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„Liber de causis“ – Versionsunterschied

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'''Liber de causis''' (''Buch der Ursachen'') ist der Titel einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Hochmittelalter hochmittelalterlichen] lateinischen Übersetzung einer arabischen philosophischen Schrift aus dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChmittelalter Frühmittelalter].
'''Liber de causis''' (''Buch der Ursachen'') ist der Titel einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Hochmittelalter hochmittelalterlichen] lateinischen Übersetzung einer arabischen philosophischen Schrift aus dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChmittelalter Frühmittelalter].


[https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Liber_de_causis,_Venice,_Lat._288,_fol._2r.jpg ]Der Anfang des ''Liber de causis'' in einer Handschrift aus dem Besitz von Kardinal [https://de.wikipedia.org/wiki/Bessarion Bessarion]. Venedig, [https://de.wikipedia.org/wiki/Biblioteca_Marciana Biblioteca Nazionale Marciana], Lat. 288, fol. 2r (um 1470)<div class="mw-heading mw-heading2">
== Arabische Urfassung ==
== Arabische Urfassung ==
</div><p>Der Autor der arabischen Urfassung war ein unbekannter Gelehrter, der wohl im 9. Jahrhundert lebte, vermutlich in [https://de.wikipedia.org/wiki/Bagdad Bagdad].<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-1 <span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Sein Werk war unter verschiedenen Titeln verbreitet, darunter ''Kalām fī maḥḍ al-ḫayr'' („Abhandlung über das reine Gute“). Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Texten antiker [https://de.wikipedia.org/wiki/Neuplatonismus neuplatonischer] Philosophen. Die Hauptquelle – aber nicht, wie man früher glaubte, einzige Quelle – waren die ''Grundlagen'' (oder: ''Elemente'') ''der Theologie'' des Neuplatonikers [https://de.wikipedia.org/wiki/Proklos Proklos] (5. Jahrhundert). Das arabische Werk stimmt jedoch in seinem Aufbau nicht mit der Hauptquelle überein; sein Verfasser ordnete den Stoff nach anderen Gesichtspunkten als Proklos und zog auch neuplatonische Schriften heran, die Lehren aus der Schule [https://de.wikipedia.org/wiki/Plotin Plotins] enthielten, darunter die fälschlich Aristoteles zugeschriebene ''Theologia Aristotelis'' („Theologie des Aristoteles“).<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-2 <span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span>]</sup>Das Gerüst bilden 31 Lehrsätze, denen jeweils ein begründender und erläuternder Kommentar angefügt ist. Erst später, in Handschriften der lateinischen Übersetzung, wurde daraus durch Aufspaltung des vierten Satzes und Kapitels in zwei Teile eine Einteilung in 32 Kapitel.</p><p>Die arabische Originalfassung wurde anscheinend von den bedeutenden muslimischen Denkern kaum beachtet; es sind nur drei arabische Handschriften überliefert. Da die älteste dieser Handschriften aus dem Jahr 1197 stammt, wurde der im 12. Jahrhundert in Toledo tätige jüdische Philosoph [https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_ibn_Daud Abraham ibn Daud] (Avendauth) als Verfasser in Betracht gezogen.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-3 <span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span>]</sup>Später stellte sich jedoch heraus, dass schon ab dem 10. Jahrhundert arabische Autoren das Werk heranzogen; auch bei dem jüdischen Philosophen [https://de.wikipedia.org/wiki/Moses_ibn_Esra Moses ibn Esra] (11./12. Jahrhundert) finden sich einschlägige Zitate.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Der Autor der arabischen Urfassung war ein unbekannter Gelehrter, der wohl im 9. Jahrhundert lebte, vermutlich in [https://de.wikipedia.org/wiki/Bagdad Bagdad].<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-1 <span class="cite-bracket">[</span>1]]</sup> Sein Werk war unter verschiedenen Titeln verbreitet, darunter ''Kalām fī maḥḍ al-ḫayr'' („Abhandlung über das reine Gute“). Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Texten antiker [https://de.wikipedia.org/wiki/Neuplatonismus neuplatonischer] Philosophen. Die Hauptquelle – aber nicht, wie man früher glaubte, einzige Quelle – waren die ''Grundlagen'' (oder: ''Elemente'') ''der Theologie'' des Neuplatonikers [[Proklos]] (5. Jahrhundert). Das arabische Werk stimmt jedoch in seinem Aufbau nicht mit der Hauptquelle überein; sein Verfasser ordnete den Stoff nach anderen Gesichtspunkten als Proklos und zog auch neuplatonische Schriften heran, die Lehren aus der Schule [[Plotin|Plotins]] enthielten, darunter die fälschlich Aristoteles zugeschriebene ''[[Theologia Aristotelis]]'' („Theologie des Aristoteles“).<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-2 <span class="cite-bracket">[</span>2]]</sup> Das Gerüst bilden 31 Lehrsätze, denen jeweils ein begründender und erläuternder Kommentar angefügt ist. Erst später, in Handschriften der lateinischen Übersetzung, wurde daraus durch Aufspaltung des vierten Satzes und Kapitels in zwei Teile eine Einteilung in 32 Kapitel.<p>Die arabische Originalfassung wurde anscheinend von den bedeutenden muslimischen Denkern kaum beachtet; es sind nur drei arabische Handschriften überliefert. Da die älteste dieser Handschriften aus dem Jahr 1197 stammt, wurde der im 12. Jahrhundert in Toledo tätige jüdische Philosoph [https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_ibn_Daud Abraham ibn Daud] (Avendauth) als Verfasser in Betracht gezogen.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-3 <span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span>]</sup>Später stellte sich jedoch heraus, dass schon ab dem 10. Jahrhundert arabische Autoren das Werk heranzogen; auch bei dem jüdischen Philosophen [https://de.wikipedia.org/wiki/Moses_ibn_Esra Moses ibn Esra] (11./12. Jahrhundert) finden sich einschlägige Zitate.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Inhalt ==
== Inhalt ==
</div><p>Der neuplatonischen Denkweise folgend nimmt der Autor an, dass alles aus der ersten Ursache hervorgeht, aus dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Eine Einen], das er mit der reinen Gutheit gleichsetzt. Sein Hauptthema ist die Frage, wie der Hervorgang der Vielheit aus der Einheit zu erklären ist. Dieses Problem versucht er zu lösen, indem er zwischen dem Einen und dem Vielen nicht eine Mehrzahl von Vermittlungsinstanzen annimmt, sondern eine einzige Instanz, den Geist. Den Geist betrachtet er zugleich als Einheit und als ein Prinzip der Vielheit, das die Vielheit der Formen enthält. In diesem Zusammenhang befasst er sich mit Zeit und Ewigkeit, Entstehen und Vergehen. Er meint, das Eine sei als erste Ursache „vor der Ewigkeit“, der unmittelbar daraus hervorgegangene Geist als „zweites Sein“ sei „mit der Ewigkeit“, die [https://de.wikipedia.org/wiki/Seele Seele] als drittes – gemeint ist im Neuplatonismus die [https://de.wikipedia.org/wiki/Anima_Mundi Weltseele] – stehe unterhalb der Ewigkeit, aber über der Zeit.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-4 <span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Das Eine als Erstursache erschaffe das Sein der Seele nicht unmittelbar, sondern „durch die Vermittlung des Geistes“.<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-5 <span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Diese für den ''Liber de causis'' charakteristische Lehre von der mittelbaren Erschaffung der Seele stellte für die muslimischen und christlichen Interpreten eine Herausforderung dar.</p><p>Eines der Ziele des muslimischen Verfassers ist, Elemente der neuplatonischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Emanation_(Philosophie) Emanationslehre] zur philosophischen Begründung des monotheistischen Schöpfungsglaubens seiner Religion zu verwerten. Zu diesem Zweck weicht er nötigenfalls von Proklos’ Auffassungen ab und greift auf Lehren [https://de.wikipedia.org/wiki/Plotin Plotins] zurück.<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-6 <span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> So identifiziert er den ersten Grund aller Wirklichkeit mit dem reinen Sein, während Proklos meint, der erste Grund, das Eine, sei „überseiend“, also noch oberhalb des Seienden.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>Der [[neuplatonisch|neuplatonischen]] Denkweise folgend nimmt der Autor an, dass alles aus der [[Erstursache|ersten Ursache]] hervorgeht, aus [[das Eine|dem Einen]], das er mit der reinen [[Gutheit]] gleichsetzt. Sein Hauptthema ist die Frage, wie der Hervorgang der [[Vielheit aus der Einheit]] zu erklären ist. Dieses Problem versucht er zu lösen, indem er zwischen dem Einen und dem Vielen nicht eine Mehrzahl von Vermittlungsinstanzen annimmt, sondern eine einzige Instanz, den Geist. Den Geist betrachtet er zugleich als Einheit und als ein Prinzip der Vielheit, das die Vielheit der Formen enthält. In diesem Zusammenhang befasst er sich mit Zeit und Ewigkeit, Entstehen und Vergehen. Er meint, [[das Eine]] sei als [[Erstursache|erste Ursache]] „vor der Ewigkeit“, der unmittelbar daraus hervorgegangene Geist als „zweites Sein“ sei „mit der Ewigkeit“, die [[Seele]] als drittes – gemeint ist im [[Neuplatonismus]] die [[Weltseele]] – stehe unterhalb der Ewigkeit, aber über der Zeit.<sup id="cite_ref-4" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-4 <span class="cite-bracket">[</span>4]]</sup> Das Eine als Erstursache erschaffe das Sein der Seele nicht unmittelbar, sondern „durch die Vermittlung des Geistes“.<sup id="cite_ref-5" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-5 <span class="cite-bracket">[</span>5]]</sup> Diese für den ''Liber de causis'' charakteristische Lehre von der mittelbaren Erschaffung der Seele stellte für die muslimischen und christlichen Interpreten eine Herausforderung dar.</p><p>Eines der Ziele des muslimischen Verfassers ist, Elemente der neuplatonischen [[Emanation (Philosophie)|Emanationslehre]] zur philosophischen Begründung des monotheistischen Schöpfungsglaubens seiner Religion zu verwerten. Zu diesem Zweck weicht er nötigenfalls von Proklos’ Auffassungen ab und greift auf Lehren [https://de.wikipedia.org/wiki/Plotin Plotins] zurück.<sup id="cite_ref-6" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-6 <span class="cite-bracket">[</span>6]]</sup> So identifiziert er den ersten Grund aller Wirklichkeit mit dem reinen Sein, während Proklos meint, der erste Grund, das Eine, sei „überseiend“, also noch oberhalb des Seienden.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Die lateinische Übersetzung und ihre Rezeption ==
== Die lateinische Übersetzung und ihre Rezeption ==
</div><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_von_Cremona Gerhard von Cremona] († 1187), einer der fruchtbarsten Übersetzer seiner Epoche, übersetzte das arabische Werk in [https://de.wikipedia.org/wiki/Toledo Toledo] ins Lateinische (wohl nach 1167). Dabei bemühte er sich um eine möglichst wörtliche Übertragung, ohne stilistischen Erfordernissen der lateinischen Sprache Rechnung zu tragen. Als Titel wählte er, getreu der arabischen Vorlage, ''Liber de expositione bonitatis purae'' („Buch zur Erklärung der reinen Güte“). Erst im 13. Jahrhundert setzte sich der Titel ''Liber de causis'' durch. Man hielt den ''Liber'' zunächst für ein Werk des [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles Aristoteles], eine Ergänzung zu dessen ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik_(Aristoteles) Metaphysik]'', denn man betrachtete die ''Metaphysik'' als eine unvollständige Darstellung ihres Themenbereichs. Manche Gelehrte meinten jedoch, dass nur die im ''Liber'' enthaltenen Lehrsätze von Aristoteles stammten, die jeweils anschließenden Beweisführungen und Erläuterungen jedoch von dem frühmittelalterlichen arabischen Aristoteles-Kommentator [https://de.wikipedia.org/wiki/Al-Farabi al-Fārābī].<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-7 <span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><p>Zu den ersten Rezipienten des lateinischen ''Liber'' gehörte ein ebenfalls in Toledo tätiger Kollege Gerhards von Cremona, der Gelehrte [https://de.wikipedia.org/wiki/Dominicus_Gundisalvi Dominicus Gundisalvi] (Gundissalinus), der sich mit der darin dargelegten [https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4resie heterodoxen] Schöpfungslehre befasste, die er teilweise missverstand. Er fasste die vom Autor des ''Liber'' verwendeten Begriffe „Geist“ (in der lateinischen Übersetzung ''intelligentia'') und „Seele“ nicht im ursprünglichen neuplatonischen Sinne als Bezeichnungen für zwei hochrangige [https://de.wikipedia.org/wiki/Hypostase Hypostasen] (hierarchisch geordnete Wirklichkeitsstufen) auf. Unter ''intelligentia'' verstand er vielmehr „Intelligenzen“, womit in der damaligen Terminologie körperlose Lebewesen (Engel) gemeint waren. Die Aussage, dass aus dem Geist die Seele hervorgegangen sei, bezog er nicht auf die Weltseele, sondern auf die menschliche Einzelseele.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-8 <span class="cite-bracket">[</span>8<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Dieses Missverständnis prägte auch die spätere mittelalterliche Rezeption.</p><p>Ein weiterer vom Schöpfungsverständnis des ''Liber'' beeinflusster Zeitgenosse Gerhards von Cremona war [https://de.wikipedia.org/wiki/Alanus_ab_Insulis Alanus ab Insulis]. Er versuchte die neuplatonische Auffassung mit der kirchlichen zu vereinbaren, indem er Gott zwar als [https://de.wikipedia.org/wiki/Causa_efficiens Wirkursache] bei der Entstehung der Seele betrachtete, die Rolle der [https://de.wikipedia.org/wiki/Causa_formalis Formursache] jedoch der „Intelligenz“ zuwies; Gott komme wegen seiner Einheitlichkeit nicht als Formursache in Betracht.</p><p>Als im 13. Jahrhundert das Universitätswesen aufblühte, wurde der ''Liber de causis'' zu einem Basistext des Unterrichts an den Fakultäten der ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Freie_K%C3%BCnste Artes liberales]''. Daher sind mindestens 237 lateinische Handschriften erhalten geblieben, eine für einen mittelalterlichen Text hohe Anzahl.</p><p>Wohl zwischen 1241 und 1245 verfasste der Philosoph [https://de.wikipedia.org/wiki/Roger_Bacon Roger Bacon] den wahrscheinlich ältesten mittelalterlichen Kommentar zum ''Liber de causis'' unter dem Titel ''Quaestiones supra librum de causis'' („Fragen über das Buch von den Ursachen“). Darin nahm er zu einzelnen Thesen des kommentierten Werks kritisch Stellung.<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-9 <span class="cite-bracket">[</span>9<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> Als die Artes-Fakultät der damals tonangebenden Universität Paris 1255 ihr Studienprogramm festlegte, wurde bestimmt, dass der ''Liber de causis'' für sieben Wochen im Jahr Unterrichtsgegenstand sein sollte. Zahlreiche Gelehrte schrieben Kommentare zu dem Werk, darunter [https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_der_Gro%C3%9Fe Albert der Große] (''[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis_et_processu_universitatis_a_prima_causa Liber de causis et processu universitatis a prima causa]''), der meinte, der Verfasser sei „ein gewisser Jude David“ gewesen, [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Aquin Thomas von Aquin] (''[https://de.wikipedia.org/wiki/Expositio_super_librum_de_causis Expositio super librum de causis]''), sowie weitere prominente Magister wie [https://de.wikipedia.org/wiki/Siger_von_Brabant Siger von Brabant], [https://de.wikipedia.org/wiki/Aegidius_Romanus Aegidius Romanus] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Burley Walter Burley]. Bis um 1500 entstanden mindestens 29 lateinische Kommentare.</p><p>Die spätmittelalterlichen Kommentatoren schätzten den ''Liber'' zwar sehr, distanzierten sich jedoch von seiner Lehre an einzelnen Stellen, wo sie einen Gegensatz zum christlichen Glauben sahen, etwa hinsichtlich der These, die Seele sei von der Erstursache nicht unmittelbar, sondern durch Vermittlung des Geistes erschaffen worden. Es setzte sich die Tendenz durch, die Bedeutung der nach damaligem kirchlichem Verständnis anstößigen Beteiligung des Geistes (der „Intelligenz“) am Schöpfungsprozess einzuschränken. Man akzeptierte die „Intelligenz“ nicht mehr als für die Schöpfung der Seele erforderliches Formprinzip, sondern wies ihr bei diesem Vorgang eine untergeordnetere, [https://de.wikipedia.org/wiki/Ontologie ontologisch] unwesentliche Rolle zu. Man betrachtete sie nicht mehr ontologisch als Seinsprinzip, sondern ließ sie nur noch [https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnistheorie erkenntnistheoretisch] als Erkenntnisprinzip gelten.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-10 <span class="cite-bracket">[</span>10<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><p>Zahlreiche Spuren der Benutzung des ''Liber'' finden sich bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Dante_Alighieri Dante], sowohl in der ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Divina_commedia Divina commedia]'' als auch in der ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Monarchia Monarchia]'' und im ''Convivio''. [https://de.wikipedia.org/wiki/Meister_Eckhart Meister Eckhart] zitierte den ''Liber'' häufig, da dessen Transzendenz- und Emanationslehre zur Untermauerung seiner Theologie geeignet war.</p><p>Der Name des Proklos war den abendländischen Gelehrten des Mittelalters zunächst noch kaum bekannt. Dies änderte sich erst, nachdem [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Moerbeke Wilhelm von Moerbeke] am 18. Mai 1268 seine Übersetzung von Proklos’ ''Grundlagen der Theologie'' abgeschlossen hatte. Anhand dieser Übersetzung erkannte [https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Aquin Thomas von Aquin], dass der ''Liber de causis'' hauptsächlich eine Zusammenfassung des Inhalts von Proklos’ Werk ist.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-11 <span class="cite-bracket">[</span>11<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> In seinem 1272 in Paris verfassten Kommentar zum ''Liber de causis'' wies Thomas auf diesen Zusammenhang hin und bezeichnete die kommentierte Schrift als einen von einem arabischen Philosophen stammenden Auszug aus den ''Grundlagen'' des Proklos. Thomas verglich die beiden Texte und fand, derjenige des Proklos sei vollständiger und differenzierter, doch biete der ''Liber'' inhaltlich (aus christlicher Sicht) einen Erkenntnisfortschritt. Die Entdeckung des nichtaristotelischen Ursprungs des Werkes tat dessen Beliebtheit zunächst kaum Abbruch; nur langsam schwand das Interesse.</p><p>Es entstanden auch vier hebräische Übersetzungen, von denen eine auf dem arabischen Text fußt, die übrigen auf dem lateinischen, sowie drei hebräische Kommentare.<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-12 <span class="cite-bracket">[</span>12<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>[https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_von_Cremona Gerhard von Cremona] († 1187), einer der fruchtbarsten Übersetzer seiner Epoche, übersetzte das arabische Werk in [https://de.wikipedia.org/wiki/Toledo Toledo] ins Lateinische (wohl nach 1167). Dabei bemühte er sich um eine möglichst wörtliche Übertragung, ohne stilistischen Erfordernissen der lateinischen Sprache Rechnung zu tragen. Als Titel wählte er, getreu der arabischen Vorlage, ''Liber de expositione bonitatis purae'' („Buch zur Erklärung der reinen Güte“). Erst im 13. Jahrhundert setzte sich der Titel ''Liber de causis'' durch. Man hielt den ''Liber'' zunächst für ein Werk des [[Aristoteles|Aristoteles]], eine Ergänzung zu dessen ''[[Metaphysik (Aristoteles)|Metaphysik]]'', denn man betrachtete die ''Metaphysik'' als eine unvollständige Darstellung ihres Themenbereichs. Manche Gelehrte meinten jedoch, dass nur die im ''Liber'' enthaltenen Lehrsätze von Aristoteles stammten, die jeweils anschließenden Beweisführungen und Erläuterungen jedoch von dem frühmittelalterlichen arabischen Aristoteles-Kommentator [[al-Fārābī]].<sup id="cite_ref-7" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-7 <span class="cite-bracket">[</span>7]]</sup></p><p>Zu den ersten Rezipienten des lateinischen ''Liber'' gehörte ein ebenfalls in Toledo tätiger Kollege Gerhards von Cremona, der Gelehrte [https://de.wikipedia.org/wiki/Dominicus_Gundisalvi Dominicus Gundisalvi] (Gundissalinus), der sich mit der darin dargelegten [https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4resie heterodoxen] Schöpfungslehre befasste, die er teilweise missverstand. Er fasste die vom Autor des ''Liber'' verwendeten Begriffe „Geist“ (in der lateinischen Übersetzung ''[[intelligentia]]'') und „Seele“ nicht im ursprünglichen neuplatonischen Sinne als Bezeichnungen für zwei hochrangige [[Hypostasen]] (hierarchisch geordnete Wirklichkeitsstufen) auf. Unter ''intelligentia'' verstand er vielmehr „Intelligenzen“, womit in der damaligen Terminologie körperlose Lebewesen (Engel) gemeint waren. Die Aussage, dass aus dem Geist die Seele hervorgegangen sei, bezog er nicht auf die Weltseele, sondern auf die menschliche Einzelseele.<sup id="cite_ref-8" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-8 <span class="cite-bracket">[</span>8]]</sup> Dieses Missverständnis prägte auch die spätere mittelalterliche Rezeption.</p><p>Ein weiterer vom Schöpfungsverständnis des ''Liber'' beeinflusster Zeitgenosse Gerhards von Cremona war [https://de.wikipedia.org/wiki/Alanus_ab_Insulis Alanus ab Insulis]. Er versuchte die neuplatonische Auffassung mit der kirchlichen zu vereinbaren, indem er Gott zwar als [[Wirkursache]] bei der Entstehung der Seele betrachtete, die Rolle der [[Formursache]] jedoch der „Intelligenz“ zuwies; Gott komme wegen seiner Einheitlichkeit nicht als Formursache in Betracht.</p><p>Als im 13. Jahrhundert das Universitätswesen aufblühte, wurde der ''Liber de causis'' zu einem Basistext des Unterrichts an den Fakultäten der ''[[sieben freie Künste|Artes liberales]]''. Daher sind mindestens 237 lateinische Handschriften erhalten geblieben, eine für einen mittelalterlichen Text hohe Anzahl.</p><p>Wohl zwischen 1241 und 1245 verfasste der Philosoph [[Roger Bacon]] den wahrscheinlich ältesten mittelalterlichen Kommentar zum ''Liber de causis'' unter dem Titel ''Quaestiones supra librum de causis'' („Fragen über das Buch von den Ursachen“). Darin nahm er zu einzelnen Thesen des kommentierten Werks kritisch Stellung.<sup id="cite_ref-9" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-9 <span class="cite-bracket">[</span>9]]</sup> Als die Artes-Fakultät der damals tonangebenden Universität Paris 1255 ihr Studienprogramm festlegte, wurde bestimmt, dass der ''Liber de causis'' für sieben Wochen im Jahr Unterrichtsgegenstand sein sollte. Zahlreiche Gelehrte schrieben Kommentare zu dem Werk, darunter [[Albertus Magnus|Albert der Große]] (''[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis_et_processu_universitatis_a_prima_causa Liber de causis et processu universitatis a prima causa]''), der meinte, der Verfasser sei „ein gewisser Jude David“ gewesen, [[Thomas von Aquin]] (''[https://de.wikipedia.org/wiki/Expositio_super_librum_de_causis Expositio super librum de causis]''), sowie weitere prominente Magister wie [[Siger von Brabant]], [[Aegidius Romanus]] und [[Walter Burley]]. Bis um 1500 entstanden mindestens 29 lateinische Kommentare.</p><p>Die spätmittelalterlichen Kommentatoren schätzten den ''Liber'' zwar sehr, distanzierten sich jedoch von seiner Lehre an einzelnen Stellen, wo sie einen Gegensatz zum christlichen Glauben sahen, etwa hinsichtlich der These, die Seele sei von der Erstursache nicht unmittelbar, sondern durch Vermittlung des Geistes erschaffen worden. Es setzte sich die Tendenz durch, die Bedeutung der nach damaligem kirchlichem Verständnis anstößigen Beteiligung des Geistes (der „Intelligenz“) am Schöpfungsprozess einzuschränken. Man akzeptierte die „Intelligenz“ nicht mehr als für die Schöpfung der Seele erforderliches Formprinzip, sondern wies ihr bei diesem Vorgang eine untergeordnetere, [[ontologisch]] unwesentliche Rolle zu. Man betrachtete sie nicht mehr ontologisch als Seinsprinzip, sondern ließ sie nur noch [[erkenntnistheoretisch]] als [[Erkenntnisprinzip]] gelten.<sup id="cite_ref-10" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-10 <span class="cite-bracket">[</span>10]]</sup></p><p>Zahlreiche Spuren der Benutzung des ''Liber'' finden sich bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Dante_Alighieri Dante], sowohl in der ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Divina_commedia Divina commedia]'' als auch in der ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Monarchia Monarchia]'' und im ''Convivio''. [[Meister Eckhart]] zitierte den ''Liber'' häufig, da dessen Transzendenz- und Emanationslehre zur Untermauerung seiner Theologie geeignet war.</p><p>Der Name des [[Proklos]] war den abendländischen Gelehrten des Mittelalters zunächst noch kaum bekannt. Dies änderte sich erst, nachdem [[Wilhelm von Moerbeke]] am 18. Mai 1268 seine Übersetzung von Proklos’ ''Grundlagen der Theologie'' abgeschlossen hatte. Anhand dieser Übersetzung erkannte [[Thomas von Aquin]], dass der ''Liber de causis'' hauptsächlich eine Zusammenfassung des Inhalts von Proklos’ Werk ist.<sup id="cite_ref-11" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-11 <span class="cite-bracket">[</span>11]]</sup> In seinem 1272 in Paris verfassten Kommentar zum ''Liber de causis'' wies Thomas auf diesen Zusammenhang hin und bezeichnete die kommentierte Schrift als einen von einem arabischen Philosophen stammenden Auszug aus den ''Grundlagen'' des Proklos. Thomas verglich die beiden Texte und fand, derjenige des Proklos sei vollständiger und differenzierter, doch biete der ''Liber'' inhaltlich (aus christlicher Sicht) einen Erkenntnisfortschritt. Die Entdeckung des nichtaristotelischen Ursprungs des Werkes tat dessen Beliebtheit zunächst kaum Abbruch; nur langsam schwand das Interesse.</p><p>Es entstanden auch vier hebräische Übersetzungen, von denen eine auf dem arabischen Text fußt, die übrigen auf dem lateinischen, sowie drei hebräische Kommentare.<sup id="cite_ref-12" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Liber_de_causis#cite_note-12 <span class="cite-bracket">[</span>12<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Forschungsgeschichte ==
== Forschungsgeschichte ==
</div><p>Die erste moderne Ausgabe wurde 1882 von dem Theologen [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Bardenhewer Otto Bardenhewer] vorgelegt, der sowohl die arabische als auch die lateinische Fassung edierte, allerdings auf unzureichender handschriftlicher Basis. Wegweisend wurde die 1966 erschienene Ausgabe des lateinischen Textes von Adriaan Pattin, die Pattin selbst allerdings nicht als endgültige kritische Edition, sondern als Provisorium betrachtete. Ein editorisches Problem besteht darin, dass manche lateinische Handschriften einen authentischeren, dem arabischen Original näheren Text bieten, während andere eine jüngere, bereits abgewandelte Textgestalt zeigen, die jedoch rezeptionsgeschichtlich wichtig ist. Ein Herausgeber des lateinischen ''Liber de causis'' hat somit die Wahl zwischen dem textkritischen Prinzip (Rekonstruktion der ältesten erreichbaren Textgestalt) und dem überlieferungskritischen Prinzip (Entscheidung für eine relativ autorferne, aber stark rezipierte Version).</p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>Die erste moderne Ausgabe wurde 1882 von dem Theologen [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Bardenhewer Otto Bardenhewer] vorgelegt, der sowohl die arabische als auch die lateinische Fassung edierte, allerdings auf unzureichender handschriftlicher Basis. Wegweisend wurde die 1966 erschienene Ausgabe des lateinischen Textes von Adriaan Pattin, die Pattin selbst allerdings nicht als endgültige kritische Edition, sondern als Provisorium betrachtete. Ein editorisches Problem besteht darin, dass manche lateinische Handschriften einen authentischeren, dem arabischen Original näheren Text bieten, während andere eine jüngere, bereits abgewandelte Textgestalt zeigen, die jedoch rezeptionsgeschichtlich wichtig ist. Ein Herausgeber des lateinischen ''Liber de causis'' hat somit die Wahl zwischen dem textkritischen Prinzip (Rekonstruktion der ältesten erreichbaren Textgestalt) und dem überlieferungskritischen Prinzip (Entscheidung für eine relativ autorferne, aber stark rezipierte Version).</p><div class="mw-heading mw-heading2">
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== Weblinks ==
== Weblinks ==
[[Kategorie:Wikipedia.de Artikel]]
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*Andreas Schönfeld: [http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_I/Philosophie/Gesch_Phil/Links%20Schoenfeld/WissHilf110.html Bibliographie zum Liber de causis]
*Andreas Schönfeld: [http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_I/Philosophie/Gesch_Phil/Links%20Schoenfeld/WissHilf110.html Bibliographie zum Liber de causis]

Aktuelle Version vom 2. April 2026, 11:52 Uhr

Der Anfang des Liber de causis in einer Handschrift aus dem Besitz von Kardinal Bessarion. Venedig, Biblioteca Nazionale Marciana, Lat. 288, fol. 2r (um 1470)

Liber de causis (Buch der Ursachen) ist der Titel einer hochmittelalterlichen lateinischen Übersetzung einer arabischen philosophischen Schrift aus dem Frühmittelalter.

Arabische Urfassung

Der Autor der arabischen Urfassung war ein unbekannter Gelehrter, der wohl im 9. Jahrhundert lebte, vermutlich in Bagdad.[1] Sein Werk war unter verschiedenen Titeln verbreitet, darunter Kalām fī maḥḍ al-ḫayr („Abhandlung über das reine Gute“). Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Texten antiker neuplatonischer Philosophen. Die Hauptquelle – aber nicht, wie man früher glaubte, einzige Quelle – waren die Grundlagen (oder: Elemente) der Theologie des Neuplatonikers Proklos (5. Jahrhundert). Das arabische Werk stimmt jedoch in seinem Aufbau nicht mit der Hauptquelle überein; sein Verfasser ordnete den Stoff nach anderen Gesichtspunkten als Proklos und zog auch neuplatonische Schriften heran, die Lehren aus der Schule Plotins enthielten, darunter die fälschlich Aristoteles zugeschriebene Theologia Aristotelis („Theologie des Aristoteles“).[2] Das Gerüst bilden 31 Lehrsätze, denen jeweils ein begründender und erläuternder Kommentar angefügt ist. Erst später, in Handschriften der lateinischen Übersetzung, wurde daraus durch Aufspaltung des vierten Satzes und Kapitels in zwei Teile eine Einteilung in 32 Kapitel.

Die arabische Originalfassung wurde anscheinend von den bedeutenden muslimischen Denkern kaum beachtet; es sind nur drei arabische Handschriften überliefert. Da die älteste dieser Handschriften aus dem Jahr 1197 stammt, wurde der im 12. Jahrhundert in Toledo tätige jüdische Philosoph Abraham ibn Daud (Avendauth) als Verfasser in Betracht gezogen.[3]Später stellte sich jedoch heraus, dass schon ab dem 10. Jahrhundert arabische Autoren das Werk heranzogen; auch bei dem jüdischen Philosophen Moses ibn Esra (11./12. Jahrhundert) finden sich einschlägige Zitate.

Inhalt

Der neuplatonischen Denkweise folgend nimmt der Autor an, dass alles aus der ersten Ursache hervorgeht, aus dem Einen, das er mit der reinen Gutheit gleichsetzt. Sein Hauptthema ist die Frage, wie der Hervorgang der Vielheit aus der Einheit zu erklären ist. Dieses Problem versucht er zu lösen, indem er zwischen dem Einen und dem Vielen nicht eine Mehrzahl von Vermittlungsinstanzen annimmt, sondern eine einzige Instanz, den Geist. Den Geist betrachtet er zugleich als Einheit und als ein Prinzip der Vielheit, das die Vielheit der Formen enthält. In diesem Zusammenhang befasst er sich mit Zeit und Ewigkeit, Entstehen und Vergehen. Er meint, das Eine sei als erste Ursache „vor der Ewigkeit“, der unmittelbar daraus hervorgegangene Geist als „zweites Sein“ sei „mit der Ewigkeit“, die Seele als drittes – gemeint ist im Neuplatonismus die Weltseele – stehe unterhalb der Ewigkeit, aber über der Zeit.[4] Das Eine als Erstursache erschaffe das Sein der Seele nicht unmittelbar, sondern „durch die Vermittlung des Geistes“.[5] Diese für den Liber de causis charakteristische Lehre von der mittelbaren Erschaffung der Seele stellte für die muslimischen und christlichen Interpreten eine Herausforderung dar.

Eines der Ziele des muslimischen Verfassers ist, Elemente der neuplatonischen Emanationslehre zur philosophischen Begründung des monotheistischen Schöpfungsglaubens seiner Religion zu verwerten. Zu diesem Zweck weicht er nötigenfalls von Proklos’ Auffassungen ab und greift auf Lehren Plotins zurück.[6] So identifiziert er den ersten Grund aller Wirklichkeit mit dem reinen Sein, während Proklos meint, der erste Grund, das Eine, sei „überseiend“, also noch oberhalb des Seienden.

Die lateinische Übersetzung und ihre Rezeption

Gerhard von Cremona († 1187), einer der fruchtbarsten Übersetzer seiner Epoche, übersetzte das arabische Werk in Toledo ins Lateinische (wohl nach 1167). Dabei bemühte er sich um eine möglichst wörtliche Übertragung, ohne stilistischen Erfordernissen der lateinischen Sprache Rechnung zu tragen. Als Titel wählte er, getreu der arabischen Vorlage, Liber de expositione bonitatis purae („Buch zur Erklärung der reinen Güte“). Erst im 13. Jahrhundert setzte sich der Titel Liber de causis durch. Man hielt den Liber zunächst für ein Werk des Aristoteles, eine Ergänzung zu dessen Metaphysik, denn man betrachtete die Metaphysik als eine unvollständige Darstellung ihres Themenbereichs. Manche Gelehrte meinten jedoch, dass nur die im Liber enthaltenen Lehrsätze von Aristoteles stammten, die jeweils anschließenden Beweisführungen und Erläuterungen jedoch von dem frühmittelalterlichen arabischen Aristoteles-Kommentator al-Fārābī.[7]

Zu den ersten Rezipienten des lateinischen Liber gehörte ein ebenfalls in Toledo tätiger Kollege Gerhards von Cremona, der Gelehrte Dominicus Gundisalvi (Gundissalinus), der sich mit der darin dargelegten heterodoxen Schöpfungslehre befasste, die er teilweise missverstand. Er fasste die vom Autor des Liber verwendeten Begriffe „Geist“ (in der lateinischen Übersetzung intelligentia) und „Seele“ nicht im ursprünglichen neuplatonischen Sinne als Bezeichnungen für zwei hochrangige Hypostasen (hierarchisch geordnete Wirklichkeitsstufen) auf. Unter intelligentia verstand er vielmehr „Intelligenzen“, womit in der damaligen Terminologie körperlose Lebewesen (Engel) gemeint waren. Die Aussage, dass aus dem Geist die Seele hervorgegangen sei, bezog er nicht auf die Weltseele, sondern auf die menschliche Einzelseele.[8] Dieses Missverständnis prägte auch die spätere mittelalterliche Rezeption.

Ein weiterer vom Schöpfungsverständnis des Liber beeinflusster Zeitgenosse Gerhards von Cremona war Alanus ab Insulis. Er versuchte die neuplatonische Auffassung mit der kirchlichen zu vereinbaren, indem er Gott zwar als Wirkursache bei der Entstehung der Seele betrachtete, die Rolle der Formursache jedoch der „Intelligenz“ zuwies; Gott komme wegen seiner Einheitlichkeit nicht als Formursache in Betracht.

Als im 13. Jahrhundert das Universitätswesen aufblühte, wurde der Liber de causis zu einem Basistext des Unterrichts an den Fakultäten der Artes liberales. Daher sind mindestens 237 lateinische Handschriften erhalten geblieben, eine für einen mittelalterlichen Text hohe Anzahl.

Wohl zwischen 1241 und 1245 verfasste der Philosoph Roger Bacon den wahrscheinlich ältesten mittelalterlichen Kommentar zum Liber de causis unter dem Titel Quaestiones supra librum de causis („Fragen über das Buch von den Ursachen“). Darin nahm er zu einzelnen Thesen des kommentierten Werks kritisch Stellung.[9] Als die Artes-Fakultät der damals tonangebenden Universität Paris 1255 ihr Studienprogramm festlegte, wurde bestimmt, dass der Liber de causis für sieben Wochen im Jahr Unterrichtsgegenstand sein sollte. Zahlreiche Gelehrte schrieben Kommentare zu dem Werk, darunter Albert der Große (Liber de causis et processu universitatis a prima causa), der meinte, der Verfasser sei „ein gewisser Jude David“ gewesen, Thomas von Aquin (Expositio super librum de causis), sowie weitere prominente Magister wie Siger von Brabant, Aegidius Romanus und Walter Burley. Bis um 1500 entstanden mindestens 29 lateinische Kommentare.

Die spätmittelalterlichen Kommentatoren schätzten den Liber zwar sehr, distanzierten sich jedoch von seiner Lehre an einzelnen Stellen, wo sie einen Gegensatz zum christlichen Glauben sahen, etwa hinsichtlich der These, die Seele sei von der Erstursache nicht unmittelbar, sondern durch Vermittlung des Geistes erschaffen worden. Es setzte sich die Tendenz durch, die Bedeutung der nach damaligem kirchlichem Verständnis anstößigen Beteiligung des Geistes (der „Intelligenz“) am Schöpfungsprozess einzuschränken. Man akzeptierte die „Intelligenz“ nicht mehr als für die Schöpfung der Seele erforderliches Formprinzip, sondern wies ihr bei diesem Vorgang eine untergeordnetere, ontologisch unwesentliche Rolle zu. Man betrachtete sie nicht mehr ontologisch als Seinsprinzip, sondern ließ sie nur noch erkenntnistheoretisch als Erkenntnisprinzip gelten.[10]

Zahlreiche Spuren der Benutzung des Liber finden sich bei Dante, sowohl in der Divina commedia als auch in der Monarchia und im Convivio. Meister Eckhart zitierte den Liber häufig, da dessen Transzendenz- und Emanationslehre zur Untermauerung seiner Theologie geeignet war.

Der Name des Proklos war den abendländischen Gelehrten des Mittelalters zunächst noch kaum bekannt. Dies änderte sich erst, nachdem Wilhelm von Moerbeke am 18. Mai 1268 seine Übersetzung von Proklos’ Grundlagen der Theologie abgeschlossen hatte. Anhand dieser Übersetzung erkannte Thomas von Aquin, dass der Liber de causis hauptsächlich eine Zusammenfassung des Inhalts von Proklos’ Werk ist.[11] In seinem 1272 in Paris verfassten Kommentar zum Liber de causis wies Thomas auf diesen Zusammenhang hin und bezeichnete die kommentierte Schrift als einen von einem arabischen Philosophen stammenden Auszug aus den Grundlagen des Proklos. Thomas verglich die beiden Texte und fand, derjenige des Proklos sei vollständiger und differenzierter, doch biete der Liber inhaltlich (aus christlicher Sicht) einen Erkenntnisfortschritt. Die Entdeckung des nichtaristotelischen Ursprungs des Werkes tat dessen Beliebtheit zunächst kaum Abbruch; nur langsam schwand das Interesse.

Es entstanden auch vier hebräische Übersetzungen, von denen eine auf dem arabischen Text fußt, die übrigen auf dem lateinischen, sowie drei hebräische Kommentare.[12]

Forschungsgeschichte

Die erste moderne Ausgabe wurde 1882 von dem Theologen Otto Bardenhewer vorgelegt, der sowohl die arabische als auch die lateinische Fassung edierte, allerdings auf unzureichender handschriftlicher Basis. Wegweisend wurde die 1966 erschienene Ausgabe des lateinischen Textes von Adriaan Pattin, die Pattin selbst allerdings nicht als endgültige kritische Edition, sondern als Provisorium betrachtete. Ein editorisches Problem besteht darin, dass manche lateinische Handschriften einen authentischeren, dem arabischen Original näheren Text bieten, während andere eine jüngere, bereits abgewandelte Textgestalt zeigen, die jedoch rezeptionsgeschichtlich wichtig ist. Ein Herausgeber des lateinischen Liber de causis hat somit die Wahl zwischen dem textkritischen Prinzip (Rekonstruktion der ältesten erreichbaren Textgestalt) und dem überlieferungskritischen Prinzip (Entscheidung für eine relativ autorferne, aber stark rezipierte Version).

Ausgaben und Übersetzungen

Arabischer Text

  • Richard C. Taylor: The Liber de Causis (Kalām fī maḥḍ al-ḫayr). A Study of Medieval Neoplatonism. Dissertation Toronto 1981 (enthält kritische Edition des arabischen Textes mit englischer Übersetzung und Kommentar)
  • Otto Bardenhewer: Die pseudo-aristotelische Schrift Ueber das reine Gute, bekannt unter dem Namen Liber de causis. Herder, Freiburg 1882 (enthält kritische Edition des arabischen Textes mit deutscher Übersetzung. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche-USA)

Lateinischer Text

  • Andreas Schönfeld (Hrsg.): Anonymus, Liber de causis. Das Buch von den Ursachen. Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1639-6 (lateinischer Text und deutsche Übersetzung)
  • Alexander Fidora, Andreas Niederberger: Von Bagdad nach Toledo. Das „Buch der Ursachen“ und seine Rezeption im Mittelalter. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2001, ISBN 978-3-87162-053-9 (lateinischer Text und deutsche Übersetzung)
  • Adriaan Pattin (Hrsg.): Le Liber de causis. Edition établie à l’aide de 90 manuscrits avec introduction et notes. In: Tijdschrift voor Filosofie 28, 1966, S. 90–203 (Edition des lateinischen Textes; auch als Sonderdruck verbreitet)

Hebräische Übersetzungen

  • Jean-Pierre Rothschild: Les traductions hébraïques du Liber de causis latin. Dissertation Paris 1985, Bd. 1, S. 172–243 (synoptische Ausgabe eines Teils der hebräischen Übersetzungen)

Kommentar des Thomas von Aquin

  • Jakob Georg Heller (Hrsg.): Thomas von Aquin: Expositio super librum de causis. Kommentar zum Buch von den Ursachen (= Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters.Band 39). Herder, Freiburg 2017, ISBN 978-3-451-37601-6 (lateinischer Text mit deutscher Übersetzung und Einleitung)

Konkordanz

  • Paloma Llorente Megías: Liber de causis. Indice y Concordancia. Olschki, Firenze 2004, ISBN 88-222-5351-5

Literatur

Übersichtsdarstellung

  • Cristina D’Ancona, Richard C. Taylor: Le Liber de causis. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band Supplément. CNRS Editions, Paris 2003, ISBN 2-271-06175-X, S. 599–647

Untersuchungen

  • Cristina D’Ancona Costa: Recherches sur le Liber de causis. Vrin, Paris 1995, ISBN 2-7116-1225-2
  • Thomas Ricklin: Die ‹Physica› und der ‹Liber de causis› im 12. Jahrhundert. Zwei Studien. Universitätsverlag, Freiburg/Schweiz 1995, ISBN 3-7278-0994-9
  • Richard C. Taylor: The Kalām fī maḥḍ al-khair (Liber de causis) in the Islamic Philosophical Milieu. In: Jill Kraye u. a. (Hrsg.): Pseudo-Aristotle in the Middle Ages. Warburg Institute, London 1986, ISBN 0-85481-065-X, S. 37–52

Anmerkungen

  1. Cristina D’Ancona Costa: Recherches sur le Liber de causis, Paris 1995, S. 155–194 plädiert dafür, ihn mit al-Kindī zu identifizieren. Diese Hypothese war schon von prominenten Orientalisten wie Louis Massignon und Carl Brockelmann vorgetragen worden, die auch jemand aus dem Schülerkreis al-Kindīs in Betracht zogen.
  2. Zu diesen Quellen siehe Cristina D’Ancona Costa: Recherches sur le Liber de causis, Paris 1995, S. 25–46.
  3. Zur Widerlegung dieser Annahme siehe Richard C. Taylor: The Kalām fī maḥḍ al-khair (Liber de causis) in the Islamic Philosophical Milieu. In: Jill Kraye u. a. (Hrsg.): Pseudo-Aristotle in the Middle Ages, London 1986, S. 37–52, hier: 37 ff.
  4. Liber de causis 2.19–26.
  5. Liber de causis 3.32. Siehe dazu Cristina D’Ancona Costa: Recherches sur le Liber de causis, Paris 1995, S. 73–95.
  6. Zu den Unterschieden zwischen seiner Metaphysik und derjenigen des Proklos siehe Cristina D’Ancona Costa: Recherches sur le Liber de causis, Paris 1995, S. 33–46, 63–72, 133–153.
  7. Zu den Zuschreibungen siehe Cristina D’Ancona Costa: Recherches sur le Liber de causis, Paris 1995, S. 215–217.
  8. Alexander Fidora, Andreas Niederberger: Von Bagdad nach Toledo. Das „Buch der Ursachen“ und seine Rezeption im Mittelalter, Mainz 2001, S. 205–208.
  9. Zu diesem Kommentar siehe Cristina D’Ancona Costa: Recherches sur le Liber de causis, Paris 1995, S. 197–201.
  10. Alexander Fidora, Andreas Niederberger: Von Bagdad nach Toledo. Das „Buch der Ursachen“ und seine Rezeption im Mittelalter, Mainz 2001, S. 220–222.
  11. Die in der älteren Forschung vertretene Ansicht, der Zusammenhang mit Proklos sei schon vor oder um 1250 erkannt worden, hat sich als unzutreffend erwiesen; siehe Helmut Boese: Wilhelm von Moerbeke als Übersetzer der Stoicheiosis theologike des Proclus, Heidelberg 1985, S. 11 und Anm. 3.
  12. Cristina D’Ancona, Richard C. Taylor: Le Liber de causis. In: Richard Goulet u. a. (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Ergänzungsband, Paris 2003, S. 599–647, hier: 607–609, 617–619, 623 f.