„Verstehen“ – Versionsunterschied
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== <ref>https://de.wikipedia.org/wiki/Verstehen</ref>Verstehen == | == <ref>https://de.wikipedia.org/wiki/Verstehen</ref> Verstehen == | ||
Verstehen (auch [[Verständniß|Verständnis]] genannt) ist das inhaltliche Begreifen eines [[Sachverhalt]], das nicht nur in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern auch und vor allem in der [[intellektuell|intellektuellen]] Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht.Verstehen bedeutet nach [[Wilhelm Dilthey]], aus äußerlich gegebenen, sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ein „Inneres“, Psychisches zu erkennen. Der Begriff „Verstehen“ wird häufig dem Begriff „[[Erklärung|Erklären]]“ gegenübergestellt, wobei das genaue Verhältnis beider Begriffe (und Prozesse) zumeist zueinander unklar bleibt. Grundlage des Verstehens ist Verstehbarkeit. | Verstehen (auch [[Verständniß|Verständnis]] genannt) ist das inhaltliche Begreifen eines [[Sachverhalt]], das nicht nur in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern auch und vor allem in der [[intellektuell|intellektuellen]] Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht.Verstehen bedeutet nach [[Wilhelm Dilthey]], aus äußerlich gegebenen, sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ein „Inneres“, Psychisches zu erkennen. Der Begriff „Verstehen“ wird häufig dem Begriff „[[Erklärung|Erklären]]“ gegenübergestellt, wobei das genaue Verhältnis beider Begriffe (und Prozesse) zumeist zueinander unklar bleibt. Grundlage des Verstehens ist Verstehbarkeit.<p>'''Verstehen''' (auch '''Verständnis''' genannt) ist das inhaltliche Begreifen eines [https://de.wikipedia.org/wiki/Sachverhalt Sachverhalts] mit dem [https://de.wikipedia.org/wiki/Verstand Verstand], das nicht nur in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern auch und vor allem in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Intellekt intellektuellen] Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht.</p><p>Verstehen bedeutet nach [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Dilthey Wilhelm Dilthey], aus äußerlich gegebenen, sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ein „Inneres“, Psychisches zu erkennen. Der Begriff „Verstehen“ wird häufig dem Begriff „[https://de.wikipedia.org/wiki/Erkl%C3%A4rung Erklären]“ gegenübergestellt, wobei das genaue Verhältnis beider Begriffe (und Prozesse) zumeist zueinander unklar bleibt. Grundlage des Verstehens ist '''Verstehbarkeit'''.</p> | ||
== <span id="Deutungsrahmen">Deutungsrahmen</span> == | |||
<p>Oft ist ein Verstehen nur mittels [https://de.wikipedia.org/wiki/Deutungsrahmen Deutungsrahmen] möglich. Deutungsrahmen sind [https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_(Soziologie) gesellschaftlich] verbreitete und [https://de.wikipedia.org/wiki/Individuum individuell] angeeignete Wissensstrukturen, auf die Prozesse des Verstehens aufbauen. Deutungsrahmen sind für das Verständnis von – vor allem sprachlicher – [https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikation Kommunikation] bedeutsam: Der Empfänger einer Information reichert in der meist ungenauen/unvollständigen [https://de.wikipedia.org/wiki/Alltag Alltags]kommunikation das Gehörte oder Gelesene mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Kontext_(Sprachwissenschaft) Kontext]informationen an bzw. ergänzt es; erst dadurch bekommt dieses seinen vollen bzw. einen eindeutigen Sinn. Er ordnet [https://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_(Wahrnehmung) Sinneseindrücke] und Erfahrungen einer bedeutsamen [https://de.wikipedia.org/wiki/Struktur_(Soziologie) Struktur] zu.</p><p>Deutungsrahmen sind [https://de.wikipedia.org/wiki/Geist geistige] [https://de.wikipedia.org/wiki/Repr%C3%A4sentation_(Psychologie) Repräsentationen] der Welt im Bewusstsein des Einzelnen. Sie prägen seine [https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung Wahrnehmung] des gesellschaftlichen Umfeldes und die Bedeutung, Sinnhaftigkeit und Einordnung sozialer Handlungen anderer Personen sowie seine Reaktionen (zum Beispiel [https://de.wikipedia.org/wiki/Empathie Empathie]) darauf.</p><p>Man kann auch Deutungsrahmen von Gruppen, gesellschaftlichen Gruppen oder Gesellschaften konstruieren.</p> | |||
== <span id="Verstehen_und_Erkenntnis">Verstehen und Erkenntnis</span> == | |||
<p>Verstehen im obigen Sinn (Abschnitt Deutungsrahmen) und als [https://de.wikipedia.org/wiki/Interpretation Interpretation] setzt [https://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenz Intelligenz] bzw. [https://de.wikipedia.org/wiki/Geist Geist] voraus. Nach [https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Sombart Werner Sombart] beruht das Verstehen ''auf der Identität des Menschengeistes''. Es ist also nur aufgrund der prinzipiellen Identität von [https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnissubjekt Erkenntnissubjekt] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnisobjekt Erkenntnisobjekt] möglich. Nur Menschen können daher im eigentlichen Sinne – von Menschen – verstanden werden.</p><p>Der Begriff des Verstehens im geistigen bzw. interpretativen Sinn spielt in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie Philosophie] und der [https://de.wikipedia.org/wiki/Hermeneutik Hermeneutik] eine große Rolle. Ein Beispiel dafür ist die Frage des Philippus ([https://de.wikipedia.org/wiki/Apostelgeschichte Apostelgeschichte]): „Verstehst du auch, was du da liest?“ (Philippus fragt den Äthiopier, Apg 8,30)</p> | |||
== <span id="Verstehen_in_der_Textanalyse">Verstehen in der Textanalyse</span> == | |||
<p>Als Arbeitsgrundsätze des Verstehens in der [https://de.wikipedia.org/wiki/Textanalyse Textanalyse] werden angeführt:<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verstehen#cite_note-1 [1]]</sup></p> | |||
*''Textbezogenheit'': Auf den analysierten Text ist ausdrücklich Bezug zu nehmen. | |||
*''Schriftlichkeit'': Die wichtigsten Gedanken und Ergebnisse sind schriftlich zu fixieren. | |||
*''Diskursivität'': Eine Textanalyse muss nachvollziehbar und begründet sein. | |||
*''Prinzip des [https://de.wikipedia.org/wiki/Hermeneutischer_Zirkel hermeneutischen Zirkels]'': Ein Text ist mehrfach zu lesen, „um das Verständnis von Teilen und Ganzem wechselseitig zu prüfen und zu überarbeiten.“<sup id="cite_ref-2" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verstehen#cite_note-2 [2]]</sup> | |||
*''[https://de.wikipedia.org/wiki/Prinzip_der_wohlwollenden_Interpretation Prinzip der wohlwollenden Interpretation] (principle of charity)'': Solange und so weit wie möglich ist davon auszugehen, dass der Autor wahrhaftig, rational und konsistent argumentiert.<sup id="cite_ref-3" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Verstehen#cite_note-3 [3]]</sup> | |||
== <span id="Weitere_Bedeutungen">Weitere Bedeutungen</span> == | |||
<div class="hintergrundfarbe1 rahmenfarbe1 navigation-not-searchable noprint Vorlage_Belege_fehlen hatnote"><div class="noviewer noresize" role="presentation" aria-hidden="true">[https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Belege ]</div><div><div>Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit [https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Belege Belegen] (beispielsweise [https://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Einzelnachweise Einzelnachweisen]) ausgestattet. Angaben ohne ausreichenden Beleg könnten demnächst entfernt werden. Bitte hilf Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.</div></div></div><p>Der Begriff ''Verstehen'' bedeutet darüber hinaus auch:</p> | |||
;[https://de.wikipedia.org/wiki/Akustik Akustisches] richtiges Aufnehmen von Gesprochenem | |||
:Verstehen einer sprachlichen Mitteilung kann durch verschiedenartige Störungen erschwert werden, beispielsweise durch Rauschen oder durch Schwerhörigkeit. Verstehen kann durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Redundanz_(Kommunikationstheorie) Redundanz] erleichtert werden. Bei sprachlichen Mehrdeutigkeiten und unterschiedlichem Weltwissen kann es zu Missverständnissen führen. Bei genügend Redundanz ist auch bei starker Fehlerhaftigkeit der Information noch Verstehen möglich. | |||
;Verstehen der Sprache, insbesondere einer fremden | |||
:Beim ''Verstehen einer [https://de.wikipedia.org/wiki/Sprache Sprache]'' geht es einerseits um einen [https://de.wikipedia.org/wiki/Lernen Lern-] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Erfahrung Erfahrungs]prozess, andererseits um die erschwerte Interpretation des aufgenommenen Sachverhalts. | |||
;Auslegung bzw. Interpretation (Hermeneutik) | |||
:Botschaften werden beim Entschlüsseln immer mit eigenen Erfahrungen und Weltbildern vermischt. Das Ergebnis ist also ein anderes als das, was der Sender gemeint hat. | |||
;Expertentum (sich auf etwas verstehen) | |||
:[https://de.wikipedia.org/wiki/Experte Experten] entwickeln oft eine eigene Sprache, mit der sie sich von Dritten abgrenzen, indem sie sich untereinander verstehen, aber von anderen nicht verstanden werden. Man spricht [https://de.wikipedia.org/wiki/Umgangssprache umgangssprachlich] auch von [https://de.wikipedia.org/wiki/Fachsprache Fachlatein]. Darüber hinaus verwenden Experten manchmal (unscharf definierte) umgangssprachliche Begriffe in einer engen, scharf umgrenzen Bedeutung (z. B. [https://de.wikipedia.org/wiki/Energie Energie]). | |||
;Sich verstehen (z. B. zwischen Personen, etwa in der Einigung auf Preise) | |||
:Wenn Menschen ''sich verstehen'', kann dies mehreres bedeuten: | |||
:*ein Erfassen der ''sprachlichen'' Mitteilung des Anderen (→ [https://de.wikipedia.org/wiki/Fremdsprache Fremdsprache]), | |||
:*eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Sympathie Sympathie] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Intuition Intuition] zwischen Menschen, die oft durch Blick und [https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rpersprache Körpersprache] ausgelöst oder verstärkt wird, | |||
:*das ''Einfühlen'' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Empathie Verständnis]), das intensive [https://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenmenschlich zwischenmenschliche] Kommunikation voraussetzt und meist auch [https://de.wikipedia.org/wiki/Emotion emotionale] Aspekte enthält, oder | |||
:*die [https://de.wikipedia.org/wiki/Selbsterkenntnis Selbsterkenntnis], das Verstehen des [https://de.wikipedia.org/wiki/Ich Ich] und möglichst auch seine [https://de.wikipedia.org/wiki/Akzeptanz Akzeptanz]. | |||
:Die letzten beiden Aspekte erfordern neben [https://de.wikipedia.org/wiki/Wille Willens]- und geistigen Prozessen auch [https://de.wikipedia.org/wiki/Emotionale_Intelligenz emotionale Intelligenz]. | |||
<p>Ob ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Tier Tiere]'' etwas verstehen können, ist umstritten. Versuche bei Affen zeigten aber, dass sie eine dreistellige Anzahl von Wörtern lernen und richtig anwenden können.</p> | |||
== <span id="Siehe_auch">Siehe auch</span> == | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Daniel_Ernst_Schleiermacher Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Hamburger_Verst%C3%A4ndlichkeitskonzept Hamburger Verständlichkeitskonzept] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Georg_Gadamer Hans-Georg Gadamer] | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Verstehende_Psychologie Verstehende Psychologie] bei Wilhelm Dilthey | |||
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Verstehende_Soziologie Verstehende Soziologie] bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Weber Max Weber] | |||
== <span id="Literatur">Literatur</span> == | |||
*Andreas Mauz, [https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Tietz Christiane Tietz] (Hrsg.): ''Verstehen und Interpretieren. Zum Basisvokabular von Hermeneutik und Interpretationstheorie'' (= ''Hermeneutik und Interpretationstheorie.'' Bd. 1). Ferdinand Schöningh, Paderborn 2020, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783506732453 ISBN 978-3-506-73245-3]. | |||
== <span id="Weblinks">Weblinks</span> == | |||
<div class="sisterproject"><div class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wikiquote">[[file:13px-Wikiquote-logo.svg.png|13x16px]]</span></span></div>'''[https://de.wikiquote.org/wiki/Verstehen Wikiquote: Verstehen]''' – Zitate</div><div class="sisterproject"><span class="noviewer" role="presentation" aria-hidden="true"><span class="mw-default-size"><span title="Wiktionary">[[file:16px-Wiktfavicon_en.svg.png|16x16px]]</span></span></span>'''[https://de.wiktionary.org/wiki/verstehen Wiktionary: verstehen]''' – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen</div> | |||
*Stephen Grimm : [https://plato.stanford.edu/entries/understanding/ ''Understanding.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]'', 2021. | |||
*Emma C. Gordon: [https://iep.utm.edu/understa/ ''Understanding in Epistemology.''] In: J. Fieser, B. Dowden (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_Encyclopedia_of_Philosophy Internet Encyclopedia of Philosophy]''. | |||
== <span id="Einzelnachweise">Einzelnachweise</span> == | |||
#<span class="reference-text">Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: ''Textanalyse in den Wissenschaften.'' – Zürich: vdf (UTB Nr. 3139), S. 9. – [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783825231392 ISBN 978-3-8252-3139-2].</span> | |||
#<span class="reference-text">Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: ''Textanalyse in den Wissenschaften.'' – Zürich: vdf (UTB Nr. 3139), S. 9. – [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/9783825231392 ISBN 978-3-8252-3139-2].</span> | |||
#<span class="reference-text">Klaus F. Röhl, [https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Christian_R%C3%B6hl Hans Christian Röhl]: ''Allgemeine Rechtslehre.'' 3. Auflage. C. Heymanns, Köln u. a. 2008, § 5 III, S. 53.</span> | |||
Version vom 24. Mai 2024, 11:35 Uhr
[1] Verstehen
Verstehen (auch Verständnis genannt) ist das inhaltliche Begreifen eines Sachverhalt, das nicht nur in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern auch und vor allem in der intellektuellen Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht.Verstehen bedeutet nach Wilhelm Dilthey, aus äußerlich gegebenen, sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ein „Inneres“, Psychisches zu erkennen. Der Begriff „Verstehen“ wird häufig dem Begriff „Erklären“ gegenübergestellt, wobei das genaue Verhältnis beider Begriffe (und Prozesse) zumeist zueinander unklar bleibt. Grundlage des Verstehens ist Verstehbarkeit.
Verstehen (auch Verständnis genannt) ist das inhaltliche Begreifen eines Sachverhalts mit dem Verstand, das nicht nur in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern auch und vor allem in der intellektuellen Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht.
Verstehen bedeutet nach Wilhelm Dilthey, aus äußerlich gegebenen, sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ein „Inneres“, Psychisches zu erkennen. Der Begriff „Verstehen“ wird häufig dem Begriff „Erklären“ gegenübergestellt, wobei das genaue Verhältnis beider Begriffe (und Prozesse) zumeist zueinander unklar bleibt. Grundlage des Verstehens ist Verstehbarkeit.
Deutungsrahmen
Oft ist ein Verstehen nur mittels Deutungsrahmen möglich. Deutungsrahmen sind gesellschaftlich verbreitete und individuell angeeignete Wissensstrukturen, auf die Prozesse des Verstehens aufbauen. Deutungsrahmen sind für das Verständnis von – vor allem sprachlicher – Kommunikation bedeutsam: Der Empfänger einer Information reichert in der meist ungenauen/unvollständigen Alltagskommunikation das Gehörte oder Gelesene mit Kontextinformationen an bzw. ergänzt es; erst dadurch bekommt dieses seinen vollen bzw. einen eindeutigen Sinn. Er ordnet Sinneseindrücke und Erfahrungen einer bedeutsamen Struktur zu.
Deutungsrahmen sind geistige Repräsentationen der Welt im Bewusstsein des Einzelnen. Sie prägen seine Wahrnehmung des gesellschaftlichen Umfeldes und die Bedeutung, Sinnhaftigkeit und Einordnung sozialer Handlungen anderer Personen sowie seine Reaktionen (zum Beispiel Empathie) darauf.
Man kann auch Deutungsrahmen von Gruppen, gesellschaftlichen Gruppen oder Gesellschaften konstruieren.
Verstehen und Erkenntnis
Verstehen im obigen Sinn (Abschnitt Deutungsrahmen) und als Interpretation setzt Intelligenz bzw. Geist voraus. Nach Werner Sombart beruht das Verstehen auf der Identität des Menschengeistes. Es ist also nur aufgrund der prinzipiellen Identität von Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt möglich. Nur Menschen können daher im eigentlichen Sinne – von Menschen – verstanden werden.
Der Begriff des Verstehens im geistigen bzw. interpretativen Sinn spielt in der Philosophie und der Hermeneutik eine große Rolle. Ein Beispiel dafür ist die Frage des Philippus (Apostelgeschichte): „Verstehst du auch, was du da liest?“ (Philippus fragt den Äthiopier, Apg 8,30)
Verstehen in der Textanalyse
Als Arbeitsgrundsätze des Verstehens in der Textanalyse werden angeführt:[1]
- Textbezogenheit: Auf den analysierten Text ist ausdrücklich Bezug zu nehmen.
- Schriftlichkeit: Die wichtigsten Gedanken und Ergebnisse sind schriftlich zu fixieren.
- Diskursivität: Eine Textanalyse muss nachvollziehbar und begründet sein.
- Prinzip des hermeneutischen Zirkels: Ein Text ist mehrfach zu lesen, „um das Verständnis von Teilen und Ganzem wechselseitig zu prüfen und zu überarbeiten.“[2]
- Prinzip der wohlwollenden Interpretation (principle of charity): Solange und so weit wie möglich ist davon auszugehen, dass der Autor wahrhaftig, rational und konsistent argumentiert.[3]
Weitere Bedeutungen
Der Begriff Verstehen bedeutet darüber hinaus auch:
- Akustisches richtiges Aufnehmen von Gesprochenem
- Verstehen einer sprachlichen Mitteilung kann durch verschiedenartige Störungen erschwert werden, beispielsweise durch Rauschen oder durch Schwerhörigkeit. Verstehen kann durch Redundanz erleichtert werden. Bei sprachlichen Mehrdeutigkeiten und unterschiedlichem Weltwissen kann es zu Missverständnissen führen. Bei genügend Redundanz ist auch bei starker Fehlerhaftigkeit der Information noch Verstehen möglich.
- Verstehen der Sprache, insbesondere einer fremden
- Beim Verstehen einer Sprache geht es einerseits um einen Lern- und Erfahrungsprozess, andererseits um die erschwerte Interpretation des aufgenommenen Sachverhalts.
- Auslegung bzw. Interpretation (Hermeneutik)
- Botschaften werden beim Entschlüsseln immer mit eigenen Erfahrungen und Weltbildern vermischt. Das Ergebnis ist also ein anderes als das, was der Sender gemeint hat.
- Expertentum (sich auf etwas verstehen)
- Experten entwickeln oft eine eigene Sprache, mit der sie sich von Dritten abgrenzen, indem sie sich untereinander verstehen, aber von anderen nicht verstanden werden. Man spricht umgangssprachlich auch von Fachlatein. Darüber hinaus verwenden Experten manchmal (unscharf definierte) umgangssprachliche Begriffe in einer engen, scharf umgrenzen Bedeutung (z. B. Energie).
- Sich verstehen (z. B. zwischen Personen, etwa in der Einigung auf Preise)
- Wenn Menschen sich verstehen, kann dies mehreres bedeuten:
- ein Erfassen der sprachlichen Mitteilung des Anderen (→ Fremdsprache),
- eine Sympathie oder Intuition zwischen Menschen, die oft durch Blick und Körpersprache ausgelöst oder verstärkt wird,
- das Einfühlen (Verständnis), das intensive zwischenmenschliche Kommunikation voraussetzt und meist auch emotionale Aspekte enthält, oder
- die Selbsterkenntnis, das Verstehen des Ich und möglichst auch seine Akzeptanz.
- Die letzten beiden Aspekte erfordern neben Willens- und geistigen Prozessen auch emotionale Intelligenz.
Ob Tiere etwas verstehen können, ist umstritten. Versuche bei Affen zeigten aber, dass sie eine dreistellige Anzahl von Wörtern lernen und richtig anwenden können.
Siehe auch
- Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher
- Hamburger Verständlichkeitskonzept
- Hans-Georg Gadamer
- Verstehende Psychologie bei Wilhelm Dilthey
- Verstehende Soziologie bei Max Weber
Literatur
- Andreas Mauz, Christiane Tietz (Hrsg.): Verstehen und Interpretieren. Zum Basisvokabular von Hermeneutik und Interpretationstheorie (= Hermeneutik und Interpretationstheorie. Bd. 1). Ferdinand Schöningh, Paderborn 2020, ISBN 978-3-506-73245-3.
Weblinks
- Stephen Grimm : Understanding. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2021.
- Emma C. Gordon: Understanding in Epistemology. In: J. Fieser, B. Dowden (Hrsg.): Internet Encyclopedia of Philosophy.
Einzelnachweise
- Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. – Zürich: vdf (UTB Nr. 3139), S. 9. – ISBN 978-3-8252-3139-2.
- Georg Brun, Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. – Zürich: vdf (UTB Nr. 3139), S. 9. – ISBN 978-3-8252-3139-2.
- Klaus F. Röhl, Hans Christian Röhl: Allgemeine Rechtslehre. 3. Auflage. C. Heymanns, Köln u. a. 2008, § 5 III, S. 53.