Akousmatiker
Da Pythagoras seine Lehren nicht schriftlich fixierte, bildeten sich in der Gemeinschaft schon früh verschiedene Sichtweisen heraus.[1] Spätestens um die Mitte des 5. Jahrhunderts zeigten sich unter denen, die sich zur pythagoräischen Tradition bekannten, unterschiedliche Strömungen. Es soll zwei sehr verschiedenartige Gruppen gegeben haben, die „Akusmatiker“ und die „Mathematiker“.[2] Angeblich orientierten sich die Akusmatiker an den Anweisungen in den Symbola, die Mathematiker an „Mathemata“, worunter man überprüfbares Wissen verstand, nicht nur Mathematik. Diese Aufspaltung ist allerdings erst in kaiserzeitlichen Berichten erwähnt, deren Quellenwert zweifelhaft ist. Unklar ist, ob schon Pythagoras seine Schüler je nach Neigung und Befähigung in Gruppen aufteilte, denen er unterschiedliche Aufgaben zuwies. Angeblich gab es bei ihm „Esoteriker“ (privilegierte Schüler) und „Exoteriker“ (bloße Hörer). Jedenfalls kam es nach einem Bericht, den manche Forscher auf Aristoteles zurückführen,[3] zu einem unbekannten Zeitpunkt nach dem Tod des Schulgründers zu einer Spaltung zwischen zwei Richtungen. Dabei nahm jede von ihnen für sich in Anspruch, die authentische Tradition des Pythagoras fortzusetzen.[4]
Nach Angaben, deren Glaubwürdigkeit umstritten ist, herrschte bei denen, die sich an die Symbola hielten, ein religiöser Autoritätsglaube. Demnach waren sie von der übermenschlichen Natur und Unfehlbarkeit des Meisters Pythagoras überzeugt, folgten strikt den Vorschriften und antworteten auf Einwände mit dem „Autoritätsbeweis“: „Er selbst [Pythagoras] hat es gesagt.“[5] Eine späte Überlieferung, wonach es eine esoterische Geheimlehre des Pythagoras gab, die den verborgenen Sinn der rätselhaften Sprüche ausmacht und die der Meister nur seinen zu strenger Diskretion verpflichteten Schülern verkündete, hält Leonid Zhmud für unglaubwürdig.[6] Die Gegenmeinung vertreten Walter Burkert und Gabriele Cornelli. Sie rücken den ursprünglichen Pythagoräismus in die Nähe der Mysterienkulte und meinen, alle Schüler des Pythagoras seien zur Geheimhaltung verpflichtete Akusmatiker gewesen.[7] Eine vermittelnde Position nimmt Johan C. Thom ein. Er vermutet, dass schon Pythagoras den Grundstock einer Sammlung von damals bereits verbreiteten Sprüchen anlegte und eigenes Gedankengut hinzufügte. Nach Thoms Ansicht gab es wohl schon unter den frühen Pythagoräern eine buchstabengläubige und eine rational ausgerichtete Strömung, und später ergab sich durch Verfestigung dieses Gegensatzes die Aufspaltung in Mathematiker und Akusmatiker.[8] Anderer Meinung ist Tomáš Vítek, der die Aufspaltung für eine Legende hält. Nach Víteks Auffassung wurde die älteste Sammlung von angeblich pythagoräischen Hörsprüchen nicht im Kreis der Pythagoräer angelegt und war auch nicht für sie gedacht. Vielmehr entstand sie wohl im Milieu der rivalisierenden Philosophenschulen des späten 4. Jahrhunderts v. Chr., vermutlich im Peripatos.[9]
- ↑ Leonid Zhmud: Pythagoras und die Pythagoräer. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 1), Halbband 1, Basel 2013, S. 375–438, hier: 384, 402.
- ↑ Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoräer, Zürich/München 1979, S. 64ff.; Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 187–202; Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoräismus, Berlin 1997, S. 93–104.
- ↑ Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 190f.; Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoräer, Zürich/München 1979, S. 69–73; anders jedoch Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoräismus, Berlin 1997, S. 100–104.
- ↑ Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoräer, Zürich/München 1979, S. 64–70. Vgl. John T. Hamilton: Der pythagoräische Kult und die akousmatische Mitteilung von Wissen. In: Therese Fuhrer, Almut-Barbara Renger (Hrsg.): Performanz von Wissen, Heidelberg 2012, S. 49–54, hier: 49–51.
- ↑ Antike Belege sind zusammengestellt von Arthur S. Pease (Hrsg.): M Tulli Ciceronis de natura deorum liber primus, Cambridge (Mass.) 1955, S. 149f.
- ↑ Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 183–205.
- ↑ Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 150–175; Gabriele Cornelli: In Search of Pythagoreanism, Berlin 2013, S. 62f., 71f., 78–83.
- ↑ Johan C. Thom: The Pythagorean Akousmata and Early Pythagoreanism. In: Gabriele Cornelli u. a. (Hrsg.): On Pythagoreanism, Berlin/Boston 2013, S. 77–101, hier: 82, 97f.
- ↑ Tomáš Vítek: The origins of the Pythagorean Symbola. In: La Parola del Passato 64, 2009, S. 241–270, hier: 264–269.