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„ÜdSAC/Buch III • Kapitel 3“ – Versionsunterschied

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K Denken bzw. Einsehen scheint eine Art Wahrnehmen zu sein.
K Denken bzw. Einsehen scheint eine Art Wahrnehmen zu sein.


Die Apodosis formuliert die Konklusion aus den in P 1 und P 2 genannten Bedingungen (der nachgeschobene Satz in 427a20 f. »Bei diesen beiden unterscheidet die Seele nämlich etwas und erkennt etwas vom Seienden«, liefert die Begründung dafür, dass man der Meinung sein kann, Denken und Wahrnehmen seien beide dasselbe, dann auch noch ausdrücklich nach. – In dieser Weise übersetzt übrigens auch Christian Hermann Weiße in seiner De-anima-Übersetzung [Leipzig 1829]). Nicht untypisch für apodotisches δέ bei Aristoteles steht auch hier das δέ nach einer parenthetischen Aufzählung. Zum apodotischen δέ generell vgl. Kühner/Gerth (1904) 276, § 532, für Belegstellen speziell bei Aristoteles vgl. Denniston 21954, 177 ff. Demgegenüber haben Interpreten seit der Spätantike den Beginn von De an. III 3 als nicht nur besonders langen, sondern auch unaufgelösten (anakoluthen) Konditionalsatz gelesen. Bei Aristoteles findet sich das apodo­tische δέ übrigens ziemlich häufig, und zwar auch in De anima, z. B. in III 10, 433b15 .</ref> Bei diesen beiden unterscheidet die Seele nämlich etwas und erkennt etwas vom [[Seienden]]. Und auch die Alten behaupten ja, dass Einsehen und Wahrnehmen dasselbe seien, so wie auch [[Empedokles]] gesagt hat: »Mit Bezug auf das, was zugegen ist, erwächst den Menschen der Verstand«, und an anderer Stelle: »weshalb ihnen die Einsicht immer andere Dinge bereitstellt«, und dasselbe will auch das [[homerische]] Wort »denn so beschaffen ist die Vernunft« (sagen); sie nehmen nämlich alle an, dass das Denken körperlich sei so wie das Wahrnehmen und dass man das Gleiche durch das Gleiche wahrnehme und einsehe, wie wir auch am Anfang unserer Untersuchung dargelegt haben. Freilich hätten sie zugleich auch über die Täuschung sprechen müssen; denn sie ist den Lebewesen in höherem Maße eigentümlich und die Seele bringt darin mehr Zeit zu. Deswegen ist es notwendig, dass entweder, so wie manche es behaupten, alle Erscheinungen wahr sind oder Täuschung die Berührung des Ungleichen ist; denn dies ist dem »das Gleiche durch das Gleiche erkennen« entgegengesetzt. Und es scheint sowohl dieselbe Täuschung als auch dasselbe Wissen für jeweils Entgegengesetztes zuständig zu sein. Dass nun Wahrnehmen und Einsehen nicht dasselbe sind, ist offensichtlich. Denn an dem einen haben alle Lebewesen teil, an dem anderen wenige. Aber auch das Denken, in dem es »richtig« und »nicht­-richtig« gibt – wobei Einsicht, Wissen und wahre Meinung »richtig« sind, »nicht­-richtig« aber die jeweiligen Gegenteile –, auch dies ist nicht dasselbe wie das Wahrnehmen; denn die Wahrnehmung der eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenstände) ist immer wahr und kommt auch allen Lebewesen zu, [[diskursiv]] denken dagegen kann man auch auf falsche Weise, und es kommt keinem (Lebewesen) zu, dem nicht auch Vernunft zukommt. Vorstellung ist nämlich sowohl von Wahrnehmung als auch von diskursivem Denken verschieden, und sie selbst entsteht nicht ohne Wahrnehmung<ref group="Anm. Hrsg.">427b15 »sie (d. h. die Vorstellung) selbst entsteht nicht ohne Wahrnehmung« Hier weiche ich von Förster ab, der statt des überlieferten Artikels ἡ das Relativpronomen ἣ liest, so dass folgendermaßen zu übersetzen wäre: »und letzteres (d.h. diskursives Denken) entsteht nicht ohne Wahrnehmung usw.«</ref>, und ohne sie gibt es auch keine Annahme. Dass Vorstellung und Annahme aber nicht dasselbe sind, ist offensichtlich; denn dieses Widerfahrnis liegt bei uns, sooft wir es wollen, es handelt sich dabei nämlich um ein Vor­-die­-Augen­-Stellen, so wie es diejenigen tun, die ihr Gedächtnis üben und Bilder [[memorieren]] – eine Meinung zu haben liegt dagegen nicht bei uns: Denn man trifft dabei notwendig entweder das Falsche oder das Wahre. Ferner: Wenn wir etwas Schreckliches oder Fürchterliches meinen, empfinden wir sofort mit, und ebenso bei etwas Ermutigendem. Bei der Vorstellung dagegen verhalten wir uns so, wie wenn wir das Schreckliche oder Ermutigende in einer Zeichnung betrachten. Es gibt aber auch Unterschiede bei der Annahme selbst: Wissen, Meinung, vernünftige Einsicht und deren Gegenteile, über deren Unterschied eine andere Untersuchung handeln soll. Was aber das Denken betrifft, da es vom Wahrnehmen verschieden ist und teils Vorstellung zu sein scheint und teils Annahme, müssen wir, nachdem wir über die Vorstellung gehandelt haben, so auch über das andere (Denken) sprechen. Wenn die Vorstellung also das ist, gemäß dem wir sagen, dass uns ein bestimmter Vorstellungsgehalt entsteht, und zwar ohne es [[metaphorisch]] zu meinen: Ist sie eines von den Vermögen oder Zuständen, gemäß derer wir unterscheiden und Wahres oder Falsches erfassen? Solche (Vermögen und Zustände) sind aber Wahrnehmung, Meinung, Wissen und Vernunft. Dass sie also keine Wahrnehmung ist, wird aus Folgendem klar: Wahrnehmung gibt es nämlich entweder als Vermögen oder als Wirklichkeit, z. B. als Sehsinn und als Sehen; man stellt sich aber etwas vor, auch wenn keines von diesen vorliegt, wie etwa das im Schlaf (Vorgestellte). Außerdem ist Wahrnehmung immer gegenwärtig, Vorstellung aber nicht. Und wenn sie mit der wirklichen Wahrnehmung identisch wäre, könnte allen Tieren Vorstellung zukommen; dies scheint aber nicht der Fall, z. B. bei Ameise, Biene oder Wurm.<ref group="Anm. Hrsg.">428a10 f. »z. B. bei Ameise, Biene oder Wurm.« Ross liest hier nicht den überlieferten Text, sondern schließt sich einer Konjektur von Torstrik an, der in der Verneinung der These, dass Bienen Vorstellung haben, einen Widerspruch zu Aristoteles’ anderslautenden Aussagen speziell über Bienen sieht (vgl. Torstrik und Ross ad loc.). Dies ist jedoch nicht unbedingt erforderlich. Zunächst ist zu sagen, dass Aristoteles im Rahmen seines Eliminationsverfahrens mehr an Argumenten dafür gelegen ist, dass die Vorstellung als Vermögen mit keinem der im Text genannten kognitiven Vermögen identisch ist, als an der unqualifizierten Wahrheit aller der von ihm verwendeten Prämissen. Wie sich später herausstellt, scheint er zumindest Sympathien für die These zu haben, dass alle wahrnehmenden Lebewesen, sogar die ortsgebundenen, rudimentäre und vor allem unbestimmte Vorstellungen haben (III 11, 434a4 f.). Es könnte daher durchaus sein, dass er an unserer Stelle noch mit relativ unqualifizierten Aussagen arbeitet, die erst im weiteren Fortgang der Diskussion klargestellt werden. Torstriks Texteingriff scheint jedenfalls nicht unbedingt erforderlich.</ref> Sodann sind die Wahrnehmungen immer wahr, die meisten Vorstellungen aber stellen sich als falsch heraus. Ferner sagen wir auch nicht, wenn wir unsere Wahrnehmungstätigkeit genau auf das Wahrgenommene richten, dass uns dies ein Mensch zu sein scheint, sondern eher dann, wenn wir nicht klar wahrnehmen, [dann ist es wahr oder falsch]. Und, wie wir vorher gesagt haben, uns erscheinen auch bei geschlossenen Augen Vorstellungsbilder. Indessen wird sie auch keiner von den Zuständen sein, die, wie Wissen oder Vernunft, immer wahr sind. Denn es gibt auch falsche Vorstellung. Es bleibt also zu sehen, ob sie Meinung ist; denn es gibt sowohl wahre als auch falsche Meinung. Aber auf Meinung folgt Überzeugung – denn es kann unmöglich jemand, der eine Meinung hat, von dem, was er meint, nicht überzeugt sein –, aber keinem der Tiere kommt Überzeugung zu, Vorstellung hingegen findet sich bei vielen. Ferner folgt auf jede Meinung Überzeugung, auf Überzeugung das Überzeugtsein und auf Überzeugtsein Vernunft. Von den Tieren kommt dagegen einigen Vorstellung zu, nicht aber Vernunft. Es ist also klar, dass Vorstellung weder Meinung mit Wahrnehmung noch (Meinung) durch Wahrnehmung, noch Verknüpfung von Meinung und Wahrnehmung sein dürfte. Aus diesen Gründen ist auch klar, dass die Meinung sich auf keinen anderen Gegenstand bezieht, sondern sie bezieht sich auf das, worauf sich auch die Wahrnehmung bezieht. Ich meine aber so, dass die Verknüpfung aus der Meinung, die sich auf das Weiße bezieht, und der Wahrnehmung (des Weißen) Vorstellung (des Weißen) ist; denn sie besteht sicherlich nicht aus der Meinung von dem Guten und der Wahrnehmung des Weißen. Dass einem etwas der Fall zu sein scheint<ref group="Anm. Hrsg.">428b1 »Dass einem etwas der Fall zu sein scheint« »scheint« übersetzt hier [[agr./phaínesthai|phainesthai]], welches von [[agr./phantasíā|phantasia]], dem Wort für Vorstellung, abgeleitet ist. </ref>, soll (dieser Auffassung zufolge) also heißen, dass man genau das meint, was man – nicht­-akzidentell – wahrnimmt. Es scheint aber doch auch Falsches, wovon man gleichzeitig eine wahre Annahme hat, z. B. scheint die Sonne einen Fuß groß zu sein, man hat aber die Überzeugung, dass sie größer ist als die bewohnte Erde. Es ergibt sich also, dass man (dieser Auffassung zufolge) entweder die eigene wahre Meinung, die man hatte, aufgegeben hat, obwohl der Sachverhalt fortbesteht und man ihn weder vergessen noch seine Überzeugung geändert hat, oder, wenn man sie noch hat, notwendig dieselbe (Meinung) wahr und falsch ist. Doch sie wird immer dann falsch geworden sein, wenn der Sachverhalt sich unbemerkt verändert hat.,Also ist die Vorstellung weder einer der genannten (Zustände), noch ist sie aus diesen zusammengesetzt.  
Die Apodosis formuliert die Konklusion aus den in P 1 und P 2 genannten Bedingungen (der nachgeschobene Satz in 427a20 f. »Bei diesen beiden unterscheidet die Seele nämlich etwas und erkennt etwas vom Seienden«, liefert die Begründung dafür, dass man der Meinung sein kann, Denken und Wahrnehmen seien beide dasselbe, dann auch noch ausdrücklich nach. – In dieser Weise übersetzt übrigens auch Christian Hermann Weiße in seiner De-anima-Übersetzung [Leipzig 1829]). Nicht untypisch für apodotisches δέ bei Aristoteles steht auch hier das δέ nach einer parenthetischen Aufzählung. Zum apodotischen δέ generell vgl. Kühner/Gerth (1904) 276, § 532, für Belegstellen speziell bei Aristoteles vgl. Denniston 21954, 177 ff. Demgegenüber haben Interpreten seit der Spätantike den Beginn von De an. III 3 als nicht nur besonders langen, sondern auch unaufgelösten (anakoluthen) Konditionalsatz gelesen. Bei Aristoteles findet sich das apodo­tische δέ übrigens ziemlich häufig, und zwar auch in De anima, z. B. in III 10, 433b15 .</ref> Bei diesen beiden unterscheidet die Seele nämlich etwas und erkennt etwas vom [[Seienden]]. Und auch die Alten behaupten ja, dass Einsehen und Wahrnehmen dasselbe seien, so wie auch [[Empedokles]] gesagt hat: »Mit Bezug auf das, was zugegen ist, erwächst den Menschen der Verstand«, und an anderer Stelle: »weshalb ihnen die Einsicht immer andere Dinge bereitstellt«, und dasselbe will auch das [[homerische]] Wort »denn so beschaffen ist die Vernunft« (sagen); sie nehmen nämlich alle an, dass das Denken körperlich sei so wie das Wahrnehmen und dass man das Gleiche durch das Gleiche wahrnehme und einsehe, wie wir auch am Anfang unserer Untersuchung dargelegt haben. Freilich hätten sie zugleich auch über die Täuschung sprechen müssen; denn sie ist den Lebewesen in höherem Maße eigentümlich und die Seele bringt darin mehr Zeit zu. Deswegen ist es notwendig, dass entweder, so wie manche es behaupten, alle Erscheinungen wahr sind oder Täuschung die Berührung des Ungleichen ist; denn dies ist dem »das Gleiche durch das Gleiche erkennen« entgegengesetzt. Und es scheint sowohl dieselbe Täuschung als auch dasselbe Wissen für jeweils Entgegengesetztes zuständig zu sein. Dass nun Wahrnehmen und Einsehen nicht dasselbe sind, ist offensichtlich. Denn an dem einen haben alle Lebewesen teil, an dem anderen wenige. Aber auch das Denken, in dem es »richtig« und »nicht­-richtig« gibt – wobei Einsicht, Wissen und wahre Meinung »richtig« sind, »nicht­-richtig« aber die jeweiligen Gegenteile –, auch dies ist nicht dasselbe wie das Wahrnehmen; denn die Wahrnehmung der eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenstände) ist immer wahr und kommt auch allen Lebewesen zu, [[diskursiv]] denken dagegen kann man auch auf falsche Weise, und es kommt keinem (Lebewesen) zu, dem nicht auch Vernunft zukommt. Vorstellung ist nämlich sowohl von Wahrnehmung als auch von diskursivem Denken verschieden, und sie selbst entsteht nicht ohne Wahrnehmung<ref group="Anm. Hrsg.">427b15 »sie (d. h. die Vorstellung) selbst entsteht nicht ohne Wahrnehmung« Hier weiche ich von Förster ab, der statt des überlieferten Artikels ἡ das Relativpronomen ἣ liest, so dass folgendermaßen zu übersetzen wäre: »und letzteres (d.h. diskursives Denken) entsteht nicht ohne Wahrnehmung usw.«</ref>, und ohne sie gibt es auch keine Annahme. Dass Vorstellung und Annahme aber nicht dasselbe sind, ist offensichtlich; denn dieses Widerfahrnis liegt bei uns, sooft wir es wollen, es handelt sich dabei nämlich um ein Vor­-die­-Augen­-Stellen, so wie es diejenigen tun, die ihr Gedächtnis üben und Bilder [[memorieren]] – eine Meinung zu haben liegt dagegen nicht bei uns: Denn man trifft dabei notwendig entweder das Falsche oder das Wahre. Ferner: Wenn wir etwas Schreckliches oder Fürchterliches meinen, empfinden wir sofort mit, und ebenso bei etwas Ermutigendem. Bei der Vorstellung dagegen verhalten wir uns so, wie wenn wir das Schreckliche oder Ermutigende in einer Zeichnung betrachten. Es gibt aber auch Unterschiede bei der Annahme selbst: Wissen, Meinung, vernünftige Einsicht und deren Gegenteile, über deren Unterschied eine andere Untersuchung handeln soll. Was aber das Denken betrifft, da es vom Wahrnehmen verschieden ist und teils Vorstellung zu sein scheint und teils Annahme, müssen wir, nachdem wir über die Vorstellung gehandelt haben, so auch über das andere (Denken) sprechen. Wenn die Vorstellung also das ist, gemäß dem wir sagen, dass uns ein bestimmter Vorstellungsgehalt entsteht, und zwar ohne es [[metaphorisch]] zu meinen: Ist sie eines von den Vermögen oder Zuständen, gemäß derer wir unterscheiden und Wahres oder Falsches erfassen? Solche (Vermögen und Zustände) sind aber Wahrnehmung, Meinung, Wissen und Vernunft. Dass sie also keine Wahrnehmung ist, wird aus Folgendem klar: Wahrnehmung gibt es nämlich entweder als Vermögen oder als Wirklichkeit, z. B. als Sehsinn und als Sehen; man stellt sich aber etwas vor, auch wenn keines von diesen vorliegt, wie etwa das im Schlaf (Vorgestellte). Außerdem ist Wahrnehmung immer gegenwärtig, Vorstellung aber nicht. Und wenn sie mit der wirklichen Wahrnehmung identisch wäre, könnte allen Tieren Vorstellung zukommen; dies scheint aber nicht der Fall, z. B. bei Ameise, Biene oder Wurm.<ref group="Anm. Hrsg.">428a10 f. »z. B. bei Ameise, Biene oder Wurm.« Ross liest hier nicht den überlieferten Text, sondern schließt sich einer Konjektur von Torstrik an, der in der Verneinung der These, dass Bienen Vorstellung haben, einen Widerspruch zu Aristoteles’ anderslautenden Aussagen speziell über Bienen sieht (vgl. Torstrik und Ross ad loc.). Dies ist jedoch nicht unbedingt erforderlich. Zunächst ist zu sagen, dass Aristoteles im Rahmen seines Eliminationsverfahrens mehr an Argumenten dafür gelegen ist, dass die Vorstellung als Vermögen mit keinem der im Text genannten kognitiven Vermögen identisch ist, als an der unqualifizierten Wahrheit aller der von ihm verwendeten Prämissen. Wie sich später herausstellt, scheint er zumindest Sympathien für die These zu haben, dass alle wahrnehmenden Lebewesen, sogar die ortsgebundenen, rudimentäre und vor allem unbestimmte Vorstellungen haben (III 11, 434a4 f.). Es könnte daher durchaus sein, dass er an unserer Stelle noch mit relativ unqualifizierten Aussagen arbeitet, die erst im weiteren Fortgang der Diskussion klargestellt werden. Torstriks Texteingriff scheint jedenfalls nicht unbedingt erforderlich.</ref> Sodann sind die Wahrnehmungen immer wahr, die meisten Vorstellungen aber stellen sich als falsch heraus. Ferner sagen wir auch nicht, wenn wir unsere Wahrnehmungstätigkeit genau auf das Wahrgenommene richten, dass uns dies ein Mensch zu sein scheint, sondern eher dann, wenn wir nicht klar wahrnehmen, [dann ist es wahr oder falsch]. Und, wie wir vorher gesagt haben, uns erscheinen auch bei geschlossenen Augen Vorstellungsbilder. Indessen wird sie auch keiner von den Zuständen sein, die, wie Wissen oder Vernunft, immer wahr sind. Denn es gibt auch falsche Vorstellung. Es bleibt also zu sehen, ob sie Meinung ist; denn es gibt sowohl wahre als auch falsche Meinung. Aber auf Meinung folgt Überzeugung – denn es kann unmöglich jemand, der eine Meinung hat, von dem, was er meint, nicht überzeugt sein –, aber keinem der Tiere kommt Überzeugung zu, Vorstellung hingegen findet sich bei vielen. Ferner folgt auf jede Meinung Überzeugung, auf Überzeugung das Überzeugtsein und auf Überzeugtsein Vernunft. Von den Tieren kommt dagegen einigen Vorstellung zu, nicht aber Vernunft. Es ist also klar, dass Vorstellung weder Meinung mit Wahrnehmung noch (Meinung) durch Wahrnehmung, noch Verknüpfung von Meinung und Wahrnehmung sein dürfte. Aus diesen Gründen ist auch klar, dass die Meinung sich auf keinen anderen Gegenstand bezieht, sondern sie bezieht sich auf das, worauf sich auch die Wahrnehmung bezieht. Ich meine aber so, dass die Verknüpfung aus der Meinung, die sich auf das Weiße bezieht, und der Wahrnehmung (des Weißen) Vorstellung (des Weißen) ist; denn sie besteht sicherlich nicht aus der Meinung von dem Guten und der Wahrnehmung des Weißen. Dass einem etwas der Fall zu sein scheint<ref group="Anm. Hrsg.">428b1 »Dass einem etwas der Fall zu sein scheint« »scheint« übersetzt hier [[phaínesthai|phainesthai]], welches von [[phantasíā|phantasia]], dem Wort für Vorstellung, abgeleitet ist. </ref>, soll (dieser Auffassung zufolge) also heißen, dass man genau das meint, was man – nicht­-akzidentell – wahrnimmt. Es scheint aber doch auch Falsches, wovon man gleichzeitig eine wahre Annahme hat, z. B. scheint die Sonne einen Fuß groß zu sein, man hat aber die Überzeugung, dass sie größer ist als die bewohnte Erde. Es ergibt sich also, dass man (dieser Auffassung zufolge) entweder die eigene wahre Meinung, die man hatte, aufgegeben hat, obwohl der Sachverhalt fortbesteht und man ihn weder vergessen noch seine Überzeugung geändert hat, oder, wenn man sie noch hat, notwendig dieselbe (Meinung) wahr und falsch ist. Doch sie wird immer dann falsch geworden sein, wenn der Sachverhalt sich unbemerkt verändert hat.,Also ist die Vorstellung weder einer der genannten (Zustände), noch ist sie aus diesen zusammengesetzt.  


Da aber, wenn dieses hier bewegt worden ist, etwas anderes davon bewegt werden kann und die Vorstellung eine Art von Bewegung zu sein und auch nicht ohne Wahrnehmung vorzukommen scheint, sondern bei denen, die wahrnehmen, und auch von dem (zu sein scheint), von dem es Wahrnehmung gibt; und da ferner eine Bewegung durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entstehen kann und diese notwendig der Wahrnehmung gleich ist, (deswegen) dürfte diese Bewegung weder ohne Wahrnehmung möglich sein noch auch (Lebendigem) ohne Wahrnehmung zukommen; und das, was über sie verfügt, tut und leidet ihr entsprechend vieles, und sie kann sowohl wahr als auch falsch sein. Dies aber ergibt sich aufgrund von Folgendem: Die Wahrnehmung von den eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenständen) ist wahr oder hat den geringsten Anteil am Falschen. Zweitens (die Wahrnehmung) von dem, was diesen akzidentell zukommt; und hier ist es bereits möglich, sich zu täuschen; denn darin, dass es weiß ist, täuscht sie sich nicht, aber ob dieses oder ein anderes das Weiße ist, darin täuscht sie sich. Und drittens (die Wahrnehmung) von den gemeinsamen und auf die akzidentellen Wahrnehmungsgegenstände [zu denen die eigentümlichen gehören] folgenden Wahrnehmungsgegenständen; ich meine z. B. Bewegung und Ausdehnung, die zu den Wahrnehmungsgegenständen hinzukommen und in Bezug auf die man sich gemäß der Wahrnehmung bereits im höchsten Maße täuschen kann. Die Bewegung, die durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entsteht, wird, je nachdem von welcher dieser drei Wahrnehmungen sie herrührt, [von der Wahrnehmung] verschieden sein. Und zwar wird die erste dann, wenn die Wahrnehmung gegenwärtig ist, wahr sein, die anderen dagegen können sowohl in An­- als auch in Abwesenheit (der Wahrnehmung) falsch sein, und zwar besonders dann, wenn der Wahrnehmungsgegenstand weit entfernt ist. Wenn also nichts anderes die besagten (Eigenschaften) hat als Vorstellung und dies das ist, was gesagt wurde, dann dürfte die Vorstellung eine durch die wirkliche Wahrnehmung entstehende Bewegung sein. Und da der Gesichtssinn im höchsten Grade Wahrnehmung ist, hat sie (die [[phantasia]]) ihren Namen vom Licht ([[phaos]]) | erhalten, weil es ohne Licht nicht möglich ist zu sehen. Und weil (die Vorstellungen) bleiben und den Wahrnehmungen gleichen, handeln die Lebewesen vielfach nach ihnen; die einen, weil sie keine Vernunft haben, wie die Tiere, die anderen, weil ihre Vernunft zuweilen durch Leidenschaft oder Krankheiten oder Schlaf verdeckt wird, wie die Menschen. Über die Vorstellung, was sie ist und wodurch sie ist, sei also soweit gesprochen.
Da aber, wenn dieses hier bewegt worden ist, etwas anderes davon bewegt werden kann und die Vorstellung eine Art von Bewegung zu sein und auch nicht ohne Wahrnehmung vorzukommen scheint, sondern bei denen, die wahrnehmen, und auch von dem (zu sein scheint), von dem es Wahrnehmung gibt; und da ferner eine Bewegung durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entstehen kann und diese notwendig der Wahrnehmung gleich ist, (deswegen) dürfte diese Bewegung weder ohne Wahrnehmung möglich sein noch auch (Lebendigem) ohne Wahrnehmung zukommen; und das, was über sie verfügt, tut und leidet ihr entsprechend vieles, und sie kann sowohl wahr als auch falsch sein. Dies aber ergibt sich aufgrund von Folgendem: Die Wahrnehmung von den eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenständen) ist wahr oder hat den geringsten Anteil am Falschen. Zweitens (die Wahrnehmung) von dem, was diesen akzidentell zukommt; und hier ist es bereits möglich, sich zu täuschen; denn darin, dass es weiß ist, täuscht sie sich nicht, aber ob dieses oder ein anderes das Weiße ist, darin täuscht sie sich. Und drittens (die Wahrnehmung) von den gemeinsamen und auf die akzidentellen Wahrnehmungsgegenstände [zu denen die eigentümlichen gehören] folgenden Wahrnehmungsgegenständen; ich meine z. B. Bewegung und Ausdehnung, die zu den Wahrnehmungsgegenständen hinzukommen und in Bezug auf die man sich gemäß der Wahrnehmung bereits im höchsten Maße täuschen kann. Die Bewegung, die durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entsteht, wird, je nachdem von welcher dieser drei Wahrnehmungen sie herrührt, [von der Wahrnehmung] verschieden sein. Und zwar wird die erste dann, wenn die Wahrnehmung gegenwärtig ist, wahr sein, die anderen dagegen können sowohl in An­- als auch in Abwesenheit (der Wahrnehmung) falsch sein, und zwar besonders dann, wenn der Wahrnehmungsgegenstand weit entfernt ist. Wenn also nichts anderes die besagten (Eigenschaften) hat als Vorstellung und dies das ist, was gesagt wurde, dann dürfte die Vorstellung eine durch die wirkliche Wahrnehmung entstehende Bewegung sein. Und da der Gesichtssinn im höchsten Grade Wahrnehmung ist, hat sie (die [[phantasia]]) ihren Namen vom Licht ([[phaos]]) | erhalten, weil es ohne Licht nicht möglich ist zu sehen. Und weil (die Vorstellungen) bleiben und den Wahrnehmungen gleichen, handeln die Lebewesen vielfach nach ihnen; die einen, weil sie keine Vernunft haben, wie die Tiere, die anderen, weil ihre Vernunft zuweilen durch Leidenschaft oder Krankheiten oder Schlaf verdeckt wird, wie die Menschen. Über die Vorstellung, was sie ist und wodurch sie ist, sei also soweit gesprochen.


{{Anm. Hrsg.}}
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Aktuelle Version vom 8. Juni 2025, 16:40 Uhr

Seite 167–177

3. Da sie die Seele aber hauptsächlich durch zwei Unterschiede bestimmen, nämlich sowohl durch Ortsbewegung als auch durch Denken und Unterscheiden im Sinne von Wahrnehmen, scheint auch das Denken bzw. das Einsehen so wie eine Art Wahrnehmen zu sein.[Anm. Hrsg. 1] Bei diesen beiden unterscheidet die Seele nämlich etwas und erkennt etwas vom Seienden. Und auch die Alten behaupten ja, dass Einsehen und Wahrnehmen dasselbe seien, so wie auch Empedokles gesagt hat: »Mit Bezug auf das, was zugegen ist, erwächst den Menschen der Verstand«, und an anderer Stelle: »weshalb ihnen die Einsicht immer andere Dinge bereitstellt«, und dasselbe will auch das homerische Wort »denn so beschaffen ist die Vernunft« (sagen); sie nehmen nämlich alle an, dass das Denken körperlich sei so wie das Wahrnehmen und dass man das Gleiche durch das Gleiche wahrnehme und einsehe, wie wir auch am Anfang unserer Untersuchung dargelegt haben. Freilich hätten sie zugleich auch über die Täuschung sprechen müssen; denn sie ist den Lebewesen in höherem Maße eigentümlich und die Seele bringt darin mehr Zeit zu. Deswegen ist es notwendig, dass entweder, so wie manche es behaupten, alle Erscheinungen wahr sind oder Täuschung die Berührung des Ungleichen ist; denn dies ist dem »das Gleiche durch das Gleiche erkennen« entgegengesetzt. Und es scheint sowohl dieselbe Täuschung als auch dasselbe Wissen für jeweils Entgegengesetztes zuständig zu sein. Dass nun Wahrnehmen und Einsehen nicht dasselbe sind, ist offensichtlich. Denn an dem einen haben alle Lebewesen teil, an dem anderen wenige. Aber auch das Denken, in dem es »richtig« und »nicht­-richtig« gibt – wobei Einsicht, Wissen und wahre Meinung »richtig« sind, »nicht­-richtig« aber die jeweiligen Gegenteile –, auch dies ist nicht dasselbe wie das Wahrnehmen; denn die Wahrnehmung der eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenstände) ist immer wahr und kommt auch allen Lebewesen zu, diskursiv denken dagegen kann man auch auf falsche Weise, und es kommt keinem (Lebewesen) zu, dem nicht auch Vernunft zukommt. Vorstellung ist nämlich sowohl von Wahrnehmung als auch von diskursivem Denken verschieden, und sie selbst entsteht nicht ohne Wahrnehmung[Anm. Hrsg. 2], und ohne sie gibt es auch keine Annahme. Dass Vorstellung und Annahme aber nicht dasselbe sind, ist offensichtlich; denn dieses Widerfahrnis liegt bei uns, sooft wir es wollen, es handelt sich dabei nämlich um ein Vor­-die­-Augen­-Stellen, so wie es diejenigen tun, die ihr Gedächtnis üben und Bilder memorieren – eine Meinung zu haben liegt dagegen nicht bei uns: Denn man trifft dabei notwendig entweder das Falsche oder das Wahre. Ferner: Wenn wir etwas Schreckliches oder Fürchterliches meinen, empfinden wir sofort mit, und ebenso bei etwas Ermutigendem. Bei der Vorstellung dagegen verhalten wir uns so, wie wenn wir das Schreckliche oder Ermutigende in einer Zeichnung betrachten. Es gibt aber auch Unterschiede bei der Annahme selbst: Wissen, Meinung, vernünftige Einsicht und deren Gegenteile, über deren Unterschied eine andere Untersuchung handeln soll. Was aber das Denken betrifft, da es vom Wahrnehmen verschieden ist und teils Vorstellung zu sein scheint und teils Annahme, müssen wir, nachdem wir über die Vorstellung gehandelt haben, so auch über das andere (Denken) sprechen. Wenn die Vorstellung also das ist, gemäß dem wir sagen, dass uns ein bestimmter Vorstellungsgehalt entsteht, und zwar ohne es metaphorisch zu meinen: Ist sie eines von den Vermögen oder Zuständen, gemäß derer wir unterscheiden und Wahres oder Falsches erfassen? Solche (Vermögen und Zustände) sind aber Wahrnehmung, Meinung, Wissen und Vernunft. Dass sie also keine Wahrnehmung ist, wird aus Folgendem klar: Wahrnehmung gibt es nämlich entweder als Vermögen oder als Wirklichkeit, z. B. als Sehsinn und als Sehen; man stellt sich aber etwas vor, auch wenn keines von diesen vorliegt, wie etwa das im Schlaf (Vorgestellte). Außerdem ist Wahrnehmung immer gegenwärtig, Vorstellung aber nicht. Und wenn sie mit der wirklichen Wahrnehmung identisch wäre, könnte allen Tieren Vorstellung zukommen; dies scheint aber nicht der Fall, z. B. bei Ameise, Biene oder Wurm.[Anm. Hrsg. 3] Sodann sind die Wahrnehmungen immer wahr, die meisten Vorstellungen aber stellen sich als falsch heraus. Ferner sagen wir auch nicht, wenn wir unsere Wahrnehmungstätigkeit genau auf das Wahrgenommene richten, dass uns dies ein Mensch zu sein scheint, sondern eher dann, wenn wir nicht klar wahrnehmen, [dann ist es wahr oder falsch]. Und, wie wir vorher gesagt haben, uns erscheinen auch bei geschlossenen Augen Vorstellungsbilder. Indessen wird sie auch keiner von den Zuständen sein, die, wie Wissen oder Vernunft, immer wahr sind. Denn es gibt auch falsche Vorstellung. Es bleibt also zu sehen, ob sie Meinung ist; denn es gibt sowohl wahre als auch falsche Meinung. Aber auf Meinung folgt Überzeugung – denn es kann unmöglich jemand, der eine Meinung hat, von dem, was er meint, nicht überzeugt sein –, aber keinem der Tiere kommt Überzeugung zu, Vorstellung hingegen findet sich bei vielen. Ferner folgt auf jede Meinung Überzeugung, auf Überzeugung das Überzeugtsein und auf Überzeugtsein Vernunft. Von den Tieren kommt dagegen einigen Vorstellung zu, nicht aber Vernunft. Es ist also klar, dass Vorstellung weder Meinung mit Wahrnehmung noch (Meinung) durch Wahrnehmung, noch Verknüpfung von Meinung und Wahrnehmung sein dürfte. Aus diesen Gründen ist auch klar, dass die Meinung sich auf keinen anderen Gegenstand bezieht, sondern sie bezieht sich auf das, worauf sich auch die Wahrnehmung bezieht. Ich meine aber so, dass die Verknüpfung aus der Meinung, die sich auf das Weiße bezieht, und der Wahrnehmung (des Weißen) Vorstellung (des Weißen) ist; denn sie besteht sicherlich nicht aus der Meinung von dem Guten und der Wahrnehmung des Weißen. Dass einem etwas der Fall zu sein scheint[Anm. Hrsg. 4], soll (dieser Auffassung zufolge) also heißen, dass man genau das meint, was man – nicht­-akzidentell – wahrnimmt. Es scheint aber doch auch Falsches, wovon man gleichzeitig eine wahre Annahme hat, z. B. scheint die Sonne einen Fuß groß zu sein, man hat aber die Überzeugung, dass sie größer ist als die bewohnte Erde. Es ergibt sich also, dass man (dieser Auffassung zufolge) entweder die eigene wahre Meinung, die man hatte, aufgegeben hat, obwohl der Sachverhalt fortbesteht und man ihn weder vergessen noch seine Überzeugung geändert hat, oder, wenn man sie noch hat, notwendig dieselbe (Meinung) wahr und falsch ist. Doch sie wird immer dann falsch geworden sein, wenn der Sachverhalt sich unbemerkt verändert hat.,Also ist die Vorstellung weder einer der genannten (Zustände), noch ist sie aus diesen zusammengesetzt.

Da aber, wenn dieses hier bewegt worden ist, etwas anderes davon bewegt werden kann und die Vorstellung eine Art von Bewegung zu sein und auch nicht ohne Wahrnehmung vorzukommen scheint, sondern bei denen, die wahrnehmen, und auch von dem (zu sein scheint), von dem es Wahrnehmung gibt; und da ferner eine Bewegung durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entstehen kann und diese notwendig der Wahrnehmung gleich ist, (deswegen) dürfte diese Bewegung weder ohne Wahrnehmung möglich sein noch auch (Lebendigem) ohne Wahrnehmung zukommen; und das, was über sie verfügt, tut und leidet ihr entsprechend vieles, und sie kann sowohl wahr als auch falsch sein. Dies aber ergibt sich aufgrund von Folgendem: Die Wahrnehmung von den eigentümlichen (Wahrnehmungsgegenständen) ist wahr oder hat den geringsten Anteil am Falschen. Zweitens (die Wahrnehmung) von dem, was diesen akzidentell zukommt; und hier ist es bereits möglich, sich zu täuschen; denn darin, dass es weiß ist, täuscht sie sich nicht, aber ob dieses oder ein anderes das Weiße ist, darin täuscht sie sich. Und drittens (die Wahrnehmung) von den gemeinsamen und auf die akzidentellen Wahrnehmungsgegenstände [zu denen die eigentümlichen gehören] folgenden Wahrnehmungsgegenständen; ich meine z. B. Bewegung und Ausdehnung, die zu den Wahrnehmungsgegenständen hinzukommen und in Bezug auf die man sich gemäß der Wahrnehmung bereits im höchsten Maße täuschen kann. Die Bewegung, die durch die Wirklichkeit der Wahrnehmung entsteht, wird, je nachdem von welcher dieser drei Wahrnehmungen sie herrührt, [von der Wahrnehmung] verschieden sein. Und zwar wird die erste dann, wenn die Wahrnehmung gegenwärtig ist, wahr sein, die anderen dagegen können sowohl in An­- als auch in Abwesenheit (der Wahrnehmung) falsch sein, und zwar besonders dann, wenn der Wahrnehmungsgegenstand weit entfernt ist. Wenn also nichts anderes die besagten (Eigenschaften) hat als Vorstellung und dies das ist, was gesagt wurde, dann dürfte die Vorstellung eine durch die wirkliche Wahrnehmung entstehende Bewegung sein. Und da der Gesichtssinn im höchsten Grade Wahrnehmung ist, hat sie (die phantasia) ihren Namen vom Licht (phaos) | erhalten, weil es ohne Licht nicht möglich ist zu sehen. Und weil (die Vorstellungen) bleiben und den Wahrnehmungen gleichen, handeln die Lebewesen vielfach nach ihnen; die einen, weil sie keine Vernunft haben, wie die Tiere, die anderen, weil ihre Vernunft zuweilen durch Leidenschaft oder Krankheiten oder Schlaf verdeckt wird, wie die Menschen. Über die Vorstellung, was sie ist und wodurch sie ist, sei also soweit gesprochen.


  1. ↑ 427a17–21 »... scheint auch das Denken bzw. Einsehen so wie eine Art Wahrnehmen zu sein.« Anders als üblich, deute ich das δέ in Zeile 19 nicht als ein »und«, welches dem vorher Genannten nur eine zusätzliche Bedingung hinzufügt, sondern apodotisch, d. h. als Anzeiger für die Auflösung des vorhergehenden Konditionalsatzes. Der Satz ist damit wie folgt zu verstehen: P 1 Man bestimmt die Seele hauptsächlich durch zwei Unterschiede, nämlich durch Ortsbewegung und durch Kognition, verstanden als sowohl Denken als auch Unterscheiden in der Wahrnehmung. P 2 Denken und Wahrnehmen sind beides Formen des Unterscheidens und Erkennens. K Denken bzw. Einsehen scheint eine Art Wahrnehmen zu sein. Die Apodosis formuliert die Konklusion aus den in P 1 und P 2 genannten Bedingungen (der nachgeschobene Satz in 427a20 f. »Bei diesen beiden unterscheidet die Seele nämlich etwas und erkennt etwas vom Seienden«, liefert die Begründung dafür, dass man der Meinung sein kann, Denken und Wahrnehmen seien beide dasselbe, dann auch noch ausdrücklich nach. – In dieser Weise übersetzt übrigens auch Christian Hermann Weiße in seiner De-anima-Übersetzung [Leipzig 1829]). Nicht untypisch für apodotisches δέ bei Aristoteles steht auch hier das δέ nach einer parenthetischen Aufzählung. Zum apodotischen δέ generell vgl. Kühner/Gerth (1904) 276, § 532, für Belegstellen speziell bei Aristoteles vgl. Denniston 21954, 177 ff. Demgegenüber haben Interpreten seit der Spätantike den Beginn von De an. III 3 als nicht nur besonders langen, sondern auch unaufgelösten (anakoluthen) Konditionalsatz gelesen. Bei Aristoteles findet sich das apodo­tische δέ übrigens ziemlich häufig, und zwar auch in De anima, z. B. in III 10, 433b15 .
  2. ↑ 427b15 »sie (d. h. die Vorstellung) selbst entsteht nicht ohne Wahrnehmung« Hier weiche ich von Förster ab, der statt des überlieferten Artikels ἡ das Relativpronomen ἣ liest, so dass folgendermaßen zu übersetzen wäre: »und letzteres (d.h. diskursives Denken) entsteht nicht ohne Wahrnehmung usw.«
  3. ↑ 428a10 f. »z. B. bei Ameise, Biene oder Wurm.« Ross liest hier nicht den überlieferten Text, sondern schließt sich einer Konjektur von Torstrik an, der in der Verneinung der These, dass Bienen Vorstellung haben, einen Widerspruch zu Aristoteles’ anderslautenden Aussagen speziell über Bienen sieht (vgl. Torstrik und Ross ad loc.). Dies ist jedoch nicht unbedingt erforderlich. Zunächst ist zu sagen, dass Aristoteles im Rahmen seines Eliminationsverfahrens mehr an Argumenten dafür gelegen ist, dass die Vorstellung als Vermögen mit keinem der im Text genannten kognitiven Vermögen identisch ist, als an der unqualifizierten Wahrheit aller der von ihm verwendeten Prämissen. Wie sich später herausstellt, scheint er zumindest Sympathien für die These zu haben, dass alle wahrnehmenden Lebewesen, sogar die ortsgebundenen, rudimentäre und vor allem unbestimmte Vorstellungen haben (III 11, 434a4 f.). Es könnte daher durchaus sein, dass er an unserer Stelle noch mit relativ unqualifizierten Aussagen arbeitet, die erst im weiteren Fortgang der Diskussion klargestellt werden. Torstriks Texteingriff scheint jedenfalls nicht unbedingt erforderlich.
  4. ↑ 428b1 »Dass einem etwas der Fall zu sein scheint« »scheint« übersetzt hier phainesthai, welches von phantasia, dem Wort für Vorstellung, abgeleitet ist.