Zum Inhalt springen

„Analogismus“ – Versionsunterschied

aus AufEinWort, der freien Forschung
[ungesichtete Version][ungesichtete Version]
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 1: Zeile 1:
Der '''Analogismus''' oder '''Analogieschluss''' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache griechisch] <span class="Grek" lang="grc-Grek">ἀναλογισμός</span> <span class="Latn" lang="grc-Latn">analogismós</span>) ist eine [https://de.wikipedia.org/wiki/Schlussfolgerung Schlussfolgerung] aufgrund der [https://de.wikipedia.org/wiki/Analogie_(Philosophie) Analogie] zwischen zwei [https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenstand Objekten] nach dem Muster:</p><p>'''A '''''hat [https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84hnlichkeit_(Philosophie) Ähnlichkeit] mit'' '''B'''. '''B''' ''hat die [https://de.wikipedia.org/wiki/Eigenschaft Eigenschaft]'' '''C'''. ''Also hat auch'' '''A''' ''die Eigenschaft'' '''C'''.</p><p>''Objekte'' können dabei [https://de.wikipedia.org/wiki/Lebewesen Wesen], [https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenstand Dinge] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomen Phänomene] sein, die ''Ähnlichkeit'' kann in anderen Eigenschaften, [https://de.wikipedia.org/wiki/Symptom Symptomen], Strukturen, [https://de.wikipedia.org/wiki/Relation_(Philosophie) Relationen] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Funktion_(Objekt) Funktionen] bestehen.</p><p>Dieses Schlussverfahren wird auch bezeichnet als ''Schluss per analogiam'' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinisch] ratiocinatio per analogiam). Dem Analogieschluss wird häufig [https://de.wikipedia.org/wiki/Beweiskraft Beweiskraft] zugebilligt (die jedoch bestenfalls nur bedingt gegeben ist) und er wird dann als Analogiebeweis bezeichnet.</p><p>Zwei grundlegende Arten von Analogieschlüssen ergeben sich aus der Unterscheidung zwischen struktureller und funktioneller Analogie.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Analogismus {{agrie.-dt.}}''[[paradeigma]]''
 
Der '''Analogismus''' oder '''Analogieschluss''' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache griechisch] <span lang="grc-Grek" class="Grek">[[ἀναλογισμός]]</span> <span lang="grc-Latn" class="Latn">analogismós</span>) ist eine [[Schlussfolgerung]] aufgrund der [[Analogie (Philosophie)|Analogie]] zwischen zwei [[Objekte|Objekten]] nach dem Muster:
 
'''A '''''hat [[Ähnlichkeit (Philosophie)|Ähnlichkeit]] mit'' '''B'''. '''B''' ''hat die [[Eigenschaft]]'' '''C'''. ''Also hat auch'' '''A''' ''die Eigenschaft'' '''C'''.<p>''Objekte'' können dabei [[Wesen]], [[Dinge]] oder [[Phänomene]] sein, die ''Ähnlichkeit'' kann in anderen Eigenschaften, [[Symptomen]], [[Strukturen]], [[Relationen (Philosophie)|Relationen]] und [[Funktionen (Objekt)|Funktionen]] bestehen.</p><p>Dieses Schlussverfahren wird auch bezeichnet als ''[[Schluss per analogiam]]'' ([https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinisch] [[ratiocinatio per analogiam]]). Dem Analogieschluss wird häufig [[Beweiskraft]] zugebilligt (die jedoch bestenfalls nur bedingt gegeben ist) und er wird dann als [[Analogiebeweis]] bezeichnet.</p>Zwei grundlegende Arten von Analogieschlüssen ergeben sich aus der Unterscheidung zwischen struktureller und funktioneller Analogie.
 
== Geschichte ==
== Geschichte ==
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
 
=== Antike bis zur Scholastik ===
=== Antike bis zur Scholastik ===
</div><p>Der Analogismus war als ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Paradigma paradeigma]'' schon bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles Aristoteles] zu finden (in: erste Analytik). [https://de.wikipedia.org/wiki/Theophrastos_von_Eresos Theophrast] bezeichnete dieses Schlussverfahren als Schluss aus hypothetischen Prämissen. Die [https://de.wikipedia.org/wiki/Epikureer Epikureer] betrachten dies Verfahren (''o kata ten omoioteta tropos'') als Mittel von den Erscheinungen zum Unbekannten. Bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Boethius Boethius] wird dieser Schluss als ''exemplum'' bezeichnet. In den theologischen Lehren der [https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik Scholastik] erlangt das Verfahren aus theologischen Bedürfnissen eine besondere Wertung, vor allem in Hinblick auf positive Aussagen über die göttliche Vorstellung nach der so-genannten [https://de.wikipedia.org/wiki/Analogia_entis Analogie des Seins].</p><div class="mw-heading mw-heading3">
Der Analogismus war als ''[[paradeigma]]'' schon bei [[Aristoteles (Universalgelehrter)|Aristoteles]] zu finden (in: [[Analytica priora (Aristoteles)|erste Analytik]]). [[Theophrastos von Eresos|Theophrast]] bezeichnete dieses Schlussverfahren als Schluss aus hypothetischen Prämissen. Die [[Epikureer]] betrachten dies Verfahren (''o kata ten omoioteta tropos'') als Mittel von den Erscheinungen zum Unbekannten. Bei [[Boethius]] wird dieser Schluss als ''[[exemplum]]'' bezeichnet. In den theologischen Lehren der [[Scholastik]] erlangt das Verfahren aus theologischen Bedürfnissen eine besondere Wertung, vor allem in Hinblick auf positive Aussagen über die göttliche Vorstellung nach der so-genannten [[Analogie des Seins]].
 
=== Analogieschlüsse nach der Scholastik ===
=== Analogieschlüsse nach der Scholastik ===
</div><p>Während [https://de.wikipedia.org/wiki/David_Hume David Hume] die Analogieschlüsse zu den Wahrscheinlichkeitsschlüssen rechnet, ordnet sie [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Wundt Wilhelm Wundt] zu den [https://de.wikipedia.org/wiki/Subsumtion Subsumtionsschlüssen] (in: Logik I).</p><p>Ansätze zu einer Verwendung der Analogieschlüsse in die allgemeine Methodologie der Naturwissenschaften finden sich erst bei [https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Bacon Francis Bacon] und in entwickelter Form bei [https://de.wikipedia.org/wiki/John_Stuart_Mill John Stuart Mill].</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Während [[David Hume]] die Analogieschlüsse zu den [[Wahrscheinlichkeitsschlüsse|Wahrscheinlichkeitsschlüssen]] rechnet, ordnet sie [[Wilhelm Wundt]] zu den [[Subsumtionsschlüsse|Subsumtionsschlüssen]] (in: Logik I).
 
Ansätze zu einer Verwendung der Analogieschlüsse in die allgemeine [[Methodologie]] der Naturwissenschaften finden sich erst bei [[Francis Bacon]] und in entwickelter Form bei [[John Stuart Mill]].
 
== Theorie ==
== Theorie ==
</div><p>Der Analogismus ist streng genommen kein Beweis – er besteht im Schluss auf die ungewissen Teile eines nicht vollständig bekannten Systems aus der Kenntnis eines ähnlichen, aber vollständig bekannten. Er ist daher vor allem ein Instrument zur [https://de.wikipedia.org/wiki/Hypothese Hypothesen]­bildung und hat „nur heuristischen Wert“.<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Analogismus?wprov=srpw1_0#cite_note-1 <span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span>]</sup></p><p>Der Analogieschluss kann nur dann ein Beweis sein, wenn die beiden Systeme, also das abbildende und das abgebildete System, einander [https://de.wikipedia.org/wiki/Isomorphismus isomorph] sind, zumindest in dem entsprechenden Teilbereich, für den der Beweis geführt wird, und solange die entsprechenden Transformationsregeln beachtet werden.</p><p>Analogieschlüsse haben sich als außerordentlich fruchtbar erwiesen und wichtige Teilerkenntnisse erbracht, bis die Erkenntnis der Quantisierung der Energie und der Bahnen im Falle der atomaren Strukturen den wesentlichen Unterschied zwischen den Verhältnissen eines Sonnensystems und der Atomstruktur einsichtig werden ließ. Dieses Beispiel zeigt zugleich die Problematik des Analogismus: es ist ein ''Schluss der Wahrscheinlichkeit''. Im Grenzfalle, geht die Analogie in Isomorphie über, lässt sich die Analogie, die zunächst partiell gewonnen wird, d.&nbsp;h. von der Übereinstimmung in einigen wesentlichen Eigenschaften, Strukturen u.&nbsp;a. ausgeht, durch Zuordnung entsprechender Elemente ''totalisieren''. Andererseits erweisen sich Analogieschlüsse als ''falsch'', wenn neben aller Ähnlichkeit oder Übereinstimmung ein wesentlicher Unterschied zwischen den in der Analogie gesetzten Erscheinungen nachweisbar ist.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Der Analogismus ist streng genommen kein [[Beweis (Logik)|Beweis]] – er besteht im Schluss auf die ungewissen Teile eines nicht vollständig bekannten Systems aus der Kenntnis eines ähnlichen, aber vollständig bekannten. Er ist daher vor allem ein Instrument zur [[Hypothesen­bildung]] und hat „nur [[heuristisch|heuristischen]] Wert“.<ref><span class="reference-text">Arnim Regenbogen, Uwe Meyer (Hrsg.): ''Wörterbuch der Philosophischen Begriffe.'' Meiner, Hamburg 2005, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3787317384 ISBN 3-7873-1738-4]: ''Analogismus''</span></ref>
 
Der Analogieschluss kann nur dann ein Beweis sein, wenn die beiden Systeme, also das abbildende und das abgebildete System, einander [[isomorph]] sind, zumindest in dem entsprechenden Teilbereich, für den der Beweis geführt wird, und solange die entsprechenden Transformationsregeln beachtet werden.
 
Analogieschlüsse haben sich als außerordentlich fruchtbar erwiesen und wichtige Teilerkenntnisse erbracht, bis die Erkenntnis der Quantisierung der Energie und der Bahnen im Falle der atomaren Strukturen den wesentlichen Unterschied zwischen den Verhältnissen eines Sonnensystems und der Atomstruktur einsichtig werden ließ. Dieses Beispiel zeigt zugleich die Problematik des Analogismus: es ist ein ''Schluss der Wahrscheinlichkeit''. Im Grenzfalle, geht die Analogie in Isomorphie über, lässt sich die Analogie, die zunächst partiell gewonnen wird, d.&nbsp;h. von der Übereinstimmung in einigen wesentlichen Eigenschaften, Strukturen u.&nbsp;a. ausgeht, durch Zuordnung entsprechender Elemente ''totalisieren''. Andererseits erweisen sich Analogieschlüsse als ''falsch'', wenn neben aller Ähnlichkeit oder Übereinstimmung ein wesentlicher Unterschied zwischen den in der Analogie gesetzten Erscheinungen nachweisbar ist.
 
== Anwendungsfälle ==
== Anwendungsfälle ==
</div><div class="mw-heading mw-heading3">
 
=== Schluss auf das fremdpsychische Bewusstsein ===
=== Schluss auf das fremdpsychische Bewusstsein ===
</div><p>Ein bekannter Analogieschluss bezieht sich auf das [https://de.wikipedia.org/wiki/Bewusstsein Bewusstsein]:</p>
Ein bekannter Analogieschluss bezieht sich auf das [[Bewusstsein]]:
 
*''Ich spüre an mir, was es bedeutet, Bewusstsein zu besitzen.''
*''Ich spüre an mir, was es bedeutet, Bewusstsein zu besitzen.''
*''Ich nehme Ähnlichkeiten (beispielsweise im Verhalten) wahr zwischen mir und anderen Menschen.''
*''Ich nehme Ähnlichkeiten (beispielsweise im Verhalten) wahr zwischen mir und anderen Menschen.''
Zeile 18: Zeile 33:
*''Weil alle Menschen ein Bewusstsein besitzen wie ich, werden sie dadurch ähnlich empfinden wie ich.''
*''Weil alle Menschen ein Bewusstsein besitzen wie ich, werden sie dadurch ähnlich empfinden wie ich.''
*''Daraus folgt: Was mir unangenehm ist, wird auch anderen Menschen unangenehm sein – oder sprichwörtlich formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu.“''
*''Daraus folgt: Was mir unangenehm ist, wird auch anderen Menschen unangenehm sein – oder sprichwörtlich formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu.“''
<div class="mw-heading mw-heading3">
 
=== Atommodelle ===
=== Atommodelle ===
</div><p>Der Analogieschluss ist eine wichtige Form der ''reduktiven Schlüsse'' und stellt ein vielfach bedeutsam gewordenes Erkenntnismittel zur Gewinnung wissenschaftlicher Hypothesen dar. Ein historisches Beispiel ist hierfür die Aufstellung der ersten [https://de.wikipedia.org/wiki/Atommodell Atommodelle] zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die von der Annahme getragen wurden, dass sich die negativ geladenen [https://de.wikipedia.org/wiki/Elektron Elektronen] in Kreis- oder elliptischen Bahnen um den positiv geladenen Atomkern bewegen – jedes Atom also gleichsam als ein mikrokosmisches Sonnensystem betrachtet werden kann. Diese Annahme beruhte auf Analogieschlüssen der Tatsachen, dass das [https://de.wikipedia.org/wiki/Coulombsches_Gesetz Coulombsche Gesetz], das die Kraft angibt, die zwei elektrischen Ladungen aufeinander ausüben, strukturell mit dem Newtonschen Gravitationsgesetz, aus dem wiederum die Keplerschen Gesetze der Planetenbahnen folgen, übereinstimmt.</p><div class="mw-heading mw-heading3">
Der Analogieschluss ist eine wichtige Form der ''reduktiven Schlüsse'' und stellt ein vielfach bedeutsam gewordenes Erkenntnismittel zur Gewinnung wissenschaftlicher Hypothesen dar. Ein historisches Beispiel ist hierfür die Aufstellung der ersten [[Atommodelle]] zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die von der Annahme getragen wurden, dass sich die negativ geladenen [[Elektronen]] in Kreis- oder elliptischen Bahnen um den positiv geladenen Atomkern bewegen – jedes Atom also gleichsam als ein mikrokosmisches Sonnensystem betrachtet werden kann. Diese Annahme beruhte auf Analogieschlüssen der Tatsachen, dass das [[Coulombsche Gesetz]], das die Kraft angibt, die zwei elektrischen Ladungen aufeinander ausüben, strukturell mit dem [[Newtonsche Gravitationsgesetz|Newtonschen Gravitationsgesetz]], aus dem wiederum die Keplerschen Gesetze der Planetenbahnen folgen, übereinstimmt.
 
=== Periodensystem ===
=== Periodensystem ===
</div><p>Ein Beispiel für einen Analogismus ist das [https://de.wikipedia.org/wiki/Periodensystem Periodensystem] der Elemente, das auf Analogieschlüssen beruht, aber erst durch die [https://de.wikipedia.org/wiki/Quantenphysik Quantenphysik] als richtig bestätigt wurde.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
Ein Beispiel für einen Analogismus ist das [[Periodensystem]] der Elemente, das auf Analogieschlüssen beruht, aber erst durch die [https://de.wikipedia.org/wiki/Quantenphysik Quantenphysik] als richtig bestätigt wurde.
== Siehe auch ==
 
</div>
== S.a. ==
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Analogie_(Philosophie) Analogie (Philosophie)]
 
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Abduktion Abduktion]
*[[Analogie (Philosophie)]]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Beweis_(Logik) Beweis (Logik)]
*[[Abduktion]]
*[[Beweis (Logik)]]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Maschinelles_Lernen Maschinelles Lernen]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Maschinelles_Lernen Maschinelles Lernen]
*[https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterte_Analogie Erweiterte Analogie]
*[[erweiterte Analogie|Erweiterte Analogie]]
<div class="mw-heading mw-heading2">
 
== Weblinks ==
== Webl. ==
</div>
Paul Bartha:&nbsp;[https://plato.stanford.edu/entries/reasoning-analogy/ ''Analogy and Analogical Reasoning.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]''.
*Paul Bartha:&nbsp;[https://plato.stanford.edu/entries/reasoning-analogy/ ''Analogy and Analogical Reasoning.''] In: Edward N. Zalta (Hrsg.): ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Stanford_Encyclopedia_of_Philosophy Stanford Encyclopedia of Philosophy]''.
{{Anmrkng Enzlnchws}}
<div class="mw-heading mw-heading2">
== Einzelnachweise ==
</div>
#<span class="reference-text">Arnim Regenbogen, Uwe Meyer (Hrsg.): ''Wörterbuch der Philosophischen Begriffe.'' Meiner, Hamburg 2005, [https://de.wikipedia.org/wiki/Spezial:ISBN-Suche/3787317384 ISBN 3-7873-1738-4]: ''Analogismus''</span>

Version vom 17. September 2024, 16:58 Uhr

Analogismus Vorlage:agrie.-dt.paradeigma

Der Analogismus oder Analogieschluss (griechisch ἀναλογισμός analogismós) ist eine Schlussfolgerung aufgrund der Analogie zwischen zwei Objekten nach dem Muster:

A hat Ähnlichkeit mit B. B hat die Eigenschaft C. Also hat auch A die Eigenschaft C.

Objekte können dabei Wesen, Dinge oder Phänomene sein, die Ähnlichkeit kann in anderen Eigenschaften, Symptomen, Strukturen, Relationen und Funktionen bestehen.

Dieses Schlussverfahren wird auch bezeichnet als Schluss per analogiam (lateinisch ratiocinatio per analogiam). Dem Analogieschluss wird häufig Beweiskraft zugebilligt (die jedoch bestenfalls nur bedingt gegeben ist) und er wird dann als Analogiebeweis bezeichnet.

Zwei grundlegende Arten von Analogieschlüssen ergeben sich aus der Unterscheidung zwischen struktureller und funktioneller Analogie.

Geschichte

Antike bis zur Scholastik

Der Analogismus war als paradeigma schon bei Aristoteles zu finden (in: erste Analytik). Theophrast bezeichnete dieses Schlussverfahren als Schluss aus hypothetischen Prämissen. Die Epikureer betrachten dies Verfahren (o kata ten omoioteta tropos) als Mittel von den Erscheinungen zum Unbekannten. Bei Boethius wird dieser Schluss als exemplum bezeichnet. In den theologischen Lehren der Scholastik erlangt das Verfahren aus theologischen Bedürfnissen eine besondere Wertung, vor allem in Hinblick auf positive Aussagen über die göttliche Vorstellung nach der so-genannten Analogie des Seins.

Analogieschlüsse nach der Scholastik

Während David Hume die Analogieschlüsse zu den Wahrscheinlichkeitsschlüssen rechnet, ordnet sie Wilhelm Wundt zu den Subsumtionsschlüssen (in: Logik I).

Ansätze zu einer Verwendung der Analogieschlüsse in die allgemeine Methodologie der Naturwissenschaften finden sich erst bei Francis Bacon und in entwickelter Form bei John Stuart Mill.

Theorie

Der Analogismus ist streng genommen kein Beweis – er besteht im Schluss auf die ungewissen Teile eines nicht vollständig bekannten Systems aus der Kenntnis eines ähnlichen, aber vollständig bekannten. Er ist daher vor allem ein Instrument zur Hypothesen­bildung und hat „nur heuristischen Wert“.[1]

Der Analogieschluss kann nur dann ein Beweis sein, wenn die beiden Systeme, also das abbildende und das abgebildete System, einander isomorph sind, zumindest in dem entsprechenden Teilbereich, für den der Beweis geführt wird, und solange die entsprechenden Transformationsregeln beachtet werden.

Analogieschlüsse haben sich als außerordentlich fruchtbar erwiesen und wichtige Teilerkenntnisse erbracht, bis die Erkenntnis der Quantisierung der Energie und der Bahnen im Falle der atomaren Strukturen den wesentlichen Unterschied zwischen den Verhältnissen eines Sonnensystems und der Atomstruktur einsichtig werden ließ. Dieses Beispiel zeigt zugleich die Problematik des Analogismus: es ist ein Schluss der Wahrscheinlichkeit. Im Grenzfalle, geht die Analogie in Isomorphie über, lässt sich die Analogie, die zunächst partiell gewonnen wird, d. h. von der Übereinstimmung in einigen wesentlichen Eigenschaften, Strukturen u. a. ausgeht, durch Zuordnung entsprechender Elemente totalisieren. Andererseits erweisen sich Analogieschlüsse als falsch, wenn neben aller Ähnlichkeit oder Übereinstimmung ein wesentlicher Unterschied zwischen den in der Analogie gesetzten Erscheinungen nachweisbar ist.

Anwendungsfälle

Schluss auf das fremdpsychische Bewusstsein

Ein bekannter Analogieschluss bezieht sich auf das Bewusstsein:

  • Ich spüre an mir, was es bedeutet, Bewusstsein zu besitzen.
  • Ich nehme Ähnlichkeiten (beispielsweise im Verhalten) wahr zwischen mir und anderen Menschen.
  • Alle Menschen sind sich in dieser Hinsicht ähnlich.
  • Daraus schließe ich, dass alle Menschen ein Bewusstsein besitzen.
  • Weil alle Menschen ein Bewusstsein besitzen wie ich, werden sie dadurch ähnlich empfinden wie ich.
  • Daraus folgt: Was mir unangenehm ist, wird auch anderen Menschen unangenehm sein – oder sprichwörtlich formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu.“

Atommodelle

Der Analogieschluss ist eine wichtige Form der reduktiven Schlüsse und stellt ein vielfach bedeutsam gewordenes Erkenntnismittel zur Gewinnung wissenschaftlicher Hypothesen dar. Ein historisches Beispiel ist hierfür die Aufstellung der ersten Atommodelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die von der Annahme getragen wurden, dass sich die negativ geladenen Elektronen in Kreis- oder elliptischen Bahnen um den positiv geladenen Atomkern bewegen – jedes Atom also gleichsam als ein mikrokosmisches Sonnensystem betrachtet werden kann. Diese Annahme beruhte auf Analogieschlüssen der Tatsachen, dass das Coulombsche Gesetz, das die Kraft angibt, die zwei elektrischen Ladungen aufeinander ausüben, strukturell mit dem Newtonschen Gravitationsgesetz, aus dem wiederum die Keplerschen Gesetze der Planetenbahnen folgen, übereinstimmt.

Periodensystem

Ein Beispiel für einen Analogismus ist das Periodensystem der Elemente, das auf Analogieschlüssen beruht, aber erst durch die Quantenphysik als richtig bestätigt wurde.

S.a.

Webl.

Paul Bartha: Analogy and Analogical Reasoning. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.

Einzelnachweise

  1. ↑ Arnim Regenbogen, Uwe Meyer (Hrsg.): Wörterbuch der Philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005, ISBN 3-7873-1738-4: Analogismus