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ÜdSAC/Buch I • Kapitel 3

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Seite 27–39

  1. Zuerst ist die Untersuchung über die Bewegung zu führen.
  2. Denn vielleicht ist es nicht nur falsch, dass ihre Substanz von der Art ist, wie diejenigen behaupten, die sagen, die Seele sei das sich selbst Bewegende bzw. das, was fähig ist, (sich selbst) zu bewegen, sondern vielmehr ein Ding der Unmöglichkeit, dass ihr Bewegung zukommt.
    1. Dass es nun nicht notwendig ist, dass das Bewegende auch selber bewegt ist, ist vorher gesagt worden.[Anm. Hrsg. 1]
    2. Es kann aber alles auf zweifache Weise bewegt werden, nämlich entweder infolge eines anderen oder infolge seiner selbst.[Anm. KF 1]
      1. Infolge eines anderen (bewegt) nennen wir alles das, was dadurch bewegt wird, dass es sich in einem Bewegten befindet, wie z. B. Schiffer.
        1. Denn sie werden nicht auf gleiche Weise be­wegt wie das Schiff.
        2. Dieses wird nämlich infolge seiner selbst bewegt und jene dadurch, dass sie sich in einem Bewegten befinden.
      2. Klar wird dies bei ihren (Körper­)Teilen:
        1. Die Bewe­gung nämlich, die den Füßen eigentümlich ist, ist das Gehen und eben diese (Bewegung ist) auch Menschen (eigentümlich) –, sie kommt den Schiffern zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht zu.
  3. Da das Bewegtsein also auf zweifache Weise ausgesagt wird, untersuchen wir nun bei der Seele, ob sie infolge ihrer selbst bewegt wird und an Bewegung teilhat.
    1. Da es aber vier (Arten von) Bewegungen gibt, Ortsbewegung, qualitative Veränderung, Schwinden und Wachstum,[Anm. KF 2]
      1. dürfte (die Seele) wohl entweder in einer oder in mehreren oder in allen diesen (Bewegungsarten) bewegt werden.
      2. Und wenn sie nicht akzidentell[Anm. KF 3] bewegt wird, dürfte ihr von Natur aus Bewegung zukommen.[Anm. KF 4]
      3. Wenn aber dies, dann (kommt ihr) auch Ort (zu), denn alle besagten Bewegungen finden an einem Ort statt. Und wenn es die Substanz der Seele ist, sich selbst zu bewegen, so wird ihr das Bewegtsein nicht akzidentell zukommen, so wie dem Weißen oder drei Ellen Langen – denn auch diese werden bewegt, aber akzidentell; das nämlich, dem sie zukommen, wird bewegt, der Körper. Deswegen haben sie auch keinen Ort[Anm. KF 5], die Seele dagegen wird einen (Ort) haben, so sie denn wirklich von Natur aus an Bewegung teilhat. Ferner: Wenn sie von Natur aus bewegt wird, dann könnte sie auch durch Gewalt bewegt werden, und wenn durch Gewalt, dann auch von Natur aus. Und auf die gleiche Weise verhält es sich beim Ruhen. Denn wohin sie von Natur aus bewegt wird, dort ruht sie auch von Natur aus; und wohin sie durch Gewalt bewegt wird, dort wird sie auch durch Gewalt ruhen. Doch welche gewaltsamen Bewegungen und Ruhezustände der Seele es geben soll, ist nicht einmal dann leicht anzugeben, wenn man es erdichten wollte. Ferner: Wenn sie sich aufwärts bewegt, wird sie Feuer sein, und wenn abwärts, Erde, weil eben diese Bewegungen zu diesen Körpern gehören[Anm. KF 6]. Und das Gleiche gilt auch für die (Bewegungen und Körper) dazwischen. Außerdem: Da sie offenbar den Körper bewegt, ist es folgerichtig (anzunehmen), dass sie die Bewegungen bewirkt, in denen sie auch selber bewegt wird.[Anm. KF 7] Und wenn dies, dann ist es auch wahr, wenn man umgekehrt sagt, dass die Seele in derselben (Bewegung) bewegt wird, in der auch der Körper bewegt wird. Der Körper wird aber durch Ortsbewegung bewegt, so dass auch die Seele sich dem Körper entsprechend verändern dürfte, indem sie sich entweder als ganze oder stückweise verändert. Und wenn das möglich ist, dann wäre es auch möglich, dass sie aus (dem Körper) herausgeht und wieder (in ihn) zurückkehrt. Die Folge davon wäre aber das Wiederauferstehen der gestorbenen Lebewesen. Auch könnte sie durch etwas anderes in die ihr akzidentelle Bewegung versetzt werden; das Lebewesen könnte ja gewaltsam gestoßen werden. Es darf aber nicht sein, dass dasjenige, welches das durch sich selber Bewegtsein in seiner Substanz hat, von einem anderen bewegt wird, es sei denn auf akzidentelle Weise, so wie auch nicht (sein darf, dass) das an sich Gute bzw. durch sich selbst (Gute) durch ein anderes oder um eines anderen Zweckes willen (besteht). Am ehesten könnte man noch sagen, dass die Seele von den Gegenständen der Wahrnehmung bewegt wird, so sie denn bewegt wird. Indessen: Selbst wenn sie sich selbst bewegt, so würde sie doch auch bewegt werden, so dass – wenn jede Bewegung ein Heraustreten des Bewegten ist, insofern es bewegt wird – auch die Seele aus ihrer Substanz heraustreten würde, so sie sich nicht akzidentell selbst bewegt, sondern die Bewegung ihrer Substanz an sich zukommt.

Einige behaupten sogar, die Seele bewege den Körper, in dem sie sich befindet, so wie sie selbst bewegt wird, z. B. Demokrit, der sich damit ganz ähnlich äußert wie der Komödiendichter Philippos: Der nämlich sagt, Daidalos hätte seine hölzerne Aphrodite dadurch beweglich gemacht, dass er ihr Quecksilber eingoss. Ähnliches sagt auch Demokrit: Denn er behauptet, dass die unteilbaren Kugeln dadurch, dass sie von Natur aus niemals stehen bleiben, den ganzen Körper mitziehen und in Bewegung setzen. Wir dagegen werden fragen, ob eben dies auch Stillstand verursacht; aber wie es dies herbeiführen soll, ist schwer oder vielmehr unmöglich anzugeben. Und überhaupt scheint die Seele das Lebewesen nicht auf diese Weise zu bewegen, sondern durch eine Art Entschluss und Gedanke.

Auf dieselbe Weise gibt aber auch der Timaios eine naturphilosophische Erklärung dafür, dass die Seele den Körper bewegt: Dadurch, dass sie bewegt sei, setze sie auch den Körper in Bewegung, weil sie mit ihm verflochten sei. Nachdem er sie nämlich aus den Elementen zusammengesetzt und gemäß den harmonischen Zahlen aufgeteilt hat, damit sie eine angeborene Wahrnehmung von Harmonie besitzt und das All sich in übereinstimmenden Bewegungen fortbewegt, hat er ihre gerade Verlaufsrichtung zu einem Kreis umgebogen; und nachdem er den einen (Kreis) in zwei Kreise aufgeteilt und an zwei Stellen wieder zusammengefügt hatte, teilte er den einen davon wieder in sieben Kreise, unter der Voraussetzung, die Umläufe des Himmels seien die Bewegungen der Seele.

Nun ist es erstens nicht richtig zu sagen, die Seele sei (etwas) Ausgedehntes; denn offenbar will er, dass die (Bewegung) des Alls von der gleichen Beschaffenheit ist wie die so genannte Vernunft es ist – denn es kann ja gewiss weder die wahrnehmende, noch kann es die begehrende (Seele) sein; deren Bewegung ist nämlich kein Kreislauf. – Die Vernunft aber ist einheitlich und kontinuierlich so wie auch das Denken. Das Denken aber ist die Gedanken. Und diese sind eins durch ihre Abfolge, wie Zahl und nicht wie das Ausgedehnte. Und deswegen ist auch die Vernunft nicht auf diese Weise kontinuierlich, sondern entweder ist sie ohne Teile oder nicht auf die Weise kontinuierlich, wie etwas Ausgedehntes es ist. Wie sollte sie denn auch als Ausgedehntes mit irgendeinem der Teile ihrer selbst denken? »Teile« aber (kann man verstehen) entweder im Sinne von Ausdehnung oder im Sinne von Punkt – falls man auch dies Teil nennen soll. Wenn nun aber im Sinne von Punkt, und diese unbegrenzt viele sind, ist klar, dass sie niemals (den Kreis) durchschreiten wird. Wenn aber im Sinne von Ausdehnung, so wird sie oft bzw. unendlich viele Male dasselbe denken. Es ist aber offenbar auch möglich, etwas nur einmal zu denken. Und wenn es ausreicht, (das zu Erkennende) mit einem beliebigen ihrer Teile zu berühren, warum muss sie sich dann im Kreis fortbewegen oder auch überhaupt Ausdehnung haben? Und wenn es zum Denken notwendig ist, dass man (das zu Erkennende) mit dem ganzen Kreis berührt, was ist dann die Berührung mit den Teilen? Ferner: Wie soll sie das Teilbare mit einem Unteilbaren bzw. das Unteilbare mit einem Teilbaren denken? Es ist aber notwendig, dass die Vernunft dieser Kreis ist, denn die Bewegung der Vernunft ist das Denken und die des Kreises ist der Umlauf. Wenn das Denken nun Umlauf ist; dann dürfte die Vernunft wohl der Kreis sein, dem ein solcher Umlauf zukommt. Was aber wird sie dann immer denken? Sie muss dies ja, wenn der Umlauf wirklich ewig ist. Nun gibt es für die praktischen Gedanken Grenzen; sie sind nämlich alle um eines anderen willen, während die theoretischen ebenso definiert werden wie die Erklärungen. Alle Erklärung aber ist entweder Definition oder Beweis. Nun geht der Beweis von einem Anfang aus und hat gewissermaßen die Deduktion bzw. die Konklusion als Ende – wenn sie aber nicht ans Ende kommen, kehren sie trotzdem nicht wieder zum Anfang zurück. Sie schreiten in gerader Richtung voran und nehmen dabei immer einen Mittel­- und Außenterm hinzu – der Umlauf hingegen kehrt wieder zum Anfang zurück. Die Definitionen sind aber alle begrenzt. Außerdem: Wenn der gleiche Umlauf viele Male erfolgt, so wird (die Vernunft) viele Male dasselbe denken müssen. Ferner: Das Denken ähnelt eher einem Stillstand und Anhalten als einer Bewegung, und auf gleiche Weise auch die Deduktion. Überdies ist das, was nicht leicht, sondern gewaltsam ist, auch sicherlich kein seliger Zustand; wenn die Bewegung aber nicht seine Substanz ist, so dürfte es (das Denken) wohl gegen seine Natur bewegt werden. Auch ist es mühsam, mit dem Körper vermischt zu sein, wenn man sich nicht von ihm ablösen kann, und außerdem etwas, was man vermeiden sollte, wenn es für die Vernunft wirklich besser ist, nicht mit dem Körper verbunden zu sein, wie man es zu sagen pflegt und auch von vielen angenommen wird. Unklar ist auch die Ursache für die Kreisbewegung des Himmels; denn weder ist die Substanz der Seele Ursache der Kreis­bewegung – sie wird vielmehr akzidentell auf diese Weise bewegt –, noch ist der Körper Ursache, sondern die Seele eher für den Körper. Indessen wird nicht einmal gesagt, warum es besser ist. Dabei wäre es doch erforderlich gewesen, dass der Gott die Seele deswegen im Kreis bewegt sein lässt, weil das Bewegtsein für sie besser ist, als stehen zu bleiben, und zwar auf diese Weise bewegt zu sein, nicht auf andere Weise. Da diese Betrachtung aber eher in ein anderes Themengebiet gehört, wollen wir sie für jetzt beiseite lassen. Folgende Abwegigkeit aber ergibt sich für sowohl diese Lehre als auch die meisten anderen, die von der Seele handeln: Sie setzen die Seele nämlich in einen Körper und verbinden sie mit ihm, ganz ohne hinzubestimmt zu haben, aus welcher Ursache und auf welche Weise der Körper dabei verfasst ist. Gleichwohl dürfte dies wohl notwendig scheinen. Es ist ja aufgrund ihrer Gemeinschaft, dass das eine wirkt und das andere leidet und dass das eine bewegt wird und das andere in Bewegung setzt, und davon kommt keines beliebigen miteinander in Relation stehenden Dingen zu. Sie aber nehmen es nur in Angriff anzugeben, welche Art von Ding die Seele ist, während sie hinsichtlich des Körpers, der sie aufnehmen soll, keine weiteren Bestimmungen treffen, so als wäre es möglich, dass eine beliebige Seele in einen beliebigen Körper eintaucht, wie in den pythagoräischen Mythen. Es scheint ja jedes Ding seine eigentümliche Form und Gestalt zu haben. Sie aber reden ganz so, wie wenn jemand behauptete, die Baukunst tauche in Flöten ein; doch die Kunst muss ihre Werkzeuge gebrauchen und die Seele ihren Körper.

Anm. KF:


  1. ↑ 406a3 »ist vorher gesagt worden« Aller Wahrscheinlichkeit nach PhysikVIII 5. 256b23 ff.


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