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'''Studia humanitatis''' (‚humanistische Studien‘, wörtlich „Studien der Humanität“) oder '''Studia humaniora''' ist seit der [https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance Renaissance] die lateinische Bezeichnung für die Gesamtheit des [https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance-Humanismus humanistischen] Bildungsprogramms. Dieses beruhte auf der Rückbesinnung auf die griechische und römische [https://de.wikipedia.org/wiki/Antike Antike], wofür das Erlernen und Pflegen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Sprache griechischen] und vor allem der [https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinischen] Sprache Voraussetzung war. Nicht alle Renaissance-Humanisten verfügten über gute Griechischkenntnisse, aber ausgezeichnete Beherrschung des Lateinischen wurde auf jeden Fall erwartet. Hiervon leiten sich auch die [https://de.wikipedia.org/wiki/Studia_humanitatis#Humanities Humanities] als Lehr- und Forschungsdisziplinen ab.<div class="mw-heading mw-heading2">
'''Studia humanitatis''' (‚humanistische Studien‘, wörtlich „Studien der Humanität“) oder '''Studia humaniora''' ist seit der [[Renaissance]] die lateinische Bezeichnung für die Gesamtheit des [https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance-Humanismus humanistischen] Bildungsprogramms. Dieses beruhte auf der Rückbesinnung auf die griechische und römische [[Antike]], wofür das Erlernen und Pflegen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Griechische_Sprache griechischen] und vor allem der [https://de.wikipedia.org/wiki/Latein lateinischen] Sprache Voraussetzung war. Nicht alle Renaissance-Humanisten verfügten über gute Griechischkenntnisse, aber ausgezeichnete Beherrschung des Lateinischen wurde auf jeden Fall erwartet. Hiervon leiten sich auch die [[Studia humanitatis#Humanities|Humanities]] als Lehr- und Forschungsdisziplinen ab.<div class="mw-heading mw-heading2">
== Begriff und Geschichte ==
== Begriff und Geschichte ==
</div><p>Den Begriff ''humanitas'' übernahmen die Renaissance-Humanisten von ihrem wichtigsten antiken Vorbild, dem Redner [https://de.wikipedia.org/wiki/Marcus_Tullius_Cicero Cicero]. Cicero hatte betont, dass sich der Mensch vom Tier durch die Sprache unterscheidet, und damit eine Begründung dafür geboten, dass die Pflege der Sprachkunst als des spezifisch Menschlichen in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen sei. Sein Ideal des kultivierten Menschen war der universal gebildete „vollkommene Redner“ ''(orator perfectus)''. Dieser Redner ist ein Gelehrter, aber seine Gelehrsamkeit ist nicht Selbstzweck, sondern zielt stets auf das öffentlich-politische Leben, da er zugleich Politiker ist. Ciceros von den Humanisten übernommener Humanitas-Begriff schließt zwar Tugenden wie Milde und Gerechtigkeit und wohlwollendes Verhalten zum Mitmenschen ein, unterscheidet sich aber von den modernen Begriffen [https://de.wikipedia.org/wiki/Humanit%C3%A4t Humanität] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Menschlichkeit Menschlichkeit]. Im Unterschied zu diesen stellt er nicht die Achtung vor allen Menschen und deren „menschliche“ Behandlung in den Mittelpunkt, sondern die Geistesbildung. „Menschlichkeit“ oder „Menschenfreundlichkeit“ im modernen Sinne ist somit nur ein Teil der ''humanitas'' Ciceros und der Renaissance-Humanisten, eine der Früchte der ''studia humanitatis''.</p><p>Der Begriff ''studia humanitatis'' wurde erstmals im Jahr 1369 von dem italienischen Humanisten [https://de.wikipedia.org/wiki/Coluccio_Salutati Coluccio Salutati] verwendet. Salutati verstand darunter eine Gruppe von Bildungsdisziplinen, nämlich die Fachgebiete [https://de.wikipedia.org/wiki/Grammatik Grammatik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Rhetorik Rhetorik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Poesie Poesie], [https://de.wikipedia.org/wiki/Moralphilosophie Moralphilosophie] (im Gegensatz zur [https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik scholastischen] [https://de.wikipedia.org/wiki/Naturphilosophie Naturphilosophie]) und antike Geschichte. Das waren die humanistischen Fächer. Nicht dazu gehörten [https://de.wikipedia.org/wiki/Logik Logik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik Metaphysik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Mathematik Mathematik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Naturwissenschaft Naturwissenschaften], [https://de.wikipedia.org/wiki/Medizin Medizin], [https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtswissenschaft Rechtswissenschaft], [https://de.wikipedia.org/wiki/Theologie Theologie] und die [https://de.wikipedia.org/wiki/Artes_mechanicae Artes mechanicae]; der Begriff ''studia humanitatis'', als Nachfolger der mittelalterlichen ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Artes_liberales Artes liberales]'',<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Studia_humanitatis#cite_note-1 <span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span>]</sup> diente der Abgrenzung von diesen Wissensgebieten.</p><p>Am Beginn des 15. Jahrhunderts rühmte [https://de.wikipedia.org/wiki/Leonardo_Bruni Leonardo Bruni] den Pionier des Humanismus, [https://de.wikipedia.org/wiki/Francesco_Petrarca Francesco Petrarca], dafür, dass er die im Mittelalter erloschenen ''studia humanitatis'' erneuert habe. Nach dem Verständnis der italienischen Humanisten war Petrarca, der selbst diesen Ausdruck noch nicht verwendete, der Begründer der humanistischen Studien. Von den ''studia humanitatis''wurde im späten 15. Jahrhundert das Wort ''[https://de.wikipedia.org/wiki/Humanista humanista]'' (Humanist) abgeleitet, das anfänglich nur im Studentenjargon als Berufsbezeichnung für Lehrstuhlinhaber humanistischer Fächer verwendet wurde. Als Bezeichnung für Humanisten (humanistisch Gebildete) wurde ''humanista'' erst im 16. Jahrhundert gebräuchlich.</p><p>Coluccio Salutati erklärte die ''humanitas'' zum Bildungsziel und stellte als erster ein Studienprogramm dafür auf, wobei er davon ausging, dass die humanistischen Fächer eine Einheit darstellen. Unter ''humanitas'' verstand er die Verbindung von ''virtus'' (Tugend) und ''doctrina'' (Unterricht). Es handelte sich um eine Bildungsreform; die Humanisten waren der Überzeugung, dass das spätmittelalterliche Bildungswesen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik Scholastik] überholt sei und durch ein völlig neues Konzept ersetzt werden müsse. Angestrebt wurde dabei eine Ausrichtung der humanistischen Unterrichtsfächer auf die Moralphilosophie zum Zweck von deren praktischer Anwendung, also die Erziehung des Menschen zur sittlichen Persönlichkeit anhand der antiken Leitbilder. Daher schrieb Leonardo Bruni, die ''studia humanitatis'' seien deswegen so genannt, weil sie den Menschen „vervollkommnen und schmücken“. Daher verdiente der humanistisch Gebildete nach Auffassung der Humanisten das höchste soziale Ansehen; Bildung sollte wichtiger sein als politische oder militärische Macht, Reichtum oder Adel. Alles, was nicht direkt zur tugendhaften menschlichen Lebensführung im Sinne des humanistischen Ideals beiträgt, also aus humanistischer Sicht keinen Nutzen für das Leben hat, pflegten die Humanisten meist als überflüssig abzulehnen oder zumindest als zweitrangig einzustufen. Hierzu gehörten vor allem naturwissenschaftliche Neugier und spekulatives metaphysisches Erkenntnisstreben.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>Den Begriff ''[[humanitas]]'' übernahmen die Renaissance-Humanisten von ihrem wichtigsten antiken Vorbild, dem Redner [[Marcus Tullius Cicero|Cicero]]. Cicero hatte betont, dass sich der Mensch vom Tier durch die Sprache unterscheidet, und damit eine Begründung dafür geboten, dass die Pflege der Sprachkunst als des spezifisch Menschlichen in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen sei. Sein Ideal des kultivierten Menschen war der universal gebildete „vollkommene Redner“ ''(orator perfectus)''. Dieser Redner ist ein Gelehrter, aber seine Gelehrsamkeit ist nicht Selbstzweck, sondern zielt stets auf das öffentlich-politische Leben, da er zugleich Politiker ist. Ciceros von den Humanisten übernommener Humanitas-Begriff schließt zwar Tugenden wie Milde und Gerechtigkeit und wohlwollendes Verhalten zum Mitmenschen ein, unterscheidet sich aber von den modernen Begriffen [https://de.wikipedia.org/wiki/Humanit%C3%A4t Humanität] oder [https://de.wikipedia.org/wiki/Menschlichkeit Menschlichkeit]. Im Unterschied zu diesen stellt er nicht die Achtung vor allen Menschen und deren „menschliche“ Behandlung in den Mittelpunkt, sondern die Geistesbildung. „Menschlichkeit“ oder „Menschenfreundlichkeit“ im modernen Sinne ist somit nur ein Teil der ''humanitas'' Ciceros und der Renaissance-Humanisten, eine der Früchte der ''studia humanitatis''.</p><p>Der Begriff ''studia humanitatis'' wurde erstmals im Jahr 1369 von dem italienischen Humanisten [https://de.wikipedia.org/wiki/Coluccio_Salutati Coluccio Salutati] verwendet. Salutati verstand darunter eine Gruppe von Bildungsdisziplinen, nämlich die Fachgebiete [[Grammatik]], [[Rhetorik]], [[Poesie]], [[Moralphilosophie]] (im Gegensatz zur [https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik scholastischen] [https://de.wikipedia.org/wiki/Naturphilosophie Naturphilosophie]) und antike Geschichte. Das waren die humanistischen Fächer. Nicht dazu gehörten [https://de.wikipedia.org/wiki/Logik Logik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Metaphysik Metaphysik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Mathematik Mathematik], [https://de.wikipedia.org/wiki/Naturwissenschaft Naturwissenschaften], [https://de.wikipedia.org/wiki/Medizin Medizin], [https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtswissenschaft Rechtswissenschaft], [https://de.wikipedia.org/wiki/Theologie Theologie] und die [https://de.wikipedia.org/wiki/Artes_mechanicae Artes mechanicae]; der Begriff ''studia humanitatis'', als Nachfolger der mittelalterlichen ''[[sieben freie Künste|Artes liberales]]'',<sup id="cite_ref-1" class="reference">[https://de.wikipedia.org/wiki/Studia_humanitatis#cite_note-1 <span class="cite-bracket">[</span>1]]</sup> diente der Abgrenzung von diesen Wissensgebieten.</p><p>Am Beginn des 15. Jahrhunderts rühmte [https://de.wikipedia.org/wiki/Leonardo_Bruni Leonardo Bruni] den Pionier des Humanismus, [[Francesco Petrarca]], dafür, dass er die im Mittelalter erloschenen ''studia humanitatis'' erneuert habe. Nach dem Verständnis der italienischen Humanisten war Petrarca, der selbst diesen Ausdruck noch nicht verwendete, der Begründer der humanistischen Studien. Von den ''studia humanitatis'' wurde im späten 15. Jahrhundert das Wort ''[[Humanista|humanista]]'' (Humanist) abgeleitet, das anfänglich nur im Studentenjargon als Berufsbezeichnung für Lehrstuhlinhaber humanistischer Fächer verwendet wurde. Als Bezeichnung für Humanisten (humanistisch Gebildete) wurde ''humanista'' erst im 16. Jahrhundert gebräuchlich.</p><p>Coluccio Salutati erklärte die ''humanitas'' zum Bildungsziel und stellte als erster ein Studienprogramm dafür auf, wobei er davon ausging, dass die humanistischen Fächer eine Einheit darstellen. Unter ''humanitas'' verstand er die Verbindung von ''virtus'' (Tugend) und ''doctrina'' (Unterricht). Es handelte sich um eine Bildungsreform; die Humanisten waren der Überzeugung, dass das spätmittelalterliche Bildungswesen der [https://de.wikipedia.org/wiki/Scholastik Scholastik] überholt sei und durch ein völlig neues Konzept ersetzt werden müsse. Angestrebt wurde dabei eine Ausrichtung der humanistischen Unterrichtsfächer auf die Moralphilosophie zum Zweck von deren praktischer Anwendung, also die Erziehung des Menschen zur sittlichen Persönlichkeit anhand der antiken Leitbilder. Daher schrieb Leonardo Bruni, die ''studia humanitatis'' seien deswegen so genannt, weil sie den Menschen „vervollkommnen und schmücken“. Daher verdiente der humanistisch Gebildete nach Auffassung der Humanisten das höchste soziale Ansehen; Bildung sollte wichtiger sein als politische oder militärische Macht, Reichtum oder Adel. Alles, was nicht direkt zur tugendhaften menschlichen Lebensführung im Sinne des humanistischen Ideals beiträgt, also aus humanistischer Sicht keinen Nutzen für das Leben hat, pflegten die Humanisten meist als überflüssig abzulehnen oder zumindest als zweitrangig einzustufen. Hierzu gehörten vor allem naturwissenschaftliche Neugier und spekulatives metaphysisches Erkenntnisstreben.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
== Humanities ==
== Humanities ==
</div><p>Der Begriff der ''Humanities'' ist eine im modernen englischen Sprachraum verbreitete Wissenschaftskategorisierung, die alle Wissenschaften mit Bezug auf Menschen (als Individuen oder Kollektive) subsumiert. Mittlerweile hat der Begriff auch im Deutschen Einzug gehalten. Zu den Humanities werden für gewöhnlich sowohl die [https://de.wikipedia.org/wiki/Humanwissenschaften Humanwissenschaften] (wie Psychologie, Pädagogik, Geografie etc.) als auch die [https://de.wikipedia.org/wiki/Geisteswissenschaften Geisteswissenschaften] einschließlich der [https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachwissenschaft Sprach-] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Literaturwissenschaft Literaturwissenschaften], [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie Philosophie], [https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstwissenschaft Kunstwissenschaften], [https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaften] im weitesten Sinne sowie die [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialwissenschaft Sozialwissenschaften] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswissenschaften Wirtschaftswissenschaften] gezählt. Die Humanities gehen auf den klassischen philologisch orientierten Bildungskanon des [https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance-Humanismus Renaissance-Humanismus] zurück. Die meisten Hochschulabschlüsse in den Humanities tragen ein „of Arts“ im [https://de.wikipedia.org/wiki/Akademischer_Grad akademischen Grad], so z.&nbsp;B. ''Bachelor of Arts'' oder ''Master of Arts''.</p><div class="mw-heading mw-heading2">
</div><p>Der Begriff der ''Humanities'' ist eine im modernen englischen Sprachraum verbreitete Wissenschaftskategorisierung, die alle Wissenschaften mit Bezug auf Menschen (als Individuen oder Kollektive) subsumiert. Mittlerweile hat der Begriff auch im Deutschen Einzug gehalten. Zu den Humanities werden für gewöhnlich sowohl die [https://de.wikipedia.org/wiki/Humanwissenschaften Humanwissenschaften] (wie Psychologie, Pädagogik, Geografie etc.) als auch die [https://de.wikipedia.org/wiki/Geisteswissenschaften Geisteswissenschaften] einschließlich der [https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachwissenschaft Sprach-] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Literaturwissenschaft Literaturwissenschaften], [https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie Philosophie], [https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstwissenschaft Kunstwissenschaften], [https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaften] im weitesten Sinne sowie die [https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialwissenschaft Sozialwissenschaften] und [https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftswissenschaften Wirtschaftswissenschaften] gezählt. Die Humanities gehen auf den klassischen philologisch orientierten Bildungskanon des [https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance-Humanismus Renaissance-Humanismus] zurück. Die meisten Hochschulabschlüsse in den Humanities tragen ein „of Arts“ im [https://de.wikipedia.org/wiki/Akademischer_Grad akademischen Grad], so z.&nbsp;B. ''Bachelor of Arts'' oder ''Master of Arts''.</p><div class="mw-heading mw-heading2">

Version vom 30. September 2024, 07:44 Uhr

studia hūmānitātis Vorlage:lat. 'Studien Humanität'

Studia humanitatis (‚humanistische Studien‘, wörtlich „Studien der Humanität“) oder Studia humaniora ist seit der Renaissance die lateinische Bezeichnung für die Gesamtheit des humanistischen Bildungsprogramms. Dieses beruhte auf der Rückbesinnung auf die griechische und römische Antike, wofür das Erlernen und Pflegen der griechischen und vor allem der lateinischen Sprache Voraussetzung war. Nicht alle Renaissance-Humanisten verfügten über gute Griechischkenntnisse, aber ausgezeichnete Beherrschung des Lateinischen wurde auf jeden Fall erwartet. Hiervon leiten sich auch die Humanities als Lehr- und Forschungsdisziplinen ab.

Begriff und Geschichte

Den Begriff humanitas übernahmen die Renaissance-Humanisten von ihrem wichtigsten antiken Vorbild, dem Redner Cicero. Cicero hatte betont, dass sich der Mensch vom Tier durch die Sprache unterscheidet, und damit eine Begründung dafür geboten, dass die Pflege der Sprachkunst als des spezifisch Menschlichen in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen sei. Sein Ideal des kultivierten Menschen war der universal gebildete „vollkommene Redner“ (orator perfectus). Dieser Redner ist ein Gelehrter, aber seine Gelehrsamkeit ist nicht Selbstzweck, sondern zielt stets auf das öffentlich-politische Leben, da er zugleich Politiker ist. Ciceros von den Humanisten übernommener Humanitas-Begriff schließt zwar Tugenden wie Milde und Gerechtigkeit und wohlwollendes Verhalten zum Mitmenschen ein, unterscheidet sich aber von den modernen Begriffen Humanität oder Menschlichkeit. Im Unterschied zu diesen stellt er nicht die Achtung vor allen Menschen und deren „menschliche“ Behandlung in den Mittelpunkt, sondern die Geistesbildung. „Menschlichkeit“ oder „Menschenfreundlichkeit“ im modernen Sinne ist somit nur ein Teil der humanitas Ciceros und der Renaissance-Humanisten, eine der Früchte der studia humanitatis.

Der Begriff studia humanitatis wurde erstmals im Jahr 1369 von dem italienischen Humanisten Coluccio Salutati verwendet. Salutati verstand darunter eine Gruppe von Bildungsdisziplinen, nämlich die Fachgebiete Grammatik, Rhetorik, Poesie, Moralphilosophie (im Gegensatz zur scholastischen Naturphilosophie) und antike Geschichte. Das waren die humanistischen Fächer. Nicht dazu gehörten Logik, Metaphysik, Mathematik, Naturwissenschaften, Medizin, Rechtswissenschaft, Theologie und die Artes mechanicae; der Begriff studia humanitatis, als Nachfolger der mittelalterlichen Artes liberales,[1] diente der Abgrenzung von diesen Wissensgebieten.

Am Beginn des 15. Jahrhunderts rühmte Leonardo Bruni den Pionier des Humanismus, Francesco Petrarca, dafür, dass er die im Mittelalter erloschenen studia humanitatis erneuert habe. Nach dem Verständnis der italienischen Humanisten war Petrarca, der selbst diesen Ausdruck noch nicht verwendete, der Begründer der humanistischen Studien. Von den studia humanitatis wurde im späten 15. Jahrhundert das Wort humanista (Humanist) abgeleitet, das anfänglich nur im Studentenjargon als Berufsbezeichnung für Lehrstuhlinhaber humanistischer Fächer verwendet wurde. Als Bezeichnung für Humanisten (humanistisch Gebildete) wurde humanista erst im 16. Jahrhundert gebräuchlich.

Coluccio Salutati erklärte die humanitas zum Bildungsziel und stellte als erster ein Studienprogramm dafür auf, wobei er davon ausging, dass die humanistischen Fächer eine Einheit darstellen. Unter humanitas verstand er die Verbindung von virtus (Tugend) und doctrina (Unterricht). Es handelte sich um eine Bildungsreform; die Humanisten waren der Überzeugung, dass das spätmittelalterliche Bildungswesen der Scholastik überholt sei und durch ein völlig neues Konzept ersetzt werden müsse. Angestrebt wurde dabei eine Ausrichtung der humanistischen Unterrichtsfächer auf die Moralphilosophie zum Zweck von deren praktischer Anwendung, also die Erziehung des Menschen zur sittlichen Persönlichkeit anhand der antiken Leitbilder. Daher schrieb Leonardo Bruni, die studia humanitatis seien deswegen so genannt, weil sie den Menschen „vervollkommnen und schmücken“. Daher verdiente der humanistisch Gebildete nach Auffassung der Humanisten das höchste soziale Ansehen; Bildung sollte wichtiger sein als politische oder militärische Macht, Reichtum oder Adel. Alles, was nicht direkt zur tugendhaften menschlichen Lebensführung im Sinne des humanistischen Ideals beiträgt, also aus humanistischer Sicht keinen Nutzen für das Leben hat, pflegten die Humanisten meist als überflüssig abzulehnen oder zumindest als zweitrangig einzustufen. Hierzu gehörten vor allem naturwissenschaftliche Neugier und spekulatives metaphysisches Erkenntnisstreben.

Humanities

Der Begriff der Humanities ist eine im modernen englischen Sprachraum verbreitete Wissenschaftskategorisierung, die alle Wissenschaften mit Bezug auf Menschen (als Individuen oder Kollektive) subsumiert. Mittlerweile hat der Begriff auch im Deutschen Einzug gehalten. Zu den Humanities werden für gewöhnlich sowohl die Humanwissenschaften (wie Psychologie, Pädagogik, Geografie etc.) als auch die Geisteswissenschaften einschließlich der Sprach- und Literaturwissenschaften, Philosophie, Kunstwissenschaften, Geschichtswissenschaften im weitesten Sinne sowie die Sozialwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften gezählt. Die Humanities gehen auf den klassischen philologisch orientierten Bildungskanon des Renaissance-Humanismus zurück. Die meisten Hochschulabschlüsse in den Humanities tragen ein „of Arts“ im akademischen Grad, so z. B. Bachelor of Arts oder Master of Arts.

Siehe auch

Literatur

  • August Buck: Die „studia humanitatis“ im italienischen Humanismus. In: Wolfgang Reinhard (Hrsg.): Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts (= Deutsche Forschungsgemeinschaft. Mitteilung der Kommission für Humanismusforschung. 12). Acta Humaniora, Weinheim 1984, ISBN 3-527-17012-X, S. 11–24.
  • Søren Kjørup: Humanities. Geisteswissenschaften. Sciences humaines. Eine Einführung. Metzler, Stuttgart u. a. 2001, ISBN 3-476-01823-7.
  • François Renaud: Humanitas. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 4: Hu–K. Niemeyer, Tübingen 1998, ISBN 3-484-68104-7, Sp. 80–86.

Einzelnachweise

  1. Vgl. etwa August Buck: Die Medizin im Verständnis des Renaissancehumanismus. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), S. 181–198, hier: S. 181 und 183.