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„Kasuistik“ – Versionsunterschied

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'''Kasuistik''' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinisch] casus ‚Fall‘; vgl. dazu „[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasus#Herkunft_der_Bezeichnung Kasus]“) bezeichnet allgemein die Betrachtung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Einzelfall Einzelfällen] in einem bestimmten [https://de.wikipedia.org/wiki/Fachgebiet Fachgebiet].<div class="mw-heading mw-heading2">
[[Kasuist]][[-ik]] [[Sprachstufe::lat.-deu.]]
 
* Die erste Verwendung findet sich um 1712–1714; ''[[Kasuist]]'' + ''[[-ik]]''
 
= Kasuistik =
 
'''Kasuistik''' ({{laS|casus|de=Fall}}; vgl. dazu „[[Kasus#Herkunft der Bezeichnung|Kasus]]“) bezeichnet allgemein die Betrachtung von [[Einzelfall|Einzelfällen]] in einem bestimmten [[Fachgebiet]].
 
== Allgemeines ==
== Allgemeines ==
</div><p>Der Begriff Kasuistik findet sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtswissenschaft Rechtswissenschaft], [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische_Ethik philosophischen Ethik] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Medizin Medizin].</p><div class="mw-heading mw-heading3">
Der Begriff Kasuistik findet sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere in der [[Rechtswissenschaft]], [[Philosophische Ethik|philosophischen Ethik]] und [[Medizin]].
 
=== Rechtswissenschaft ===
=== Rechtswissenschaft ===
</div><p>Unter Kasuistik wird eine Methode der Rechtsfindung verstanden, die nicht von abstrakten, umfassend geregelten Tatbeständen ausgeht, unter die Lebenssachverhalte subsumiert werden, sondern von spezifischen Einzelfallregelungen und damit von einer Vielzahl gesetzlich geregelter Einzelfälle. Die Einzelfälle werden im Gesetz aufgezählt. Auch können frühere Gerichtsentscheidungen [https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4judiz präjudizielle] Wirkung im Rahmen des [https://de.wikipedia.org/wiki/Richterrecht Richterrechts] entfalten.</p><p>Ausgangspunkt ist der [https://de.wikipedia.org/wiki/Einzelfall Einzelfall] (''casus''), bekannt bereits aus dem [https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6misches_Recht römischen Recht]. Kasuistik zwingt zum Vergleich eines Lebenssachverhalts mit einem vormals bereits entschiedenen Fall gleichen Zuschnitts. Durch Kasuistik entstehen [https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetzesl%C3%BCcke Gesetzeslücken], die durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Generalklausel Generalklauseln] geschlossen werden können. Eine Verallgemeinerung ([https://de.wikipedia.org/wiki/Abstraktion Abstraktion]) in Gesetzen birgt andererseits die Gefahr, dass sie inhaltslos werden und auf mehr Lebenssachverhalte zutreffen als es dem ursprünglichen Gesetzeswillen entsprach.</p><p>Das anglo-amerikanische [https://de.wikipedia.org/wiki/Fallrecht Fallrecht] und das islamische Recht („[https://de.wikipedia.org/wiki/Scharia Scharia]“) sind bis heute kasuistisch geblieben und sollen einerseits einen lebensfremden [https://de.wikipedia.org/wiki/Normativismus Normativismus] und Formalismus verhindern,<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-1 <span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> andererseits unterliegen sie der Gefahr, unübersichtlich zu werden. Doch auch in der Kasuistik bilden sich im Laufe der Zeit durch Ansammlung vieler Einzelfälle abstrakte Regeln und Prinzipien heraus. Kasuistische Ansätze finden sich im deutschen Recht insbesondere dort, wo die Gesetzgebung der aktuellen, sich schnell ändernden Lebenssituation hinterherhinkt. Das ist vor allem im [https://de.wikipedia.org/wiki/Steuerrecht_(Deutschland) Steuerrecht], [https://de.wikipedia.org/wiki/Handelsrecht_(Deutschland) Handelsrecht] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Medienrecht Medienrecht] der Fall.</p><p>Vor- und Nachteile der Kasuistik:<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-2 <span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p>
Unter Kasuistik wird eine Methode der Rechtsfindung verstanden, die nicht von abstrakten, umfassend geregelten Tatbeständen ausgeht, unter die Lebenssachverhalte subsumiert werden, sondern von spezifischen Einzelfallregelungen und damit von einer Vielzahl gesetzlich geregelter Einzelfälle. Die Einzelfälle werden im Gesetz aufgezählt. Auch können frühere Gerichtsentscheidungen [[präjudiz]]ielle Wirkung im Rahmen des [[Richterrecht]]s entfalten.
 
Ausgangspunkt ist der [[Einzelfall]] ''(casus)'', bekannt bereits aus dem [[Römisches Recht|römischen Recht]]. Kasuistik zwingt zum Vergleich eines Lebenssachverhalts mit einem vormals bereits entschiedenen Fall gleichen Zuschnitts. Durch Kasuistik entstehen [[Gesetzeslücke]]n, die durch [[Generalklausel]]n geschlossen werden können. Eine Verallgemeinerung ([[Abstraktion]]) in Gesetzen birgt andererseits die Gefahr, dass sie inhaltslos werden und auf mehr Lebenssachverhalte zutreffen als es dem ursprünglichen Gesetzeswillen entsprach.
 
Das anglo-amerikanische [[Fallrecht]] und das islamische Recht („[[Scharia]]“) sind bis heute kasuistisch geblieben und sollen einerseits einen lebensfremden [[Normativismus]] und Formalismus verhindern,<ref>Martin Honecker: ''Einführung in die theologische Ethik''. 2002, S. 171.</ref> andererseits unterliegen sie der Gefahr, unübersichtlich zu werden. Doch auch in der Kasuistik bilden sich im Laufe der Zeit durch Ansammlung vieler Einzelfälle abstrakte Regeln und Prinzipien heraus. Kasuistische Ansätze finden sich im deutschen Recht insbesondere dort, wo die Gesetzgebung der aktuellen, sich schnell ändernden Lebenssituation hinterherhinkt. Das ist vor allem im [[Steuerrecht (Deutschland)|Steuerrecht]], [[Handelsrecht (Deutschland)|Handelsrecht]], [[Medienrecht]] und im [[Streik]]<nowiki/>recht der Fall.
 
Vor- und Nachteile der Kasuistik:<ref>Stefan Hofmann: ''Handbuch Anti-Fraud-Management''. 2008, S.&nbsp;183.</ref>
 
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| hoher Gesamtumfang des Regelwerks
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| hoher Abstraktionsgrad
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=== Philosophische Ethik und katholische Moraltheologie ===
=== Philosophische Ethik und katholische Moraltheologie ===
</div><p>In der philosophischen Ethik und in der katholischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Moraltheologie Moraltheologie] ist die Kasuistik der Teil der [https://de.wikipedia.org/wiki/Sittenlehre Sittenlehre], der für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von [https://de.wikipedia.org/wiki/Gebot_(Ethik) Geboten] das richtige Verhalten bestimmt. Die aus dem Repertoire der [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie#Praktische_Philosophie praktischen Philosophie] stammende Kasuistik ist nicht einheitlich zu verstehen. Einerseits beschreibt der Begriff im weiteren Sinne ein empirisches Verfahren, das nach Analogien und Ähnlichkeiten vorgeht, andererseits versteht man hierunter im engeren Sinne die Subsumption nach logischer Gesetzmäßigkeit.</p><div class="mw-heading mw-heading3">
In der philosophischen Ethik und in der katholischen [[Moraltheologie]] ist die Kasuistik der Teil der [[Sittenlehre]], der für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von [[Gebot (Ethik)|Geboten]] das richtige Verhalten bestimmt. Die aus dem Repertoire der [[Philosophie#Praktische Philosophie|praktischen Philosophie]] stammende Kasuistik ist nicht einheitlich zu verstehen. Einerseits beschreibt der Begriff im weiteren Sinne ein empirisches Verfahren, das nach Analogien und Ähnlichkeiten vorgeht, andererseits versteht man hierunter im engeren Sinne die Subsumption nach logischer Gesetzmäßigkeit.
 
=== Medizin ===
=== Medizin ===
</div><p>→ ''Hauptartikel: [https://de.wikipedia.org/wiki/Fallbericht_(Medizin) Fallbericht (Medizin)]''</p><p>Die klinische Medizin benutzt den Begriff bei der Beschreibung von einzelnen, oft paradigmatischen und [https://de.wikipedia.org/wiki/Prop%C3%A4deutik propädeutischen]Fallbeschreibungen bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheitsverlauf Krankheitsverläufen] ([https://de.wikipedia.org/wiki/Patientengeschichte Patientengeschichten], [https://de.wikipedia.org/wiki/Narrative_Medizin Narrative Medizin]).<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-3 <span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Dabei werden die Analyse von Einzelfällen und ihre Beurteilung als alleinige Erkenntnisquelle angesehen. Werden allgemeine Prinzipien erkennbar, so gewinnen sie ihre [https://de.wikipedia.org/wiki/Plausibilit%C3%A4t Plausibilität] erst aus Einzelfällen. Die Analyserichtung ist [https://de.wikipedia.org/wiki/Induktion_(Philosophie) induktiv].<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-4 <span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading3">
→ ''Hauptartikel: [[Fallbericht (Medizin)]]''
 
Die klinische Medizin benutzt den Begriff bei der Beschreibung von einzelnen, oft paradigmatischen und [[Propädeutik|propädeutischen]] Fallbeschreibungen bei [[Krankheitsverlauf|Krankheitsverläufen]] ([[Patientengeschichte]]n, [[Narrative Medizin]]).<ref>[[Robert Jütte]]: ''Vom medizinischen Casus zur Krankengeschichte.'' In: ''Berichte zur Wissenschaftsgeschichte.'' Band 15, 1992, S. 50–52.</ref> Dabei werden die Analyse von Einzelfällen und ihre Beurteilung als alleinige Erkenntnisquelle angesehen. Werden allgemeine Prinzipien erkennbar, so gewinnen sie ihre [[Plausibilität]] erst aus Einzelfällen. Die Analyserichtung ist [[Induktion (Philosophie)|induktiv]].<ref>{{Literatur |Autor=[[Boris Zernikow]] |Online={{Google Buch |BuchID=yGG0BaTjINkC |Seite=48}} |Titel=Palliativversorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen |Datum=2008 |Seiten=48}}</ref>
 
=== Sozialwissenschaften ===
=== Sozialwissenschaften ===
</div><p>In der [https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Arbeit Sozialen Arbeit] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialp%C3%A4dagogik Sozialpädagogik] sowie in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Psychologie Psychologie]<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-5 <span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> wird eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Komparative_Kasuistik komparative Kasuistik] eingesetzt. Dabei werden in „Fallarbeit“ erstellte Einzelfallanalysen abstrahiert und zu „Typen“ gruppiert, um sie dann zu vergleichen.</p><p>Beispielsweise schlägt [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Reinhard_H%C3%B6rster&action=edit&redlink=1 Reinhard Hörster] für die Kasuistik in der Sozialen Arbeit eine Typologie mit drei Schritten vor: (1.) symbolische Darstellung des Verständnisses eines Falles, (2.) Analyse dieses Verstehens und (3.) Bildungsprozess, der durch die kasuistische Tätigkeit ausgelöst wird.<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-6 <span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> [https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Regula_Kunz&action=edit&redlink=1 Regula Kunz] schlägt ein Reflexionsmodell für eine „situative Kasuistik“ vor, die in acht Schritte strukturiert ist.<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-7 <span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Durch eine Abstraktion von Schlüsselsituation und ihre Gruppierung im Rahmen einer kasuistischen Arbeitsweise sowie durch die Verwendung von Schlüsselsituationen als Modell für die [https://de.wikipedia.org/wiki/Reflexion_(Philosophie) Reflexion] und für den Diskurs in [https://de.wikipedia.org/wiki/Intervision Intervisions]­gruppen sollen Wissen und Handeln miteinander verknüpft und so die eigene Professionalität entwickelt werden.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-8 <span class="cite-bracket">[</span>8<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><p>Aufbauend auf Bauer/Ahmed/Heye (2010)<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-9 <span class="cite-bracket">[</span>9<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> und Schön (1983)<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-10 <span class="cite-bracket">[</span>10<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> betont [https://de.wikipedia.org/wiki/Maja_Heiner Maja Heiner], dass es für das professionelle Fallverstehen notwendig ist, dass die Fachkraft sich bewusst ist, dass schon die Entscheidung darüber, was das Bedeutsame eines Falles ist (was den „Fall“ ausmacht), Konsequenzen hat, zumal die weiteren Begegnungen und Interaktionen zwischen Fachkraft und Klient sich vorrangig auf diese Feststellungen beziehen werden und andere Unterscheidungen tendenziell aus der Kommunikation ausgeschlossen werden. Damit der Beobachter die Prozesse überhaupt später außerhalb des konkreten Handlungserfordernisses („handlungsentlastet“) rekonstruieren und reflektieren kann, erfordert das professionelles Fallverstehen eine Reflexion dieser Prozesse: „der Beobachter muss sich beim Beobachten beobachten“.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-11 <span class="cite-bracket">[</span>11<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Heiner hebt drei häufig auftretende Arten von Falldarstellungen hervor:</p>
In der [[Soziale Arbeit|Sozialen Arbeit]] und [[Sozialpädagogik]] sowie in der [[Psychologie]]<ref>{{Literatur |Autor=G. Jüttemann |Titel=Komparative Kasuistik als Strategie Psychologischer Forschung |Sammelwerk=Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie |Band=29 |Datum=1981 |Seiten=101–118}}</ref> wird eine [[komparative Kasuistik]] eingesetzt. Dabei werden in „Fallarbeit“ erstellte Einzelfallanalysen abstrahiert und zu „Typen“ gruppiert, um sie dann zu vergleichen.
*den Demonstrationsfall (fokussiert dargestellt, mit deutlicher Schlussfolgerung, soll oft die [https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeing%C3%BCltigkeit Allgemeingültigkeit] von Erkenntnissen und Erfahrungen illustrativ belegen oder das eigene Handeln rechtfertigen),
 
Beispielsweise schlägt [[Reinhard Hörster]] für die Kasuistik in der Sozialen Arbeit eine Typologie mit drei Schritten vor: (1.) symbolische Darstellung des Verständnisses eines Falles, (2.) Analyse dieses Verstehens und (3.) Bildungsprozess, der durch die kasuistische Tätigkeit ausgelöst wird.<ref>{{Literatur |Autor=Reinhard Hörster |Titel=Sozialpädagogische Kasuistik |Fundstelle=hier S.&nbsp;555 |Hrsg=Werner Thole |Sammelwerk=Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch |Verlag=Leske + Budrich |Datum=2002 |Seiten=449–558}} Zitiert nach Regine Kunz: ''Wissen und Handeln in Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit. Empirische und theoretische Grundlegung eines neuen kasuistischen Ansatzes.'' Kapitel „4.4.2 Begriffsbestimmung von Kasuistik als Ort der Theorie-Praxis-Relationierung“, S.&nbsp;166.</ref> [[Regula Kunz]] schlägt ein Reflexionsmodell für eine „situative Kasuistik“ vor, die in acht Schritte strukturiert ist.<ref>Regula Kunz: ''Wissen und Handeln in Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit. Empirische und theoretische Grundlegung eines neuen kasuistischen Ansatzes.'' Kapitel „6.1 Ausblick I – Eine akteursorientierte Kasuistik: Arbeit mit Schlüsselsituationen – Reflexionsmodell“, S.&nbsp;196–197.</ref> Durch eine Abstraktion von Schlüsselsituation und ihre Gruppierung im Rahmen einer kasuistischen Arbeitsweise sowie durch die Verwendung von Schlüsselsituationen als Modell für die [[Reflexion (Philosophie)|Reflexion]] und für den Diskurs in [[Intervision]]s&shy;gruppen sollen Wissen und Handeln miteinander verknüpft und so die eigene Professionalität entwickelt werden.<ref>{{Internetquelle |url=https://schluesselsituationen.net/ansatz/ |titel=Ansatz |werk=schluesselsituationen.ch |abruf=2020-11-05}}</ref>
 
Aufbauend auf Bauer/Ahmed/Heye (2010)<ref>{{Literatur |Autor=Petra Bauer, Sarina Ahmed, Brit Heyer |Datum=2010 |Titel=Was ist der Fall? Prozesse der Fallkonstitution in Jugendhilfeeinrichtungen |Sammelwerk=neue praxis |Band=6 |Seiten=566–580}} Zitiert nach {{Literatur |Autor=Maja Heiner |Titel=Handlungskompetenz „Fallverstehen“ |Fundstelle=hier S. 202 |Hrsg=R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann |Sammelwerk=Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule |Verlag=VS Verlag für Sozialwissenschaften |Datum=2012 |Seiten=201–217 |DOI=10.1007/978-3-531-94246-9_11}}</ref> und Schön (1983)<ref>{{Literatur |Autor=Donald Alan Schön |Datum=1983 |Titel=The reflective practioner. How professionals think in action |Ort=New York |Verlag=Basic Books |Sprache=en}} Zitiert nach {{Literatur |Autor=Maja Heiner |Titel=Handlungskompetenz „Fallverstehen“ |Fundstelle=hier S. 202 |Hrsg=R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann |Sammelwerk=Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule |Verlag=VS Verlag für Sozialwissenschaften |Datum=2012 |Seiten=201–217 |DOI=10.1007/978-3-531-94246-9_11}}</ref> betont [[Maja Heiner]], dass es für das professionelle Fallverstehen notwendig ist, dass die Fachkraft sich bewusst ist, dass schon die Entscheidung darüber, was das Bedeutsame eines Falles ist (was den „Fall“ ausmacht), Konsequenzen hat, zumal die weiteren Begegnungen und Interaktionen zwischen Fachkraft und Klient sich vorrangig auf diese Feststellungen beziehen werden und andere Unterscheidungen tendenziell aus der Kommunikation ausgeschlossen werden. Damit der Beobachter die Prozesse überhaupt später außerhalb des konkreten Handlungserfordernisses („handlungsentlastet“) rekonstruieren und reflektieren kann, erfordert das professionelles Fallverstehen eine Reflexion dieser Prozesse: „der Beobachter muss sich beim Beobachten beobachten“.<ref>{{Literatur |Autor=Maja Heiner |Titel=Handlungskompetenz „Fallverstehen“ |Fundstelle=hier S. 202 |Hrsg=R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann |Sammelwerk=Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule |Verlag=VS Verlag für Sozialwissenschaften |Datum=2012 |Seiten=201–217 |DOI=10.1007/978-3-531-94246-9_11}}</ref> Heiner hebt drei häufig auftretende Arten von Falldarstellungen hervor:
*den Demonstrationsfall (fokussiert dargestellt, mit deutlicher Schlussfolgerung, soll oft die [[Allgemeingültigkeit]] von Erkenntnissen und Erfahrungen illustrativ belegen oder das eigene Handeln rechtfertigen),
*den Kaleidoskopfall (erlaubt mehrere Deutungen, multiperspektivisch, wird oft in der Aus- und Fortbildung verwendet) und
*den Kaleidoskopfall (erlaubt mehrere Deutungen, multiperspektivisch, wird oft in der Aus- und Fortbildung verwendet) und
*den Konfusionsfall (unklar/diffus, oft mündlich vorgetragen und mit offenem Handlungsausgang, mit unklarer Deutung, wird oft in eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Kollegiale_Fallberatung kollegiale Fallberatung] eingebracht).<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-12 <span class="cite-bracket">[</span>12<span class="cite-bracket">]</span>]</sup>
*den Konfusionsfall (unklar/diffus, oft mündlich vorgetragen und mit offenem Handlungsausgang, mit unklarer Deutung, wird oft in eine [[kollegiale Fallberatung]] eingebracht).<ref>{{Literatur |Autor=Maja Heiner |Titel=Handlungskompetenz „Fallverstehen“ |Fundstelle=hier S. 212 |Hrsg=R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann |Sammelwerk=Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule |Verlag=VS Verlag für Sozialwissenschaften |Datum=2012 |Seiten=201–217 |DOI=10.1007/978-3-531-94246-9_11}}</ref>
<p>[https://de.wikipedia.org/wiki/John_Forrester John Forrester] postulierte, ausgehend von einer Betrachtung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Psychoanalyse Psychoanalyse] im Vergleich zur [https://de.wikipedia.org/wiki/Experimentelle_Psychologie experimentellen Psychologie], dass ganz allgemein das Wissen in [https://de.wikipedia.org/wiki/Humanwissenschaft Humanwissenschaften] im Grunde auf Fall-basiertem Schlussfolgern beruhe.<sup id="cite_ref-13" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kasuistik#cite_note-13 <span class="cite-bracket">[</span>13<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
 
[[John Forrester]] postulierte, ausgehend von einer Betrachtung der [[Psychoanalyse]] im Vergleich zur [[Experimentelle Psychologie|experimentellen Psychologie]], dass ganz allgemein das Wissen in [[Humanwissenschaft]]en im Grunde auf Fall-basiertem Schlussfolgern beruhe.<ref>{{Literatur|Autor=John Forrester|Titel=If p, then what? Thinking in cases |Sammelwerk=History of the Human Sciences |Band=9 |Nummer=3 |Datum=1996-08-01 |ISSN=0952-6951 |Seiten=1–25 |Sprache=en |DOI=10.1177/095269519600900301 |Online=http://hhs.sagepub.com/content/9/3/1 |Abruf=2016-04-16}}</ref>
 
== Bildungssprache ==
== Bildungssprache ==
</div><p>Gemäß Duden ist Kasuistik ein bildungssprachlicher Begriff für [https://de.wikipedia.org/wiki/Wortklauberei Haarspalterei], [https://de.wikipedia.org/wiki/Rabulistik spitzfindige Argumentation oder Wortverdreherei].</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Gemäß Duden ist Kasuistik ein bildungssprachlicher Begriff für [[Wortklauberei|Haarspalterei]], [[Rabulistik|spitzfindige Argumentation oder Wortverdreherei]].
 
== Literatur ==
== Literatur ==
</div>
* {{Literatur |Autor=[[Rudolf Stammler]] |Titel=Kasuistik der klassischen Jurisprudenz |Sammelwerk=Aufgaben aus dem römischen Recht. Zum selbstthätigen Einarbeiten in das System des römischen Privatrechts |Ort=Berlin/Boston |Verlag=De Gruyter |Datum=1901 |Seiten=185–203}}
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Stammler Rudolf Stammler]: <cite>Kasuistik der klassischen Jurisprudenz</cite>. In: <cite>Aufgaben aus dem römischen Recht. Zum selbstthätigen Einarbeiten in das System des römischen Privatrechts</cite>. De Gruyter, Berlin/Boston 1901, S.&nbsp;185–203.
* {{Literatur |Autor=[[Wilhelm Rees (Theologe)|Wilhelm Rees]] |Titel=Kasuistik |Sammelwerk=Lexikon für Kirchen- und Religionsrecht |Hrsg=[[Heribert Hallermann]], [[Thomas Meckel]], [[Michael Droege]], [[Heinrich de Wall]] |ISBN=978-3-5067-8638-8 |DOI=10.30965/9783506786388_0580 |Kommentar=Onlineversion 2019}}
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Rees_(Theologe) Wilhelm Rees]: <cite>Kasuistik</cite>. In: [https://de.wikipedia.org/wiki/Heribert_Hallermann Heribert Hallermann], [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Meckel Thomas Meckel], [https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Droege Michael Droege], [https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_de_Wall Heinrich de Wall] (Hrsg.): <cite>Lexikon für Kirchen- und Religionsrecht</cite>. [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783506786388 ISBN 978-3-506-78638-8], [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.30965/9783506786388_0580 10.30965/9783506786388_0580]</span> (Onlineversion 2019).
 
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== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
</div>
<references />
#<span class="reference-text">Martin Honecker: ''Einführung in die theologische Ethik''. 2002, S. 171.</span>
 
#<span class="reference-text">Stefan Hofmann: ''Handbuch Anti-Fraud-Management''. 2008, S.&nbsp;183.</span>
{{Rechtshinweis}}
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_J%C3%BCtte Robert Jütte]: ''Vom medizinischen Casus zur Krankengeschichte.'' In: ''Berichte zur Wissenschaftsgeschichte.'' Band 15, 1992, S. 50–52.</span>
{{Normdaten|TYP=s|GND=4250530-6}}
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Zernikow Boris Zernikow]: <cite>Palliativversorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen</cite>. 2008, S.&nbsp;48([https://books.google.de/books?id=yGG0BaTjINkC&pg=PA48#v=onepage eingeschränkte Vorschau] in der Google-Buchsuche).</span>
 
#<span class="reference-text">G. Jüttemann: <cite>Komparative Kasuistik als Strategie Psychologischer Forschung</cite>. In: <cite>Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie</cite>. Band&nbsp;29, 1981, S.&nbsp;101–118.</span>
[[Kategorie:Juristische Methodenlehre]]
#<span class="reference-text">Reinhard Hörster: <cite>Sozialpädagogische Kasuistik</cite>. In: Werner Thole (Hrsg.): <cite>Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch</cite>. Leske + Budrich, 2002, S.&nbsp;449–558, hier S.&nbsp;555. Zitiert nach Regine Kunz: ''Wissen und Handeln in Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit. Empirische und theoretische Grundlegung eines neuen kasuistischen Ansatzes.'' Kapitel „4.4.2 Begriffsbestimmung von Kasuistik als Ort der Theorie-Praxis-Relationierung“, S.&nbsp;166.</span>
[[Kategorie:Wissenschaftspraxis]]
#<span class="reference-text">Regula Kunz: ''Wissen und Handeln in Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit. Empirische und theoretische Grundlegung eines neuen kasuistischen Ansatzes.'' Kapitel „6.1 Ausblick I – Eine akteursorientierte Kasuistik: Arbeit mit Schlüsselsituationen – Reflexionsmodell“, S.&nbsp;196–197.</span>
[[Kategorie:Methodologie]]
#<span class="reference-text"><span class="cite">[https://schluesselsituationen.net/ansatz/ ''Ansatz.''] In: ''schluesselsituationen.ch.''<span class="Abrufdatum"> Abgerufen am 5.&nbsp;November 2020</span>.</span></span>
[[Kategorie:Ethik (Philosophie)]]
#<span class="reference-text">Petra Bauer, Sarina Ahmed, Brit Heyer: <cite>Was ist der Fall? Prozesse der Fallkonstitution in Jugendhilfeeinrichtungen</cite>. In: <cite>neue praxis</cite>. Band&nbsp;6, 2010, S.&nbsp;566–580. Zitiert nach Maja Heiner: <cite>Handlungskompetenz „Fallverstehen“</cite>. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): <cite>Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule</cite>. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S.&nbsp;201–217, hier S. 202, [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.1007/978-3-531-94246-9_11 10.1007/978-3-531-94246-9_11]</span>.</span>
[[Kategorie:Medizin]]
#<span class="reference-text">Donald Alan Schön: <cite class="lang" dir="auto" lang="en">The reflective practioner. How professionals think in action</cite>. Basic Books, New York 1983 (englisch). Zitiert nach Maja Heiner: <cite>Handlungskompetenz „Fallverstehen“</cite>. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): <cite>Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule</cite>. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S.&nbsp;201–217, hier S. 202, [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.1007/978-3-531-94246-9_11 10.1007/978-3-531-94246-9_11]</span>.</span>
[[Kategorie:Wikipedia.de Artikel]]
#<span class="reference-text">Maja Heiner: <cite>Handlungskompetenz „Fallverstehen“</cite>. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): <cite>Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule</cite>. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S.&nbsp;201–217, hier S. 202, [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.1007/978-3-531-94246-9_11 10.1007/978-3-531-94246-9_11]</span>.</span>
#<span class="reference-text">Maja Heiner: <cite>Handlungskompetenz „Fallverstehen“</cite>. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): <cite>Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule</cite>. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S.&nbsp;201–217, hier S. 212, [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.1007/978-3-531-94246-9_11 10.1007/978-3-531-94246-9_11]</span>.</span>
#<span class="reference-text">John Forrester: <cite class="lang" dir="auto" lang="en">If p, then what? Thinking in cases</cite>. In: <cite class="lang" dir="auto" lang="en">History of the Human Sciences</cite>. Band&nbsp;9, Nr.&nbsp;3, 1.&nbsp;August 1996, [https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Standardnummer_f%C3%BCr_fortlaufende_Sammelwerke ISSN]&nbsp;[https://zdb-katalog.de/list.xhtml?t=iss%3D%220952-6951%22&key=cql 0952-6951], S.&nbsp;1–25, [https://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Object_Identifier doi]:<span class="uri-handle">[https://doi.org/10.1177/095269519600900301 10.1177/095269519600900301]</span> (englisch, [http://hhs.sagepub.com/content/9/3/1 sagepub.com] [abgerufen am 16.&nbsp;April 2016]).</span>

Aktuelle Version vom 9. Juli 2026, 13:53 Uhr

Kasuist-ik lat.-deu.

  • Die erste Verwendung findet sich um 1712–1714; Kasuist + -ik

Kasuistik

Kasuistik (lat. casus ‚Fall‘; vgl. dazu „Kasus“) bezeichnet allgemein die Betrachtung von Einzelfällen in einem bestimmten Fachgebiet.

Allgemeines

Der Begriff Kasuistik findet sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere in der Rechtswissenschaft, philosophischen Ethik und Medizin.

Rechtswissenschaft

Unter Kasuistik wird eine Methode der Rechtsfindung verstanden, die nicht von abstrakten, umfassend geregelten Tatbeständen ausgeht, unter die Lebenssachverhalte subsumiert werden, sondern von spezifischen Einzelfallregelungen und damit von einer Vielzahl gesetzlich geregelter Einzelfälle. Die Einzelfälle werden im Gesetz aufgezählt. Auch können frühere Gerichtsentscheidungen präjudizielle Wirkung im Rahmen des Richterrechts entfalten.

Ausgangspunkt ist der Einzelfall (casus), bekannt bereits aus dem römischen Recht. Kasuistik zwingt zum Vergleich eines Lebenssachverhalts mit einem vormals bereits entschiedenen Fall gleichen Zuschnitts. Durch Kasuistik entstehen Gesetzeslücken, die durch Generalklauseln geschlossen werden können. Eine Verallgemeinerung (Abstraktion) in Gesetzen birgt andererseits die Gefahr, dass sie inhaltslos werden und auf mehr Lebenssachverhalte zutreffen als es dem ursprünglichen Gesetzeswillen entsprach.

Das anglo-amerikanische Fallrecht und das islamische Recht („Scharia“) sind bis heute kasuistisch geblieben und sollen einerseits einen lebensfremden Normativismus und Formalismus verhindern,[1] andererseits unterliegen sie der Gefahr, unübersichtlich zu werden. Doch auch in der Kasuistik bilden sich im Laufe der Zeit durch Ansammlung vieler Einzelfälle abstrakte Regeln und Prinzipien heraus. Kasuistische Ansätze finden sich im deutschen Recht insbesondere dort, wo die Gesetzgebung der aktuellen, sich schnell ändernden Lebenssituation hinterherhinkt. Das ist vor allem im Steuerrecht, Handelsrecht, Medienrecht und im Streikrecht der Fall.

Vor- und Nachteile der Kasuistik:[2]

Vor- oder Nachteil Kasuistische Standards Prinzipienorientierte Standards
Vorteile Detailgenauigkeit lediglich konzeptionelle Vorgaben
Nachteile hoher Gesamtumfang des Regelwerks hoher Abstraktionsgrad

Philosophische Ethik und katholische Moraltheologie

In der philosophischen Ethik und in der katholischen Moraltheologie ist die Kasuistik der Teil der Sittenlehre, der für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das richtige Verhalten bestimmt. Die aus dem Repertoire der praktischen Philosophie stammende Kasuistik ist nicht einheitlich zu verstehen. Einerseits beschreibt der Begriff im weiteren Sinne ein empirisches Verfahren, das nach Analogien und Ähnlichkeiten vorgeht, andererseits versteht man hierunter im engeren Sinne die Subsumption nach logischer Gesetzmäßigkeit.

Medizin

→ Hauptartikel: Fallbericht (Medizin)

Die klinische Medizin benutzt den Begriff bei der Beschreibung von einzelnen, oft paradigmatischen und propädeutischen Fallbeschreibungen bei Krankheitsverläufen (Patientengeschichten, Narrative Medizin).[3] Dabei werden die Analyse von Einzelfällen und ihre Beurteilung als alleinige Erkenntnisquelle angesehen. Werden allgemeine Prinzipien erkennbar, so gewinnen sie ihre Plausibilität erst aus Einzelfällen. Die Analyserichtung ist induktiv.[4]

Sozialwissenschaften

In der Sozialen Arbeit und Sozialpädagogik sowie in der Psychologie[5] wird eine komparative Kasuistik eingesetzt. Dabei werden in „Fallarbeit“ erstellte Einzelfallanalysen abstrahiert und zu „Typen“ gruppiert, um sie dann zu vergleichen.

Beispielsweise schlägt Reinhard Hörster für die Kasuistik in der Sozialen Arbeit eine Typologie mit drei Schritten vor: (1.) symbolische Darstellung des Verständnisses eines Falles, (2.) Analyse dieses Verstehens und (3.) Bildungsprozess, der durch die kasuistische Tätigkeit ausgelöst wird.[6] Regula Kunz schlägt ein Reflexionsmodell für eine „situative Kasuistik“ vor, die in acht Schritte strukturiert ist.[7] Durch eine Abstraktion von Schlüsselsituation und ihre Gruppierung im Rahmen einer kasuistischen Arbeitsweise sowie durch die Verwendung von Schlüsselsituationen als Modell für die Reflexion und für den Diskurs in Intervisions­gruppen sollen Wissen und Handeln miteinander verknüpft und so die eigene Professionalität entwickelt werden.[8]

Aufbauend auf Bauer/Ahmed/Heye (2010)[9] und Schön (1983)[10] betont Maja Heiner, dass es für das professionelle Fallverstehen notwendig ist, dass die Fachkraft sich bewusst ist, dass schon die Entscheidung darüber, was das Bedeutsame eines Falles ist (was den „Fall“ ausmacht), Konsequenzen hat, zumal die weiteren Begegnungen und Interaktionen zwischen Fachkraft und Klient sich vorrangig auf diese Feststellungen beziehen werden und andere Unterscheidungen tendenziell aus der Kommunikation ausgeschlossen werden. Damit der Beobachter die Prozesse überhaupt später außerhalb des konkreten Handlungserfordernisses („handlungsentlastet“) rekonstruieren und reflektieren kann, erfordert das professionelles Fallverstehen eine Reflexion dieser Prozesse: „der Beobachter muss sich beim Beobachten beobachten“.[11] Heiner hebt drei häufig auftretende Arten von Falldarstellungen hervor:

  • den Demonstrationsfall (fokussiert dargestellt, mit deutlicher Schlussfolgerung, soll oft die Allgemeingültigkeit von Erkenntnissen und Erfahrungen illustrativ belegen oder das eigene Handeln rechtfertigen),
  • den Kaleidoskopfall (erlaubt mehrere Deutungen, multiperspektivisch, wird oft in der Aus- und Fortbildung verwendet) und
  • den Konfusionsfall (unklar/diffus, oft mündlich vorgetragen und mit offenem Handlungsausgang, mit unklarer Deutung, wird oft in eine kollegiale Fallberatung eingebracht).[12]

John Forrester postulierte, ausgehend von einer Betrachtung der Psychoanalyse im Vergleich zur experimentellen Psychologie, dass ganz allgemein das Wissen in Humanwissenschaften im Grunde auf Fall-basiertem Schlussfolgern beruhe.[13]

Bildungssprache

Gemäß Duden ist Kasuistik ein bildungssprachlicher Begriff für Haarspalterei, spitzfindige Argumentation oder Wortverdreherei.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Martin Honecker: Einführung in die theologische Ethik. 2002, S. 171.
  2. ↑ Stefan Hofmann: Handbuch Anti-Fraud-Management. 2008, S. 183.
  3. ↑ Robert Jütte: Vom medizinischen Casus zur Krankengeschichte. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte. Band 15, 1992, S. 50–52.
  4. ↑ Boris Zernikow: Palliativversorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 2008, S. 48 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. ↑ G. Jüttemann: Komparative Kasuistik als Strategie Psychologischer Forschung. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie. Band 29, 1981, S. 101–118.
  6. ↑ Reinhard Hörster: Sozialpädagogische Kasuistik. In: Werner Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Leske + Budrich, 2002, S. 449–558, hier S. 555. Zitiert nach Regine Kunz: Wissen und Handeln in Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit. Empirische und theoretische Grundlegung eines neuen kasuistischen Ansatzes. Kapitel „4.4.2 Begriffsbestimmung von Kasuistik als Ort der Theorie-Praxis-Relationierung“, S. 166.
  7. ↑ Regula Kunz: Wissen und Handeln in Schlüsselsituationen der Sozialen Arbeit. Empirische und theoretische Grundlegung eines neuen kasuistischen Ansatzes. Kapitel „6.1 Ausblick I – Eine akteursorientierte Kasuistik: Arbeit mit Schlüsselsituationen – Reflexionsmodell“, S. 196–197.
  8. ↑ Ansatz. In: schluesselsituationen.ch. Abgerufen am 5. November 2020.
  9. ↑ Petra Bauer, Sarina Ahmed, Brit Heyer: Was ist der Fall? Prozesse der Fallkonstitution in Jugendhilfeeinrichtungen. In: neue praxis. Band 6, 2010, S. 566–580. Zitiert nach Maja Heiner: Handlungskompetenz „Fallverstehen“. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S. 201–217, hier S. 202, doi:10.1007/978-3-531-94246-9_11.
  10. ↑ Donald Alan Schön: The reflective practioner. How professionals think in action. Basic Books, New York 1983 (englisch). Zitiert nach Maja Heiner: Handlungskompetenz „Fallverstehen“. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S. 201–217, hier S. 202, doi:10.1007/978-3-531-94246-9_11.
  11. ↑ Maja Heiner: Handlungskompetenz „Fallverstehen“. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S. 201–217, hier S. 202, doi:10.1007/978-3-531-94246-9_11.
  12. ↑ Maja Heiner: Handlungskompetenz „Fallverstehen“. In: R. Becker-Lenz, S. G. Ehlert, S. Müller-Hermann (Hrsg.): Professionalität Sozialer Arbeit und Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2012, S. 201–217, hier S. 212, doi:10.1007/978-3-531-94246-9_11.
  13. ↑ John Forrester: If p, then what? Thinking in cases. In: History of the Human Sciences. Band 9, Nr. 3, 1. August 1996, ISSN 0952-6951, S. 1–25, doi:10.1177/095269519600900301 (englisch, sagepub.com [abgerufen am 16. April 2016]).