Reflexionsbegriff
Für Immanuel Kant und seine Transzendentalphilosophie war die Reflexion wesentliches Mittel der Erkenntnis, indem er die Rolle der damit verbundenen Begriffe und ihrer notwendigen Unterscheidung betonte, vgl. → Grundrelation, Kritizismus. Indem er diese Tätigkeiten auf das eigene Ich des Denkenden zurückführte, benannte er sie auch mit eigenen ›Reflexionsbegriffen‹, nämlich der Einerleiheit und Verschiedenheit, der Einstimmung und des Widerstreits, des Inneren und des Äußeren, der Materie und der Form (KrV B 316 ff.). Hierbei ist auch auf die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hinzuweisen (KrV B 326).
Der Gedanke, dass die Reflexion einen Verlust der Unmittelbarkeit bedeute, findet sich erstmals bei François Fénelon und wurde vor allem von Jean-Jacques Rousseau propagiert: „Der Zustand der Reflexion ist gegen die Natur.“[8] Eine bekannt gewordene literarische Verarbeitung dieses Themas ist Heinrich von Kleists Über das Marionettentheater, wo es heißt:
- „Wir sehen, daß in dem Maße, als in der organischen Welt die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie immer strahlender und herrschender hervortritt.“
Johann Gottfried Herder verwies darauf, dass die Reflexion auf Sprache angewiesen ist: nur sie erlaube es, in einem „Ocean von Empfindungen“ einzelne Momente festzuhalten, an denen der Verstand sich reflektieren könne.[9] Da die Menschen dabei auf bereits früher Erreichtes zurückgriffen, das sie erweiterten und verbesserten, stellt sich für Herder die Geistesgeschichte schließlich als ein „überindividueller Reflexionszusammenhang“ (L. Zahn) dar.[10]