„Werk:De ven. sap./32“ – Versionsunterschied
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Version vom 21. Mai 2026, 12:09 Uhr
32▷Quanto igitur quis melius sciverit hoc sciri non posse, tanto doctior. Nam si doctior est de magnitudine claritatis solis negans ipsam visu comprehensibilem quam affirmans, et de magnitudine maris negans ipsam quacumque mensura liquidorum mensurabilem[1] quam affirmans, utique doctior est negans magnitudinem absolutam incontractam ad claritatem solis vel amplitudinem maris aut alterius cuiuscumque et penitus interminatam et infinitam mensura mentis, quae ad mentem contracta est, mensurabilem quam affirmans. Et hanc partem in libellis Doctae ignorantiae, prout potui, explicavi.[2]
Mira res! Intellectus scire desiderat; non tamen hoc naturale desiderium eius ad sciendum quiditatem dei sui est sibi conatum, sed ad sciendum deum suum tam magnum, quod magnitudinis eius nullus est finis; hinc omni conceptu et scibili maior. Non enim contentaretur de se ipso intellectus, si similitudo foret tam parvi et[3] imperfecti creatoris, qui maior esse posset et perfectior. Omni enim scibili et comprehensibili infinitae et incomprehensibilis perfectionis utique maior est. Hunc deum suum omnis creatura et huius se asserit similitudinem, nequaquam eo minoris. Contentatur enim omnis creatura de sua specie tamquam perfectissima, ut[4] Epicharmus dicebat, quia ipsam infinitae pulchritudinis dei sui scit similitudinem et donum perfectum. Ideo Moyses scripsit deum vidisse «cuncta quae fecerat, et erant bona valde». Quare merito quiescit quaelibet res in sua specie, quae est ab optimo bona valde.
Übs. Sg.
Je mehr also jemand sich bewußt wird, daß das nicht gewußt werden kann, desto unterrichteter ist er. Denn wenn der unterrichteter ist über die Größe des Sonnenglanzes, der ihre Erfaßbarkeit durch das Auge bestreitet, als der, welcher sie behauptet, und der, welcher die Meßbarkeit der Größe des Meeres durch irgendein Flüssigkeitsmaß leugnet, gegenüber dem, der sie behauptet, dann ist auch unterrichteter, wer die Meßbarkeit der absoluten Größe – insofern sie nicht zur Klarheit der Sonne kontrahiert ist oder zur Weite des Meeres oder irgendeines anderen Gegenstandes, sondern völlig grenzenlos und unendlich für das Maß des Geistes ist, das zum Geist kontrahiert ist – leugnet, gegenüber dem, der sie behauptet. Diesen Sachverhalt habe ich in den Büchern Vom belehrten Nichtwissen, so gut ich es vermochte, dargelegt.
Eine erstaunliche Tatsache! Die Vernunft sehnt sich nach Wissen, und doch ist ihr dieses natürliche Verlangen nicht zur Erkenntnis des Wesens ihres Gottes angeboren, sondern um zu wissen, daß ihr Gott so groß ist, daß seine Größe keine Grenze kennt, also über alles Begreifen und Wissen groß. Die Vernunft wäre nämlich mit sich selbst nicht zufrieden, wenn sie das Abbild eines so geringen und unvollkommenen Schöpfers wäre, daß er größer oder vollendeter sein könnte. Allem Wissen und Begreifen gegenüber ist er immer noch größer; er ist von unendlicher und unbegreiflicher Vollkommenheit. Ihn bekennt die ganze Schöpfung als ihren Gott und bekennt sich als sein Abbild, keinesfalls eines geringeren als er. Jedes Geschöpf ist mit seiner Art wie mit einer absolut vollendeten zufrieden, wie Epicharm[5] sagte, da es diese als Abbild und vollkommenes Geschenk der unendlichen Schönheit seines Gottes weiß. Darum schrieb Moses,[6] Gott habe »alles gesehen, was er geschaffen hatte, und es war sehr gut«. Deshalb ruht jedwedes Ding mit Recht in seiner Art, die sehr gut ist, weil sie vom höchsten Gut stammt.
Übs. Dp.
Je besser also jemand weiß, daß dies nicht gewußt werden kann, desto gelehrter ist er. Denn wenn jener, der sagt, daß die Größe des Sonnenlichtes vom Sehen nicht begriffen werden kann, weiser ist als jener, der es für möglich hält, und derjenige, der die Größe des Meeres nicht mit irgendeinem Flüssigkeitsmaß messen zu können glaubt, weiser als jener ist, der behauptet, daß es möglich sei, dann ist derjenige, der leugnet, daß sowohl die absolute Größe, die zur Helligkeit der Sonne oder zur Weite des Meeres oder eines anderen Dinges verschränkt ist als auch das völlig unbegrenzte und unbeschränkte Maß des Geistes, das zum Geist verschränkt ist, meßbar sei, bei weitem weiser als derjenige, der behauptet, daß man es messen könne.
Diese Frage habe ich in den Büchern der Docta ignorantia so gut ich konnte dargelegt.
Es ist seltsam! Der Geist sehnt sich danach, zu wissen. Dennoch richtet sich dieses sein angeborenes Verlangen nicht darauf, die Wesenheit seines Gottes zu wissen, sondern zu erfahren, daß sein Gott so groß ist, daß es kein Ende seiner Größe gibt; daß er also größer ist als jeder Begriff und jedes Wißbare. Denn der Geist würde sich nicht mit sich selbst zufriedengeben, wenn er das Abbild eines Schöpfers wäre, der so klein und unvollkommen ist, daß er größer und vollkommener sein könnte. Er ist größer als alles, das gewußt und begriffen werden kann, von unbegrenzter und unfaßbarer Vollkommenheit.
Ihn anerkennt jedes Geschöpf als seinen Gott und sich selbst als sein Abbild und keineswegs als das eines geringeren. Denn jede Kreatur ist, wie Epicharm sagt, mit ihrer Eigengestalt als mit der gewissermaßen vollkommensten zufrieden, weil sie weiß, daß sie ein Abbild der unbegrenzten Schönheit ihres Gottes und ein vollkommenes Geschenk ist. Daher schrieb Moses: Gott sah alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut. Darum ruht mit Recht jedes Ding in seiner Eigengestalt, die von dem Besten erschaffen und sehr gut ist.
- ↑ Z.5
- ↑ Z.10
- ↑ Z.15
- ↑ Z.20
- ↑ DVS-MV/Anm/65
- ↑ DVS-MV/Anm/66