„Verstand“ – Versionsunterschied
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Verstand m. ‘Fähigkeit zu denken, zu urteilen’, | |||
* ‘Fähigkeit zu verstehen, Begriffe zu bilden, Schlüsse zu ziehen, zu urteilen, zu denken’, | |||
* ahd. firstant ‘[[Weisheit]]’ (8. Jh.), danach | |||
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{{Anm. KF}} Verstand ist die verdinglichung zu ''[[verstand]]'', das, daß man verstanden hat wird zum oder bildet den Verstand, der Verstand entspricht dem jeweilig erlangtem ''[[Verstehen]]'', Der sozusagen angesammelte Verstand erweitert oder begrenzt das Denkvermögen, ist jedoch nicht das [[Denkvermögen]]. | |||
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* Wissenschaftler und infolge Menschen ordnen dem Verstand Fähigkeiten und Fertigkeiten zu, machen es zu einer Einrichtung, die es so nicht ist; was dem Verstand an Fähigkeiten und Fertigkeiten zugeschrieben wird, ist meist dem Vorstellungsvermögen zu eigen; | |||
* an sich einfach "das, was als Verstehen zu stehen, zu Stande gekommen ist" und seine Denkweise erwirt; im ahd. um 8. Jh. bedeutete ''firstant'' "Weißheit" danach wurden Wortbedeutungen durch Gelehrte für Vertsand verbreitet, die aus der antiken Logik stammen und an sich das Vertsändniß über Verstand zum Nachteil wandelten; logische Bedeutung ist "Fähigkeit zu denken, zu urteilen’ ist falsch! und unter "denken und urteilen" verstanden die Gelehrten ein logisches Verfahren des Aristoteles für Schlußfolgerungen, daß im Grnde mathematisch ein Dreisatz ist; Der Verstand tut selbst gar nichts, sondern ist das Ergebnis des Verstehen und Zustand des Verstehen; | |||
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Der '''Verstand''' ist in der Philosophie das [[Vermögen (Fähigkeit)|Vermögen]], [[Begriff (Philosophie)|Begriffe]] zu bilden und diese zu ([https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheit wahren]) [https://de.wikipedia.org/wiki/Urteil_(Logik) Urteilen] zu verbinden. Die heutige Verwendung des Begriffes wurde maßgeblich von [[Immanuel Kant]] geprägt, der dem Verstand häufig die [[Vernunft]] gegenüberstellt, ihn aber auch von der [[Wahrnehmung]] unterscheidet.<p>Der Begriff ist das Substantiv zu „[[verstehen]]“ von althochdeutsch „farstān“ mit der ursprünglichen Bedeutung „davor stehen“ (wodurch man z. B. eine Sache genau wahrnehmen kann), was von Anfang an im übertragenen Sinn („begreifen“, „durchschauen“) verwendet wurde.<ref><span class="reference-text">Friedrich Kluge: <cite>Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache</cite>. 23. Auflage. De Gruyter, Berlin 1999, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3110163926 ISBN 3-11-016392-6] (Bearb. von Elmar Seebold).</span></ref></p> | |||
== <span id="Erläuternde_Zitate">Erläuternde Zitate</span> == | |||
<p>[[Immanuel Kant]] definiert in seiner ''[[Anthropologie in pragmatischer Hinsicht]]'' (1798) den Verstand folgendermaßen:</p><blockquote><p>„Verstand, als das Vermögen zu [https://de.wikipedia.org/wiki/Denken denken] (durch Begriffe sich etwas vorzustellen), wird auch das obere [[Erkenntnißvermögen]] (zum Unterschiede von der Sinnlichkeit, als dem unteren) genannt, darum weil das Vermögen der [[Anschauungen]] (reiner oder empirischer) nur das Einzelne in Gegenständen, dagegen das der Begriffe das Allgemeine der Vorstellungen derselben, die Regel, enthält, der das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauungen untergeordnet werden muß, um Einheit zur [https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis Erkenntniß] des Objects hervorzubringen. – Vornehmer ist also zwar freilich der Verstand als die Sinnlichkeit, mit der sich die verstandlosen Thiere nach eingepflanzten Instincten schon nothdürftig behelfen können, so wie ein Volk ohne Oberhaupt; statt dessen ein Oberhaupt ohne Volk (Verstand ohne Sinnlichkeit) gar nichts vermag. Es ist also zwischen beiden kein Rangstreit, obgleich der eine als Oberer und der andere als Unterer betitelt wird.</p><p>Es wird aber das Wort Verstand auch in besonderer Bedeutung genommen: da er nämlich als ein Glied der Eintheilung mit zwei anderen dem Verstande in allgemeiner Bedeutung untergeordnet wird, und da besteht das obere Erkenntnißvermögen (materialiter, d. i. nicht für sich allein, sondern in Beziehung aufs Erkenntniß der Gegenstände betrachtet) aus Verstand, Urtheilskraft und Vernunft.“</p><p>– <span class="Person h-card">Immanuel Kant: [https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant#Akademieausgabe AA] VII, 196</span><ref><span class="reference-text">Immanuel Kant, ''Gesammelte Schriften.'' Hrsg.: Bd. 1–22 Preussische Akademie der Wissenschaften, Bd. 23 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab Bd. 24 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Berlin 1900ff., [http://kant.korpora.org/Band7/196.html AA VII, 196].</span></ref></p></blockquote><p>Umfassend ist die Definition von [https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Eisler_(Philosoph) Rudolf Eisler], der in seinem ''Wörterbuch der philosophischen Begriffe'' (2. Auflage 1904) schrieb:</p><blockquote><p>„Verstand ([https://de.wikipedia.org/wiki/Logos logos], [[epistêmê]], [[intellectus]], [[intelligentia]], [[ratiō|ratio]], [[wikt:entendement|entendement]], [[wikt:understanding#English|understanding]]) ist im weitern Sinn die Denkkraft, die [[Intelligenz]] gegenüber der Sinnlichkeit, im engeren, gegenüber der Vernunft (s. d.), die Einheit, Fähigkeit des geistigen Erfassens, des (richtigen) Begreifens (Abstrahierens) und Urteilens, kurz des beziehend-vergleichenden, analysierenden Denkens, sowie des »Verstehens«, d. h. des Wissens um die Bedeutung der Worte und Begriffe. »Gesunder Verstand« (»bon sens«) ist die natürliche (schon ohne besondere Ausbildung wirksame) Auffassungs- und Beurteilungskraft, das normale, aber unmethodische, daher auch leicht fehlgehende Denken.“</p></blockquote><p>Für [https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Schopenhauer Arthur Schopenhauer] beschränkt sich der Verstand auf das Erkennen von Ursache und Wirkung:<ref><span class="reference-text">''[https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Welt_als_Wille_und_Vorstellung Die Welt als Wille und Vorstellung]'', Erster Band, Erstes Buch §4 ([http://www.zeno.org/Philosophie/M/Schopenhauer,+Arthur/Die+Welt+als+Wille+und+Vorstellung/Erster+Band/Erstes+Buch zeno.org])</span></ref></p><blockquote><p>„Das subjektive Korrelat der Materie oder der [[Kausalität]], denn beide sind eines, ist der Verstand, und er ist nichts außerdem. Kausalität erkennen ist seine einzige Funktion, seine alleinige Kraft.“</p><p>– <span class="Person h-card">Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung</span></p></blockquote><p>Der [https://de.wikipedia.org/wiki/Psychologie Psychologe] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitionswissenschaft Kognitionswissenschaftler] [https://de.wikipedia.org/wiki/Steven_Pinker Steven Pinker] sieht den Verstand als ein Werkzeug, um Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen und daraus Schlüsse abzuleiten:<ref><span class="reference-text">D. Poole, A. Mackworth, W. Menzel: [https://nats-www.informatik.uni-hamburg.de/pub/GWV1617/FoLien/ch06.pdf Artificial Intelligence - Chapter 6: Reasoning under Uncertainty], S. 2; 2010 bzw. 2015 - “The mind is a neural computer, fitted by natural selection with combinatorial algorithms for causal and probabilistic reasoning about plants, animals, objects, and people.” “In a universe with any regularities at all, decisions informed about the past are better than decisions made at random. That has always been true, and we would expect organisms, especially informavores such as humans, to have evolved acute intuitions about probability. The founders of probability, like the founders of logic, assumed they were just formalizing common sense.” Steven Pinker, How the Mind Works, 1997, pp. 524, 343.</span></ref></p><blockquote><p>„Der Verstand ist ein neuronaler Computer, der durch die natürliche Selektion mit kombinatorischen [https://de.wikipedia.org/wiki/Algorithmus Algorithmen] ausgestattet ist, um kausale und probabilistische Schlussfolgerungen über Pflanzen, Tiere, Dinge und Menschen zu treffen.“</p><p>„In einem Universum, in dem überhaupt Regelmäßigkeiten auftreten, sind Entscheidungen, die aufgrund von Erfahrungen getroffen werden, besser als Entscheidungen nach dem Zufallsprinzip. Dies ist immer so gewesen und man würde erwarten, dass Organismen, insbesondere ''informationsverarbeitende'', wie die Menschen, eine ausgeprägte Intuition für [https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrscheinlichkeit Wahrscheinlichkeiten] entwickelt haben.“</p></blockquote> | |||
== <span id="Siehe_auch">Siehe auch</span> == | |||
*[[gesunder Menschenverstand|Gesunder Menschenverstand]] | |||
*[[Bewusstsein]] | |||
*[[Intellekt]] | |||
*[[Gemüt]] | |||
== <span id="Klassische_Literatur">Klassische Literatur</span> == | |||
=== <span id="Philosophie_der_Neuzeit">Philosophie der Neuzeit</span> === | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Descartes René Descartes], Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/John_Locke John Locke], ''Versuch über den menschlichen Verstand'' : in vier Büchern, Bd. 1., Buch I und II, 5., Aufl. Meiner, Hamburg 2000. [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783787315550 ISBN 978-3-7873-1555-0], Bd. 2., Buch III und IV, 3. Aufl. Meiner, Hamburg 1988. [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783787309313 ISBN 978-3-7873-0931-3] | |||
*John Locke: ''Über den richtigen Gebrauch des Verstandes'', übers. von Otto Martin, Leipzig: Felix Meiner, 1920; unveränd. Nachdr. d. Ausg. von 1920, Hamburg: Felix Meiner, 1978, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3787304347 ISBN 3-7873-0434-7] | |||
*John Locke: ''Die Leitung des Verstandes''. Übersetzt von Jürgen Bona Meyer, Wissenschaftlicher Verlag, Schutterwald/Baden 1998, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783928640619 ISBN 978-3-928640-61-9] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/David_Hume David Hume], Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/George_Berkeley George Berkeley], Abhandlungen über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz Gottfried Wilhelm Leibniz], Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant Immanuel Kant], Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft | |||
== <span id="Weblinks">Weblinks</span> == | |||
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*J. u. W. Grimm: Art. [https://www.woerterbuchnetz.de/DWB/wbgui_py?bookref=25,1523,43 Verstand], in: [https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_W%C3%B6rterbuch Deutsches Wörterbuch] Bd. 25, Sp. 1523–1551. | |||
== <span id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</span> == | |||
Aktuelle Version vom 8. Juni 2025, 05:58 Uhr
verstand deu. Wrtdtng: der Verstand ist nicht mehr als das, daß jemand verstand, verstanden hat, die Gesamtheit seines Verstehen, daß sein Vermögen an Verständniß herausbildet; daß Zustande gekommene Ausmaß des Verstehen in dessen Bestandteilen und im Ganzen; stagniertes Verstehen; Grundlage des Denken; das aus dem Vernehmen entstandene Bezugssystem, aus dem sich die Einstellungen herausbilden;
Verstand m. ‘Fähigkeit zu denken, zu urteilen’,
- ‘Fähigkeit zu verstehen, Begriffe zu bilden, Schlüsse zu ziehen, zu urteilen, zu denken’,
- ahd. firstant ‘Weisheit’ (8. Jh.), danach
- frühnhd. verstant ‘Verständnis, Verständigung’
- und in der heutigen Bedeutung (16. Jh.).
Anm. KF: Verstand ist die verdinglichung zu verstand, das, daß man verstanden hat wird zum oder bildet den Verstand, der Verstand entspricht dem jeweilig erlangtem Verstehen, Der sozusagen angesammelte Verstand erweitert oder begrenzt das Denkvermögen, ist jedoch nicht das Denkvermögen.
¦√¦ fra, sta;
- Wissenschaftler und infolge Menschen ordnen dem Verstand Fähigkeiten und Fertigkeiten zu, machen es zu einer Einrichtung, die es so nicht ist; was dem Verstand an Fähigkeiten und Fertigkeiten zugeschrieben wird, ist meist dem Vorstellungsvermögen zu eigen;
- an sich einfach "das, was als Verstehen zu stehen, zu Stande gekommen ist" und seine Denkweise erwirt; im ahd. um 8. Jh. bedeutete firstant "Weißheit" danach wurden Wortbedeutungen durch Gelehrte für Vertsand verbreitet, die aus der antiken Logik stammen und an sich das Vertsändniß über Verstand zum Nachteil wandelten; logische Bedeutung ist "Fähigkeit zu denken, zu urteilen’ ist falsch! und unter "denken und urteilen" verstanden die Gelehrten ein logisches Verfahren des Aristoteles für Schlußfolgerungen, daß im Grnde mathematisch ein Dreisatz ist; Der Verstand tut selbst gar nichts, sondern ist das Ergebnis des Verstehen und Zustand des Verstehen;
Verstand
Der Verstand ist in der Philosophie das Vermögen, Begriffe zu bilden und diese zu (wahren) Urteilen zu verbinden. Die heutige Verwendung des Begriffes wurde maßgeblich von Immanuel Kant geprägt, der dem Verstand häufig die Vernunft gegenüberstellt, ihn aber auch von der Wahrnehmung unterscheidet.
Der Begriff ist das Substantiv zu „verstehen“ von althochdeutsch „farstān“ mit der ursprünglichen Bedeutung „davor stehen“ (wodurch man z. B. eine Sache genau wahrnehmen kann), was von Anfang an im übertragenen Sinn („begreifen“, „durchschauen“) verwendet wurde.[1]
Erläuternde Zitate
Immanuel Kant definiert in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) den Verstand folgendermaßen:
„Verstand, als das Vermögen zu denken (durch Begriffe sich etwas vorzustellen), wird auch das obere Erkenntnißvermögen (zum Unterschiede von der Sinnlichkeit, als dem unteren) genannt, darum weil das Vermögen der Anschauungen (reiner oder empirischer) nur das Einzelne in Gegenständen, dagegen das der Begriffe das Allgemeine der Vorstellungen derselben, die Regel, enthält, der das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauungen untergeordnet werden muß, um Einheit zur Erkenntniß des Objects hervorzubringen. – Vornehmer ist also zwar freilich der Verstand als die Sinnlichkeit, mit der sich die verstandlosen Thiere nach eingepflanzten Instincten schon nothdürftig behelfen können, so wie ein Volk ohne Oberhaupt; statt dessen ein Oberhaupt ohne Volk (Verstand ohne Sinnlichkeit) gar nichts vermag. Es ist also zwischen beiden kein Rangstreit, obgleich der eine als Oberer und der andere als Unterer betitelt wird.
Es wird aber das Wort Verstand auch in besonderer Bedeutung genommen: da er nämlich als ein Glied der Eintheilung mit zwei anderen dem Verstande in allgemeiner Bedeutung untergeordnet wird, und da besteht das obere Erkenntnißvermögen (materialiter, d. i. nicht für sich allein, sondern in Beziehung aufs Erkenntniß der Gegenstände betrachtet) aus Verstand, Urtheilskraft und Vernunft.“
Umfassend ist die Definition von Rudolf Eisler, der in seinem Wörterbuch der philosophischen Begriffe (2. Auflage 1904) schrieb:
„Verstand (logos, epistêmê, intellectus, intelligentia, ratio, entendement, understanding) ist im weitern Sinn die Denkkraft, die Intelligenz gegenüber der Sinnlichkeit, im engeren, gegenüber der Vernunft (s. d.), die Einheit, Fähigkeit des geistigen Erfassens, des (richtigen) Begreifens (Abstrahierens) und Urteilens, kurz des beziehend-vergleichenden, analysierenden Denkens, sowie des »Verstehens«, d. h. des Wissens um die Bedeutung der Worte und Begriffe. »Gesunder Verstand« (»bon sens«) ist die natürliche (schon ohne besondere Ausbildung wirksame) Auffassungs- und Beurteilungskraft, das normale, aber unmethodische, daher auch leicht fehlgehende Denken.“
Für Arthur Schopenhauer beschränkt sich der Verstand auf das Erkennen von Ursache und Wirkung:[3]
„Das subjektive Korrelat der Materie oder der Kausalität, denn beide sind eines, ist der Verstand, und er ist nichts außerdem. Kausalität erkennen ist seine einzige Funktion, seine alleinige Kraft.“
– Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung
Der Psychologe und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker sieht den Verstand als ein Werkzeug, um Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen und daraus Schlüsse abzuleiten:[4]
„Der Verstand ist ein neuronaler Computer, der durch die natürliche Selektion mit kombinatorischen Algorithmen ausgestattet ist, um kausale und probabilistische Schlussfolgerungen über Pflanzen, Tiere, Dinge und Menschen zu treffen.“
„In einem Universum, in dem überhaupt Regelmäßigkeiten auftreten, sind Entscheidungen, die aufgrund von Erfahrungen getroffen werden, besser als Entscheidungen nach dem Zufallsprinzip. Dies ist immer so gewesen und man würde erwarten, dass Organismen, insbesondere informationsverarbeitende, wie die Menschen, eine ausgeprägte Intuition für Wahrscheinlichkeiten entwickelt haben.“
Siehe auch
Klassische Literatur
Philosophie der Neuzeit
- René Descartes, Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen
- John Locke, Versuch über den menschlichen Verstand : in vier Büchern, Bd. 1., Buch I und II, 5., Aufl. Meiner, Hamburg 2000. ISBN 978-3-7873-1555-0, Bd. 2., Buch III und IV, 3. Aufl. Meiner, Hamburg 1988. ISBN 978-3-7873-0931-3
- John Locke: Über den richtigen Gebrauch des Verstandes, übers. von Otto Martin, Leipzig: Felix Meiner, 1920; unveränd. Nachdr. d. Ausg. von 1920, Hamburg: Felix Meiner, 1978, ISBN 3-7873-0434-7
- John Locke: Die Leitung des Verstandes. Übersetzt von Jürgen Bona Meyer, Wissenschaftlicher Verlag, Schutterwald/Baden 1998, ISBN 978-3-928640-61-9
- David Hume, Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes
- George Berkeley, Abhandlungen über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis
- Gottfried Wilhelm Leibniz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand
- Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft
Weblinks
- J. u. W. Grimm: Art. Verstand, in: Deutsches Wörterbuch Bd. 25, Sp. 1523–1551.
Einzelnachweise
- ↑ Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage. De Gruyter, Berlin 1999, ISBN 3-11-016392-6 (Bearb. von Elmar Seebold).
- ↑ Immanuel Kant, Gesammelte Schriften. Hrsg.: Bd. 1–22 Preussische Akademie der Wissenschaften, Bd. 23 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab Bd. 24 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Berlin 1900ff., AA VII, 196.
- ↑ Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, Erstes Buch §4 (zeno.org)
- ↑ D. Poole, A. Mackworth, W. Menzel: Artificial Intelligence - Chapter 6: Reasoning under Uncertainty, S. 2; 2010 bzw. 2015 - “The mind is a neural computer, fitted by natural selection with combinatorial algorithms for causal and probabilistic reasoning about plants, animals, objects, and people.” “In a universe with any regularities at all, decisions informed about the past are better than decisions made at random. That has always been true, and we would expect organisms, especially informavores such as humans, to have evolved acute intuitions about probability. The founders of probability, like the founders of logic, assumed they were just formalizing common sense.” Steven Pinker, How the Mind Works, 1997, pp. 524, 343.