péras
pér--as agr. πέρας (auch Geometrie) Ende, Ziel, Äußeres (Grenze); Gegensatz apeira
Vielleicht verwandt mit πείρω peírō, „durchbohren, durchfahren“ oder περάω (peráō, „direkt hindurchfahren“, siehe auch πέρα péra und πέραν péran, aus uig. *per- „durchbohren“.
Pronunciation IPA(key): /pé.ras/ → /ˈpe.ras/ → /ˈpe.ras/
Substantiv
πέρας • (péras) n (Genitiv πέρᾰτος); dritte Deklination
- (auch Geometrie) Ende, Ziel, Äußeres
πέρας (péras, n., Genitiv: πέρατος) bedeutet „Ende“, „Grenze“, „Grenze“, „äußerstes Ziel“ oder „Abschluss“.
- Ursprung: Es stammt von dem griechischen Adverb/Präposition πέρα (péra) ab, was „jenseits“, „drüben“ oder „über ... hinaus“ bedeutet.
- Grundbedeutung: Etymologisch bezeichnet péras das, was „hinausgeht“ oder den „äußersten Punkt“ markiert.
- Philosophische Bedeutung: In der griechischen Philosophie (besonders bei Platon im Philebos) ist Peras der entscheidende Gegenbegriff zum Apeiron (τὸ ἄπειρον – das Unbegrenzte/Unendliche). Es bezeichnet das begrenzende, formende Prinzip, das dem Unbegrenzten eine Struktur oder Form verleiht.
- Verwandtschaften: Es ist verwandt mit anderen griechischen Begriffen, die eine Grenze oder eine Bewegung darüber hinaus implizieren, wie peirar (Homerisch für Ende).
Zusammenfassend lässt sich πέρας als das „äußerste Ende“ verstehen, das aus der Idee des „Hinausgehens“ (πέρα) entstanden ist.
Wortprüfung πέρας
29. April 2026 9:00 siehe dazu hóros
ὅρος als gesetzte Grenze, πέρας eher als Ende, äußerster Rand oder Vollendungsgrenze.
Ein zweiter Akzent liegt auf der Form: πέρας ist kein einfaches „Grenzzeichen“ wie ein ὅρος, sondern ein Grenz-Ende— etwas, woran ein Vorgang, Raum oder Maß ausläuft.
Wortprüfung: πέρας
Form: πέρας — transliteriert péras.
Altgriechisch: τὸ πέρας, Neutrum, 3. Deklination, Genitiv πέρατος. Das Verfahren wird nach den vorgegebenen Schritten ausgeführt; die Endungsanalyse und mögliche Bedeutungsverschiebungen werden gesondert berücksichtigt.
Vorprüfung: Abgrenzung
πέρας bedeutet im Kern: Ende, Grenze, äußerster Rand, Abschluss, Vollendung, Zielpunkt. LSJ gibt als Hauptfelder „end, limit, boundary“, ferner „finish“ und „completion“ an.
Abzugrenzen ist es von:
- ὅρος: gesetzte, markierende Grenze; Grenzstein; Definition.
- πέρα / πέραν: „jenseits, darüber hinaus, hinüber“.
- πείρα: Versuch, Erfahrung.
- ἄπειρον: das Unbegrenzte, Grenzenlose; formal mit privativem ἀ- gegenüber dem Bedeutungsfeld von πέρας / πεῖραρ verbunden.
Zwischenbefund:
Während ὅρος stärker die gesetzte oder bestimmte Grenze bezeichnet, meint πέρας stärker das Ende, den äußersten Punkt, das erreichte Maß oder die Vollendung einer Ausdehnung oder eines Vorgangs.
1. Ermittlung der Ursprungswurzeln — abgeschlossen
Zerlegung
- Präfix: keines.
- Stamm: περ- / περα- / περατ-.
- Endung/Form: -ας im Nominativ/Akkusativ Singular; Genitiv -ατος in πέρατος.
- Grammatisches Geschlecht: Neutrum.
- Deklination: 3. Deklination.
Die etymologische Verbindung wird vorsichtig angegeben: πέρας ist „perhaps akin“ zu πείρω „durchbohren, durchdringen“ oder περάω „hindurchgehen, hinüberbringen, durchqueren“; als indogermanischer Hintergrund wird *per- genannt.
Das ist wichtig: Die Wurzel ist nicht einfach „Grenze“ im statischen Sinn, sondern steht wahrscheinlich im Feld von Durchgang, Durchdringung, Hinübergehen, Überschreiten. Daraus ergibt sich die semantische Entwicklung:
hindurchgehen → an ein Ende gelangen → äußerster Punkt → Grenze → Abschluss / Vollendung.
Vermittlung ins Deutsche
πέρας ist kein gewöhnliches deutsches Lehnwort. Es erscheint vor allem in philosophischen und altphilologischen Kontexten als Peras, besonders im Gegensatz zu Apeiron. In der griechischen Philosophie bildet Peras / Apeiron ein zentrales Gegensatzpaar: Grenze / Unbegrenztes. Encyclopedia.com beschreibt, dass dieses Paar seit den Pythagoreern ein Standardthema griechischer Philosophie wurde.
Sonderanalyse der Endung -ας / -ατος — abgeschlossen
Die Endung ist hier nicht im engeren Sinn bedeutungstragend wie ein selbständiges Suffix „Abschluss“ oder „Zustand“. Sie zeigt vor allem die grammatische Einordnung des Wortes:
- τὸ πέρας — Nominativ/Akkusativ Singular.
- τοῦ πέρατος — Genitiv Singular.
- τὰ πέρατα — Nominativ/Akkusativ Plural.
Wiktionary führt πέρας als Neutrum der 3. Deklination mit Genitiv πέρατος; moderne Formen wie Plural πέραταbleiben ebenfalls erhalten.
Die Ergänzungsregel verlangt hier eine Prüfung, ob die Endung selbst eine semantische Funktion wie Abgeschlossenheit ausdrückt. Befund: Nein, nicht primär. Die Bedeutung „Ende, Grenze, Abschluss“ liegt nicht in der Endung -ας, sondern im Stamm- und Wortfeld περ-/περα-. Die Form πέρας ist aber durch ihre Neutrumgestalt gut geeignet, etwas Abstraktes oder Sachhaftes zu bezeichnen: das Ende, das Limit, das Grenzhafte.
2. Analyse ähnlicher Wortstämme — abgeschlossen
Verwandte oder eng benachbarte Formen:
- πεῖραρ — episch/ionische Nebenform zu πέρας.
- πεῖρας — lyrische Nebenform.
- πέρα — „jenseits, weiter, darüber hinaus“.
- πέραν — „hinüber, jenseits, über etwas hinaus“.
- περάω — „hindurchgehen, durchqueren, hinüberbringen“.
- περαίνω — „zu Ende bringen, vollenden“.
- συμπεραίνω — „zusammenführen, folgern, schließen“.
- συμπέρασμα — „Schlussfolgerung, Ergebnis“. Wiktionary führt mehrere dieser Ableitungen unter den derived terms zu πέρας.
Die semantische Brücke ist sehr klar:
Durchgang → Hinübergehen → äußerer Rand → Ende → Vollendung → Schlussfolgerung.
Gerade συμπέρασμα ist aufschlussreich: Eine Schlussfolgerung ist im übertragenen Sinn ein erreichtes Ende des Denkweges. Das Denken geht durch Gründe hindurch und kommt an ein πέρας, einen Schluss.
3. Kontextuelle Bedeutungsvergleiche — abgeschlossen
Die frühesten Bedeutungsfelder liegen bei Ende, äußerem Rand, Grenze und Ausgang. LSJ nennt Beispiele wie „aus den Grenzen der Erde“, „kein Ende der Übel haben“ und „der Tod ist das Ende des Lebens“.
In der Geometrie wird πέρας zum Fachwort für das äußerste Ende einer Linie. Wiktionary führt zu Euklid die Aussage an, dass die πέρατα einer Linie Punkte sind.
In der Philosophie wird πέρας zum Gegenbegriff von ἄπειρον, dem Unbegrenzten. Bei den Pythagoreern steht Perasauf der Seite von Einheit, Ruhe, Gutheit und Bestimmtheit, während Apeiron mit Vielheit, Bewegung und Unbestimmtheit verbunden wird.
Bei Platon, besonders im Philebos, wird die Grenze philosophisch vertieft: Durch πέρας wird das Unbestimmte bestimmbar; Encyclopedia.com fasst zusammen, dass bei Platon durch Grenze Verständlichkeit und Schönheit im Bereich des Werdens sichtbar werden.
Kontextueller Befund:
πέρας ist nicht bloß eine äußere Linie. Es ist der Punkt, an dem etwas aufhört, bestimmt wird, vollendet ist oder als geordnet erscheint.
4. Prüfung der sprachhistorischen Entwicklung — abgeschlossen
Die Entwicklung lässt sich so darstellen:
1. Wurzelhaftes Feld:
Vermutlich aus dem Bereich durchdringen, durchqueren, hinübergehen. Die Etymologie wird nicht absolut, sondern vorsichtig als möglich angegeben.
2. Frühgriechisch / episch:
Nebenformen wie πεῖραρ und πεῖρας zeigen ein altes Bedeutungsfeld von Ende, Grenze und äußerem Rand.
3. Klassisches Griechisch:
πέρας bedeutet Ende, Grenze, Abschluss, Vollendung. Es kann räumlich, zeitlich, existenziell und argumentativ verwendet werden.
4. Mathematik und Geometrie:
Das Wort wird präziser: Das πέρας einer Linie ist ihr äußerster Punkt. Grenze wird hier nicht als Stein oder Markierung verstanden, sondern als strukturelles Ende einer Größe.
5. Philosophie:
πέρας wird zum Prinzip der Bestimmtheit. Gegenüber ἄπειρον steht es für Begrenzung, Maß, Form und Erkennbarkeit.
6. Neugriechisch:
Das Wort lebt fort als πέρας, „Ende“, mit Plural πέρατα, etwa in Wendungen wie „an den Enden der Erde / der Welt“.
Bedeutungsverschiebung
Es gibt keine starke Bedeutungsverfälschung, sondern eine kontinuierliche Ausweitung:
räumliches Ende → zeitliches Ende → Abschluss eines Vorgangs → Zielpunkt → Vollendung → philosophische Bestimmtheit.
Die größte mögliche Fehlinterpretation wäre, πέρας nur als „Grenze“ im Sinn einer gezogenen Linie zu lesen. Das ist zu eng. πέρας ist eher das Ende der Reichweite, der letzte Punkt, die Vollendung, das Erreichen einer Grenze.
5. Formulierung einer gemeinsamen Urbedeutung — abgeschlossen
Die gemeinsame Urbedeutung von πέρας lautet:
„Der äußerste Punkt, an dem ein Durchgang, eine Ausdehnung, ein Vorgang oder eine Möglichkeit zu ihrem Ende kommt.“
Noch dichter:
πέρας ist das erreichte Ende.
Oder philosophischer:
πέρας ist die Grenze, durch die das Unbestimmte endlich, faßbar und vollendet wird.
6. Ergänzende Verbindungen und Reflexionen — abgeschlossen
Der Unterschied zu ὅρος ist entscheidend:
- ὅρος ist die gesetzte Grenze, der Grenzstein, die definierende Markierung.
- πέρας ist das erreichte oder wesentliche Ende, der äußerste Rand, die Vollendungsgrenze.
Ein ὅρος kann gezogen werden.
Ein πέρας wird erreicht, erfahren oder zeigt sich als äußerster Punkt.
Bei Sicht und Horizont heißt das: Der Horizont ist als Wort eher mit ὅρος verbunden, weil er den „begrenzenden Kreis“ des Sichtfeldes bezeichnet. Aber als Erfahrung kann der Horizont auch ein πέρας sein: das Ende des Sichtbaren, ohne daß dort notwendig eine physische Grenze liegt.
Philosophisch ist πέρας daher nicht bloß Einschränkung. Es ist die Bedingung dafür, daß etwas Form gewinnt. Ohne πέρας bleibt etwas ἄπειρον: grenzenlos, unbestimmt, maßlos oder nicht endgültig gefaßt. Das Internet Encyclopedia of Philosophy weist darauf hin, dass apeiron als „that which has no boundaries“ verstanden wird, zugleich aber in der Forschung diskutiert wurde, ob es eher räumlich, zeitlich, qualitätslos oder unerschöpflich zu verstehen sei.
Technologisch läßt sich das vorsichtig übertragen: In Mathematik, Informatik und KI entsprechen dem Gedanken von πέρας Begriffe wie Grenzwert, Schwelle, Abbruchbedingung, Definitionsbereich, Entscheidungsgrenze oder Endzustand. Das ist keine direkte Wortabstammung, aber eine sachliche Fortsetzung des Bedeutungsfeldes: Ein Vorgang wird verständlich, wenn sein Bereich, sein Ziel oder sein Ende bestimmbar ist.
Schlussbefund
πέρας bedeutet im tiefsten Sinn nicht einfach „Grenze“, sondern:
das Ende, an dem etwas seine äußerste Bestimmung erreicht.
Im Unterschied zu ὅρος ist πέρας weniger der gesetzte Grenzstein als vielmehr das Ende der Ausdehnung, der Vollzug einer Begrenzung, der Abschluß eines Weges, Gedankens oder Maßes.
Kernformel:
ὅρος setzt die Grenze.
πέρας ist das erreichte Ende.