Zum Inhalt springen

„kanonisches Recht“ – Versionsunterschied

aus AufEinWort, der freien Forschung
[ungesichtete Version][ungesichtete Version]
Die Seite wurde neu angelegt: „kanonisches + Recht | meist ist er gleichbedeutend mit dem Kirchenrecht der [https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6misch-katholische_Kirche römisch-katholischen Kirche], im weiteren Sinn kann er das Kirchenrecht auch anderer Kirchen bezeichnen, soweit sie ''dem Kanon'' der Zusammenkünfte (Synoden) Konzilien oder von Rechtssammlungen aus der Zeit vor der Reformation berücksichtigen. Die Wissenschaft vom kanonischen Recht heißt Kanonistik.“
 
K Textersetzung - „== Weblinks ==“ durch „== Weblinks == Kategorie:Wikipedia.de Artikel“
 
(5 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
kanonisches + Recht | meist ist er gleichbedeutend mit dem Kirchenrecht der [https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6misch-katholische_Kirche römisch-katholischen Kirche], im weiteren Sinn kann er das Kirchenrecht auch anderer Kirchen bezeichnen, soweit sie ''dem Kanon'' der Zusammenkünfte (Synoden) Konzilien oder von Rechtssammlungen aus der Zeit vor der Reformation berücksichtigen. Die Wissenschaft vom kanonischen Recht heißt Kanonistik.
[[kanonisch|kanonisches]] [[Recht]] [[Sprachstufe::agr.-lat.-deu.]] 'Stabrecht; maßgebendes Recht'
 
Der Begriff '''kanonisches Recht''' oder '''canonisches Recht''' kann mehrere Bedeutungen haben: meist ist er gleichbedeutend mit dem ''[[Kirchenrecht]]'' der [[römisch-katholische Kirche|römisch-katholischen Kirche]], im weiteren Sinn kann er das Kirchenrecht auch anderer Kirchen bezeichnen, soweit sie ''dem [[Kanon]]'' der Zusammenkünfte ([[Synoden]])&nbsp;[[Konzilie|Konzilien]] oder von [[Rechtssammlungen]] aus der Zeit vor der Reformation berücksichtigen. Die Wissenschaft vom kanonischen Recht heißt [[Kanonistik]].<div class="mw-heading mw-heading2">
== Namensherkunft (Etymologie) ==
</div><p>Der Ausdruck ''kanonisches Recht'' (älter ''Canonisches Recht''<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-1 [1]]</sup>) leitet sich von lateinisch ''[[canon]]'' ‚Maßstab‘, ‚festgesetzte Ordnung‘, ‚Regel‘, dieses von griechisch <span class="Grek" lang="el-Grek">[[κανών]]</span> <span lang="el-Latn" class="Latn">''[[kanón]]''</span>, deutsch ‚Rohr[stab]‘, ‚Stange‘, ‚Messstab‘, ‚Richtschnur‘ ab. Die einzelnen Normkomplexe werden im [[Codex Iuris Canonici]] als ''[[Canones]]'' bezeichnet. In der zunächst Griechisch sprechenden alten Kirche bevorzugte man das Wort ''κανών'' anstelle des Wortes νόμος ''[[nómos]]'', deutsch ‚Gesetz‘ „um die Verschiedenheit der kirchlichen Normen von denen des Staates zum Ausdruck zu bringen“.<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-2 [2]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Geschichte des kanonischen Rechtes ==
</div><p>Die Kirchengerichte hatten weitreichende Zuständigkeiten. Aus diesen Zuständigkeiten bildeten sich zahlreiche Teilgebiete des kanonischen Rechtes und aufgrund dieser Praxisbezogenheit und des Umstandes, dass es zunächst nicht von Akademikern ausgearbeitet wurde, galt das kanonische Recht als weniger abstrakt. Nach der Einschätzung von [https://de.wikipedia.org/wiki/Harold_J._Berman Harold Berman] orientierte sich das Recht zu dieser Zeit an den Anforderungen des Prozesses. Nach [https://de.wikipedia.org/wiki/Gratian_(Kirchenrechtler) Gratian] entwickelte sich das kanonische Recht mehr zu einer von Akademikern beeinflussten Rechtsordnung.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-3 [3]]</sup></p><p>Dieses gesammelte Recht wurde dann im ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Corpus_Iuris_Canonici Corpus Iuris Canonici]'' gesammelt, welcher bis zum Erlass des [https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici_1917 Codex Iuris Canonici 1917] galt.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Kanonisches Recht der römisch-katholischen Kirche ==
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Terminologie ===
</div><p>Die bestehende Mehrdeutigkeit des Ausdrucks „kanonisches Recht“ ist vor dem Hintergrund dreier Unterscheidungen zu sehen:</p>
:(a) ob man nur das aktuelle Kirchenrecht betrachtet oder rechtsgeschichtlich arbeitet (synchron/diachron);
:(b) ob man nur kodifiziertes Kirchenrecht oder auch nicht kodifiziertes Kirchenrecht einbezieht (kodifiziert/auch nicht kodifiziert);
:(c) ob man nur das Kirchenrecht für die [https://de.wikipedia.org/wiki/Lateinische_Kirche Lateinische Kirche] oder auch das Kirchenrecht für die katholisch-orientalischen Kirchen (jetzt kodifiziert seit 1990 im [https://de.wikipedia.org/wiki/CCEO CCEO]) einbezieht (Lateinische Kirche/katholische Ostkirchen).
<p>Unter dem ''kanonischen Recht'' der römisch-katholischen Kirche versteht man entsprechend</p>
*(1) in einem engeren Sinn das in einer Gesetzessammlung der katholischen Kirche kodifizierte Kirchenrecht
**(1 a) im engsten Sinn das im aktuellen [https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici Codex Iuris Canonici] (CIC) 1983 kodifizierte Recht
**(1 b) in einem weiteren Sinn das im CIC 1983 oder im CIC 1917 kodifizierte Recht
**(1 c) in einem noch weiteren Sinn das im CIC 1917/1983 oder im [https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Canonum_Ecclesiarum_Orientalium Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium] 1990 kodifizierte Recht
**(1 d) in einem wiederum weiteren Sinn einschließlich des im [https://de.wikipedia.org/wiki/Corpus_Iuris_Canonici Corpus Iuris Canonici] (vor 1917) kodifizierten Rechts;
*(2) in einem weiteren Sinn das Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche überhaupt.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-4 [4]]</sup>
<div class="mw-heading mw-heading3">
=== Theologische Grundlegung des kanonischen Rechts ===
</div><p>Von entscheidender, im Einzelnen umstrittener Bedeutung ist die theologische Grundlegung des kanonischen Rechts. Entsprechendes gilt für die Einordnung der [https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonistik Kanonistik] als theologische Disziplin (siehe auch dort).</p><p>Nach dem Selbstverständnis der katholischen Kirche begründet das kanonische Recht eine „verbindliche Lebensordnung“, die sich in zentralen Fragen aus (anderen) theologischen Disziplinen ergibt.<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-5 [5]]</sup></p><p>Dies betrifft vor allem die [https://de.wikipedia.org/wiki/Ekklesiologie Ekklesiologie], d.&nbsp;h. die Lehre von der Kirche. Diese ist entscheidend geprägt durch das [https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil II. Vatikanische Konzil] (1962–1965), insbesondere durch die Dogmatische Konstitution über die Kirche „[https://de.wikipedia.org/wiki/Lumen_gentium Lumen gentium]“.<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-6 [6]]</sup></p>
;Das Selbstverständnis der katholischen Kirche
<p>„Ursprung und Wesen der Kirche liegen danach allein im Willen Gottes und nicht etwa in einem Vereinigungswillen von Menschen.“<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-7 [7]]</sup></p>
;Die Rolle des Rechts in der Kirche
<p>Betont wird, dass es nicht ausreicht, dass „immer schon“ Kirchenrecht galt, sondern dass es einer theologischen Legitimation bedarf.</p>
:Die extreme Position des evangelischen Juristen [https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolph_Sohm Rudolph Sohm], dass Kirchenrecht mit dem Wesen der Kirche in Widerspruch stehe, wird als spiritualistisch abgelehnt.
:Bis zum II. Vatikanum wurde die Geltung des Kirchenrechts aus der Lehre von der Kirche als [https://de.wikipedia.org/wiki/Societas_perfecta societas perfecta] abgeleitet: die Kirche sei von Jesus Christus als vollkommene und damit auch als rechtliche Gesellschaft gewollt.
:Seit dem II. Vatikanischen Konzil gilt dies als unzureichend. Die Rolle des kanonischen Rechts wird in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Konstitution Apostolischen Konstitution] ''Sacrae disciplinae leges''<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-8 [8]]</sup>näher beschrieben<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-9 [9]]</sup>:
:*Der Codex solle „die konziliare Ekklesiologie [.] in die kanonistische Sprache übersetzen“.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-10 [10]]</sup>
:*Der Codex ziele „darauf ab, der kirchlichen Gesellschaft eine Ordnung zu geben, die der Liebe, der Gnade und dem Charisma Vorrang einräumt und gleichzeitig deren geordneten Fortschritt im Leben der kirchlichen Gesellschaft wie auch der einzelnen Menschen, die ihr angehören, erleichtert.“<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-11 [11]]</sup>
:*Der CIC (das Kirchenrecht) sei „unbedingt notwendig“: „Weil sie [die Kirche] auch nach Art eines sozialen und sichtbaren Gefüges gestaltet ist, bedarf sie der Richtlinien, damit ihre hierarchische und organische Struktur sichtbar wird und die Ausübung der ihr von Gott anvertrauten Dienste, insbesondere der geistlichen Gewalt und der Verwaltung der Sakramente ordnungsgemäß geregelt wird, damit die wechselseitigen Beziehungen unter den Gläubigen in einer auf der Liebe beruhenden Gerechtigkeit gestaltet werden, damit schließlich die gemeinsamen Vorhaben, die zur Vervollkommnung des christlichen Lebens unternommen werden, durch die kanonischen Gesetze unterstützt, gestärkt und gefördert werden.“<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-12 [12]]</sup>
:*Aus dem letzten Halbsatz des letzten Kanons 1752 des CIC, in dem es heißt: „das Heil der Seelen …, das in der Kirche immer das oberste Gesetz sein muß“<sup id="cite_ref-13" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-13 [13]]</sup>, wird ein entsprechender „oberste[r] Rechtsgrundsatz“ im kirchlichen Recht abgelesen.<sup id="cite_ref-14" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-14 [14]]</sup>
<div class="mw-heading mw-heading3">
=== Kodifizierungen ===
</div><p>Die Sammlung kirchenrechtlicher Normen begann in der Spätantike und führte im Westen zur Entstehung des ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Corpus_Iuris_Canonici Corpus Iuris Canonici]'', das bis 1917 die maßgebliche Gesetzessammlung der römisch-katholischen Kirche blieb. 1917 erschien für die lateinische Kirche erstmals der neubearbeitete ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici Codex Iuris Canonici]'', der nach dem Wunsch von Papst [https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_XXIII. Johannes XXIII.] im Auftrag des [https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil Zweiten Vatikanischen Konzils] bis 1983 vollständig überarbeitet wurde. Für die [https://de.wikipedia.org/wiki/Katholische_Ostkirchen katholischen Ostkirchen] wurde 1990 der ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Canonum_Ecclesiarum_Orientalium Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium]'' erlassen.</p><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Einflüsse auf weltliche Rechtsfassungen ===
</div><p>Das Recht der katholischen Kirche, besonders das [https://de.wikipedia.org/wiki/Inquisitionsverfahren Inquisitionsverfahren], trieb die Entwicklung des deutschen [https://de.wikipedia.org/wiki/Prozessrecht Prozessrechtes] stark voran, vor allem die des [https://de.wikipedia.org/wiki/Strafprozess Strafprozessrechtes]. Auch das [https://de.wikipedia.org/wiki/Vertragsrecht Schuldrecht] ist zum Beispiel durch den aus dem kanonischen Recht stammenden Grundsatz ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Pacta_sunt_servanda pacta sunt servanda]'' („Verträge müssen eingehalten werden“) wesentlich beeinflusst worden, weil damit die strenge Förmlichkeit des [https://de.wikipedia.org/wiki/Corpus_Iuris_Civilis römischen Rechts] überwunden werden konnte. Im [https://de.wikipedia.org/wiki/Eherecht Eherecht] schränkte es die [https://de.wikipedia.org/wiki/Verwandtenheirat Verwandtenheirat] ein und begründete die gegenseitige eheliche Treuepflicht. Das kanonische Recht war bei der Vermittlung des [https://de.wikipedia.org/wiki/Moraltheologie moraltheologischen] Begriffs der Strafe an das weltliche [https://de.wikipedia.org/wiki/Strafrecht Strafrecht] von zentraler Bedeutung; heute ist es nur noch innerhalb der römisch-katholischen Kirche rechtswirksam.</p><p>Im amerikanischen und englischen Recht hat sich das im kanonischen Recht entwickelte System der Verwaltung von Ländereien eines Erblassers durch einen Verwalter erhalten.<sup id="cite_ref-15" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-15 [15]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Praktische Bedeutung ===
</div><p>Die weit überwiegende Zahl an Verfahren vor katholischen Kirchengerichten (im Jahr 2015 in Deutschland: 438 von insgesamt 523 Urteilen in erster Instanz, also etwa 84 Prozent)<sup id="cite_ref-16" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-16 [16]]</sup> betrifft [https://de.wikipedia.org/wiki/Ehenichtigkeit_(Kirchenrecht) Eheannullierungen]. Obwohl das kanonische Recht keine [https://de.wikipedia.org/wiki/Scheidung Scheidung] einer kirchlich geschlossenen Ehe zulässt, anerkennt es die Möglichkeit, eine solche Ehe wegen Fehlens der Voraussetzungen für den Eheschluss nachträglich für nichtig erklären zu lassen. Hierfür bedarf es eines Verfahrens vor den kirchlichen Gerichten. Eine solche Annullierung ermöglicht es den vormaligen Ehepartnern, sich auch katholisch wieder zu verheiraten, und kann etwa bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Religionslehrer Religionslehrern] von existenzieller Bedeutung sein, da eine Scheidung eines katholischen Religionslehrers nach weltlichem Recht ohne kirchliche Eheannullierung zum Verlust der [https://de.wikipedia.org/wiki/Missio_canonica Missio canonica] führen kann.<sup id="cite_ref-17" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-17 [17]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Kanonisches Recht anderer Kirchen ==
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Kanonisches Recht der nichtkatholischen Kirchen des Ostens ===
</div><p>Auch die nichtkatholischen Kirchen des Ostens, die [https://de.wikipedia.org/wiki/Orthodoxe_Kirchen byzantinisch-orthodoxen] und die [https://de.wikipedia.org/wiki/Orientalisch-Orthodoxe_Kirchen orientalisch-orthodoxen Kirchen] haben eine Rechtsordnung. Die von den sieben [https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kumenisches_Konzil ökumenischen Konzilien] erlassenen ''Canones'' erfahren eine besondere Wertschätzung. Die einzelnen Partikularkirchen haben unterschiedliche Rechtssammlungen erlassen.<sup id="cite_ref-18" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-18 [18]]</sup></p><p>Das kanonische Recht der nicht römisch-katholischen orthodoxen Kirchen ist von dem kanonischen Recht der unierten katholisch-orientalischen Kirchen zu unterscheiden, das im [https://de.wikipedia.org/wiki/CCEO CCEO], einem Gesetzbuch der römisch-katholischen Gesamtkirche, geregelt ist.</p><div class="mw-heading mw-heading3">
=== Das Canon Law der anglikanischen Kirche ===
</div><p>Die anglikanische Kirche hat an dem mittelalterlichen kanonischen Recht festgehalten. Dieses ''Canon Law'' wurde mit der Zeit durch ein ''Ecclesiastical Law'' ergänzt, in [https://de.wikipedia.org/wiki/England England] unter Beteiligung des Parlaments, in anderen Kirchen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Anglican_Communion Anglican Communion] autonom.<sup id="cite_ref-19" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-19 [19]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Ablehnung des kanonischen Rechts in den reformatorischen Kirchen ==
</div><p>Die reformatorischen Kirchen lehnten das mittelalterliche kanonische Recht ab. Entsprechend wird der Ausdruck ''kanonisches Recht'' von ihnen nicht verwendet. Das kirchliche Recht wurde unter landesherrlichem Kirchenregiment vom jeweiligen Landesherrn, in den protestantischen Staatskirchen ähnlich und wird ansonsten nunmehr von den Synoden der jeweiligen Landeskirchen beschlossen.<sup id="cite_ref-20" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Kanonisches_Recht#cite_note-20 [20]]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Siehe auch ==
</div>
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Statuta_ecclesiae_antiqua Statuta ecclesiae antiqua]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Collectio_Canonum_Hibernensis Collectio Canonum Hibernensis]
<div class="mw-heading mw-heading2">
== Literatur ==
</div>
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Mathias_Schmoeckel Mathias Schmoeckel]: ''Kanonisches Recht. Geschichte und Inhalt des Corpus iuris canonici. Ein Studienbuch.'' Beck, München 2020, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406749100 ISBN 978-3-406-74910-0].
<div class="mw-heading mw-heading2">
== Weblinks ==
[[Kategorie:Wikipedia.de Artikel]]
</div><div class="sisterproject"><div class="noresize noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Commons">[[file:12px-Commons-logo.svg.png|12x16px]]</span></span></div>'''<span class="plainlinks">[https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Canon_law?uselang=de <span lang="en">Commons</span>: Kanonisches Recht]</span>'''&nbsp;– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien</div>
*[https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=4073199-6 Literatur von und über Kanonisches Recht] im Katalog der [https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Nationalbibliothek Deutschen Nationalbibliothek]
*[http://home.kpn.nl/otto.vervaart/kanonisches_recht.htm Kanonisches Recht]
*[http://www.ulrichrhode.de/einf/einf-skriptum.pdf Skriptum ''Einführung in das Kirchenrecht''] (von [https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Rhode Ulrich Rhode]; PDF-Datei; 451&nbsp;kB)
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Thier Andreas Thier]: [http://hwb-eup2009.mpipriv.de/index.php/Kanonisches_Recht ''Kanonisches Recht''] Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts (HWB EuP) 2009
<div class="mw-heading mw-heading2">
== Einzelnachweise ==
</div>
#<span class="reference-text">Friedrich von Schulte: ''Die Geschichte der Quellen und Literatur des Canonischen Rechts.'' Stuttgart 1880.</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Rhode Ulrich Rhode]: ''Kirchenrecht.'' Kohlhammer, Stuttgart 2015 (Studienbücher Theologie; Bd. 24), [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783170262270 ISBN 978-3-17-026227-0], S. 15.</span>
#<span class="reference-text">Harold Berman: <cite>Law and Revolution</cite>. Harvard University Press, 1983, S.&nbsp;226.</span>
#<span class="reference-text">Vgl. Ulrich Rhode: ''Kirchenrecht.'' Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 15: nennt (nur) die Bedeutungen (1 b) und (2) und favorisiert (2).</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_de_Wall Heinrich de Wall], Stefan Muckel: ''Kirchenrecht.'' 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406661686 ISBN 978-3-406-66168-6], §&nbsp;16 Rn. 4</span>
#<span class="reference-text">Vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_de_Wall Heinrich de Wall], Stefan Muckel: ''Kirchenrecht.'' 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406661686 ISBN 978-3-406-66168-6], §&nbsp;16 Rn. 5</span>
#<span class="reference-text">Vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_de_Wall Heinrich de Wall], Stefan Muckel: ''Kirchenrecht.'' 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406661686 ISBN 978-3-406-66168-6], §&nbsp;16 Rn. 11&nbsp;m.w.N.</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Papst_Johannes_Paul_II. Papst Johannes Paul II.]: [https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Konstitution Apostolische Konstitution] ''Sacrae disciplinae leges.'' vom 25. Januar 1983, in: [https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici Codex Iuris Canonici]. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X ff.</span>
#<span class="reference-text">Vgl. [https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_de_Wall Heinrich de Wall], Stefan Muckel: ''Kirchenrecht.'' 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406661686 ISBN 978-3-406-66168-6], §&nbsp;16 Rn. 15 ff. m.w.N.</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Papst_Johannes_Paul_II. Papst Johannes Paul II.]: [https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Konstitution Apostolische Konstitution] ''Sacrae disciplinae leges.'' vom 25. Januar 1983, in: [https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici Codex Iuris Canonici]. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X (XIX)</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Papst_Johannes_Paul_II. Papst Johannes Paul II.]: [https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Konstitution Apostolische Konstitution] ''Sacrae disciplinae leges.'' vom 25. Januar 1983, in: [https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici Codex Iuris Canonici]. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X (XVII)</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Papst_Johannes_Paul_II. Papst Johannes Paul II.]: [https://de.wikipedia.org/wiki/Apostolische_Konstitution Apostolische Konstitution] ''Sacrae disciplinae leges.'' vom 25. Januar 1983, in: [https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici Codex Iuris Canonici]. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X (XXI)</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Codex_Iuris_Canonici Codex Iuris Canonici]. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. 769</span>
#<span class="reference-text">[https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_de_Wall Heinrich de Wall], Stefan Muckel: ''Kirchenrecht.'' 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783406661686 ISBN 978-3-406-66168-6], §&nbsp;16 Rn. 17&nbsp;m.w.N. zur Diskussion</span>
#<span class="reference-text">Harold Berman: <cite>Law and Revolution</cite>. Harvard University Press, 1983, S.&nbsp;226.</span>
#<span class="reference-text">[http://www.kath.net/news/57578 Praktische Probleme der neuen Ehenichtigkeitsprozesse] abgerufen am 22. April 2019</span>
#<span class="reference-text">[https://www.sueddeutsche.de/bildung/kirchen-und-schulen-im-zwiespalt-zwischen-lehre-und-leben-1.3036840 Im Zwiespalt zwischen Lehre und Leben] abgerufen am 22. April 2019</span>
#<span class="reference-text">Nach Ulrich Rhode: ''Kirchenrecht.'' Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 17.</span>
#<span class="reference-text">Ulrich Rhode: ''Kirchenrecht.'' Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 17 f.</span>
#<span class="reference-text">Ulrich Rhode: ''Kirchenrecht.'' Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 18.</span>

Aktuelle Version vom 2. April 2026, 12:06 Uhr

kanonisches Recht agr.-lat.-deu. 'Stabrecht; maßgebendes Recht'

Der Begriff kanonisches Recht oder canonisches Recht kann mehrere Bedeutungen haben: meist ist er gleichbedeutend mit dem Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche, im weiteren Sinn kann er das Kirchenrecht auch anderer Kirchen bezeichnen, soweit sie dem Kanon der Zusammenkünfte (Synoden) Konzilien oder von Rechtssammlungen aus der Zeit vor der Reformation berücksichtigen. Die Wissenschaft vom kanonischen Recht heißt Kanonistik.

Namensherkunft (Etymologie)

Der Ausdruck kanonisches Recht (älter Canonisches Recht[1]) leitet sich von lateinisch canon ‚Maßstab‘, ‚festgesetzte Ordnung‘, ‚Regel‘, dieses von griechisch κανών kanón, deutsch ‚Rohr[stab]‘, ‚Stange‘, ‚Messstab‘, ‚Richtschnur‘ ab. Die einzelnen Normkomplexe werden im Codex Iuris Canonici als Canones bezeichnet. In der zunächst Griechisch sprechenden alten Kirche bevorzugte man das Wort κανών anstelle des Wortes νόμος nómos, deutsch ‚Gesetz‘ „um die Verschiedenheit der kirchlichen Normen von denen des Staates zum Ausdruck zu bringen“.[2]

Geschichte des kanonischen Rechtes

Die Kirchengerichte hatten weitreichende Zuständigkeiten. Aus diesen Zuständigkeiten bildeten sich zahlreiche Teilgebiete des kanonischen Rechtes und aufgrund dieser Praxisbezogenheit und des Umstandes, dass es zunächst nicht von Akademikern ausgearbeitet wurde, galt das kanonische Recht als weniger abstrakt. Nach der Einschätzung von Harold Berman orientierte sich das Recht zu dieser Zeit an den Anforderungen des Prozesses. Nach Gratian entwickelte sich das kanonische Recht mehr zu einer von Akademikern beeinflussten Rechtsordnung.[3]

Dieses gesammelte Recht wurde dann im Corpus Iuris Canonici gesammelt, welcher bis zum Erlass des Codex Iuris Canonici 1917 galt.

Kanonisches Recht der römisch-katholischen Kirche

Terminologie

Die bestehende Mehrdeutigkeit des Ausdrucks „kanonisches Recht“ ist vor dem Hintergrund dreier Unterscheidungen zu sehen:

(a) ob man nur das aktuelle Kirchenrecht betrachtet oder rechtsgeschichtlich arbeitet (synchron/diachron);
(b) ob man nur kodifiziertes Kirchenrecht oder auch nicht kodifiziertes Kirchenrecht einbezieht (kodifiziert/auch nicht kodifiziert);
(c) ob man nur das Kirchenrecht für die Lateinische Kirche oder auch das Kirchenrecht für die katholisch-orientalischen Kirchen (jetzt kodifiziert seit 1990 im CCEO) einbezieht (Lateinische Kirche/katholische Ostkirchen).

Unter dem kanonischen Recht der römisch-katholischen Kirche versteht man entsprechend

  • (1) in einem engeren Sinn das in einer Gesetzessammlung der katholischen Kirche kodifizierte Kirchenrecht
    • (1 a) im engsten Sinn das im aktuellen Codex Iuris Canonici (CIC) 1983 kodifizierte Recht
    • (1 b) in einem weiteren Sinn das im CIC 1983 oder im CIC 1917 kodifizierte Recht
    • (1 c) in einem noch weiteren Sinn das im CIC 1917/1983 oder im Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium 1990 kodifizierte Recht
    • (1 d) in einem wiederum weiteren Sinn einschließlich des im Corpus Iuris Canonici (vor 1917) kodifizierten Rechts;
  • (2) in einem weiteren Sinn das Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche überhaupt.[4]

Theologische Grundlegung des kanonischen Rechts

Von entscheidender, im Einzelnen umstrittener Bedeutung ist die theologische Grundlegung des kanonischen Rechts. Entsprechendes gilt für die Einordnung der Kanonistik als theologische Disziplin (siehe auch dort).

Nach dem Selbstverständnis der katholischen Kirche begründet das kanonische Recht eine „verbindliche Lebensordnung“, die sich in zentralen Fragen aus (anderen) theologischen Disziplinen ergibt.[5]

Dies betrifft vor allem die Ekklesiologie, d. h. die Lehre von der Kirche. Diese ist entscheidend geprägt durch das II. Vatikanische Konzil (1962–1965), insbesondere durch die Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“.[6]

Das Selbstverständnis der katholischen Kirche

„Ursprung und Wesen der Kirche liegen danach allein im Willen Gottes und nicht etwa in einem Vereinigungswillen von Menschen.“[7]

Die Rolle des Rechts in der Kirche

Betont wird, dass es nicht ausreicht, dass „immer schon“ Kirchenrecht galt, sondern dass es einer theologischen Legitimation bedarf.

Die extreme Position des evangelischen Juristen Rudolph Sohm, dass Kirchenrecht mit dem Wesen der Kirche in Widerspruch stehe, wird als spiritualistisch abgelehnt.
Bis zum II. Vatikanum wurde die Geltung des Kirchenrechts aus der Lehre von der Kirche als societas perfecta abgeleitet: die Kirche sei von Jesus Christus als vollkommene und damit auch als rechtliche Gesellschaft gewollt.
Seit dem II. Vatikanischen Konzil gilt dies als unzureichend. Die Rolle des kanonischen Rechts wird in der Apostolischen Konstitution Sacrae disciplinae leges[8]näher beschrieben[9]:
  • Der Codex solle „die konziliare Ekklesiologie [.] in die kanonistische Sprache übersetzen“.[10]
  • Der Codex ziele „darauf ab, der kirchlichen Gesellschaft eine Ordnung zu geben, die der Liebe, der Gnade und dem Charisma Vorrang einräumt und gleichzeitig deren geordneten Fortschritt im Leben der kirchlichen Gesellschaft wie auch der einzelnen Menschen, die ihr angehören, erleichtert.“[11]
  • Der CIC (das Kirchenrecht) sei „unbedingt notwendig“: „Weil sie [die Kirche] auch nach Art eines sozialen und sichtbaren Gefüges gestaltet ist, bedarf sie der Richtlinien, damit ihre hierarchische und organische Struktur sichtbar wird und die Ausübung der ihr von Gott anvertrauten Dienste, insbesondere der geistlichen Gewalt und der Verwaltung der Sakramente ordnungsgemäß geregelt wird, damit die wechselseitigen Beziehungen unter den Gläubigen in einer auf der Liebe beruhenden Gerechtigkeit gestaltet werden, damit schließlich die gemeinsamen Vorhaben, die zur Vervollkommnung des christlichen Lebens unternommen werden, durch die kanonischen Gesetze unterstützt, gestärkt und gefördert werden.“[12]
  • Aus dem letzten Halbsatz des letzten Kanons 1752 des CIC, in dem es heißt: „das Heil der Seelen …, das in der Kirche immer das oberste Gesetz sein muß“[13], wird ein entsprechender „oberste[r] Rechtsgrundsatz“ im kirchlichen Recht abgelesen.[14]

Kodifizierungen

Die Sammlung kirchenrechtlicher Normen begann in der Spätantike und führte im Westen zur Entstehung des Corpus Iuris Canonici, das bis 1917 die maßgebliche Gesetzessammlung der römisch-katholischen Kirche blieb. 1917 erschien für die lateinische Kirche erstmals der neubearbeitete Codex Iuris Canonici, der nach dem Wunsch von Papst Johannes XXIII. im Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils bis 1983 vollständig überarbeitet wurde. Für die katholischen Ostkirchen wurde 1990 der Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium erlassen.

Einflüsse auf weltliche Rechtsfassungen

Das Recht der katholischen Kirche, besonders das Inquisitionsverfahren, trieb die Entwicklung des deutschen Prozessrechtes stark voran, vor allem die des Strafprozessrechtes. Auch das Schuldrecht ist zum Beispiel durch den aus dem kanonischen Recht stammenden Grundsatz pacta sunt servanda („Verträge müssen eingehalten werden“) wesentlich beeinflusst worden, weil damit die strenge Förmlichkeit des römischen Rechts überwunden werden konnte. Im Eherecht schränkte es die Verwandtenheirat ein und begründete die gegenseitige eheliche Treuepflicht. Das kanonische Recht war bei der Vermittlung des moraltheologischen Begriffs der Strafe an das weltliche Strafrecht von zentraler Bedeutung; heute ist es nur noch innerhalb der römisch-katholischen Kirche rechtswirksam.

Im amerikanischen und englischen Recht hat sich das im kanonischen Recht entwickelte System der Verwaltung von Ländereien eines Erblassers durch einen Verwalter erhalten.[15]

Praktische Bedeutung

Die weit überwiegende Zahl an Verfahren vor katholischen Kirchengerichten (im Jahr 2015 in Deutschland: 438 von insgesamt 523 Urteilen in erster Instanz, also etwa 84 Prozent)[16] betrifft Eheannullierungen. Obwohl das kanonische Recht keine Scheidung einer kirchlich geschlossenen Ehe zulässt, anerkennt es die Möglichkeit, eine solche Ehe wegen Fehlens der Voraussetzungen für den Eheschluss nachträglich für nichtig erklären zu lassen. Hierfür bedarf es eines Verfahrens vor den kirchlichen Gerichten. Eine solche Annullierung ermöglicht es den vormaligen Ehepartnern, sich auch katholisch wieder zu verheiraten, und kann etwa bei Religionslehrern von existenzieller Bedeutung sein, da eine Scheidung eines katholischen Religionslehrers nach weltlichem Recht ohne kirchliche Eheannullierung zum Verlust der Missio canonica führen kann.[17]

Kanonisches Recht anderer Kirchen

Kanonisches Recht der nichtkatholischen Kirchen des Ostens

Auch die nichtkatholischen Kirchen des Ostens, die byzantinisch-orthodoxen und die orientalisch-orthodoxen Kirchen haben eine Rechtsordnung. Die von den sieben ökumenischen Konzilien erlassenen Canones erfahren eine besondere Wertschätzung. Die einzelnen Partikularkirchen haben unterschiedliche Rechtssammlungen erlassen.[18]

Das kanonische Recht der nicht römisch-katholischen orthodoxen Kirchen ist von dem kanonischen Recht der unierten katholisch-orientalischen Kirchen zu unterscheiden, das im CCEO, einem Gesetzbuch der römisch-katholischen Gesamtkirche, geregelt ist.

Das Canon Law der anglikanischen Kirche

Die anglikanische Kirche hat an dem mittelalterlichen kanonischen Recht festgehalten. Dieses Canon Law wurde mit der Zeit durch ein Ecclesiastical Law ergänzt, in England unter Beteiligung des Parlaments, in anderen Kirchen der Anglican Communion autonom.[19]

Ablehnung des kanonischen Rechts in den reformatorischen Kirchen

Die reformatorischen Kirchen lehnten das mittelalterliche kanonische Recht ab. Entsprechend wird der Ausdruck kanonisches Recht von ihnen nicht verwendet. Das kirchliche Recht wurde unter landesherrlichem Kirchenregiment vom jeweiligen Landesherrn, in den protestantischen Staatskirchen ähnlich und wird ansonsten nunmehr von den Synoden der jeweiligen Landeskirchen beschlossen.[20]

Siehe auch

Literatur

Commons: Kanonisches Recht – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Friedrich von Schulte: Die Geschichte der Quellen und Literatur des Canonischen Rechts. Stuttgart 1880.
  2. Ulrich Rhode: Kirchenrecht. Kohlhammer, Stuttgart 2015 (Studienbücher Theologie; Bd. 24), ISBN 978-3-17-026227-0, S. 15.
  3. Harold Berman: Law and Revolution. Harvard University Press, 1983, S. 226.
  4. Vgl. Ulrich Rhode: Kirchenrecht. Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 15: nennt (nur) die Bedeutungen (1 b) und (2) und favorisiert (2).
  5. Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 16 Rn. 4
  6. Vgl. Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 16 Rn. 5
  7. Vgl. Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 16 Rn. 11 m.w.N.
  8. Papst Johannes Paul II.: Apostolische Konstitution Sacrae disciplinae leges. vom 25. Januar 1983, in: Codex Iuris Canonici. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X ff.
  9. Vgl. Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 16 Rn. 15 ff. m.w.N.
  10. Papst Johannes Paul II.: Apostolische Konstitution Sacrae disciplinae leges. vom 25. Januar 1983, in: Codex Iuris Canonici. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X (XIX)
  11. Papst Johannes Paul II.: Apostolische Konstitution Sacrae disciplinae leges. vom 25. Januar 1983, in: Codex Iuris Canonici. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X (XVII)
  12. Papst Johannes Paul II.: Apostolische Konstitution Sacrae disciplinae leges. vom 25. Januar 1983, in: Codex Iuris Canonici. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. X (XXI)
  13. Codex Iuris Canonici. 5. Auflage. Kevelaer, Butzon & Bercker 2001, S. 769
  14. Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C.H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 16 Rn. 17 m.w.N. zur Diskussion
  15. Harold Berman: Law and Revolution. Harvard University Press, 1983, S. 226.
  16. Praktische Probleme der neuen Ehenichtigkeitsprozesse abgerufen am 22. April 2019
  17. Im Zwiespalt zwischen Lehre und Leben abgerufen am 22. April 2019
  18. Nach Ulrich Rhode: Kirchenrecht. Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 17.
  19. Ulrich Rhode: Kirchenrecht. Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 17 f.
  20. Ulrich Rhode: Kirchenrecht. Kohlhammer, Stuttgart 2015, S. 18.