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„Logischer Atomismus“ – Versionsunterschied

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Der '''Logische Atomismus''' war eine in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts einflussreiche Richtung innerhalb der [https://de.wikipedia.org/wiki/Analytische_Philosophie Analytischen Philosophie]. Er behauptet, dass die Analyse von gewöhnlichen Sätzen zu einer zugrunde liegenden idealen, logischen Sprache führt, deren Sätze in einer abbildenden Beziehung zu atomaren Tatsachen (beziehungsweise Sachverhalten) stehen.<div class="mw-heading mw-heading2">
 
[[logikal]]-[[Atomismus]]
 
Im Logischen Atomismus gab es zwei Arten logischer Atome: zum einen die Individuen und zum anderen die Universalien in Form der Eigenschaften und Relationen. In der epistemologischen Ausprägung des Logischen Atomismus konnten die Individuen als kleinste ›Dinge‹ wiederum aus zwei Bereichen stammen, dem Bereich der Physik (wie beispielsweise das gegenwärtig von mir wahrgenommene rote Sinnesdatum) oder dem Bereich der Psychologie (wie mein gegenwärtiges Hungergefühl), konnten also als materielle oder als mentale Entitäten klassifiziert werden.<ref>Über eine entsprechende Einteilung im Rahmen der von mir beschriebenen Reinform der Theorie lassen sich hingegen zunächst keine Aussagen machen.</ref> Im Neutralen Monismus vereinfacht Russell dieses Fundament weiter, indem er die Unterscheidung von Materie und Geist auf der Ebene der Individuen aufhebt. Ein solches Vorgehen ist in der Geschichte der Philosophie alles andere als neu. Der klassische [[Substanzdualismus]] wirft diverse Probleme auf, beispielsweise die Frage nach der Art der wechselseitigen Beeinflussung von Geist und Materie. Aber auch die monistischen Ansätze, die entweder die vermeintliche Sphäre der materiellen Welt als Konstruktion der allein real existierenden mentalen Welt verstehen ([[Idealismus]] bzw. [[Mentalismus (Philosophie)|Mentalismus]]) oder umgekehrt mentale Phänomene auf rein materielle Ursachen zu reduzieren suchen ([[Materialismus]] bzw. [[Physikalismus]]), sind in ihren vielfältigen Versionen keineswegs frei von Problemen.<ref>Ich unterscheide im Rahmen dieses Kapitels weder zwischen ›Idealismus‹ und ›Mentalismus‹ einerseits noch zwischen ›Materialismus‹ und ›Physikalismus‹ andererseits. Wenn ich hier über diesee Auffassungen spreche, ist das zwangsläufig übersimplifiziert – schließlich gibt es nicht den Materialismus oder den Idealismus, sondern beinahe unüberschaubar viele Spielarten der beiden Richtungen, deren Diskussion aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Deswegen sind die hier vorgebrachten Argumente oft zu pauschal oder auch auf bestimmte Varianten nicht zutreffend. Da es mir nur um eine Abgrenzung des Neutralen Monismus von diesen Systemen geht, scheint mir eine solche Vorgehensweise jedoch vertretbar zu sein.</ref><ref>Russells Neutraler Monismus
 
in Logische Form und Interpretation
 
Autor: Holger Leerhoff
 
Art: Kapitel Seiten: 143–180
 
DOI: <nowiki>https://doi.org/10.30965/9783969750681_007</nowiki></ref> Der Neutrale Monismus stellt hier eine Alternative dar, die die Vorteile der beiden klassischen monistischen Ansätze zu verbinden sucht. Tully schreibt dazu:<blockquote>As Russell presents it, neutral monism is a synoptic metaphysics which seeks to reconcile the contrary tendencies of materialism and idealism, not so much through painstaking argument and proof as through its intrinsic appeal as a comprehensive theory which vindicates itself by the wisdom of its wider perspective. [Tully 1988], S. 210</blockquote>Tatsächlich behauptet Russell nicht dogmatisch, daß der Aufbau der Welt dem entsprechen würde, was er in seinem Neutralen Monismus darlegt: Er sieht seine Theorie vielmehr als Arbeitshypothese an, die in letzter Konsequenz unmöglich bewiesen werden kann. Seine Theorie teilt damit den Hypothesencharakter der Erkenntnisse der Naturwissenschaften. (Siehe [Russell 1924], S. 341; [Russell 1927a], S. 271.) Dennoch führt er viele und teilweise überzeugende Gründe für seine Theorie ins Feld, die den Neutralen Monismus als gangbaren Weg in der Metaphysik erscheinen lassen, der seinen Alternativen zumindest in nichts nachsteht.
 
= Logischer Atomismus =
 
 
Der '''Logische Atomismus''' war eine in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts einflussreiche Richtung innerhalb der [[Analytische Philosophie|Analytischen Philosophie]]. Er behauptet, dass die Analyse von gewöhnlichen Sätzen zu einer zugrunde liegenden idealen, logischen Sprache führt, deren Sätze in einer abbildenden Beziehung zu atomaren Tatsachen (beziehungsweise Sachverhalten) stehen.  
 
== Ursprünge ==
== Ursprünge ==
</div><p>Der Begriff geht zurück auf einen Aufsatz von [https://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Russell Bertrand Russell] aus dem Jahre 1911. Einem breiteren Publikum bekannt wurden die Gedanken des Logischen Atomismus indes erst mit Vorlesungen, die Russell 1918 hielt und als ''The Philosophy of Logical Atomism'' veröffentlichte. Wesentlich beeinflusst war Russell durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Wittgenstein Ludwig Wittgenstein], den er in einer einführenden Notiz ausdrücklich würdigt. Tatsächlich war der Einfluss Wittgensteins, der von 1911 bis 1914 erst sein Schüler, dann sein Freund gewesen war, so groß, dass Russell ein Manuskript von 1913 aufgrund der Kritik Wittgensteins, besonders an der Urteilstheorie, unvollendet und unpubliziert gelassen hatte. Dieses Manuskript, das erst 1984 unter dem Titel ''Theory of Knowledge'' in den „Collected Papers“ erschien, darf als das eigentliche Manifest des Logischen Atomismus gelten.</p><p>In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts stand Russell noch in der Tradition des Britischen Idealismus, der durch Leute wie [https://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Bosanquet Bernard Bosanquet], [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hill_Green T.H. Green], [https://de.wikipedia.org/wiki/Harold_Henry_Joachim H.H. Joachim] und besonders durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Herbert_Bradley F.H. Bradley] geprägt war. Zusammen mit [https://de.wikipedia.org/wiki/G.E._Moore G.E. Moore] löste er sich von dieser Schule, und, wie er sich in ''My Mental Development'' erinnert, „with a sense of escaping from prison, we allowed ourselves to think that grass is green, that the sun and stars would exist if no one was aware of them...“. Der logische Atomismus muss daher als bewusste Abkehr von den monistischen und idealistischen Vorstellungen seiner Lehrer gesehen werden.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Der Begriff geht zurück auf einen Aufsatz von [[Bertrand Russell]] aus dem Jahre 1911. Einem breiteren Publikum bekannt wurden die Gedanken des Logischen Atomismus indes erst mit Vorlesungen, die Russell 1918 hielt und als ''The Philosophy of Logical Atomism'' veröffentlichte. Wesentlich beeinflusst war Russell durch [[Ludwig Wittgenstein]], den er in einer einführenden Notiz ausdrücklich würdigt. Tatsächlich war der Einfluss Wittgensteins, der von 1911 bis 1914 erst sein Schüler, dann sein Freund gewesen war, so groß, dass Russell ein Manuskript von 1913 aufgrund der Kritik Wittgensteins, besonders an der Urteilstheorie, unvollendet und unpubliziert gelassen hatte. Dieses Manuskript, das erst 1984 unter dem Titel ''Theory of Knowledge'' in den „Collected Papers“ erschien, darf als das eigentliche Manifest des Logischen Atomismus gelten.
 
In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts stand Russell noch in der Tradition des Britischen Idealismus, der durch Leute wie [[Bernard Bosanquet]], [[Thomas Hill Green|T.H. Green]], [[Harold Henry Joachim|H.H. Joachim]] und besonders durch [[Francis Herbert Bradley|F.H. Bradley]] geprägt war. Zusammen mit [[G.E. Moore]] löste er sich von dieser Schule, und, wie er sich in ''My Mental Development'' erinnert, „with a sense of escaping from prison, we allowed ourselves to think that grass is green, that the sun and stars would exist if no one was aware of them...“. Der logische Atomismus muss daher als bewusste Abkehr von den monistischen und idealistischen Vorstellungen seiner Lehrer gesehen werden.
 
== Die Lehre ==
== Die Lehre ==
</div><p>Russell nennt seine Lehre atomistisch im Gegensatz zu der monistischen Logik „of the people who more or less follow Hegel“ (PLA 178) und logisch, da er in der Analyse auf logische, nicht auf physikalische Objekte zu stoßen wünscht (PLA 179).</p><p>Die erste Behauptung des Logischen Atomismus ist, dass die Welt „Tatsachen“ enthält. Die Tatsachen sind komplexe Strukturen, die aus Gegenständen („Particulars“) bestehen. Dabei definiert er Gegenstände als „terms of relations in atomic facts“ (PLA 199) Eine Tatsache besteht entweder aus einem Gegenstand mit einer einfachen Eigenschaft oder aus verschiedenen Gegenständen, die in einfacher Relation zueinander stehen. Daneben gibt es Urteile („Beliefs“), die in einer Beziehung zu den Tatsachen stehen und durch diese Beziehung entweder wahr oder falsch sind.</p><p>Relationen sind nach Russell extern, was bedeutet, dass sich eine relationale Proposition im Allgemeinen nicht auf eine Subjekt-Prädikat-Proposition zurückführen lässt. Genau das war die Position Bradleys und des Idealismus, und nach Russells Überzeugung auch die von [https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz Leibniz]. Eine Konsequenz der Doktrin der Internen Relationen war also, dass die Relation als Prädikat schon im Gegenstand liegt, und somit, dass „alles mit allem“ zusammenhängt. Externe Relationen dagegen erlauben die Common-Sense-Ansicht, dass einige Tatsachen unabhängig von anderen sein können.</p><p>Auch gewöhnliche Objekte des täglichen Lebens „are apparently complex entities“. Namen sind die Wörter für Particulars. Für Russell sind das Wörter wie „dies“ und „das“. Dagegen sind gewöhnliche Namen wie „Sokrates“ für Russell eigentlich Beschreibungen, die in der Analyse etwa durch „Der Lehrer Platos“ ersetzt werden müssen. Russell hatte dies bereits 1905 im Rahmen seiner ''Theorie der Kennzeichnungen'' (''Theory of Descriptions'') (in ''On Denoting'') gefordert und zwar als Reaktion auf das Problem der nicht existierenden Gegenstände in Auseinandersetzung mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Alexius_Meinong Alexius Meinong], über die sich trotzdem sinnvoll reden lassen können soll. (Wittgenstein nimmt noch in einer Bemerkung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Untersuchungen Philosophischen Untersuchungen] Bezug darauf, wo er das Problem am Beispiel des Schwertes Nothung erläutert (PU §39)). Die Theorie der Beschreibungen ist insofern für den Logischen Atomismus von zentraler Bedeutung, als Russell mit ihr zu zeigen geglaubt hat, dass die gewöhnliche Sprache analysiert werden müsse, um die wahre Struktur offenzulegen. In gewissem Maße trifft das auch für seine ''Theory of Types'' zu, mit der er den [https://de.wikipedia.org/wiki/Russellsche_Antinomie Russellsche Antinomien] begegnete.</p><p>Ein weiterer Baustein in Russells Logischem Atomismus ist die ''Theorie der Bekanntschaft'' (''Theory of Acquaintance''). Russell glaubte, eine besondere Art der Relation postulieren zu müssen, die garantiert, dass ein Subjekt Anschauungen von der Wirklichkeit haben kann: „I think the relation of subject and object in presentation may be identified with the relation which I call ‘acquaintance’“. (1914 ''On the Nature of Acquaintance'' 169) Zu den Gegenständen der Bekanntschaft zählte er auch Logische Konstanten („und“, „oder“ etc.), aber auch n-stellige Relationen (TK 97–101). Die Bekanntschaft hält er für die Voraussetzung für das Verstehen von logischen Propositionen.</p><p>Alle sinnvollen Sätze, so die Kernaussage des Logischen Atomismus, sind Wahrheitsfunktionen der Elementarsätze, wobei die Tautologien und Kontradiktionen eine besondere Stellung einnehmen, insofern deren Wahrheitsgehalt a priori gegeben ist. (PLA 210)</p><div class="mw-heading mw-heading3">
 
Russell nennt seine Lehre atomistisch im Gegensatz zu der monistischen Logik „of the people who more or less follow Hegel“ (PLA 178) und logisch, da er in der Analyse auf logische, nicht auf physikalische Objekte zu stoßen wünscht (PLA 179).
 
Die erste Behauptung des Logischen Atomismus ist, dass die Welt „Tatsachen“ enthält. Die Tatsachen sind komplexe Strukturen, die aus Gegenständen („Particulars“) bestehen. Dabei definiert er Gegenstände als „terms of relations in atomic facts“ (PLA 199) Eine Tatsache besteht entweder aus einem Gegenstand mit einer einfachen Eigenschaft oder aus verschiedenen Gegenständen, die in einfacher Relation zueinander stehen. Daneben gibt es Urteile („Beliefs“), die in einer Beziehung zu den Tatsachen stehen und durch diese Beziehung entweder wahr oder falsch sind.
 
Relationen sind nach Russell extern, was bedeutet, dass sich eine relationale Proposition im Allgemeinen nicht auf eine Subjekt-Prädikat-Proposition zurückführen lässt. Genau das war die Position Bradleys und des Idealismus, und nach Russells Überzeugung auch die von [[Gottfried Wilhelm Leibniz|Leibniz]]. Eine Konsequenz der Doktrin der Internen Relationen war also, dass die Relation als Prädikat schon im Gegenstand liegt, und somit, dass „alles mit allem“ zusammenhängt. Externe Relationen dagegen erlauben die Common-Sense-Ansicht, dass einige Tatsachen unabhängig von anderen sein können.
 
Auch gewöhnliche Objekte des täglichen Lebens „are apparently complex entities“. Namen sind die Wörter für Particulars. Für Russell sind das Wörter wie „dies“ und „das“. Dagegen sind gewöhnliche Namen wie „Sokrates“ für Russell eigentlich Beschreibungen, die in der Analyse etwa durch „Der Lehrer Platos“ ersetzt werden müssen. Russell hatte dies bereits 1905 im Rahmen seiner ''Theorie der Kennzeichnungen'' (''Theory of Descriptions'') (in ''On Denoting'') gefordert und zwar als Reaktion auf das Problem der nicht existierenden Gegenstände in Auseinandersetzung mit [[Alexius Meinong]], über die sich trotzdem sinnvoll reden lassen können soll. (Wittgenstein nimmt noch in einer Bemerkung der [[Philosophische Untersuchungen|Philosophischen Untersuchungen]] Bezug darauf, wo er das Problem am Beispiel des Schwertes Nothung erläutert (PU §39)). Die Theorie der Beschreibungen ist insofern für den Logischen Atomismus von zentraler Bedeutung, als Russell mit ihr zu zeigen geglaubt hat, dass die gewöhnliche Sprache analysiert werden müsse, um die wahre Struktur offenzulegen. In gewissem Maße trifft das auch für seine ''Theory of Types'' zu, mit der er den [[Russellsche Antinomie]]n begegnete.
 
Ein weiterer Baustein in Russells Logischem Atomismus ist die ''Theorie der Bekanntschaft'' (''Theory of Acquaintance''). Russell glaubte, eine besondere Art der Relation postulieren zu müssen, die garantiert, dass ein Subjekt Anschauungen von der Wirklichkeit haben kann: „I think the relation of subject and object in presentation may be identified with the relation which I call ‘acquaintance’“. (1914 ''On the Nature of Acquaintance'' 169) Zu den Gegenständen der Bekanntschaft zählte er auch Logische Konstanten („und“, „oder“ etc.), aber auch n-stellige Relationen (TK 97–101). Die Bekanntschaft hält er für die Voraussetzung für das Verstehen von logischen Propositionen.
 
Alle sinnvollen Sätze, so die Kernaussage des Logischen Atomismus, sind Wahrheitsfunktionen der Elementarsätze, wobei die Tautologien und Kontradiktionen eine besondere Stellung einnehmen, insofern deren Wahrheitsgehalt a priori gegeben ist. (PLA 210)
 
=== Methode ===
=== Methode ===
</div><p>Seine Entscheidung für den Pluralismus und für Relationen, sagt Russell, habe er aus empirischen Gründen getroffen, da er die Überzeugung gewonnen hätte, dass die A-priori-Argumente für das Gegenteil falsch seien. (''Logical Atomism'' 339). „The Business of philosophy, as I conceive it, is essentially that of logical analysis, followed by logical synthesis.“ (LA 341) Dabei sollen „erschlossene Entitäten“ durch „logische Konstruktionen“ ersetzt werden. Diese „Methode“ des Logischen Atomismus, zu der die strikte Anwendung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser Ockhams Rasiermesser] gehörte, hatte vielleicht mehr als der metaphysische Inhalt Einfluss auf die analytische Philosophie. Russell fasst es so zusammen: „[T]here are ''fewer'' things in heaven or earth than are dreamt on in ''our'' philosophy.“ (PLA 260)</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Seine Entscheidung für den Pluralismus und für Relationen, sagt Russell, habe er aus empirischen Gründen getroffen, da er die Überzeugung gewonnen hätte, dass die A-priori-Argumente für das Gegenteil falsch seien (''Logical Atomism'' 339). „The Business of philosophy, as I conceive it, is essentially that of logical analysis, followed by logical synthesis.“ (LA 341) Dabei sollen „erschlossene Entitäten“ durch „logische Konstruktionen“ ersetzt werden. Diese „Methode“ des Logischen Atomismus, zu der die strikte Anwendung von [[Ockhams Rasiermesser]] gehörte, hatte vielleicht mehr als der metaphysische Inhalt Einfluss auf die analytische Philosophie. Russell fasst es so zusammen: „[T]here are ''fewer'' things in heaven or earth than are dreamt on in ''our'' philosophy.“ (PLA 260)
 
== Metaphysischer versus Epistemologischer Atomismus ==
== Metaphysischer versus Epistemologischer Atomismus ==
</div><p>Zu dem Zeitpunkt als Russell seine Vorlesungen über den Logischen Atomismus hielt, hatte er den Kontakt zu Wittgenstein seit einigen Jahren verloren. Nach dem Ersten Weltkrieg traf sich Russell aber mit Wittgenstein wieder und war entscheidend dabei behilflich, Wittgensteins Version des Logischen Atomismus, den [https://de.wikipedia.org/wiki/Tractatus_Logico-Philosophicus Tractatus], zu veröffentlichen.</p><p>Zwar verwendet Wittgenstein den Ausdruck Logischer Atomismus nicht, aber beinahe alle skizzierten Positionen finden sich auch im Tractatus, mit der allerdings, wie erwähnt, entscheidenden Ausnahme der Urteilstheorie. (T 5.4 und 5.5541) (1918 war Russell von dieser Position jedoch schon abgerückt.) Dennoch unterschied sich der Tractatus so grundlegend von der Philosophie Russells, dass Wittgenstein sich von seinem alten Lehrer missverstanden fühlte, und sogar gegen die Aufnahme von Russells Vorwort in das Werk war.</p><p>Die Unterschiede betreffen viele Details, aber der entscheidende Unterschied besteht in einem grundsätzlich verschiedenen Verständnis der Aufgabe der Philosophie. Während Russell letztlich in der Tradition des Britischen Empirismus stand, hat Wittgenstein, zumindest im Tractatus, einen kontinentalen Ansatz, der im Rationalismus begründet ist. Das zeigt sich schon formal, die Sätze des Tractatus erhalten durch das Nummerierungssystem ein Gewicht, der den inhaltlichen apodiktischen Ton noch verstärkt. Von Russell ist eine Aussage wie jene Wittgensteins im Vorwort, dass die Wahrheit der Gedanken unantastbar und definitiv sei, undenkbar. Russell geht es letztlich um epistemologische Grundlagen, Wittgenstein darum, die „Grenzen der Welt“ zu zeigen, und das heißt die metaphysischen Bedingungen für die Möglichkeit von Sprache und Wahrheit darzulegen. Wie Erkenntnis konkret möglich ist, interessiert Wittgenstein anscheinend kaum. Darum ist zum Beispiel die Frage nach der Natur der Gegenstände für Wittgenstein nur von geringem Interesse. Die Frage, wie viele Dinge es gibt, ist für Russell prinzipiell empirisch zu entscheiden, für Wittgenstein hingegen entbehrt die Frage jeden Sinnes. Die Möglichkeit von externen Relationen ist für Russell Voraussetzung für die Möglichkeit von unabhängigen Tatsachen, für Wittgenstein aber sind ''alle''Sachverhalte unabhängig voneinander, da er nur so durch beliebige Kombinationen von Elementarsätzen ''alle'' möglichen Welten konstruieren kann.</p><p>Für Wittgenstein waren Sätze der Metaphysik, der Ethik etc. unsinnig, Russell dagegen glaubte, mit Metasprachen durchaus über das reden zu können, von dem Wittgenstein meinte, es „zeige“ sich nur.</p><p>Obwohl Wittgenstein und Russell gemeinsam den Logischen Atomismus entwickelten, kann man sagen, dass sie sich mit ihren jeweiligen Positionen so weit voneinander getrennt hatten, dass sie nie wieder eine gemeinsame Sprache fanden.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Zu dem Zeitpunkt als Russell seine Vorlesungen über den Logischen Atomismus hielt, hatte er den Kontakt zu Wittgenstein seit einigen Jahren verloren. Nach dem Ersten Weltkrieg traf sich Russell aber mit Wittgenstein wieder und war entscheidend dabei behilflich, Wittgensteins Version des Logischen Atomismus, den [[Tractatus Logico-Philosophicus|Tractatus]], zu veröffentlichen.
 
Zwar verwendet Wittgenstein den Ausdruck Logischer Atomismus nicht, aber beinahe alle skizzierten Positionen finden sich auch im Tractatus, mit der allerdings, wie erwähnt, entscheidenden Ausnahme der Urteilstheorie. (T 5.4 und 5.5541) (1918 war Russell von dieser Position jedoch schon abgerückt.)
Dennoch unterschied sich der Tractatus so grundlegend von der Philosophie Russells, dass Wittgenstein sich von seinem alten Lehrer missverstanden fühlte, und sogar gegen die Aufnahme von Russells Vorwort in das Werk war.
 
Die Unterschiede betreffen viele Details, aber der entscheidende Unterschied besteht in einem grundsätzlich verschiedenen Verständnis der Aufgabe der Philosophie. Während Russell letztlich in der Tradition des Britischen Empirismus stand, hat Wittgenstein, zumindest im Tractatus, einen kontinentalen Ansatz, der im Rationalismus begründet ist. Das zeigt sich schon formal, die Sätze des Tractatus erhalten durch das Nummerierungssystem ein Gewicht, der den inhaltlichen apodiktischen Ton noch verstärkt. Von Russell ist eine Aussage wie jene Wittgensteins im Vorwort, dass die Wahrheit der Gedanken unantastbar und definitiv sei, undenkbar. Russell geht es letztlich um epistemologische Grundlagen, Wittgenstein darum, die „Grenzen der Welt“ zu zeigen, und das heißt die metaphysischen Bedingungen für die Möglichkeit von Sprache und Wahrheit darzulegen. Wie Erkenntnis konkret möglich ist, interessiert Wittgenstein anscheinend kaum. Darum ist zum Beispiel die Frage nach der Natur der Gegenstände für Wittgenstein nur von geringem Interesse. Die Frage, wie viele Dinge es gibt, ist für Russell prinzipiell empirisch zu entscheiden, für Wittgenstein hingegen entbehrt die Frage jeden Sinnes. Die Möglichkeit von externen Relationen ist für Russell Voraussetzung für die Möglichkeit von unabhängigen Tatsachen, für Wittgenstein aber sind ''alle'' Sachverhalte unabhängig voneinander, da er nur so durch beliebige Kombinationen von Elementarsätzen ''alle'' möglichen Welten konstruieren kann.
 
Für Wittgenstein waren Sätze der Metaphysik, der Ethik etc. unsinnig, Russell dagegen glaubte, mit Metasprachen durchaus über das reden zu können, von dem Wittgenstein meinte, es „zeige“ sich nur.
 
Obwohl Wittgenstein und Russell gemeinsam den Logischen Atomismus entwickelten, kann man sagen, dass sie sich mit ihren jeweiligen Positionen so weit voneinander getrennt hatten, dass sie nie wieder eine gemeinsame Sprache fanden.
 
== Einfluss ==
== Einfluss ==
</div><p>Der unmittelbare Einfluss des Tractatus war ungeheuer groß, besonders durch die Aufnahme, die er durch den [https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kreis Wiener Kreis] erhalten hat. Allerdings dürfte es nicht übertrieben sein, festzustellen, dass dieser Einfluss zu einem großen Teil auf Missverständnissen beruhte, zum Beispiel, was das Wesen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Elementarsatz Elementarsätze] betrifft. Der mittelbare Einfluss der Methode allerdings war langfristig vielleicht noch größer. Die Tatsache, dass Russell seine Ansichten extrem oft geändert hat, macht es beinahe unmöglich, außer in technischen Einzelaspekten, einer Philosophie Russells anzuhängen. Er hat darum keine Schule hinterlassen. Aber gerade die Bereitschaft, eigene Positionen immer wieder in Frage zu stellen, und Kritik aufzunehmen und umzusetzen, hat für die Analytische Philosophie noch immer Vorbildcharakter.</p><p>Wittgensteins spätere Philosophie ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit seinen frühen Ansichten. Er ist insofern philosophiegeschichtlich sein eigener Nachfolger. Ein wichtiger Teil der philosophischen Untersuchungen beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Privatsprachenargument, was zurückführt auf Bertrand Russell, der sagte: „A logical perfect language... would be very largely private to one speaker.“ (PLA 198) Für den späten Wittgenstein hingegen ist eine Privatsprache unmöglich ([https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Untersuchungen#Privatsprache Privatsprache]).</p><p>Der Datenbankexperte und Informatikpionier Hartmut Wedekind sieht in der Benutzung mehrerer Prädikatoren in einem Elementarsatz bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Lorenzen Paul Lorenzen]und in [https://de.wikipedia.org/wiki/Edgar_F._Codd Edgar F. Codds] Einführung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Relationale_Datenbank Relationalen Datenbanken] eine Überwindung des Logischen Atomismus.<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Logischer_Atomismus#cite_note-1 [1]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
Der unmittelbare Einfluss des Tractatus war ungeheuer groß, besonders durch die Aufnahme, die er durch den [[Wiener Kreis]] erhalten hat. Allerdings dürfte es nicht übertrieben sein, festzustellen, dass dieser Einfluss zu einem großen Teil auf Missverständnissen beruhte, zum Beispiel, was das Wesen der [[Elementarsatz|Elementarsätze]] betrifft. Der mittelbare Einfluss der Methode allerdings war langfristig vielleicht noch größer. Die Tatsache, dass Russell seine Ansichten extrem oft geändert hat, macht es beinahe unmöglich, außer in technischen Einzelaspekten, einer Philosophie Russells anzuhängen. Er hat darum keine Schule hinterlassen. Aber gerade die Bereitschaft, eigene Positionen immer wieder in Frage zu stellen, und Kritik aufzunehmen und umzusetzen, hat für die Analytische Philosophie noch immer Vorbildcharakter.
 
Wittgensteins spätere Philosophie ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit seinen frühen Ansichten. Er ist insofern philosophiegeschichtlich sein eigener Nachfolger. Ein wichtiger Teil der philosophischen Untersuchungen beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Privatsprachenargument, was zurückführt auf Bertrand Russell, der sagte: „A logical perfect language... would be very largely private to one speaker.“ (PLA 198) Für den späten Wittgenstein hingegen ist eine Privatsprache unmöglich ([[Philosophische Untersuchungen#Privatsprache|Privatsprache]]).
Der Datenbankexperte und Informatikpionier Hartmut Wedekind sieht in der Benutzung mehrerer Prädikatoren in einem Elementarsatz bei [[Paul Lorenzen]] und in [[Edgar F. Codd]]s Einführung der [[Relationale Datenbank|Relationalen Datenbanken]] eine Überwindung des Logischen Atomismus.<ref>siehe dieses {{Toter Link |datum=2019-04 |url=http://www.datenbank-spektrum.de/v2/aktuell/aktuell/interview.html?nummer=20 |text=Interview |archivebot=2019-04-28 05:01:58 InternetArchiveBot}}</ref>
 
== Literatur ==
== Literatur ==
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=== Russell ===
=== Russell ===
</div>
*Logic and Knowledge, London, 1956, (LK)
*Logic and Knowledge, London, 1956, (LK)
*My Philosophical Development, London, 1959
*My Philosophical Development, London, 1959
*Theory of Knowledge: The 1913 Manuscript, London, 1984
*Theory of Knowledge: The 1913 Manuscript, London, 1984
*''On the Nature of Acquaintance'' (1914), in LK pp. 125-74
*''On the Nature of Acquaintance'' (1914), in LK pp. 125-74
*''On Denoting'' (1905), in LK pp. 41–56
*''On Denoting'' (1905), in LK pp. 41–56
*''The Philosophy of Logical Atomism'' (1918), in LK pp. 175–281 (PLA)
*''The Philosophy of Logical Atomism'' (1918), in LK pp. 175–281 (PLA)
*''Logical Atomism'' (1924), in LK pp. 323-43 (LA)
*''Logical Atomism'' (1924), in LK pp. 323-43 (LA)
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=== Wittgenstein ===
=== Wittgenstein ===
</div>
*Logisch-philosophische Abhandlung Tractatus logico-philosophicus - Kritische Edition, Frankfurt a.&nbsp;M., 1989
*Logisch-philosophische Abhandlung Tractatus logico-philosophicus - Kritische Edition, Frankfurt a.&nbsp;M., 1989
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=== Weitere ===
=== Weitere ===
</div>
*Raymond Bradley: The Nature of All Beeing, Oxford 1992
*Raymond Bradley: The Nature of All Beeing, Oxford 1992
*P.M.S. Hacker: Wittgenstein im Kontext der Analytischen Philosophie, Frankfurt a.&nbsp;M., 1997
*P.M.S. Hacker: Wittgenstein im Kontext der Analytischen Philosophie, Frankfurt a.&nbsp;M., 1997
*Jan Faye, Uwe Scheffler, Max Urchs: Things, Facts and Events, Amsterdam/Atlanta, 2001
*Jan Faye, Uwe Scheffler, Max Urchs: Things, Facts and Events, Amsterdam/Atlanta, 2001
*Holger Leerhoff: ''Logische Form und Interpretation. Eine systematisch-historische Untersuchung des Logischen Atomismus''. Paderborn: 2008
* Holger Leerhoff: ''Logische Form und Interpretation. Eine systematisch-historische Untersuchung des Logischen Atomismus''. Paderborn: 2008
*Gregory Landini: ''Wittgenstein’s Apprenticeship with Russell'', Cambridge: Cambridge University Press 2007, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9780521870238 ISBN 9780521870238]
* Gregory Landini: ''Wittgenstein’s Apprenticeship with Russell'', Cambridge: Cambridge University Press 2007, ISBN 9780521870238
*D. F. Pears (Hg.): ''Russell's Logical Atomism''. London: Fontana 1972
* D. F. Pears (Hg.): ''Russell's Logical Atomism''. London: Fontana 1972
*J. Griffin: ''Wittgenstein’s Logical Atomism''. Oxford: Oxford University Press 1964
* J. Griffin: ''Wittgenstein’s Logical Atomism''. Oxford: Oxford University Press 1964
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== Weblinks ==
== Weblinks ==
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* Peter Schulte: [http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/pschulte/pla-seminar.html Bertrand Russell: Philosophie des Logischen Atomismus], Unterlagen zu einem Seminar vom WS 2007/08
*Peter Schulte: [http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/pschulte/pla-seminar.html Bertrand Russell: Philosophie des Logischen Atomismus], Unterlagen zu einem Seminar vom WS 2007/08
* {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/logical-atomism/|Russell's Logical Atomism|Kevin Klement}}
*Kevin Klement:&nbsp;[http://plato.stanford.edu/entries/logical-atomism/ ''Russell's Logical Atomism.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]''.
* {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/wittgenstein-atomism/|http://plato.stanford.edu/entries/wittgenstein-atomism/|Ian Proops}}
*Ian Proops:&nbsp;[http://plato.stanford.edu/entries/wittgenstein-atomism/ ''http://plato.stanford.edu/entries/wittgenstein-atomism/.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]''.
* Jeff Speaks: [http://www.nd.edu/~jspeaks/mcgill/370/winter2004/russell-atomism.htm Russell on logical constructions and logical atomism], McGill University 2004
*Jeff Speaks: [http://www.nd.edu/~jspeaks/mcgill/370/winter2004/russell-atomism.htm Russell on logical constructions and logical atomism], McGill University 2004
 
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== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
</div>
<references />
#<span class="reference-text">siehe dieses [http://www.datenbank-spektrum.de/v2/aktuell/aktuell/interview.html?nummer=20 Interview] <small>([https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Defekte_Weblinks Seite nicht mehr abrufbar], festgestellt im April 2019. [https://web.archive.org/web/*/http://www.datenbank-spektrum.de/v2/aktuell/aktuell/interview.html?nummer=20 Suche in Webarchiven])</small>&nbsp;<small><span class="wp_boppel noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span title="i">[[file:15px-Pictogram_voting_info.svg.png|15x15px]]</span></span>&nbsp;'''Info:''' Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß [https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:InternetArchiveBot/Anleitung/Toter_Link Anleitung] und entferne dann diesen Hinweis.</small></span>
 
[[Kategorie:Sprachphilosophische Strömung]]
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Aktuelle Version vom 29. Juli 2026, 14:56 Uhr

logikal-Atomismus

Im Logischen Atomismus gab es zwei Arten logischer Atome: zum einen die Individuen und zum anderen die Universalien in Form der Eigenschaften und Relationen. In der epistemologischen Ausprägung des Logischen Atomismus konnten die Individuen als kleinste ›Dinge‹ wiederum aus zwei Bereichen stammen, dem Bereich der Physik (wie beispielsweise das gegenwärtig von mir wahrgenommene rote Sinnesdatum) oder dem Bereich der Psychologie (wie mein gegenwärtiges Hungergefühl), konnten also als materielle oder als mentale Entitäten klassifiziert werden.[1] Im Neutralen Monismus vereinfacht Russell dieses Fundament weiter, indem er die Unterscheidung von Materie und Geist auf der Ebene der Individuen aufhebt. Ein solches Vorgehen ist in der Geschichte der Philosophie alles andere als neu. Der klassische Substanzdualismus wirft diverse Probleme auf, beispielsweise die Frage nach der Art der wechselseitigen Beeinflussung von Geist und Materie. Aber auch die monistischen Ansätze, die entweder die vermeintliche Sphäre der materiellen Welt als Konstruktion der allein real existierenden mentalen Welt verstehen (Idealismus bzw. Mentalismus) oder umgekehrt mentale Phänomene auf rein materielle Ursachen zu reduzieren suchen (Materialismus bzw. Physikalismus), sind in ihren vielfältigen Versionen keineswegs frei von Problemen.[2][3] Der Neutrale Monismus stellt hier eine Alternative dar, die die Vorteile der beiden klassischen monistischen Ansätze zu verbinden sucht. Tully schreibt dazu:

As Russell presents it, neutral monism is a synoptic metaphysics which seeks to reconcile the contrary tendencies of materialism and idealism, not so much through painstaking argument and proof as through its intrinsic appeal as a comprehensive theory which vindicates itself by the wisdom of its wider perspective. [Tully 1988], S. 210

Tatsächlich behauptet Russell nicht dogmatisch, daß der Aufbau der Welt dem entsprechen würde, was er in seinem Neutralen Monismus darlegt: Er sieht seine Theorie vielmehr als Arbeitshypothese an, die in letzter Konsequenz unmöglich bewiesen werden kann. Seine Theorie teilt damit den Hypothesencharakter der Erkenntnisse der Naturwissenschaften. (Siehe [Russell 1924], S. 341; [Russell 1927a], S. 271.) Dennoch führt er viele und teilweise überzeugende Gründe für seine Theorie ins Feld, die den Neutralen Monismus als gangbaren Weg in der Metaphysik erscheinen lassen, der seinen Alternativen zumindest in nichts nachsteht.

Logischer Atomismus

Der Logische Atomismus war eine in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts einflussreiche Richtung innerhalb der Analytischen Philosophie. Er behauptet, dass die Analyse von gewöhnlichen Sätzen zu einer zugrunde liegenden idealen, logischen Sprache führt, deren Sätze in einer abbildenden Beziehung zu atomaren Tatsachen (beziehungsweise Sachverhalten) stehen.

Ursprünge

Der Begriff geht zurück auf einen Aufsatz von Bertrand Russell aus dem Jahre 1911. Einem breiteren Publikum bekannt wurden die Gedanken des Logischen Atomismus indes erst mit Vorlesungen, die Russell 1918 hielt und als The Philosophy of Logical Atomism veröffentlichte. Wesentlich beeinflusst war Russell durch Ludwig Wittgenstein, den er in einer einführenden Notiz ausdrücklich würdigt. Tatsächlich war der Einfluss Wittgensteins, der von 1911 bis 1914 erst sein Schüler, dann sein Freund gewesen war, so groß, dass Russell ein Manuskript von 1913 aufgrund der Kritik Wittgensteins, besonders an der Urteilstheorie, unvollendet und unpubliziert gelassen hatte. Dieses Manuskript, das erst 1984 unter dem Titel Theory of Knowledge in den „Collected Papers“ erschien, darf als das eigentliche Manifest des Logischen Atomismus gelten.

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts stand Russell noch in der Tradition des Britischen Idealismus, der durch Leute wie Bernard Bosanquet, T.H. Green, H.H. Joachim und besonders durch F.H. Bradley geprägt war. Zusammen mit G.E. Moore löste er sich von dieser Schule, und, wie er sich in My Mental Development erinnert, „with a sense of escaping from prison, we allowed ourselves to think that grass is green, that the sun and stars would exist if no one was aware of them...“. Der logische Atomismus muss daher als bewusste Abkehr von den monistischen und idealistischen Vorstellungen seiner Lehrer gesehen werden.

Die Lehre

Russell nennt seine Lehre atomistisch im Gegensatz zu der monistischen Logik „of the people who more or less follow Hegel“ (PLA 178) und logisch, da er in der Analyse auf logische, nicht auf physikalische Objekte zu stoßen wünscht (PLA 179).

Die erste Behauptung des Logischen Atomismus ist, dass die Welt „Tatsachen“ enthält. Die Tatsachen sind komplexe Strukturen, die aus Gegenständen („Particulars“) bestehen. Dabei definiert er Gegenstände als „terms of relations in atomic facts“ (PLA 199) Eine Tatsache besteht entweder aus einem Gegenstand mit einer einfachen Eigenschaft oder aus verschiedenen Gegenständen, die in einfacher Relation zueinander stehen. Daneben gibt es Urteile („Beliefs“), die in einer Beziehung zu den Tatsachen stehen und durch diese Beziehung entweder wahr oder falsch sind.

Relationen sind nach Russell extern, was bedeutet, dass sich eine relationale Proposition im Allgemeinen nicht auf eine Subjekt-Prädikat-Proposition zurückführen lässt. Genau das war die Position Bradleys und des Idealismus, und nach Russells Überzeugung auch die von Leibniz. Eine Konsequenz der Doktrin der Internen Relationen war also, dass die Relation als Prädikat schon im Gegenstand liegt, und somit, dass „alles mit allem“ zusammenhängt. Externe Relationen dagegen erlauben die Common-Sense-Ansicht, dass einige Tatsachen unabhängig von anderen sein können.

Auch gewöhnliche Objekte des täglichen Lebens „are apparently complex entities“. Namen sind die Wörter für Particulars. Für Russell sind das Wörter wie „dies“ und „das“. Dagegen sind gewöhnliche Namen wie „Sokrates“ für Russell eigentlich Beschreibungen, die in der Analyse etwa durch „Der Lehrer Platos“ ersetzt werden müssen. Russell hatte dies bereits 1905 im Rahmen seiner Theorie der Kennzeichnungen (Theory of Descriptions) (in On Denoting) gefordert und zwar als Reaktion auf das Problem der nicht existierenden Gegenstände in Auseinandersetzung mit Alexius Meinong, über die sich trotzdem sinnvoll reden lassen können soll. (Wittgenstein nimmt noch in einer Bemerkung der Philosophischen Untersuchungen Bezug darauf, wo er das Problem am Beispiel des Schwertes Nothung erläutert (PU §39)). Die Theorie der Beschreibungen ist insofern für den Logischen Atomismus von zentraler Bedeutung, als Russell mit ihr zu zeigen geglaubt hat, dass die gewöhnliche Sprache analysiert werden müsse, um die wahre Struktur offenzulegen. In gewissem Maße trifft das auch für seine Theory of Types zu, mit der er den Russellsche Antinomien begegnete.

Ein weiterer Baustein in Russells Logischem Atomismus ist die Theorie der Bekanntschaft (Theory of Acquaintance). Russell glaubte, eine besondere Art der Relation postulieren zu müssen, die garantiert, dass ein Subjekt Anschauungen von der Wirklichkeit haben kann: „I think the relation of subject and object in presentation may be identified with the relation which I call ‘acquaintance’“. (1914 On the Nature of Acquaintance 169) Zu den Gegenständen der Bekanntschaft zählte er auch Logische Konstanten („und“, „oder“ etc.), aber auch n-stellige Relationen (TK 97–101). Die Bekanntschaft hält er für die Voraussetzung für das Verstehen von logischen Propositionen.

Alle sinnvollen Sätze, so die Kernaussage des Logischen Atomismus, sind Wahrheitsfunktionen der Elementarsätze, wobei die Tautologien und Kontradiktionen eine besondere Stellung einnehmen, insofern deren Wahrheitsgehalt a priori gegeben ist. (PLA 210)

Methode

Seine Entscheidung für den Pluralismus und für Relationen, sagt Russell, habe er aus empirischen Gründen getroffen, da er die Überzeugung gewonnen hätte, dass die A-priori-Argumente für das Gegenteil falsch seien (Logical Atomism 339). „The Business of philosophy, as I conceive it, is essentially that of logical analysis, followed by logical synthesis.“ (LA 341) Dabei sollen „erschlossene Entitäten“ durch „logische Konstruktionen“ ersetzt werden. Diese „Methode“ des Logischen Atomismus, zu der die strikte Anwendung von Ockhams Rasiermesser gehörte, hatte vielleicht mehr als der metaphysische Inhalt Einfluss auf die analytische Philosophie. Russell fasst es so zusammen: „[T]here are fewer things in heaven or earth than are dreamt on in our philosophy.“ (PLA 260)

Metaphysischer versus Epistemologischer Atomismus

Zu dem Zeitpunkt als Russell seine Vorlesungen über den Logischen Atomismus hielt, hatte er den Kontakt zu Wittgenstein seit einigen Jahren verloren. Nach dem Ersten Weltkrieg traf sich Russell aber mit Wittgenstein wieder und war entscheidend dabei behilflich, Wittgensteins Version des Logischen Atomismus, den Tractatus, zu veröffentlichen.

Zwar verwendet Wittgenstein den Ausdruck Logischer Atomismus nicht, aber beinahe alle skizzierten Positionen finden sich auch im Tractatus, mit der allerdings, wie erwähnt, entscheidenden Ausnahme der Urteilstheorie. (T 5.4 und 5.5541) (1918 war Russell von dieser Position jedoch schon abgerückt.) Dennoch unterschied sich der Tractatus so grundlegend von der Philosophie Russells, dass Wittgenstein sich von seinem alten Lehrer missverstanden fühlte, und sogar gegen die Aufnahme von Russells Vorwort in das Werk war.

Die Unterschiede betreffen viele Details, aber der entscheidende Unterschied besteht in einem grundsätzlich verschiedenen Verständnis der Aufgabe der Philosophie. Während Russell letztlich in der Tradition des Britischen Empirismus stand, hat Wittgenstein, zumindest im Tractatus, einen kontinentalen Ansatz, der im Rationalismus begründet ist. Das zeigt sich schon formal, die Sätze des Tractatus erhalten durch das Nummerierungssystem ein Gewicht, der den inhaltlichen apodiktischen Ton noch verstärkt. Von Russell ist eine Aussage wie jene Wittgensteins im Vorwort, dass die Wahrheit der Gedanken unantastbar und definitiv sei, undenkbar. Russell geht es letztlich um epistemologische Grundlagen, Wittgenstein darum, die „Grenzen der Welt“ zu zeigen, und das heißt die metaphysischen Bedingungen für die Möglichkeit von Sprache und Wahrheit darzulegen. Wie Erkenntnis konkret möglich ist, interessiert Wittgenstein anscheinend kaum. Darum ist zum Beispiel die Frage nach der Natur der Gegenstände für Wittgenstein nur von geringem Interesse. Die Frage, wie viele Dinge es gibt, ist für Russell prinzipiell empirisch zu entscheiden, für Wittgenstein hingegen entbehrt die Frage jeden Sinnes. Die Möglichkeit von externen Relationen ist für Russell Voraussetzung für die Möglichkeit von unabhängigen Tatsachen, für Wittgenstein aber sind alle Sachverhalte unabhängig voneinander, da er nur so durch beliebige Kombinationen von Elementarsätzen alle möglichen Welten konstruieren kann.

Für Wittgenstein waren Sätze der Metaphysik, der Ethik etc. unsinnig, Russell dagegen glaubte, mit Metasprachen durchaus über das reden zu können, von dem Wittgenstein meinte, es „zeige“ sich nur.

Obwohl Wittgenstein und Russell gemeinsam den Logischen Atomismus entwickelten, kann man sagen, dass sie sich mit ihren jeweiligen Positionen so weit voneinander getrennt hatten, dass sie nie wieder eine gemeinsame Sprache fanden.

Einfluss

Der unmittelbare Einfluss des Tractatus war ungeheuer groß, besonders durch die Aufnahme, die er durch den Wiener Kreis erhalten hat. Allerdings dürfte es nicht übertrieben sein, festzustellen, dass dieser Einfluss zu einem großen Teil auf Missverständnissen beruhte, zum Beispiel, was das Wesen der Elementarsätze betrifft. Der mittelbare Einfluss der Methode allerdings war langfristig vielleicht noch größer. Die Tatsache, dass Russell seine Ansichten extrem oft geändert hat, macht es beinahe unmöglich, außer in technischen Einzelaspekten, einer Philosophie Russells anzuhängen. Er hat darum keine Schule hinterlassen. Aber gerade die Bereitschaft, eigene Positionen immer wieder in Frage zu stellen, und Kritik aufzunehmen und umzusetzen, hat für die Analytische Philosophie noch immer Vorbildcharakter.

Wittgensteins spätere Philosophie ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit seinen frühen Ansichten. Er ist insofern philosophiegeschichtlich sein eigener Nachfolger. Ein wichtiger Teil der philosophischen Untersuchungen beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Privatsprachenargument, was zurückführt auf Bertrand Russell, der sagte: „A logical perfect language... would be very largely private to one speaker.“ (PLA 198) Für den späten Wittgenstein hingegen ist eine Privatsprache unmöglich (Privatsprache).

Der Datenbankexperte und Informatikpionier Hartmut Wedekind sieht in der Benutzung mehrerer Prädikatoren in einem Elementarsatz bei Paul Lorenzen und in Edgar F. Codds Einführung der Relationalen Datenbanken eine Überwindung des Logischen Atomismus.[4]

Literatur

Russell

  • Logic and Knowledge, London, 1956, (LK)
  • My Philosophical Development, London, 1959
  • Theory of Knowledge: The 1913 Manuscript, London, 1984
  • On the Nature of Acquaintance (1914), in LK pp. 125-74
  • On Denoting (1905), in LK pp. 41–56
  • The Philosophy of Logical Atomism (1918), in LK pp. 175–281 (PLA)
  • Logical Atomism (1924), in LK pp. 323-43 (LA)

Wittgenstein

  • Logisch-philosophische Abhandlung Tractatus logico-philosophicus - Kritische Edition, Frankfurt a. M., 1989

Weitere

  • Raymond Bradley: The Nature of All Beeing, Oxford 1992
  • P.M.S. Hacker: Wittgenstein im Kontext der Analytischen Philosophie, Frankfurt a. M., 1997
  • Jan Faye, Uwe Scheffler, Max Urchs: Things, Facts and Events, Amsterdam/Atlanta, 2001
  • Holger Leerhoff: Logische Form und Interpretation. Eine systematisch-historische Untersuchung des Logischen Atomismus. Paderborn: 2008
  • Gregory Landini: Wittgenstein’s Apprenticeship with Russell, Cambridge: Cambridge University Press 2007, ISBN 9780521870238
  • D. F. Pears (Hg.): Russell's Logical Atomism. London: Fontana 1972
  • J. Griffin: Wittgenstein’s Logical Atomism. Oxford: Oxford University Press 1964

Einzelnachweise

  1. ↑ Über eine entsprechende Einteilung im Rahmen der von mir beschriebenen Reinform der Theorie lassen sich hingegen zunächst keine Aussagen machen.
  2. ↑ Ich unterscheide im Rahmen dieses Kapitels weder zwischen ›Idealismus‹ und ›Mentalismus‹ einerseits noch zwischen ›Materialismus‹ und ›Physikalismus‹ andererseits. Wenn ich hier über diesee Auffassungen spreche, ist das zwangsläufig übersimplifiziert – schließlich gibt es nicht den Materialismus oder den Idealismus, sondern beinahe unüberschaubar viele Spielarten der beiden Richtungen, deren Diskussion aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Deswegen sind die hier vorgebrachten Argumente oft zu pauschal oder auch auf bestimmte Varianten nicht zutreffend. Da es mir nur um eine Abgrenzung des Neutralen Monismus von diesen Systemen geht, scheint mir eine solche Vorgehensweise jedoch vertretbar zu sein.
  3. ↑ Russells Neutraler Monismus in Logische Form und Interpretation Autor: Holger Leerhoff Art: Kapitel Seiten: 143–180 DOI: https://doi.org/10.30965/9783969750681_007
  4. ↑ siehe dieses @1@2Vorlage:Toter Link/www.datenbank-spektrum.deInterview (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2019. Suche in Webarchiven)  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.