„Geheimrat“ – Versionsunterschied
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Version vom 16. März 2024, 12:57 Uhr
geheim–Rat Vorlage:dt. zuvor 'geheimer, geheimder, geheimde, … Rat'
GEHEIMRATH[1], m.
ein wort mit eigenthümlicher geschichte der form nach, und auch dem inhalt nach, indem es von der bezeichnung einer wichtigen stellung und würde zum bloszen ehrentitel gedieh, der doch zuletzt gar nichts mehr von dem bedeutet, was er sagt.
1) zuerst hiesz es ein geheimer, seit dem 14. 15. jahrh. des künigs geheimer, das aber wahrscheinlich, wie sicher das entsprechende noch ältere heimlicher (mhd. heimlîchære), eig. nicht adj. ist, sondern mit -er (-ære) als endung des subst. verb., also der geheimer, wie der heimlicher, dem es nachgebildet ist; s. darüber u. geheim 1, b (auch nachher u. 3, c geheimder). aber wie letzteres, trat es ins wirkliche adj. über, womit denn die ergänzung von rat, in gedanken und ausgesprochen, sich an die hand gab; s. a. a. o. aus Augsburg im 16. jahrh. den wechsel von geheime (pl.), geheime des rats und geheime rät, die stadt hatte namen und einrichtung für geheime angelegenheiten den fürstlichen canzleien entlehnt.
2) das volle geheimer rath erhielt sich dann durch die nhd. zeit, anfangs und auch noch im 18. jahrh. sorglos in der vermischung mit geheimer rath als collegium, die eben das ursprüngliche ist, s. u. geheim 4, a; vgl. u. 3, b vom geheimen rath des herzogs von Weimar, dessen präsident auch einfach vorsitzender geheimer rath hiesz, s. z. b. bei Anna Amalia, Carl August und der minister v. Fritsch Weimar 1874 s. 175 (wirklicher geheimer rath s. 9). auch geheimer kammerrath, finanzrath, kriegsrath, legationsrath, tribunalrath (Göthes schr. 1787 1, ix), kommerzienrath (das. xvi) u. s. w.; z. b.: zueignungs-schrift an des herrn geheimen raths von Brühl hochwohlgeb. excellentz. schriften 2, viii, s. ix aber genauer oder deutlicher sr. kön. maj. in Pohlen .. würcklichem geheimen rathe, denn dieser neu bestätigende zusatz machte sich schon damals nötig, wie denn selber s. 108 auch herr geheimer rath heiszt, vom könig von Preuszen 1701 dazu ernannt (s. xci), wie nachher in Dresden zum geheimen kriegsrath (s. xciv), er war aber ceremonienmeister und hofpoet und hatte bei geheimen beratungen nichts mehr zu thun; vom kaiser aus wurde schon im 17. jahrh. der titel als ehre vergeben, s. z. b. bei (1641) 442 ein burggraf von Dohna als s. caes. maj. consiliarius intimus. franz. hiesz es conseiller privé und c. pr. actuel. den gegensatz zum bloszen titel sollte wol auch der superl. mit ausdrücken: der geheimteste rath eines fürsten. 714, vergl.churbrandenb. geheimster staatsminister (Danckelmann) 1, 60.
3) im 16. 17. jh. drang nämlich eine seltsame form dazwischen, geheimder oder geheimter rath.
a) geheimer und geheimter rath, consiliarius intimus stellt 821 zur wahl (noch nichts davon beiHenisch), vgl. aus sp. 2353, der doch zwischen beiden einen unterschied zu machen, die volle form nur für den titel zu nehmen scheint; ebenso beides im anfang des 18. jahrh. (bei 714, während um dieselbe zeit Rädlein, nur die einfache form geben, wie im 17. jahrh. M. Krämer); 1, 437ᶜ bemerkt: „im titel der geheimen räthe eines königs oder fürsten haben einige ein d eingeflickt, welches aber nur bey den schreiberey-verwandten bleiben kan, als eine unnöthige neuerung“, aber 332ᵇ stellt gleichzeitig geheimer und geheimder oder geheimbder rath, cammerrath u. s. w. nebeneinander, meint vielleicht auch in 'geh. secretair' die andere form mit, da er im eingang im allgemeinen vom gebrauch 'in zusammenfügung mit andern worten' spricht, vergl.geheimbter briefverwahrer erzschr. d. fruchtbr. ges. 182 v. j. 1648. gewiss ist es erst vom titel aus einzeln auch weiter vorgedrungen, s. u. geheim 7 sp. 2357 geheimte kammer und rathstube, geheimdeste nachricht, selbst geheimte nächte.
b) noch im 18. jh. und bis ins 19., während schon in der 1. ausg. (1775) erklärt „das d, welches sich so gerne dem m nachschleicht, geheimd, ist im hochdeutschen veraltet“: ich könnte ihnen freilich noch viele andere männer nennen, die ich habe kennen lernen, z. b. den geheimden rath. v. K., den geheimden rath v. W. aus Anspach u. s. w. 6, 31; im j. 1776 schreibt herz. Carl Augusteigenhändig an seinen minister v. Fritsch: sie, herr geheimde rath, bitte ich nochmahls die erste stelle im geheimden conseil zu behalten ... meine meinung den d. Göthe betreffent wissen sie, ich gebe ihm den letzten plaz im conseil, mit dem titul eines geheimden legations rath, s. a. a. o. s. 149 (werther herr geheimde rath s. 148); aber in dem gleichfalls eigenhändigen entwurf steht den geheimen rath, aus dem geheimen consilium (s. 150), wie in dem briefe an Fritsch s. 159 ff. gleichfalls(s. auch den minister selbst s. 153 ff.): man sprach also nicht so, schrieb auch nicht so brieflich, aber canzleimäszig, wie denn Adelungs 'hochdeutsch' mit im gegensatz zur canzleisprache gedacht ist; die form hatte einmal den klang und noch mehr das aussehen des feierlich förmlichen. daher auch brieflich, wo diese förmlichkeit mit gemeint ist: der herzog hat ... mir den geheimdenrathstitel gegeben. an frau v. Stein 1, 238 (4. sept. 1772), dagegen an Kestner 9. juli 1776: er hat mir siz und stimme in seinem geheimen rath und den titel als geheimer legationsrath geben. G. u. Werther 246. auch vereinigt (s. 4, a): weil in Berlin kein minister, sondern nur ein geheimderrath die zeitungen censiret. ein geheimderrath kann ja wohl einem andern geheimdenrathe (Klotz) auch einen blos empfindlichen artikel haben ersparen wollen. 8, 198 (antiqu. br. 55); er geheimderrath und ich nur magister! 209; es mögen sich mehr geheimderäthe unter ihnen finden. 205; alle ritter des goldnen vlieszes, alle geheimderäthe und finanzräthe. Schiller VII, 93, 11 (aber dem geheimen rath in Brüssel untergeben z.13, als collegium); hochwohlgeborner .. herr geheimderath. an Fritsch 1779, s. 212. selbst bei weiterer zusammensetzung, z. b.: zum geheimdenjustizrath hat es Kästner selbst nicht bringen können oder wollen. 7, 51.
c) die herkunft des -d ist schwierig. von den fürstlichen canzleien ist es gewiss ausgegangen, wie z. b. inew. liebden für liebe (nl. liefde liebe) als wichtigere form gegenüber dem alltagsgebrauch. und auch im adj. erscheint es schon im 14. jahrh. canzleimäszig, erberde für êrbære als titel: under den erberden luten Frideriche und Ludewige von Wangeheim. rechtsd. aus Thür. 507, v. j. 1313, veranlaszt musz das wol sein von einem nicht belegten subst. êrbêrde f. für êrbærekeit, und auch das adj.geheimde konnte ebenso einen anschlusz finden in dem subst. geheimde f., das eben auch wesentlich canzleiwort war. es erscheint denn auch schon im 16. jh. früh, in sächsischem canzleigebrauch, wie mir prof. Pückert eben noch mittheilen konnte (aus ungedr. quellen im weimar. archiv). ein landtag im j.1531 hatte für den erwarteten krieg um die neue religionsfreiheit dem kurfürsten 'gut und blut' bewilligt, zur überwachung der verwendung von seiten der stände aber einen ausschusz aus ihnen einzusetzen verlangt; aus diesem ward noch ein engerer ausschusz gewählt, der in einem schreiben des kurf. Johann Friedrich aus Leipzig dienstag nach jubil. 1537 bezeichnet wird als der besondere geheimbte und enge ausschusz, offenbar zur behandlung der geheimen angelegenheiten, wie in Augsburg sp. 2351. die mitglieder heiszen auch, wie dort die gehaimen, so hier die gehaimbten, die verausgabung der gelder z. b. soll nur geschehen zugleich vom kurfürsten und fünf den gehaimbten zum kleinen ausschusz gehörig, d. h. fünf von den g. (es waren ihrer neun). der ausschusz selber und sein amt heiszt aber auch kurz die geheim, z. b. bei ergänzung heiszt es, dasz im j. 1542 Heinrich v. Einsiedel zum Gnandstein an stelle des verstorbnen Wolf v. Weiszenbach in die geheim gezogen ward. ich zweifle nun nicht, dasz der gebrauch ins 15. jahrh. zurückgeht, dasz da aber die urspr. form der unddie geheimder war, wie geheimer unter 1 (eigentlich geheimære), d. h. von die geheimde, geheimnis u. s. w. gebildet, wie jenes von geheime f., dann aber gleichfalls ins adj. gezogen.
4) seit dem 18. jh. machte aber der geheime rath schwierigkeiten mit seiner grammatischen behandlung.
a) wollte noch in der 2. ausg. (1796) blosz die alte eigentliche form gelten lassen, ein geheimer rath, der geheime rath, und spricht gegen die behandlung als zusammensetzung, 'geheimerrath', es müszte ja dann wenigstens geheimrath heiszen, wie geheimschreiber, geheimbuch.*) jenes z. b. in dram. w. Lpz. 1798 ff., z. b. im spieler (bd. 3) ein geheimerrath v. Wallenfeld, ein neffe des geheimenraths u. s. w., vgl. von dem geheimenrath s. 5, der herr geheimerath s. 10. und schon früher, z. b. unter den subscribenten auf Klopstocks gelehrtenrep. 1774 ein kaiserl. geheimerrath in Salzburg (s.60); vgl. Lessings geheimderrath u. 3, b. daneben hielt sich doch das alte, wenigstens in besonderen fällen, noch im 19. jahrh. wird z. b. Göthe brieflich angeredet: hochgebietender herr staatsminister, geheimer rath, s. naturw. corr. 1, 256 ff. (2, 14 ff.), hochgebietender herr geheimer rath 1, 259. 263, von demselben correspondenten, der anfangs geheimerath geschrieben hatte s. 251. 253, die alte form klang da doch gewichtiger, voller.
b) aber diesz geheimerath, an das Adelung noch gar nicht dachte und das ihm ein grammatischer gräuel gewesen wäre, war doch weiter unvermeidlich: herr geheimerath von Willemer, herr geheimerath Leonhard. an Wolf 118. und schon im 18. jahrh., z. b. in der subscribentenliste zur gelehrtenrepublik ein adelicher geheimerath in Bonn s. 13 (daneben ein adelicher geheimer und kriegsrath), se. excellenz geheimerath s. 26 in Gotha u. s. w., selbst pluralisch die herren geheimerath N. N. in Berlin s. 12; s. auch Göthes, Schillers geheimderath, geheimderäthe unter 3, b. selbst getrennt:geheime rath Jacobi kommt diesen mittag her. an Göthe 1, 305, und schon viel früher: (Fr. C. v. Moser) als hochfürstlich Hessen Casselischer geheime rath und bevollmächtigter minister. vers. einer pragm. gesch. v. der zus. kunft u. s. w. Frkf. 1766 vorw. 2ᵇ, während in einem gleichzeitigen actenstücke das. bl. 3 noch regelrecht abgewandelt wird: der herr geheime rath, den herrn geheimen rath von Moser (geheim auch noch klein beginnend), wie bl. 4 unterzeichneter geheimer rath. die gestutzte form stammt aus dem sprechen, denn da konnte sie bei häufigstem gebrauche, zumal als titel mit folgendem namen, der den hauptton fordert, während man das ganze zu einer einheit zusammenzudrängen trachtet, der kürzung nicht entgehen: geheimerrath ward notwendig zu geheimerath (das r eig. doppelt gemeint); ist doch die nötige kürzung nun so weit gediehen, dasz man selbst in Norddeutschland herr gheimrath, ja schon keimrath hört, d. h. nach sonst süddeutscher art (s. sp. 1598 ff.); vgl. die gewaltsame kürzung appellrath, in Süddeutschland gäng und gäbe (diesz doch durch die schreibung appell. rath veranlaszt) und die allgemeine zusammendrängung vonsuperintendent im sprechen, das ja dem munde selbst bei langsamen aussprechen eine zu lästige aufgabe stellt: suprintend. 1, 208; supperndent 336 Weinh.; Herder wird general superndendt. d. junge 3, 137 (generalsuperintendent 135), im leben auch noch kürzersupertend, wie schon bei 638 supritent; auch im 16. jahrh. schon superendent reisen 107, vgl. bei Fischart superinten tint tint tint tent, hei kann ich aus dem tinnenden .. langen tentlingischen namen nicht kommen! Garg. 155ᵃ (Sch. 286).
c) mit der in die schrift endlich zugelassenen kürzung war aber nun die grammatische not da für den wichtigen titel, da das adj. wol das -r los war, aber in den andern casus noch immer sein -n verlangte; man führte wol noch länger fort des geheimenraths, dem geheimenrath (s. Iffland u. a): wir ersehen aus des herrn geheimenrats relation. actenstück v. 1780 bei zur erinn. an Lessing 87 (der h. geheime r. 89, geheimerath 86); von dem geheimenrath von Dürkheim ward ich aufs freundlichste aufgenommen. 48, 182 (23, 104 Hemp.). aber das störte sich mit dem geheimerath, und diesz ward denn nun auch in den acc., ja gen. und dat. übernommen: Wolzogen könnte an geheimerath Fritsch schreiben. fr. in Charl. v. Schiller u. i. fr. 2, 316; des herrn geheimerath v. Leonhard hochwohlg. naturw. corr. 1, 297; hrn. geheimerath L. 290; selbst halb getrennt: des herrn geheime-rath v. L. hochwohlg. 286 (zu dem gen. vgl. sp. 1800 fg.). auch in zusammensetzung: auszer meiner geheimeraths stelle .. an Kestner 1780 (G. u. Werther 251). auch bei schon im j.1769, der sonst sein geheimderrath in den casus ändert (s. 3, b), doch als dat.: wenn der herr geheimderath Klotz nicht auch herr magister Klotz wäre .. so wüszte ich gar nicht, was ich mit demherrn geheimderath zu schaffen haben könnte. der magister macht es, dasz ich mich um den geheimdenrath bekümmere. 8, 209 (ant. br. 57 a. e.). als gen.: wohnzimmer im hause des geheimderaths. werke 1786 3, 3. so muszte denn geheimerath vollends geheimrathwerden (worin doch ein leises e immer noch von selbst mit einklingt), um da in endungslosigkeit zur ruhe zu kommen, die freilich durch den geh. finanzrath u. s. w. gestört bleibt. aber schon im j. 1808 setzte Campe geheimrath mit an; frau von Stein, die noch als er mit Schiller befreundet war, spottend den dicken geheimrath (Göthe) grüszen liesz. Dido s. 14 (sie aber schrieb dem dicken geheimerath Charl. v. Schiller u. i. fr. 2, 312). aber das alte bleibt doch daneben, eben im oct. 1879 meldet z. b. das amtliche Dresdner journal von dem geheimen rath H., von der stellung des geheimen raths H. im ministerium; also geheimrath als bloszer titel, geheimer rath als amt und würde. auchwirklicher geheimer rath, regierungsrath u. ähnl., oder gekürzt wirklicher geheimer (s. Freytag u.geheim 1, c a. e.), womit es eigentlich zugleich zu seinem anfang zurückkehrt.
5) dazu als ableitungen
a) adj. geheimräthlich, z. b. von Göthes späterer geheimräthlicher haltung, g. stil u. ä. list man oft genug; vgl. ihn selbst: wenn ich auch im styl mit unter geh. rätisch werde, so bleibt doch leider das übrige ziemlich im alten. an Kestner 23. jan. 1778 (G. u. Werther 250).
b) als fem. von der gattin: die geheimräthin Wetterau kann handeln! haustheater 366. früher aber gleichfalls: der frau geheimderäthin empfehle ich mich. bei Beaulieu-Marc. 213; die frau geheimde räthin. 215; frau geheimeräthin v. Hagen. Klopstocks gelehrtenrep., subscrib. s. 67; frau geheime räthinn v. Frankenberg. Göthes schr. 1787 1, vii. auch frau geheimefinanzräthin Gr. zu Brandenburg unter den pränumeranten auf Gökings ged. Lpz. 1780.
c) herschend wird doch dafür blosz frau geheimrath N. N., wie auch schon früher z. b.: die frau hofrath Schopenhauer. an Wolf 115 (v. j. 1811). ja schon im 15. jh. ähnlich: der markgraf Albrechtin, die persoͤnlich für in pat. Nürnb. chron. 10, 309, der gemahlin des markgr. Albrecht, dessen name und titel als einheit behandelt ist.
- ↑ Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1880), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 2366, Z. 1.