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„Neopythagoräismus“ – Versionsunterschied

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Der bekannteste Neupythagoreer der römischen Kaiserzeit war [[Apollonios von Tyana]] (1. Jahrhundert n. Chr.). Von seiner Philosophie ist wenig Zuverlässiges überliefert. Er orientierte sich offenbar in seiner philosophischen Lebensführung stark am Vorbild des Pythagoras (bzw. an dem damals dominierenden Pythagorasbild) und beeindruckte damit seine Zeitgenossen und die Nachwelt nachhaltig.
Der bekannteste Neupythagoreer der römischen Kaiserzeit war [[Apollonios von Tyana]] (1. Jahrhundert n. Chr.). Von seiner Philosophie ist wenig Zuverlässiges überliefert. Er orientierte sich offenbar in seiner philosophischen Lebensführung stark am Vorbild des Pythagoras (bzw. an dem damals dominierenden Pythagorasbild) und beeindruckte damit seine Zeitgenossen und die Nachwelt nachhaltig.


Die übrigen Neupythagoreer waren zugleich Platoniker bzw. Neuplatoniker. Im Neupythagoreismus waren frühpythagoreische Ideen mit Legenden aus der späteren pythagoreischen Tradition und (neu)platonischen Lehren verschmolzen. [[Moderatos von Gades]] (1. Jahrhundert n.&nbsp;Chr.) betrachtete die Zahlenlehre als didaktisches Mittel zur Veranschaulichung von Erkenntnisgegenständen der geistigen Welt. Von [[Nikomachos von Gerasa]] (2. Jahrhundert) stammen eine Einführung in die Arithmetik (d.&nbsp;h. in die pythagoreische Zahlenlehre), die Schulbuch wurde und im Mittelalter in der lateinischen Fassung des [[Boethius]] sehr verbreitet war, und ein Handbuch der musikalischen Harmonik. Boethius ging in seiner für das Mittelalter maßgeblichen lateinischen Darstellung der Musiktheorie ''(De institutione musica)'' von den musikalischen Lehren des Nikomachos aus und behandelte auch die Sphärenharmonie.<ref>Ubaldo Pizzani: ''Studi sulle fonti del „De Institutione Musica“ di Boezio''. In: ''Sacris erudiri'' 16, 1965, S. 5–164, hier: 27ff.</ref> Außerdem verfasste Nikomachos eine Biographie des Pythagoras, die verloren ist. Im 2. Jahrhundert lebte auch der Platoniker [[Numenios von Apameia]], der den Pythagoreismus mit der authentischen Lehre Platons gleichsetzte und auch aus Sokrates einen Pythagoreer machte; den späteren Platonikern warf er vor, von Platons pythagoreischer Philosophie abgewichen zu sein.<ref>Dominic J. O’Meara: ''Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity'', Oxford 1989, S. 10–14.</ref>
Die übrigen Neupythagoreer waren zugleich Platoniker bzw. Neuplatoniker. Im Neupythagoreismus waren frühpythagoreische Ideen mit Legenden aus der späteren pythagoreischen Tradition und (neu)platonischen Lehren verschmolzen. [[Moderatos von Gades]] (1. Jahrhundert n.&nbsp;Chr.) betrachtete die Zahlenlehre als didaktisches Mittel zur Veranschaulichung von Erkenntnisgegenständen der geistigen Welt. Von [[Nikomachos von Gerasa]] (2. Jahrhundert) stammen eine Einführung in die Arithmetik (d.&nbsp;h. in die pythagoreische Zahlenlehre), die Schulbuch wurde und im Mittelalter in der lateinischen Fassung des [[Boethius]] sehr verbreitet war, und ein Handbuch der musikalischen Harmonik. Boethius ging in seiner für das Mittelalter maßgeblichen lateinischen Darstellung der Musiktheorie ''(De institutione musica)'' von den musikalischen Lehren des Nikomachos aus und behandelte auch die Sphärenharmonie.<ref>Ubaldo Pizzani: ''Studi sulle fonti del „De Institutione Musica“ di Boezio''. In: ''Sacris erudiri'' 16, 1965, S. 5–164, hier: 27ff.</ref> Außerdem verfasste Nikomachos eine Biographie des Pythagoras, die verloren ist. Im 2. Jahrhundert lebte auch der Platoniker [[Numenios von Apameia]], der den Pythagoreismus mit der authentischen Lehre Platons gleichsetzte und auch aus Sokrates einen Pythagoräer machte; den späteren Platonikern warf er vor, von Platons pythagoreischer Philosophie abgewichen zu sein.<ref>Dominic J. O’Meara: ''Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity'', Oxford 1989, S. 10–14.</ref>


Der Neuplatoniker [[Porphyrios]] schrieb im 3. Jahrhundert eine Lebensbeschreibung des Pythagoras und zeigte sich besonders in seinem Eintreten für den Vegetarismus pythagoreisch beeinflusst. Weit stärker trat pythagoreisches Gedankengut bei dem etwas jüngeren Neuplatoniker [[Iamblichos von Chalkis]] in den Vordergrund. Er verfasste ein zehnbändiges Werk über die pythagoreische Lehre, von dem Teile erhalten sind, darunter insbesondere die Abhandlung „Vom pythagoreischen Leben“. Sein Pythagorasbild war von einer Fülle von legendenhaftem Stoff geprägt, den er zusammentrug. Sein Anliegen war insbesondere, die metaphysisch-religiöse und die ethische Seite des Pythagoreismus mit der Mathematik (worunter er primär die arithmetische und geometrische Symbolik verstand) zu verbinden und dieses Ganze als göttliche Weisheit darzustellen, die den Menschen durch Pythagoras geschenkt sei. Wie Numenios betrachtete er Platons Lehre nur als Ausgestaltung der pythagoreischen Philosophie.<ref>Siehe hierzu die gründliche Untersuchung von Gregor Staab: ''Pythagoras in der Spätantike. Studien zu De Vita Pythagorica des Iamblichos von Chalkis'', München 2002 (mit Gesamtübersicht über den sonstigen kaiserzeitlichen Neupythagoreismus S. 75–143).</ref>
Der Neuplatoniker [[Porphyrios]] schrieb im 3. Jahrhundert eine Lebensbeschreibung des Pythagoras und zeigte sich besonders in seinem Eintreten für den Vegetarismus pythagoreisch beeinflusst. Weit stärker trat pythagoreisches Gedankengut bei dem etwas jüngeren Neuplatoniker [[Iamblichos von Chalkis]] in den Vordergrund. Er verfasste ein zehnbändiges Werk über die pythagoreische Lehre, von dem Teile erhalten sind, darunter insbesondere die Abhandlung „Vom pythagoreischen Leben“. Sein Pythagorasbild war von einer Fülle von legendenhaftem Stoff geprägt, den er zusammentrug. Sein Anliegen war insbesondere, die metaphysisch-religiöse und die ethische Seite des Pythagoreismus mit der Mathematik (worunter er primär die arithmetische und geometrische Symbolik verstand) zu verbinden und dieses Ganze als göttliche Weisheit darzustellen, die den Menschen durch Pythagoras geschenkt sei. Wie Numenios betrachtete er Platons Lehre nur als Ausgestaltung der pythagoreischen Philosophie.<ref>Siehe hierzu die gründliche Untersuchung von Gregor Staab: ''Pythagoras in der Spätantike. Studien zu De Vita Pythagorica des Iamblichos von Chalkis'', München 2002 (mit Gesamtübersicht über den sonstigen kaiserzeitlichen Neupythagoreismus S. 75–143).</ref>


Im 5. Jahrhundert schrieb der Neuplatoniker [[Hierokles von Alexandria (Neuplatoniker)|Hierokles von Alexandria]] einen Kommentar zu den „Goldenen Versen“. Er betrachtete dieses Gedicht als allgemeine Einführung in die Philosophie. Unter Philosophie verstand er einen Platonismus, den er mit Pythagoreismus gleichsetzte.<ref>Dominic J. O’Meara: ''Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity'', Oxford 1989, S. 114–118.</ref> Auch der Neuplatoniker [[Syrianos]], ein Zeitgenosse des Hierokles, war überzeugt, dass Platonismus nichts anderes als Pythagoreismus sei.<ref>Dominic J. O’Meara: ''Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity'', Oxford 1989, S. 119ff.</ref>
Im 5. Jahrhundert schrieb der Neuplatoniker [[Hierokles von Alexandria (Neuplatoniker)|Hierokles von Alexandria]] einen Kommentar zu den „Goldenen Versen“. Er betrachtete dieses Gedicht als allgemeine Einführung in die Philosophie. Unter Philosophie verstand er einen Platonismus, den er mit Pythagoreismus gleichsetzte.<ref>Dominic J. O’Meara: ''Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity'', Oxford 1989, S. 114–118.</ref> Auch der Neuplatoniker [[Syrianos]], ein Zeitgenosse des Hierokles, war überzeugt, dass Platonismus nichts anderes als Pythagoreismus sei.<ref>Dominic J. O’Meara: ''Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity'', Oxford 1989, S. 119ff.</ref>

Version vom 27. März 2026, 16:21 Uhr

vgl. Pythagoräismus

Bei den Römern stand Pythagoras in hohem Ansehen. Er wurde als Lehrer des zweiten Königs von Rom, Numa Pompilius, bezeichnet, was allerdings chronologisch unmöglich ist. Im 1. Jahrhundert v. Chr. bemühte sich anscheinend der mit Cicero befreundete Gelehrte und Senator Nigidius Figulus um eine Erneuerung des Pythagoreismus. Da eine kontinuierliche Tradition nicht mehr bestand,[1] war dies ein Neuanfang. Daher pflegt man Nigidius als den ersten Neupythagoreer zu bezeichnen; allerdings ist nicht klar, ob seine tatsächlichen Ansichten und Aktivitäten diese Bezeichnung rechtfertigen. Der Neupythagoreismus dauerte bis in die Spätantike fort, doch gab es keinen kontinuierlichen Schulbetrieb, sondern nur einzelne pythagoreisch gesinnte Philosophen und Gelehrte. Es handelte sich beim Neupythagoreismus nicht um eine in sich geschlossene neue, von älteren Richtungen inhaltlich klar abgrenzbare Lehre.

Starkes Interesse an pythagoreischen Ideen zeigte Marcus Terentius Varro, der berühmteste römische Universalgelehrte. Er wurde gemäß seiner testamentarischen Verfügung „nach pythagoreischer Sitte“ beigesetzt.[2]

In der von Quintus Sextius im 1. Jahrhundert v. Chr. in Rom gegründeten Philosophenschule der Sextier wurden neben stoischen auch neupythagoreische Lehren, darunter der Vegetarismus, vertreten. Dieser (allerdings kurzlebigen) Schule gehörte Sotion, der Lehrer Senecas, an. Von den Sextiern übernahm Seneca die pythagoreische Übung der Rekapitulation des Tages am Abend, mit der man für sich Bilanz zog. Dazu gehörte eine Selbstbefragung mit Fragen wie: „Welches deiner (charakterlichen) Übel hast du heute geheilt? Welchem Laster hast du widerstanden? In welcher Hinsicht bist du besser (geworden)?“[3]

Der Dichter Ovid gab im 15. Buch seiner Metamorphosen einem fiktiven Lehrvortrag des Pythagoras breiten Raum und trug damit zur Verbreitung von pythagoreischem Gedankengut bei, doch gibt es keinen Beleg für die Annahme, dass er selbst Neupythagoreer war.

1917 wurde in Rom in der Nähe der Porta Maggiore ein unterirdisches Bauwerk in Form einer Basilika aus der Zeit des Kaisers Claudius (41–54) entdeckt. Es sollte offenbar als Versammlungsraum für einen religiösen Zweck dienen, wurde aber schon bald nach dem Ende der Bauarbeiten geschlossen. Der Historiker und Archäologe Jérôme Carcopino hat eine Reihe von Indizien gesammelt, die dafür sprechen, dass die Erbauer Neupythagoreer waren.[4] Dazu gehört unter anderem die Ausschmückung von Decken und Wänden mit Darstellungen von Szenen aus der Mythologie, die dem Betrachter den als Erlösung aufgefassten Tod und das nachtodliche Schicksal der Seele vor Augen führen.

Der bekannteste Neupythagoreer der römischen Kaiserzeit war Apollonios von Tyana (1. Jahrhundert n. Chr.). Von seiner Philosophie ist wenig Zuverlässiges überliefert. Er orientierte sich offenbar in seiner philosophischen Lebensführung stark am Vorbild des Pythagoras (bzw. an dem damals dominierenden Pythagorasbild) und beeindruckte damit seine Zeitgenossen und die Nachwelt nachhaltig.

Die übrigen Neupythagoreer waren zugleich Platoniker bzw. Neuplatoniker. Im Neupythagoreismus waren frühpythagoreische Ideen mit Legenden aus der späteren pythagoreischen Tradition und (neu)platonischen Lehren verschmolzen. Moderatos von Gades (1. Jahrhundert n. Chr.) betrachtete die Zahlenlehre als didaktisches Mittel zur Veranschaulichung von Erkenntnisgegenständen der geistigen Welt. Von Nikomachos von Gerasa (2. Jahrhundert) stammen eine Einführung in die Arithmetik (d. h. in die pythagoreische Zahlenlehre), die Schulbuch wurde und im Mittelalter in der lateinischen Fassung des Boethius sehr verbreitet war, und ein Handbuch der musikalischen Harmonik. Boethius ging in seiner für das Mittelalter maßgeblichen lateinischen Darstellung der Musiktheorie (De institutione musica) von den musikalischen Lehren des Nikomachos aus und behandelte auch die Sphärenharmonie.[5] Außerdem verfasste Nikomachos eine Biographie des Pythagoras, die verloren ist. Im 2. Jahrhundert lebte auch der Platoniker Numenios von Apameia, der den Pythagoreismus mit der authentischen Lehre Platons gleichsetzte und auch aus Sokrates einen Pythagoräer machte; den späteren Platonikern warf er vor, von Platons pythagoreischer Philosophie abgewichen zu sein.[6]

Der Neuplatoniker Porphyrios schrieb im 3. Jahrhundert eine Lebensbeschreibung des Pythagoras und zeigte sich besonders in seinem Eintreten für den Vegetarismus pythagoreisch beeinflusst. Weit stärker trat pythagoreisches Gedankengut bei dem etwas jüngeren Neuplatoniker Iamblichos von Chalkis in den Vordergrund. Er verfasste ein zehnbändiges Werk über die pythagoreische Lehre, von dem Teile erhalten sind, darunter insbesondere die Abhandlung „Vom pythagoreischen Leben“. Sein Pythagorasbild war von einer Fülle von legendenhaftem Stoff geprägt, den er zusammentrug. Sein Anliegen war insbesondere, die metaphysisch-religiöse und die ethische Seite des Pythagoreismus mit der Mathematik (worunter er primär die arithmetische und geometrische Symbolik verstand) zu verbinden und dieses Ganze als göttliche Weisheit darzustellen, die den Menschen durch Pythagoras geschenkt sei. Wie Numenios betrachtete er Platons Lehre nur als Ausgestaltung der pythagoreischen Philosophie.[7]

Im 5. Jahrhundert schrieb der Neuplatoniker Hierokles von Alexandria einen Kommentar zu den „Goldenen Versen“. Er betrachtete dieses Gedicht als allgemeine Einführung in die Philosophie. Unter Philosophie verstand er einen Platonismus, den er mit Pythagoreismus gleichsetzte.[8] Auch der Neuplatoniker Syrianos, ein Zeitgenosse des Hierokles, war überzeugt, dass Platonismus nichts anderes als Pythagoreismus sei.[9]

  1. ↑ Der Traditionsbruch wird von Cicero (Timaeus 1) bezeugt; dies schließt einzelne pythagoreische Aktivitäten in Italien im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. nicht aus. Siehe dazu Cornelia J. de Vogel: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Assen 1966, S. 28ff.
  2. ↑ Zum neupythagoreischen Gedankengut bei Varro siehe Yves Lehmann: Varron théologien et philosophe romain, Bruxelles 1997, S. 299–314; Leonardo Ferrero: Storia del pitagorismo nel mondo romano, 2. Auflage, Forlì 2008, S. 291–304; Burkhart Cardauns: Marcus Terentius Varro. Einführung in sein Werk, Heidelberg 2001, S. 70f.
  3. ↑ Seneca, De ira 3,36,1–3.
  4. ↑ Jérôme Carcopino: La basilique pythagoricienne de la Porte Majeure, Paris 1927.
  5. ↑ Ubaldo Pizzani: Studi sulle fonti del „De Institutione Musica“ di Boezio. In: Sacris erudiri 16, 1965, S. 5–164, hier: 27ff.
  6. ↑ Dominic J. O’Meara: Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity, Oxford 1989, S. 10–14.
  7. ↑ Siehe hierzu die gründliche Untersuchung von Gregor Staab: Pythagoras in der Spätantike. Studien zu De Vita Pythagorica des Iamblichos von Chalkis, München 2002 (mit Gesamtübersicht über den sonstigen kaiserzeitlichen Neupythagoreismus S. 75–143).
  8. ↑ Dominic J. O’Meara: Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity, Oxford 1989, S. 114–118.
  9. ↑ Dominic J. O’Meara: Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity, Oxford 1989, S. 119ff.