„Scholastik“ – Versionsunterschied
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<p><span class="etymwb-headword"><span class="etymwb-orth">[[Scholast]] | <p><span class="etymwb-headword"><span class="etymwb-orth">[[Scholast]][[-ik]]</span> <span class="etymwb-gramgrp"><abbr title="" data-toggle="tooltip" data-original-title="Femininum">f.</abbr> </span></span>Bezeichnung für die mittelalterliche theologisch-philosophische Lehre, die kirchliche Dogmen und antike (aristotelische) Philosophie zu verbinden sucht.</p> | ||
* Scholastik f. | |||
** Bezeichnung für die mittelalterliche theologisch-philosophische Lehre, | |||
*** die kirchliche Dogmen und antike ([[Aristotelismus|aristotelische]]) Philosophie zu verbinden sucht. | |||
** Der Ausdruck ist ein Gelehrtenwort der 2. Hälfte des 18. Jhs., | |||
*** gebildet aus lat. ''[[scholasticus]]'' ‘zur Schule, zum Rhetorikstudium gehörend, rhetorisch’, | |||
**** grie. [[scholastikós]] (σχολαστικός) ‘müßig, fleißig, gelehrt’; | |||
**** zu grie. [[scholázein]] (σχολάζειν) ‘sich Zeit nehmen, Zeit, Muße für etw. haben, sich einer Sache widmen, lehren’, | |||
***** einer Ableitung von griech. [[scholḗ]] (σχολή) ‘Rast, Muße, (gelehrte) Unterhaltung, Schule’. | |||
*** Mit pejorativem Sinn (vgl. bereits lat. ''[[scholasticus]]'' m. ‘Lehrer, Gelehrter’, aber auch ‘Pedant’) ‘dogmatische, engstirnige Schulweisheit, Buchstabengelehrsamkeit’ (19. Jh.). | |||
*** Älter als das Substantiv ist ''[[scholastisch]]'' Adj. | |||
== Begriff und Begriffsgeschichte Scholastik == | |||
In der Antike bezeichnete das Adjektiv ''[[scholasticus]]'' seit [[Marcus Tullius Cicero|Cicero]] alles, was mit dem [[Schulbetrieb]], mit [[Bildung]] und besonders [[Rhetorik]] zu tun hatte. Ab dem Frühmittelalter nannte man einen Schulmeister, den Leiter einer Kathedral- oder Klosterschule, ''[[scholasticus]].'' Wie in der Antike wurde auch im Mittelalter das Adjektiv für alles verwendet, was Unterricht, Bildung und Gelehrtentum betraf, nicht speziell für das, was man heute unter ''Scholastik'' versteht.<ref>Ulrich G. Leinsle: ''Scholastik. I. Scholastik/Neuscholastik.'' In: ''Theologische Realenzyklopädie.'' Band 30, Berlin 1999, S. 361–366, hier: S. 361.</ref> Als abgrenzende Selbstbezeichnung von Scholastikern spielte das Substantiv ''scholasticus'' im Mittelalter keine Rolle, die Scholastiker betrachteten sich nicht als besondere Gruppe oder Schulrichtung. | |||
Der deutsche Begriff „Scholastik“ kam im späteren 18. Jahrhundert auf und bezeichnete im weiteren Sinne pauschal die Gesamtheit der mittelalterlichen [[Theologie]] und [[Philosophie]], im engeren Sinne alle Versuche, die [https://de.wikipedia.org/wiki/Dogmengeschichte kirchlichen Dogmen] des [[Katholizismus]] mit philosophischen Mitteln rational zu begründen. Das deutsche Wort „[[scholastisch]]“ ist seit dem 17. Jahrhundert bezeugt. Gemäß einem damals verbreiteten negativen Mittelalterbild wurden diese Ausdrücke von Anfang an oft abwertend verwendet („engstirnig“, „pedantisch“, „dogmatisch“). Noch heute wird damit unter anderem die Vorstellung von begrenzter, einseitiger „[[Schulweisheit]]“, schematischem, wirklichkeitsfremdem Denken, Überbetonung der Theorie, Haarspalterei und Spitzfindigkeit verbunden.<ref>Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): ''Deutsches Fremdwörterbuch,'' Bd. 4, Berlin 1978, S. 90–92 (mit zahlreichen Belegen für den Sprachgebrauch).</ref> Schon [[Martin Luther|Luther]] hatte 1517 in einer lateinischen [[Disputation]], die später den Titel „Disputation gegen die scholastische Theologie“ erhielt, Lehren der ''scholastici'' bekämpft. Er bezeichnete sie als „erlogenes, verfluchtes, teuflisches Geschwätz“.<ref>Ulrich Köpf: ''Scholastik.'' In: ''Religion in Geschichte und Gegenwart,'' 4. Auflage, Bd. 7, Tübingen 2004, Sp. 949–954, hier: 949.</ref> | |||
Obwohl sich die Begriffe „Scholastik“ und „scholastisch“ ursprünglich nur auf das Mittelalter bezogen, werden sie auch für Denkweisen anderer Epochen verwendet, die der spätmittelalterlichen Scholastik angeblich oder tatsächlich ähnlich sind. Gelegentlich werden sie sogar auf andere Kulturen übertragen, z. B. auf die [https://de.wikipedia.org/wiki/Indische_Philosophie indische Philosophiegeschichte]. Wenn die abwertende Bedeutung gemeint ist, spricht man auch von „[[Scholastizismus]]“.<sup class="reference" id="cite_ref-4">[https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik#cite_note-4 [4]]</sup> | |||
Die moderne Wissenschaft vom Mittelalter ([https://de.wikipedia.org/wiki/Medi%C3%A4vistik Mediävistik]) verwendet jedoch den Begriff „Scholastik“ in einem anderen, präziseren Sinn, der weder wertend noch speziell auf theologische oder philosophische Themen bezogen ist. In diesem Sinn des Wortes bedeutet „Scholastik“ nicht eine bestimmte Richtung oder Lehre und ist auch nicht auf bestimmte Fächer begrenzt. Es handelt sich vielmehr um eine Art der Argumentation und Beweisführung, die auf allen Wissensgebieten gleichermaßen praktiziert wurde, also in der Medizin und Naturwissenschaft ebenso wie in der Theologie und [https://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik Metaphysik].<sup class="reference" id="cite_ref-5">[https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik#cite_note-5 [5]]</sup> | |||
Der '''Philogelos''' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache altgriechisch] <span lang="grc-Grek" class="Grek">Φιλόγελως</span>, dt. „Lachfreund“) ist die einzige erhaltene Sammlung von 265 [https://de.wikipedia.org/wiki/Witz Witzen] aus der [https://de.wikipedia.org/wiki/Antike Antike]. In der ersten und mit 103 von insgesamt 265 Einträgen weitaus größten Gruppe geht es um den „dümmlichen und realitätsfernen Schreibstubengelehrten“, den scholastikos σχολαστικὸς, in der Übersetzung „von [https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Thierfelder Thierfelder] richtig, aber etwas unglücklich mit dem heute ungebräuchlichen Wort »[https://de.wikipedia.org/wiki/Kalm%C3%A4user Kalmäuser]« wiedergegeben.“<sup class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Philogelos?wprov=srpw1_1#cite_note-1 [1]]</sup> | |||
Version vom 17. März 2024, 17:49 Uhr
Scholast-ik f. Bezeichnung für die mittelalterliche theologisch-philosophische Lehre, die kirchliche Dogmen und antike (aristotelische) Philosophie zu verbinden sucht.
- Scholastik f.
- Bezeichnung für die mittelalterliche theologisch-philosophische Lehre,
- die kirchliche Dogmen und antike (aristotelische) Philosophie zu verbinden sucht.
- Der Ausdruck ist ein Gelehrtenwort der 2. Hälfte des 18. Jhs.,
- gebildet aus lat. scholasticus ‘zur Schule, zum Rhetorikstudium gehörend, rhetorisch’,
- grie. scholastikós (σχολαστικός) ‘müßig, fleißig, gelehrt’;
- zu grie. scholázein (σχολάζειν) ‘sich Zeit nehmen, Zeit, Muße für etw. haben, sich einer Sache widmen, lehren’,
- einer Ableitung von griech. scholḗ (σχολή) ‘Rast, Muße, (gelehrte) Unterhaltung, Schule’.
- Mit pejorativem Sinn (vgl. bereits lat. scholasticus m. ‘Lehrer, Gelehrter’, aber auch ‘Pedant’) ‘dogmatische, engstirnige Schulweisheit, Buchstabengelehrsamkeit’ (19. Jh.).
- Älter als das Substantiv ist scholastisch Adj.
- gebildet aus lat. scholasticus ‘zur Schule, zum Rhetorikstudium gehörend, rhetorisch’,
- Bezeichnung für die mittelalterliche theologisch-philosophische Lehre,
Begriff und Begriffsgeschichte Scholastik
In der Antike bezeichnete das Adjektiv scholasticus seit Cicero alles, was mit dem Schulbetrieb, mit Bildung und besonders Rhetorik zu tun hatte. Ab dem Frühmittelalter nannte man einen Schulmeister, den Leiter einer Kathedral- oder Klosterschule, scholasticus. Wie in der Antike wurde auch im Mittelalter das Adjektiv für alles verwendet, was Unterricht, Bildung und Gelehrtentum betraf, nicht speziell für das, was man heute unter Scholastik versteht.[1] Als abgrenzende Selbstbezeichnung von Scholastikern spielte das Substantiv scholasticus im Mittelalter keine Rolle, die Scholastiker betrachteten sich nicht als besondere Gruppe oder Schulrichtung.
Der deutsche Begriff „Scholastik“ kam im späteren 18. Jahrhundert auf und bezeichnete im weiteren Sinne pauschal die Gesamtheit der mittelalterlichen Theologie und Philosophie, im engeren Sinne alle Versuche, die kirchlichen Dogmen des Katholizismus mit philosophischen Mitteln rational zu begründen. Das deutsche Wort „scholastisch“ ist seit dem 17. Jahrhundert bezeugt. Gemäß einem damals verbreiteten negativen Mittelalterbild wurden diese Ausdrücke von Anfang an oft abwertend verwendet („engstirnig“, „pedantisch“, „dogmatisch“). Noch heute wird damit unter anderem die Vorstellung von begrenzter, einseitiger „Schulweisheit“, schematischem, wirklichkeitsfremdem Denken, Überbetonung der Theorie, Haarspalterei und Spitzfindigkeit verbunden.[2] Schon Luther hatte 1517 in einer lateinischen Disputation, die später den Titel „Disputation gegen die scholastische Theologie“ erhielt, Lehren der scholastici bekämpft. Er bezeichnete sie als „erlogenes, verfluchtes, teuflisches Geschwätz“.[3]
Obwohl sich die Begriffe „Scholastik“ und „scholastisch“ ursprünglich nur auf das Mittelalter bezogen, werden sie auch für Denkweisen anderer Epochen verwendet, die der spätmittelalterlichen Scholastik angeblich oder tatsächlich ähnlich sind. Gelegentlich werden sie sogar auf andere Kulturen übertragen, z. B. auf die indische Philosophiegeschichte. Wenn die abwertende Bedeutung gemeint ist, spricht man auch von „Scholastizismus“.[4]
Die moderne Wissenschaft vom Mittelalter (Mediävistik) verwendet jedoch den Begriff „Scholastik“ in einem anderen, präziseren Sinn, der weder wertend noch speziell auf theologische oder philosophische Themen bezogen ist. In diesem Sinn des Wortes bedeutet „Scholastik“ nicht eine bestimmte Richtung oder Lehre und ist auch nicht auf bestimmte Fächer begrenzt. Es handelt sich vielmehr um eine Art der Argumentation und Beweisführung, die auf allen Wissensgebieten gleichermaßen praktiziert wurde, also in der Medizin und Naturwissenschaft ebenso wie in der Theologie und Metaphysik.[5]
Der Philogelos (altgriechisch Φιλόγελως, dt. „Lachfreund“) ist die einzige erhaltene Sammlung von 265 Witzen aus der Antike. In der ersten und mit 103 von insgesamt 265 Einträgen weitaus größten Gruppe geht es um den „dümmlichen und realitätsfernen Schreibstubengelehrten“, den scholastikos σχολαστικὸς, in der Übersetzung „von Thierfelder richtig, aber etwas unglücklich mit dem heute ungebräuchlichen Wort »Kalmäuser« wiedergegeben.“[1]
- ↑ Ulrich G. Leinsle: Scholastik. I. Scholastik/Neuscholastik. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 30, Berlin 1999, S. 361–366, hier: S. 361.
- ↑ Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 4, Berlin 1978, S. 90–92 (mit zahlreichen Belegen für den Sprachgebrauch).
- ↑ Ulrich Köpf: Scholastik. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Bd. 7, Tübingen 2004, Sp. 949–954, hier: 949.