Werk:Faust. Eine Tragödie/Nacht. (1) Beschreibung
Inhalt
- Erster Abschnitt (V. 354-459)
- Die Erkenntniskrise
- Symbolik des Raums und der Zeit: Begrenztheit der Wissenschaft
- Unbegrenzte Weite der Natur
- Erster Versuch der Befreiung: Der Makrokosmos
- Zweiter Abschnitt: Zweiter Versuch der Befreiung: Beschwörung des Erdgeistes (V. 460-521)
- Dritter Abschnitt: Faust und Wagner- Zwei Wissenschaftstypen (V. 522-807)
- Vierter Abschnitt: Dritter Versuch der Befreiung: Möglicher Freitod, Rettung durch Osterbotschaft (V. 602-802)
- Zusammenfassung - Haupthandlung und Hauptgedanken der Szene
Erster Abschnitt (V. 354-459)
Die Erkenntniskrise
Mit der Szene „Nacht“ beginnt die Gelehrtentragödie, die mit einem gewaltigen Monolog Fausts eröffnet wird: “Habe nun, ach! Philosophie,/ Juristerei und Medizin,/ Und leider auch Theologie!/ Durchaus studiert, mit heißem Bemühn./ Da steh' ich nun, ich armer Tor,/ Und bin so klug als wie zuvor!“ (V. 354-359). In seinem Eingangsmonolog zieht Faust eine Bilanz seines Lebens mit einem niederschmetternden Resultat: Obwohl er als Universalgelehrter die vier wissenschaftlichen Hauptdisziplinen Philosophie, Jura, Medizin und Theologie studiert hat, befindet er sich in einer tiefen Erkenntniskrise. Seine gesamten wissenschaftlichen Studien haben es ihm nicht ermöglicht, zu erkennen, „was die Welt/ im Innersten zusammenhält, (...)“ (V. 383).
Trotz seiner umfangreichen Bildung weiß Faust, dass er im Grunde nichts weiß: “Bilde mir nicht ein, was rechts zu wissen,/ Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,/ Die Menschen zu besser und zu bekehren“ (V. 371-373). Er hält damit das gesamte wissenschaftliche System als 'Mittel' der Erkenntnisgewinnung für per se ungeeignet. Die grundlegende Frage, die sich Faust stellt, geht über den rein wissenschaftlichen Erkenntniswillen hinaus. Faust möchte vielmehr eine ganzheitliche, transzendente Erkenntnis über das Dasein erlangen.
Symbolik des Raums und der Zeit: Begrenztheit der Wissenschaft
In der Wissenschaft sieht Faust kein Fortkommen, keine Neuerung mehr. Bereits der äußere Raum der Szene spiegelt dieses Motiv wider. Faust befindet sich in seinem Studierzimmer. Es ist ein „hochgewölbte(s), enge(s) gotische(s) Zimmer“ (erste Szenenanweisung), das Faust als Kerker empfindet, ein „Verfluchtes dumpfes Mauerloch“ (V. 399). Es ist angehäuft mit Wissen, ein „Bücherhauf,/ Den Würmer nagen, Staub bedeckt,/ Den, bis ans hohe Gewölb' hinauf,/ Ein angeraucht Papier umsteckt;/ (...)“ (V. 402-405), Die Reproduktion bereits von angehäuftem Wissen stellt für Faust keine Möglichkeit dar. Das Bild seines Zimmers, mit längst verstaubten „Urväter-Hausrat vollgestopft“ (V. 408), verdeutlicht dies.
Vielmehr ist das tradierte Wissen der Einzeldisziplinen ein Hindernis darauf, um Neues zu entdecken. Der hochgewölbte Raum lenkt den Blick zwar automatisch nach oben gen Himmel und symbolisiert damit Fausts Suche nach Höherem, doch ist er „mit Instrumenten vollgepfropft “ (V. 407). Es ist ein Ort, an dem selbst das Tageslicht nur „trüb durch gemalte Scheiben bricht.“ (V. 401) Enge und das Gefühl des Eingesperrtseins bestimmen den Raum, in dem sich Faust befindet, und spiegeln gleichzeitig sein Inneres wider.
Wie der Raum, so ist auch die Zeitlichkeit der Szene symbolisch zu lesen. Es ist Nacht, eine Zeit der Dunkelheit, in der man nahezu nichts sehen kann. Damit lässt sich auch hier das Motiv des eingeschränkten Sehens und Erkennens wiederfinden. Gleichzeitig steht die Dunkelheit der Nacht für Fausts Empfindung der Verzweiflung und Ratlosigkeit. Ruhm und Anerkennung bringen ihm keine Zufriedenheit, ihm ist „alle Freud' entrissen“ (V. 370).
Unbegrenzte Weite der Natur
Sein Wunsch, aus den Schranken der Wissenschaft auszubrechen, spiegelt sich in den Attributen der lebendigen und unendlichen Natur wider, die im Kontrast zu der Enge und Leblosigkeit und 'Kerkerhaft' seines wissenschaftlichen Daseins stehen. Sie spiegeln das Bedürfnis nach Weite, Licht, Wärme und Lebendigkeit wider. So hat Faust seine Studien „mit heißem Bemühn“ (V. 357) betrieben, sehnt sich danach, „auf Bergeshöhn“ (V. 392) im „lieben Lichte“ (V. 393) des Mondes, seinem einzigen Begleiter, zu wandeln. „Statt der lebendigen Natur (…) umgibt ihm „Rauch und Moder nur “ (V. 414/416). Die Alliteration „Tiergeripp' und Totenbein“ (V. 417) ergänzt die Todesmetaphorik. Die Natur als Raum der sinnlichen Erfahrung und der Lebendigkeit ist ein Leitmotiv in der Tragödie, die für Fausts Suche und Wunsch steht, sein sinnliches Defizit auszugleichen.
Erster Versuch der Befreiung: Der Makrokosmos
Faust sieht deutlich das Unvermögen des Menschen, einen höheren, göttlichen Zusammenhang des Seins zu erkennen. Er weiß, dass dem menschlichen Erkenntnisvermögen Grenzen gesetzt sind. Doch Faust will trotzdem diese Grenzen durchbrechen: „Drum hab' ich mich der Magie ergeben,/ Ob mir durch Geistes Kraft und Mund/ Nicht manch Geheimnis würde kund;/(...)“ (V. 377-379).
Die Magie bezeichnet für Faust den Bereich der unmittelbaren, übernatürlichen Erfahrung, der „Wirkenskraft und Samen.“ (V. 384). Zwar verspürt er das Bedürfnis, die Mauern seiner Welt zu durchbrechen, wenn er ausruft: “Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land!“ (V. 418), doch sein Ausbruch bleibt auf seine Bücherwelt beschränkt und lässt ihn nicht sein Zimmer verlassen. Stattdessen studiert er das Zeichen des Makrokosmos des Nostradamus und erfährt für einen Augenblick einen „geheimnisvolle(n )Trieb“ (V. 437), der sich ihn gottgleich erhaben fühlen lässt.
Seine Betrachtung des Makrokosmos eröffnet ihm einen Blick für die großen Zusammenhänge der Natur und den göttlichen Kosmos. Der vorherigen Erfahrung einer in einzelne Teildisziplinen zerfallenen Wissenschaft steht jetzt die einer Ganzheit entgegen: „Wie alles sich zum Ganzen webt,/ Eins indem andern wirkt und lebt!“ (V. 447-448). Doch Faust merkt bald, dass ihm die bloße Anschauung eines Zeichens nicht genügt, da es nur Abglanz ist:“ Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!/ Wo fass' ich dich, unendlich Natur?“ (V. 454-455). Stattdessen möchte er Lebendigkeit, die „Quellen alles Lebens“ (V.456) erfahren.
Mit diesem ersten Abschnitt der Szene stellt sich Faust als Figur selbst vor. Gleichzeitig bringt er das Grundproblem seines Seins, seinen unbedingten Drang nach Erkenntnis, zur Sprache und bemüht sich um einen ersten Versuch, seine Krise mithilfe des Makrokosmos zu überwinden.
Zweiter Abschnitt: Zweiter Versuch der Befreiung: Beschwörung des Erdgeistes (V. 460-521)
Der zweite Abschnitt beschreibt Fausts zweiten Versuch der Befreiung, indem er nun zum tätigen Handelnden wird. Er erblickt im Buch das Zeichen des Erdgeistes, das er nun auch ausspricht und den er impulsiv zu beschwören versucht.
Seine Leidenschaft äußert sich auch in seiner Sprache, die nun von dem vorherigen Knittelvers in einen freien Rhythmus übergeht: “ Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!/ Du, Geist der Erde, bist mir näher;/ (…) Ha! Wie's in meinem Herzen reißt!/ Zu neuen Gefühlen/ All' meine Sinne sich erwühlen!“ (V. 460-461/477-479). Doch kann er der machtvollen Erscheinung und dem erschreckenden Äußeren des Erdgeistes nicht standhalten und wendet sich ab: „Schreckliches Gesicht!“ (...) Weh! ich ertrag' dich nicht!“ (V. 482/485).
Der Erdgeist ist ein gottgleich erhabener Herr über das irdische Dasein. Er symbolisiert dabei die Gegensätze des Lebens, „Geburt und Grab,/Ein ewiges Meer,/ Ein wechselnd Weben,/ Ein glühend Leben,/(...)“ (V. 504-507). Als dieser ihn herausfordert, sich ihm zu zeigen, stellt Faust sich ihm vermessen als seinesgleichen vor: “ Soll ich dir, Flammenbildung weichen?/ ich bin's, Faust bin deinesgleichen!“ (V. 499-500).
Faust meint, das Wesen des Erdgeistes erfasst zu haben, und fühlt sich ihm als „Ebenbild der Gottheit“ (V. 516) erhaben. Doch diese Hybris wehrt der Erdgeist entschieden ab und weist ihn in die Schranken der menschlichen Erkenntnis: “Du gleichst dem Geist, den du begreifst,/ Nicht mir!“ (V. 512-513). So ist auch Fausts zweiter Versuch, das Transzendentale zu fassen, gescheitert. Als Mensch bleibt er der rein irdischen Existenz seines Daseins verhaftet.
Dritter Abschnitt: Faust und Wagner- Zwei Wissenschaftstypen (V. 522-807)
Die Begegnung mit dem Erdgeist wird durch Fausts Famulus Wagner unterbrochen, der an seine Tür klopft. Radikal wird so ein Wechsel in der Szene vollzogen, der das Übersinnliche dem Alltäglich-Banalen gegenüberstellt. Hier beginnt der dritte Teil der Szene, der ein Gespräch zwischen Faust und Wagner zum Gegenstand hat und als eine Art Zwischenszene fungiert. Faust selbst stellt seinen Gehilfen als „trockne[n] Schleicher“ (V. 521) vor.
Mit Wagner ist eine Gegenfigur zu Faust konzipiert, was im folgenden Dialog sichtbar wird. Wagner hat Fausts Austausch mit dem Erdgeist gehört, meint aber, Faust hätte eine griechische Tragödie rezitiert: “Ihr last gewiß ein griechisch Trauerspiel?/ In dieser Kunst möcht' ich was profitieren,/ Denn heutzutage wirkt das viel.“ (V. 523-525). Fausts verzweifelte Worte kann Wagner nur literarisch verorten, da ihm derartige Emotionen selbst fremd sind, wie Faust ihm deutlich macht: “Wenn ihr's nicht fühlt ihr werdet's nicht erjagen,/ Wenn es nicht aus der Seele dringt/ Und mit urkräftigem Behagen/ Die Herzen aller Hörer zwingt.“ (V. 534-537).
Nur über das Gefühl kann für Faust der Hörer erreicht und das Wissen transportiert werden. Wissenschaft speist sich nicht aus der Übernahme tradierten Wissens, sondern aus der unmittelbaren eigenen Erfahrung. Darum ist die Vergangenheit für Faust ein „Buch mit sieben Siegeln“. (V. 576). Ganz anders Wagner: “Verzeiht! Es ist ein groß Ergetzen,/ Sich in den Geist der Zeit zu versetzten;/ (...)“ (V. 570-571).
Wagner verkörpert den Prototyp eines Wissenschaftlers, der das bereits vorhandene Wissen nur reproduziert und anhäuft, um sich mit diesem rühmen zu können. An die Stelle der Maxime des Gefühls setzt Wagner die der Überredung. Wagners Bestreben besteht darin, sein Wissen ins Unendliche zu erweitern, wie er Faust am Ende des Gesprächs gesteht.
Mit Faust und Wagner sind zwei Wissenschaftstypen skizziert, die unterschiedlicher nicht sein können. Sie werden mit gegensätzlichen Attributen bestückt. So steht Wagner für den Typ des kalten Wissenschaftlers, dessen Erkenntnisinteresse rational bestimmt ist. Faust betrachtet dagegen das Gefühl und die sinnliche Erfahrung als Voraussetzungen der wissenschaftlichen Erkenntnis. Durch das Gespräch mit Wagner wurde Faust erneut die Krise seines Daseins vor Augen geführt. Sichtlich angewidert, hat er Gespräch mit Wagner abrupt unterbrochen.
Vierter Abschnitt: Dritter Versuch der Befreiung: Möglicher Freitod, Rettung durch Osterbotschaft (V. 602-802)
In einem Monolog, der den letzten Abschnitt der Szene bestimmt, bringt Faust seine erneute und noch stärkere Verzweiflung zum Ausdruck. Nicht mehr wie den Göttern, sondern „dem Wurme gleich (…) der den Staub durchwühlt“ (V. 653), fühlt er sich. So sieht er für sich nur eine letzte Möglichkeit, die Grenzen des Irdischen zu überwinden, und greift zu der Phiole, in dem sich das Gift, „Inbegriff der holden Schlummersäfte“ (V. 693), befindet. Allein dadurch erhofft er, „zu neuen Sphären reiner Tätigkeit“ (V. 705) zu gelangen. In Lyrismen äußert sich sein Hochgefühl im Angesicht des Aufgehens in dem rein Transzendentalen. Als er schon die Flasche ansetzt, reißen ihn die Osterglocken und ein in kurzzeiligen Versen gehaltener Chorgesang aus seinem Vorhaben. Der Chor der Engel verkündet die Botschaft von der Auferstehung Jesu im „tröstlichen Gesang“ (V. 746). Die Engel verkünden nicht nur die Osterbotschaft, sondern singen auch von der Prüfung jedes strebenden und irrenden Menschen, der allein durch die Liebe seine Schuld überwinden kann.
Obwohl Faust sich nicht zum christlichen Glauben bekennen kann, weckt der Gesang tröstende Kindheitserinnerungen: “Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,/ Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben. [...] Erinnerung hält mich nun mit kindlichem Gefühle/ Vom letzten, ernsten Schritt zurück./ O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!/ Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!“ (V. 769-770 / 781-784). In Analogie zu Jesus Christus preist Faust seine eigene 'Auferstehung', der er in einem lyrischen Monolog Ausdruck verleiht.
Zusammenfassung - Haupthandlung und Hauptgedanken der Szene
Die erste Szene der Faust-Tragödie setzt mit einem Monolog Fausts an, der darin seiner großen Verzweiflung über sein Dasein als Wissenschaftler Ausdruck verleiht. Er empfindet sämtliche seiner wissenschaftlichen Studien als unzulänglich, da sie ihm zu keinerlei Erkenntnis über ein höheres Dasein der Dinge verhelfen. Die Möglichkeiten der Wissenschaft erscheinen ihm rückständig und begrenzt.
Aus der Enge seines Studierzimmers sehnt der Gelehrte sich nach geistiger Unbegrenztheit, die er symbolisch in der Weite der Natur sieht. Um aus den Schranken der Wissenschaft auszubrechen, unternimmt er zunächst zwei Versuche: Er vertieft sich bei der Lektüre des Buches des Nostradamus in das Zeichen des Makrokosmos und erblickt dort einen großen kosmischen Weltzusammenhang. Euphorisch ruft er daraufhin den Erdgeist hervor, der ihm jedoch entweicht. Es kommt sein Gehilfe Wagner hinzu, der ihn unterbricht.
Im Gespräch mit Wagner werden zwei gegensätzlich konzipierte Figuren sichtbar: Während Fausts Erkenntnissuche emotional geleitet wird, steht für Wagner allein das rationale, systematische Denken im Vordergrund (siehe auch dazu Interpretation „Faust und Wagner“). Von dem Gespräch in eine erneute Verzweiflung gestürzt, sieht Faust allein in dem Freitod, dem dritten Versuch, einen Ausweg, seinem Dilemma zu entkommen. Doch hört er plötzlich die Osterglocken läuten, deren Klang ihn trösten und an glückliche Stunden erinnern. Faust zieht es hinaus in die Natur.