grundlage von anfänglicher Unwissenheit zuweisen sollte.[7]
Problem der logischen Allwissenheit
Die Rationalitätsnormen gemäß den Standarddefinitionen der Bayesianischen Erkenntnistheorie setzen logische Allwissenheit voraus: Die Person muss sicherstellen, dass sie alle Wahrscheinlichkeitsgesetze für alle ihre Glaubensgrade genau befolgt, um als rational zu gelten.[29][30] Wer dies nicht tut, ist anfällig für Dutch books und daher irrational. Dies ist ein unrealistischer Maßstab für den Menschen, wie Kritiker hervorgehoben haben.[7]
Alte Belege
Das sogenannte old evidence problem (Problem der alten Belege) betrifft Fälle, in denen eine Person zum Zeitpunkt des Erwerbs eines Belegs nicht weiß, dass er eine Hypothese bestätigt, sondern erst später von dieser unterstützenden Beziehung erfährt.[7] Normalerweise würde die Person ihren Glaubensgrad an die Hypothese erhöhen, nachdem sie diese Beziehung entdeckt hat. Dies ist jedoch in der Bayesianischen Bestätigungstheorie nicht zulässig, da eine Konditionalisierung nur bei einer Änderung der Wahrscheinlichkeit der Belegaussage erfolgen kann, was nicht der Fall ist.[7][31] Die Beobachtung bestimmter Anomalien in der Umlaufbahn Merkurs ist beispielsweise ein Beleg für die allgemeine Relativitätstheorie. Diese Daten wurden jedoch vor der Formulierung der Theorie erworben und gelten daher als alte Belege.[31]
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Erik J. Olsson: Introduction to Formal Philosophy. Springer, 2018, Bayesian Epistemology, S. 431–442 (englisch, Online).
- ↑ David A. Truncellito: Epistemology. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. Abgerufen am 5. März 2021 (englisch).
- ↑ Matthias Steup, Ram Neta: Epistemology. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2020, abgerufen am 5. März 2021 (englisch).
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w Stephan Hartmann, Jan Sprenger: The Routledge Companion to Epistemology. London: Routledge, 2010, Bayesian Epistemology, S. 609–620 (englisch, Online).
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n Erik J. Olsson: Introduction to Formal Philosophy. Springer, 2018, Bayesian Epistemology, S. 431–442 (englisch, Online).
- ↑ a b c d e f g h Alan Hájek, Hanti Lin: A Tale of Two Epistemologies? In: Res Philosophica. Band 94, Nr. 2, 2017, S. 207–232, doi:10.5840/resphilosophica201794264 (englisch, Online).
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac ad ae William Talbott: Bayesian Epistemology. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2016, abgerufen am 6. März 2021 (englisch).
- ↑ Kevin Dorst: Lockeans Maximize Expected Accuracy. In: Mind. Band 128, Nr. 509, 2019, S. 175–211, doi:10.1093/mind/fzx028 (englisch, Online).
- ↑ Dustin Troy Locke: The Decision-Theoretic Lockean Thesis. In: Inquiry: An Interdisciplinary Journal of Philosophy. Band 57, Nr. 1, 2014, S. 28–54, doi:10.1080/0020174x.2013.858421 (englisch, Online).
- ↑ Alan Hájek: Interpretations of Probability: 3.3 The Subjective Interpretation. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2019, abgerufen am 6. März 2021 (englisch).
- ↑ a b c d e Richard Pettigrew: Précis of Accuracy and the Laws of Credence. In: Philosophy and Phenomenological Research. Band 96, Nr. 3, 2018, S. 749–754, doi:10.1111/phpr.12501 (englisch, Online).
- ↑ Jonathan Weisberg: Handbook of the History of Logic: Inductive logic. 2011, Varieties of Bayesianism: 2.2 The Degree of Belief Interpretation (englisch, Online).
- ↑ prior probability. In: Oxford Reference. Abgerufen am 6. März 2021 (englisch).
- ↑ Christopher J. G. Meacham: Understanding Conditionalization. In: Canadian Journal of Philosophy. Band 45, Nr. 5, 2015, S. 767–797, doi:10.1080/00455091.2015.1119611 (englisch, Online).
- ↑ Borut Trpin: Jeffrey Conditionalization: Proceed with Caution. In: Philosophical Studies. Band 177, Nr. 10, 2020, S. 2985–3012, doi:10.1007/s11098-019-01356-3 (englisch, Online).
- ↑ Richard Pettigrew: The Dutch Book Arguments. Cambridge, UK: Cambridge University Press, 2020 (englisch, Online).
- ↑ a b c d e f Susan Vineberg: Dutch Book Arguments. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2016, abgerufen am 6. März 2021 (englisch).
- ↑ a b c William Talbott: Bayesian Epistemology > Dutch Book Arguments (Stanford Encyclopedia of Philosophy). In: plato.stanford.edu. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 27. September 2021; abgerufen am 12. Januar 2023 (englisch).
- ↑ a b c d e f g h Franz Huber: Confirmation and Induction. In: Internet Encyclopedia of Philosophy. Abgerufen am 6. März 2021 (englisch).
- ↑ a b Vincenzo Crupi: Confirmation. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2021, abgerufen am 6. März 2021 (englisch).
- ↑ a b Branden Fitelson, James Hawthorne: How Bayesian Confirmation Theory Handles the Paradox of the Ravens. In: The Place of Probability in Science. Band 284. Springer, 2010, S. 247–275, doi:10.1007/978-90-481-3615-5_11 (englisch, Online).
- ↑ James O. Young: The Coherence Theory of Truth. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2018, abgerufen am 4. März 2021 (englisch).
- ↑ Erik Olsson: Coherentist Theories of Epistemic Justification. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2017, abgerufen am 4. März 2021 (englisch).
- ↑ a b Tomoji Shogenji: Is Coherence Truth Conducive? In: Analysis. Band 59, Nr. 4, 1999, S. 338–345, doi:10.1111/1467-8284.00191 (englisch, Online).
- ↑ a b Alvin Goldman, Cailin O'Connor: Social Epistemology. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Metaphysics Research Lab, Stanford University, 2021, abgerufen am 12. Januar 2023 (englisch).
- ↑ a b c Richard Pettigrew: Accuracy, Risk, and the Principle of Indifference. In: Philosophy and Phenomenological Research. Band 92, Nr. 1, 2016, S. 35–59, doi:10.1111/phpr.12097 (englisch, Online).
- ↑ Jeffrey A. Barrett: Description and the Problem of Priors. In: Erkenntnis. Band 79, Nr. 6, 2014, S. 1343–1353, doi:10.1007/s10670-014-9604-2 (englisch, Online).
- ↑ Benjamin Eva: Principles of Indifference. In: Journal of Philosophy. Band 116, Nr. 7, 2019, S. 390–411, doi:10.5840/jphil2019116724 (englisch, Online).
- ↑ Sinan Dogramaci: Solving the Problem of Logical Omniscience. In: Philosophical Issues. Band 28, Nr. 1, 2018, S. 107–128, doi:10.1111/phis.12118 (englisch, Online).
- ↑ Peter Hawke, Aybüke Özgün, Francesco Berto: The Fundamental Problem of Logical Omniscience. In: Journal of Philosophical Logic. Band 49, Nr. 4, 2020, S. 727–766, doi:10.1007/s10992-019-09536-6 (englisch, Online).
- ↑ a b Colin Howson: The 'Old Evidence' Problem. In: British Journal for the Philosophy of Science. Band 42, Nr. 4, 1991, S. 547–555, doi:10.1093/bjps/42.4.547 (englisch, Online).