Proklos/Lehre
Zielsetzung, Voraussetzungen und Grundlagen
Proklos verstand sich – wie bei den Neuplatonikern üblich – als getreuer Interpret der Philosophie Platons und Wahrer der authentischen platonischen Tradition. Dabei trat er besonders als Systematiker hervor. Sein Anliegen war die Zusammenstellung des platonischen Gedankenguts und der damit übereinstimmenden Inhalte anderer Traditionen zu einem wohlgeordneten, schulmäßig vermittelbaren Lehrstoff. Es gelang ihm, die neuplatonische Philosophie und Theologie erstmals in ihrer Gesamtheit als einheitliches, geschlossenes System darzustellen, indem er ihre Lehrsätze als Glieder einer Kette von Folgerungen ableitete und sie als notwendige Konsequenzen aus plausiblen Annahmen erscheinen ließ. Damit errichtete er das Gebäude einer umfassenden Weltdeutung, die aus seiner Sicht sowohl wissenschaftlich begründet war als auch mit den richtig verstandenen Aussagen der anerkannten Autoritäten einschließlich der großen Dichter im Einklang war.[1] Ein relativ distanziertes Verhältnis hatte Proklos allerdings zu Aristoteles. Aristotelische Schriften gehörten zwar an der neuplatonischen Philosophenschule zum Lehrstoff, doch beurteilte Proklos Teile der aristotelischen Lehre kritisch. In Fragen, die zwischen den Platonikern und den Aristotelikern strittig waren, nahm er nachdrücklich für die platonische Position Stellung.[2]
Die Grundlage für die Konstruktion des proklischen Systems war die Interpretation ausgewählter platonischer Dialoge. Proklos stellte fest, der Parmenides sei für die Metaphysik maßgeblich und der Timaios für die Kosmologie; in diesen beiden Dialogen sei das gesamte platonische Weltbild enthalten.[3] Da die Metaphysik als vornehmster und weitaus wichtigster Teil der Philosophie galt, meinte Proklos, im Parmenides sei der Kern der platonischen Lehre zu finden.[4]
Wie alle Neuplatoniker unterschied Proklos scharf zwischen dem nur geistig erfassbaren Bereich der reinen Denkinhalte und der sinnlich wahrnehmbaren Welt der materiellen Dinge. Man sprach von einer „geistigen Welt“ (griechisch kósmos noētós, lateinisch mundus intelligibilis). Es galt als evident, dass die Sinneswelt ein Abbild der geistigen Welt sei, der sie ihre Existenz verdanke. Daraus ergab sich für die Neuplatoniker eine hierarchische Rangordnung, in der das Geistige dem Materiellen prinzipiell übergeordnet ist. Das Niedrigere ist ein Erzeugnis des Höheren, nach dessen Vorbild es gestaltet ist und an dessen Eigenschaften es Anteil hat, soweit seine Daseinsbedingungen das gestatten. Es ist vom Höheren in jeder Hinsicht abhängig, während das Höhere in keiner Weise auf das Niedere angewiesen ist. Das Geistige ist als übergeordneter Bereich das Allgemeinere und Einfachere, das sinnlich Wahrnehmbare tritt verstreut in der Vielfalt und individuellen Besonderheit der einzelnen Sinnesobjekte in Erscheinung. An der Spitze dieser Ordnung, noch über dem Geistigen, steht „das Eine“, das absolut transzendente und vollkommen einfache höchste Prinzip. Es ist der Ursprung von allem und selbst von nichts abhängig.[5]
Diese allgemein akzeptierte Grobeinteilung bildete in der Spätantike die Ausgangsbasis für weitere Differenzierung; außerdem waren die Zusammenhänge zwischen den Hauptbereichen zu klären. Schon seit Plotin (205–270), dem Begründer des Neuplatonismus, bemühten sich die Neuplatoniker, ihrem Modell der Gesamtwirklichkeit eine gründlich ausgearbeitete und plausibel begründete Struktur zu geben und damit die Hypothesen ihrer Vorgänger, die heute als „Mittelplatoniker“ bezeichnet werden, zu übertreffen. Plotin hatte eine dreiteilige Grundstruktur der metaphysischen Sphäre mit drei hierarchisch geordneten Prinzipien angenommen: Unter dem absolut undifferenzierten Einen (griechisch to hen) steht der überindividuelle Geist oder Intellekt (griechisch nous), gefolgt vom seelischen Bereich, der den untersten Teil der rein geistigen Welt bildet. Unmittelbar unter dem Seelischen beginnt die Sphäre der Sinnesobjekte, der gestalteten Materie; ihr kommt in der Weltordnung der niedrigste Rang zu.[6]
Die spätantiken Neuplatoniker übernahmen die Grundzüge von Plotins Konzept, widersprachen ihm aber in manchen Fragen. Auch untereinander waren sie oft verschiedener Meinung. Im Verlauf der Geschichte des antiken Neuplatonismus zeichnete sich eine Tendenz zu immer komplexerer Ausgestaltung des Weltmodells ab; zusätzliche Instanzen und Zwischenstufen zwischen den verschiedenen Daseinsebenen schienen erforderlich und wurden eingefügt.[7] In diesem Prozess einer fortschreitenden Differenzierung und Verfeinerung des Weltbilds spielte Proklos eine Schlüsselrolle. Er begnügte sich aber nicht damit, Hypothesen aufzustellen und die theoretische Spekulation voranzutreiben. Als Philosophielehrer verfolgte er das Hauptziel, seinen Schülern und Lesern Orientierung im Kosmos zu bieten und ihnen damit zugleich eine Anleitung zu einer idealen Lebensführung nach philosophischen Grundsätzen zu geben. Einsicht in die Beschaffenheit der Welt und Umsetzung der Erkenntnisse im Handeln hingen nach seinem Verständnis unauflöslich zusammen. Das Umfeld für die Praxis bildete das Milieu der Philosophenschule, in der die Platoniker ein gemeinsames Leben führten und durch Freundschaften und familiäre Verknüpfungen miteinander verbunden waren.[8]
Wie es der platonischen Tradition und insbesondere der neuplatonischen Denkweise entsprach, bildeten für Proklos Religion und Philosophie eine untrennbare Einheit. Er praktizierte den im spätantiken „Heidentum“ verbreiteten Synkretismus, die Verschmelzung verschiedener religiöser Überlieferungen und philosophischer Schulrichtungen. Die synkretistische Synthese war den Neuplatonikern ein wichtiges Anliegen; sie brachte eine ganzheitliche Weltdeutung hervor, die der christlichen Schöpfungs- und Erlösungslehre als Alternative entgegengestellt werden konnte. Den stabilen Kern von Proklos’ System machten die herkömmlichen Grundüberzeugungen der Neuplatoniker aus; ihnen passte er Gedankengut anderer Herkunft durch entsprechende Interpretation an. Das Bemühen um Harmonisierung war ein wichtiger Teil seiner Arbeit.[9]
Die Entwicklung einer allgemeinen Methodenlehre lehnte Proklos grundsätzlich ab. Er meinte, es könne keine abstrakte Methodenlehre mit absoluter Geltung geben, die von allen besonderen Inhalten abstrahiere; vielmehr müsse die Methode den jeweiligen Inhalten angepasst werden. Die Methode sei nur Hilfsmittel und dürfe nicht zum Selbstzweck werden.[10]
Die Struktur der Welt
Im Modell des Proklos wird die Existenz der Gesamtheit der Dinge auf ein stufenweises Hervorgehen alles Seienden aus dem Ausgangspunkt, dem Einen, zurückgeführt. Mit dem „Hervorgehen“ ist nicht eine Schöpfung oder Entstehung in der Zeit gemeint; vielmehr ist die Welt für Proklos wie für zahlreiche Platoniker zeitlich anfangs- und endlos. Ausdrücke wie „erschaffen“ und „hervorgehen“ dienen in seiner Kosmologie nicht zur Bezeichnung einzelner Ereignisse. Sie sollen nur metaphorisch ausdrücken, dass das Erzeugte oder Hervorgegangene seine Existenz der Existenz der erzeugenden Instanz verdankt. Der Zusammenhang ist, soweit es um die geistige Welt geht, überzeitlich; im Bereich des Zeitlichen kann die Erzeugung als ein endloser Prozess aufgefasst werden. Ein überzeitliches Verhältnis zwischen einer Ursache und einer Wirkung wird zur Unterscheidung von einer ereignishaften Verursachung als „kausale Erzeugung“ bezeichnet.[11]
Das Eine ist die oberste, ursprüngliche Realität. Unter ihm sind die einzelnen Wirklichkeitsebenen angeordnet, wobei jede aus der ihr unmittelbar übergeordneten hervorgeht. Das Allgemeinere ist immer das Höherrangige und Hervorbringende, das Speziellere das Niedrigere und Erzeugte. Das Hervorgehen wird in der philosophischen Terminologie als Emanation (Ausfließen, Ausströmen) bezeichnet; die Ebenen werden in der neuplatonischen Fachsprache „Hypostasen“ genannt. So entsteht eine hierarchische Stufenleiter, die bis zur Materie hinabreicht, wo die unterste Existenzweise anzutreffen ist. Die Ursächlichkeit ist nicht so zu verstehen, dass eine Stufe nur von der nächsthöheren hervorgebracht wird; vielmehr wird jede Stufe indirekt durch alle ihr vorangehenden produziert und unmittelbar durch die nächsthöhere. Generell gilt der Grundsatz: Je allgemeiner und damit dem Einen näher eine Ebene ist, desto mächtiger macht sich ihr Einfluss auf alles ihr Nachgeordnete geltend.[12]
Der Ursprung von allem
Proklos behauptet, es müsse eine erste und höchste Ursache geben. Die Existenz einer Ursache von allem, was ist, hält er für beweisbar. Für die gegenteilige Annahme sieht er drei Möglichkeiten, die nach seiner Argumentation alle absurd sind: Entweder hat Seiendes keine Ursache, dann ist der Satz vom zureichenden Grund verletzt; in diesem Fall ist die Welt chaotisch und somit Wissenschaft unmöglich; oder Ursachen und Wirkungen sind zirkulär, dann muss das Hervorgebrachte das Hervorbringende hervorbringen und die Ursache ist der Wirkung nicht überlegen; oder es gibt eine endlose Ursachenkette, und dann ist Erkenntnis unmöglich. Wissenschaft existiert aber, in der Welt besteht Ordnung, Ursachen stehen über ihren Wirkungen und Seiendes ist erkennbar. Also muss es eine Kausalkette geben, deren erstes Glied die Ursache von allem ihm Nachrangigen ist.[13]
Nach der Lehre des Proklos ist es notwendig, dass die Ursache alles Seienden dasjenige ist, an dem alles Seiende Anteil hat, oder fachsprachlich ausgedrückt: dasjenige, was von allem Seienden partizipiert wird. Dies ist im Sinne des platonischen Begriffs der „Teilhabe“ (Methexis) zu verstehen. Mit Teilhabe oder Partizipation ist gemeint, dass dem Partizipierenden die Eigenschaft, für die das Partizipierte verantwortlich ist, zukommt, weil das Partizipierte ihm diese Eigenschaft verleiht. Das Partizipierte hat also als solches immer die Funktion der Ursache, denn es gibt dem Partizipierenden eine bestimmte Beschaffenheit, die das Partizipierende als Entität konstituiert. Die Anzahl der Eigenschaften einer partizipierenden Entität ergibt sich aus der Anzahl der Ursachen, welche diese Entität partizipiert. Die allgemeinste Eigenschaft, die von allem Seienden ausgesagt wird, ist „x ist eines“. Auch auf eine Vielheit trifft diese Aussage zu, wenngleich in schwächerem Grad als auf eine Einheit, denn jede Vielheit ist in gewisser Hinsicht zugleich „eines“ und muss daher am Prinzip „das Eine“ Anteil haben. Die Eigenschaft, eines zu sein, ist somit abgestuft, aber in allem Seienden in geringerem oder höherem Grad vorhanden. Keine andere Eigenschaft ist so allgemein wie diese. Sogar das Nichts ist „eines“ und insofern am „Einen“ beteiligt, es ist nicht ganz und gar nichts. Somit ist „das Eine“ die erste und höchste Ursache und zugleich das erste Prinzip, denn es ist dasjenige, was für das allgemeinste Prädikat verantwortlich ist. Für diese These bringt Proklos einen Beweis vor, mit dem er zu zeigen versucht, dass das Gegenteil des zu beweisenden Satzes absurd sei. Die Schlüssigkeit des Beweises ist in der Forschung umstritten.[14]
Hier stellt sich die Frage nach dem Status des Einen in der Ontologie, der Lehre vom Sein oder vom Seienden als solchem. Das Eine muss schlechthin einfach und einheitlich, also absolut undifferenziert sein; es darf keinen Aspekt von Vielheit aufweisen, da es sonst eine noch höhere, ihm übergeordnete Einheit geben müsste, die seine Einheit zu stiften hätte, womit ein infiniter Regress einträte. Somit kann das Eine nicht im Bereich des Seienden zu suchen sein, denn alles Seiende ist „geeinigt“, das heißt, es trägt in sich neben der Einheit auch eine Vielheit und bedarf einer Instanz, die es einigt. Das schlechthin Eine kann aber auch nicht „nicht seiend“ sein in dem Sinn, dass ihm das Sein mangelt, denn dann könnte es nicht den seienden Dingen das Sein verleihen. Also muss das Eine „überseiend“ sein: Es „ist“ nicht, aber es ist das Prinzip von allem, was ist. Es ist absolut transzendent, das heißt, es ist kein „Etwas“, das sprachlich oder gedanklich erfasst werden könnte. Daher kann es nur indirekt durch Spekulation aus den ihm nachgeordneten Entitäten erschlossen werden.[15]
Eine Konsequenz aus der absoluten Einfachheit und Undifferenziertheit des Einen ist, dass es von allen positiven Bestimmungen frei sein muss. Man darf ihm also nichts hinzufügen; Bestimmungen – das heißt Aussagen des Typus „Das Eine ist x“ – wären Hinzufügungen und würden als solche die Einheit aufheben, denn sie würden eine Polarität einführen. Sinnvoll sind daher nur verneinende Aussagen, mit denen festgestellt wird, was das überseiende Eine nicht ist. Mit solchen Aussagen nähert man sich dem Einen an, indem man alle Bestimmungen entfernt und damit unangemessene Vorstellungen über das Absolute beseitigt. Dafür verwendet Proklos den Ausdruck trópos tēs aphairéseōs („Vorgehensweise des Entfernens“).[16] Die Verneinungen sind nicht privativ („beraubend“) gemeint, das heißt, sie weisen nicht auf ein Fehlen von etwas hin. Sie sollen nur die Beschränkungen aufheben, die sich aus positiven Bestimmungen immer ergeben. Damit erweisen sich die Verneinungen als produktiv; sie bringen den, der sie vornimmt, der Wahrheit näher.[17] Eine solche Annäherung an die Wahrheit des Einen ist naturgemäß und wünschenswert, denn es entspricht der Natur des Niederen, nach dem Höheren zu streben und zu ihm aufzusteigen. Das Höhere erscheint dem Niederen als „gut“, und das Eine ist als erste Ursache das Höchste und somit aus menschlicher Sicht das Erstrebenswerteste, „das Gute“ schlechthin. Proklos drückt seine Wertschätzung für die Verneinung der Bestimmungen aus, indem er den Aufstieg des verneinenden Denkens zum einen in religiöser Sprache beschreibt; er sieht darin „einen einzigen theologischen Hymnus auf das Eine durch diese Verneinungen“.[18] Fachsprachlich wird diese Herangehensweise als „negative Theologie“ bezeichnet.
Allerdings erweisen sich auch die Verneinungen als unzulänglich, auch sie können dem unsagbaren Absoluten letztlich nicht gerecht werden. Daher müssen auch sie verneint werden. Mit der „Negation der Negation“ wird eine weitere Beschränkung aufgehoben, die sich aus der Polarität des Denkens ergeben hat. Das Denken übersteigt sich selbst, überwindet seine Polarität und schafft damit eine Voraussetzung für das Erfassen von Einheit. Dieses Erfassen, das ein Erfahren ist, ist das Ziel des Philosophen. Das Eine ist erfahrbar, da in der Seele etwas Göttliches ist, das aufgrund seiner Verwandtschaft mit dem Einen eine solche Erfahrung ermöglicht. Den Zugang zum „Einen selbst“ verschafft das „Eine in uns“, das die Seele in sich selbst findet. Die Voraussetzung dafür ist die aktive Bemühung desjenigen, der die Hindernisse entfernt. Die Negation der Negation ist also keine Rückkehr zum Ausgangspunkt nach Beseitigung eines Irrtums, sondern ein Voranschreiten in Richtung auf das Ziel.[19]
Vermittlung und Zusammenhalt
Für das proklische Modell besteht eine Schwierigkeit in der Notwendigkeit zu erklären, wie aus dem überseienden Einen Seiendes hervorgehen kann und die absolute Transzendenz des Einen dennoch gewahrt bleibt. Eine unmittelbare Erzeugung von Seiendem durch das Eine wäre mit der absoluten Transzendenz des höchsten Prinzips unvereinbar. Daher werden vermittelnde Instanzen benötigt, die zwar überseiend, aber für Seiendes partizipierbar sind. Diese Instanzen nennt Proklos „Henaden“ (Einheiten). Vermittelnd wirken außerdem die beiden Prinzipien des Begrenzenden und des Unbegrenzten, die dort, wo sie als Urprinzipien wirken, ebenfalls als überseiend aufzufassen sind.[20]
Das Problem der Vermittlung stellt sich aber nicht nur im Grenzbereich zwischen Transzendentem und Seiendem, sondern auch innerhalb des Bereichs des Seins. Für Proklos ist die Gesamtheit der seienden Entitäten ein Ganzes, dessen Bestandteile untereinander in vielfachem und engem Zusammenhang stehen, insbesondere in Ursache-Wirkung-Beziehungen. Da die Bestandteile von unterschiedlicher Natur sind, ist die Erklärung des Sachverhalts, dass sie trotz ihrer Verschiedenartigkeit zusammenhängen können, eine der Hauptaufgaben der Philosophie. Benötigt wird eine Vermittlung, die eine Gemeinschaft (koinōnía) zwischen zwei unterschiedlichen Entitäten oder Daseinsebenen ermöglicht. Es muss Faktoren geben, welche die Dinge zusammenfügen und zusammenhalten, indem sie zwischen ihnen vermitteln, den Gegensatz überbrücken und so die Welt strukturieren. Vermittlung bewirkt, dass die Glieder eines seienden Ganzen aufeinander bezogen sind und eine Einheit bilden, aber dabei nicht ineinander aufgehen und ihre Unterschiedlichkeit einbüßen, sondern ihr je eigenes Wesen bewahren. Es muss Gründe dafür geben, dass in der Vielheit Einheit, in der Einheit Vielheit bestehen kann. Diese Gründe liegen nach der proklischen Theorie in der „triadischen Gestalt“ (schḗma triadikón) des Seienden, denn es ist die „Trias“ (Dreiheit), die ein „Zugleich“ von Einheit und Unterschiedenheit ermöglicht. Die Besonderheit der Dreiheit besteht darin, dass sie in sich Einheit und Zweiheit umfasst und selbst die „Mischung“ (miktón) beider ist, womit das dritte Element hinzutritt. Sie ist also eine Einheit aus drei Elementen, bei denen es sich sowohl um drei Aspekte einer einzigen Realität als auch um drei Teile eines Verursachungsprozesses handelt. Die Trias ist Einheit in der Differenz. Als Prinzip begründet sie alles Sein und damit auch alles Denken: Da alles Seiende triadisch strukturiert ist, muss sich auch die Bewegung des Denkens, das dem Sein nachgeht, triadisch vollziehen. Diese Struktur zeigt sich in einer Vielzahl von Triaden. Dreiheiten sind überall dort erkennbar, wo die Prinzipien der Identität und der Differenz zusammenwirken, wo sich Einheit entfaltet und damit Vielheit schafft und die Elemente der Vielheit zugleich in der Einheit gesammelt bleiben.[21]
Ein Beispiel einer solchen Trias ist „péras (Grenze, Abgrenzendes, Umschließendes), ápeiron (Unbegrenztes, Gestaltloses, Unbestimmtes), miktón (Mischung [von Begrenzung und Grenzenlosem])“. Diese Trias geht durch alles Seiende hindurch und ist auch für das Hervorgehen des Seienden aus dem Überseienden verantwortlich. Das Prinzip der Unbestimmtheit ist zeugende und gebärende „Mächtigkeit“, es bringt Leben hervor; das Prinzip der Begrenzung konstituiert das „Etwas“ als solches, das Bestimmte, Abgegrenzte und damit Definierbare. Diese beiden Prinzipien gehören dort, wo ihnen die größte Ursprünglichkeit und Ursächlichkeit zukommt, dem Bereich des Überseienden an. Wenn sie als Urprinzipien zusammenwirken, entsteht ein „Gemischtes“, das dritte Element der Trias, und das ist das Sein. So erklärt diese Trias die kausale, überzeitliche Erzeugung des Seins. Zu den weiteren Triaden zählen „Seiendheit (Ousia), Selbigkeit, Andersheit“ und „Anfang, Mitte, Ende“.[22]
Eine herausragende Sonderstellung nimmt die Trias „monḗ (Verweilen, Verharren), próodos (Hervorgang, Fortschreiten), epistrophḗ (Rückwendung, Rückkehr)“ ein. Sie ist nicht eine Trias neben den anderen, sondern der allen anderen Triaden innewohnende und sie bewegende Grund. Die Einheit ihrer drei Elemente macht den Kern der proklischen Erklärung des Weltzusammenhangs aus; zugleich stellt diese Trias das Strukturprinzip des Geistes und des Denkens dar. Alles Geschehen ist für Proklos zyklisch, und auch die überzeitlichen Zusammenhänge beschreibt er metaphorisch, als wären sie Kreisläufe. Jede Wirkung ist ursprünglich in ihrer Ursache vorhanden. Sie tritt aus der Ursache heraus, schreitet von ihr fort und wendet sich aufgrund einer ihr innewohnenden Tendenz wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Alle Kausalzusammenhänge lassen sich im Rahmen dieser dynamischen triadischen Struktur beschreiben, und alle Prozesse setzen sich aus den drei Aspekten „Verharren in der Ursache“, „Hervorgang aus der Ursache“ und „Rückkehr zur Ursache“ zusammen. Der Grund für den Hervorgang ist die überfließende „Überfülle an Mächtigkeit“ der Ursache, der Grund für die Rückwendung ist das Streben des relativ Unvollkommenen nach größerer Vollkommenheit; im Hervorgang ist die Rückkehr bereits angelegt, die Bewegung vollzieht sich im Kreis. So sind Ursachen und Wirkungen durch diese Trias eng verknüpft, die vielgestaltige Welt kann als Ganzheit und untrennbare Einheit aufgefasst und erklärt werden.[23]
Die geistige Welt
Unterhalb des Überseienden befindet sich in der hierarchischen Rangordnung die geistige Welt, in der die Vernunft, der Nous, waltet. Sie folgt in der Ursachenkette dem Überseienden und geht dem Seelischen und dem Materiellen voran. Die geistige Welt weist eine komplexe Struktur auf, die von mehreren Triaden bestimmt ist, und umfasst eine Reihe von metaphysischen Entitäten, die zugleich als Gottheiten aufgefasst werden[24] und in Rangklassen eingeteilt sind. Bei der detaillierten Darstellung des Modells der geistigen Welt begründet Proklos die einzelnen gedanklichen Schritte, die ihn zu seinen Annahmen geführt haben. Er legt Wert darauf, dem Leser die Notwendigkeit der Schritte einsichtig zu machen, damit der Aufbau seines komplexen Gedankengebäudes als logisch zwingend erscheint.[25]
Für die Grundstruktur ist eine Trias verantwortlich, welche die geistige Welt in drei Hauptbereiche gliedert. Bezeichnungen wie „Bereich“ werden hier ohne räumliche Konnotation verwendet; sie sollen nur zur Unterscheidung von ontologisch „Vorgängigem“ und „Nachrangigem“ dienen, drücken also die Rangordnung aus.[26] Die geistige Welt ist überräumlich und überzeitlich. Der höchste Bereich ist die Stätte des intellektuell Erkannten, des noētón. Dort befinden sich Entitäten, die für andere geistige Entitäten Erkenntnisobjekte sind, aber selbst nicht als Erkennende auf geistige Entitäten anderer Bereiche ausgerichtet sind. Erkenntnis ist Partizipation; das Erkenntnisobjekt ist partizipiert, das Erkennende partizipierend. Der Vorrang der Entitäten des höchsten Bereichs ergibt sich daraus, dass sie von dem, was unter ihnen ist, erkannt und somit partizipiert werden, also diesbezüglich ursächlich sind, selbst aber nicht innerhalb der geistigen Welt andere Bereiche partizipieren, also nicht von anderen geistigen Entitäten abhängen. Das Erkenntnisobjekt ist dem Erkennenden prinzipiell übergeordnet, da sich das Erkennende auf es ausrichtet und nicht umgekehrt. Das Erkannte ist Ursache, das Erkennende ist vom Erkannten verursacht und im Sinne des Rückwendungsprinzips auf seine Ursache ausgerichtet, der es sich erkennend zuwendet. Daher nehmen die „erkannten“ Entitäten in der geistigen Welt den höchsten Rang ein; sie partizipieren nichts Geistiges, sondern nur das, was über dem Geist ist, nämlich die überseienden Henaden und Prinzipien, von denen sie das Sein empfangen. Der mittlere Bereich ist der des sowohl Erkannten als auch Erkennenden: Die dortigen Gottheiten erkennen das, was sich im höchsten Bereich befindet, und werden ihrerseits von dem ihnen Nachrangigen, im untersten Bereich Angesiedelten erkannt. Somit sind sie innerhalb der geistigen Welt sowohl partizipiert als auch partizipierend. Zuunterst befindet sich der Bereich des noerón, des Erkennenden. Dort sind untergeordnete Entitäten, die als Gottheiten das ihnen Vorgängige erkennen, selbst aber nicht für geistige Entitäten anderer Bereiche Gegenstand von Erkenntnis sind. Für das Erkannte ist in der Fachliteratur die Bezeichnung „intelligibel“, für das Erkennende der Ausdruck „intellektuell“ gebräuchlich; wenn aber vom „intelligiblen Kosmos“ die Rede ist, ist die Gesamtheit der geistigen Welt gemeint.[27]
Jeder der drei Hauptbereiche ist seinerseits triadisch gegliedert. Dadurch ergibt sich eine Struktur mit verschiedenen Ebenen. Als strukturierendes Prinzip fungiert die Trias „on/ousía (Seiendes/Sein), zōḗ (Leben), nous (Intellekt)“, deren Elemente in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Für die Rangordnung ist auch hier der Grundsatz maßgeblich, dass das Ursächliche und Partizipierte stets über den Wirkungen und dem Partizipierenden steht. Das Ausmaß der Ursächlichkeit einer Entität ist aus der Extension des zugehörigen Prädikats zu erschließen. Am ursächlichsten ist die universellste Ursache in der Welt des Seienden, also diejenige, der das Prädikat mit der größten Extension entspricht. Das ist das Prädikat „x ist“, denn am Sein hat alles Seiende Anteil. Das Sein ist also allem anderen vorgängig. An zweiter Stelle folgt das Leben. Es steht über dem Intellekt, denn alles, was am Intellekt teilhat, hat auch am Leben teil, aber nicht umgekehrt; also ist „Leben“ allgemeiner als „Intellekt“ und somit ursächlicher. Daraus folgt, dass der Intellekt den untersten Rang einnimmt. Die drei Elemente der Trias existieren aber nicht separat, sondern durchdringen einander: Im Sein finden sich Leben und Intellekt nach der Weise des Seins, im Leben Sein und Intellekt nach der Weise des Lebens und im Intellekt Sein und Leben nach der Weise des Intellekts.[28]
Im höchsten Hauptbereich, dem des erkannten und keinen anderen Seinsbereich erkennenden Intelligiblen, strukturieren die beiden Triaden „Sein, Leben, Intellekt“ und „Grenze, Grenzenlosigkeit/Grenzenloses, Mischung von Grenze und Grenzenlosigkeit/Grenzenlosem“ gemeinsam. Daraus ergibt sich eine aus drei Triaden zusammengesetzte Trias, die intelligible Trias. Sie ist nach folgendem Schema aufgebaut:[29]
- Die höchste Ebene, die Seinsebene, ist die der Trias „Grenze, Grenzenlosigkeit, intelligibles Sein“, wobei das intelligible Sein das aus den beiden anderen Elementen „Gemischte“ ist. Diese Ebene geht direkt aus dem Überseienden hervor. Hier dominiert in der Trias das Element Grenze, das heißt, die Mischung erfolgt „gemäß der Grenze“. Daher ist diese Ebene die höchste, denn das Element Grenze hat in der Trias den höchsten Rang und seine Dominanz erzeugt das höchste Mischungsprodukt, das Sein.
- Die mittlere Ebene, die Lebensebene, geht aus der höchsten hervor. Sie ist von der Trias „Grenze, Grenzenloses, intelligibles Leben“ bestimmt. Hier waltet das Grenzenlose als Urprinzip der „unbegrenzten Wirkmächtigkeit“ (ápeiros dýnamis) und erzeugt durch seine Mischung mit dem Prinzip der Begrenzung das intelligible Leben. Da hier das Grenzenlose innerhalb der Trias dominiert, erfolgt die Mischung „gemäß dem Grenzenlosen“, dem mittleren Element der Trias. Daher ist diese Ebene die mittlere und ihr Mischungsprodukt ist das Leben, das in der Trias „Sein, Leben, Intellekt“ den mittleren Rang einnimmt.
- Die unterste Ebene, die Intellektebene, wird von der Trias „Grenze, Grenzenloses, intelligibler Intellekt“ bestimmt. Auch hier mischen sich Grenze und Grenzenloses, und diesmal entsteht aus ihrer Mischung der Intellekt des intelligiblen Bereichs. In diesem Fall ist bei der Mischung „das Gemischte“, das unterste Element der Trias „Grenze, Grenzenloses, Mischung beider“, der maßgebliche Faktor. Da gemäß dem untersten Element gemischt wird, kommt das unterste Mischungsprodukt zustande, und dem entspricht der Rang dieser Ebene.
Der mittlere Hauptbereich, die Stätte der intelligiblen und zugleich intellektuellen Entitäten, ist ebenfalls durch eine triadisch untergliederte Trias strukturiert. Die intelligible und zugleich intellektuelle Trias ist nach folgendem Schema gestaltet:[30]
- Auf der höchsten Ebene wirkt die Trias „Sein, Leben, Intellekt“ überwiegend auf die Weise des Seins, ihres höchsten Elements. Der intelligible Aspekt dominiert gegenüber dem Intellektuellen, seine Merkmale prägen die Ebene in erster Linie.
- Auf der mittleren Ebene wirkt die Trias „Sein, Leben, Intellekt“ nach der Weise des Lebens, ihres mittleren Elements. Dabei sind der intelligible und der intellektuelle Aspekt gleich wirkmächtig.
- Auf der untersten Ebene wirkt die Trias „Sein, Leben, Intellekt“ überwiegend auf die Weise des Intellekts. Durch die Vorherrschaft des Intellektuellen zeigt diese Ebene ihre Nähe zum unmittelbar nachgeordneten Hauptbereich, dem der intellektuellen Entitäten.
Der Hauptbereich des Intellektuellen weist ebenfalls drei Teile auf. Von diesen sind zwei dreifach untergliedert, der dritte besitzt nur ein einziges Element. Somit besteht der intellektuelle Bereich aus insgesamt sieben Entitäten oder Gottheiten, er bildet eine Hebdomade (Siebenheit) mit folgenden drei Teilbereichen:[31]
- Teilbereich der drei Gottheiten, die Proklos unter der Bezeichnung „intellektuelle Väter“ (noeroí patéres) zusammenfasst. Es handelt sich um drei für den Weltentstehungsmythos der griechischen Volksreligion zentrale Götter: Kronos, dessen Gattin Rhea und den Sohn dieses Paares, den Göttervater Zeus. Sie bilden eine hierarchisch geordnete Trias, in der Kronos als höchste intellektuelle Gottheit für die Grenze, das Sein und den intelligiblen Aspekt des Intellektuellen steht, Rhea als lebenspendende Mutter für das Leben und das wirkmächtige Unbegrenzte und Zeus als unterstes Element der Trias für den „intellektuellen Intellekt“ (noerós nous), den intellektuellen Aspekt innerhalb des intellektuellen Bereichs. Der unterste Rang, den Zeus einnimmt, entspricht der Stellung dieses Gottes im Mythos, wo er als Kind von Kronos und Rhea das von seinen Eltern Verursachte, das „Mischungsprodukt“ ist. Dennoch trägt auch Zeus einen intelligiblen Anteil in sich, da er sich selbst intellektuell erkennt, also für sich selbst intelligibel ist. Kronos zählt zwar im Gesamtrahmen der geistigen Welt zu den intellektuellen Gottheiten, aber aus der Sicht von Zeus ist er intelligibel. Hier zeigt sich besonders deutlich die gegenseitige Durchdringung der Elemente der Triaden. Eine schematische Darstellung der Entitäten der geistigen Welt kann somit nur eine Orientierungshilfe bieten, aber der Komplexität des proklischen Modells nicht gerecht werden.
- Teilbereich der drei „unbefleckten Wächter“, die in der mythischen Nomenklatur Kureten genannt werden. Diese drei Gottheiten stehen zwischen den intellektuellen Vätern und dem nachgeordneten Bereich des Geschaffenen. Sie werden Wächter genannt, weil sie die intellektuellen Väter „bewachen“. Damit ist gemeint, dass sie die Väter vor einem zu nahen Kontakt mit der Schöpfung bewahren. Dies ist erforderlich, da die Väter – insbesondere Zeus als Schöpfergott – sonst der Gefahr der Verunreinigung durch den Einfluss niedriger Entitäten ausgesetzt wären.
- Teilbereich der siebten Gottheit. Dieser Teilbereich ist nicht untergliedert. Die Funktion der siebten Gottheit ist die Erzeugung der intellektuellen Unterscheidungen.
Sowohl im obersten als auch im untersten der drei Hauptbereiche der geistigen Welt spielt der Intellekt eine wichtige Rolle. Der Intellekt des obersten Bereichs ist der intelligible Intellekt. Er ist die Stufe der geistigen Welt, auf der sich das ursprünglich undifferenzierte Sein erstmals zu einer Vielheit entfaltet. Dies geschieht, indem sich das Sein in verschiedene platonische Ideen ausdifferenziert. Unter „Ideen“ versteht man im Platonismus real existierende, vollkommene und unveränderliche geistige Entitäten, die Urbilder, deren Abbilder die vergänglichen Sinnesobjekte sind. Sie sind die maßgeblichen Muster, die allem sinnlich Wahrnehmbaren Sein und Wesen verleihen. Im proklischen System sind die platonischen Ideen Gedanken des Intellekts, wobei sie nicht als Teile von ihm, sondern als seine Erzeugnisse aufgefasst werden.[32]
Den intelligiblen Intellekt identifiziert Proklos mit dem vollkommenen Urlebewesen, das nach Platons Dialog Timaios das Vorbild ist, nach dem der Demiurg, der Schöpfergott, die Welt als beseelten Kosmos erschaffen hat. Der intellektuelle Intellekt ist im proklischen Modell Zeus, der mit dem Demiurgen des Timaios gleichgesetzt wird. Beide Intellekte bringen platonische Ideen hervor, jeder auf seine Art. Der intelligible Intellekt erzeugt die höheren, umfassenderen „intelligiblen Ideen“, die auf seiner Ebene auf intelligible Weise erscheinen. Der intellektuelle Intellekt ist der Erzeuger der untergeordneten, spezielleren, weniger wirkmächtigen „intellektuellen Ideen“; auf seiner Ebene sind alle Ideen auf intellektuelle Weise präsent.[33]
Proklos verteidigt Platons Ideenlehre gegen die Kritik des Aristoteles und der Peripatetiker. Er meint, jede der vier dialektischen Methoden (Dihairesis, Definition, Analyse und Beweis) setze Ideen im Sinne der Ideenlehre voraus. Eingehend untersucht er die Frage, ob nicht nur den natürlichen, sondern auch den künstlich erzeugten Objekten eigene platonische Ideen als Ursachen zugeordnet sind, und gelangt zum Ergebnis, dass solche Ideen nicht anzunehmen sind.[34]
Die materielle Welt
Über den Ursprung der materiellen Welt hat sich Platon im Dialog Timaios ausführlich geäußert. Dennoch waren Grundfragen zu dieser Thematik unter den antiken Platonikern umstritten. Die Ungewissheit ergab sich daraus, dass die Erschaffung des sinnlich wahrnehmbaren Kosmos in dem Dialog in mythischer Sprache geschildert wird und daher stark divergierende Interpretationen möglich sind, je nachdem ob einzelne Aussagen wörtlich genommen oder als Metaphern betrachtet werden. Im Mythos des Timaios werden die Schöpfungsvorgänge so beschrieben, dass der Eindruck entsteht, es sei ein Schöpfungsakt gemeint, der zu einer bestimmten Zeit stattgefunden habe. Demnach hat die sinnlich wahrnehmbare Welt vorher nicht existiert und ist den entstandenen, zeitabhängigen Dingen zuzurechnen. Außerdem wird im Timaios behauptet, der Schöpfergott habe die Materie nicht geschaffen, sondern vorgefunden. Sie habe schon vor der Schöpfung existiert. Damals habe sie sich noch in einem Zustand chaotischer Bewegung befunden. Das Eingreifen des Schöpfers habe das Chaos beendet, und seither bestehe die aktuelle Ordnung des Weltalls.[35]
Für eine wörtliche Deutung dieser Aussagen hatten sich die Mittelplatoniker Plutarch und Attikos ausgesprochen. Ihrem Verständnis zufolge hat die Welt tatsächlich einen zeitlichen Anfang, die Materie hingegen ist nicht nur im zeitlichen, sondern auch im kausalen Sinn unerschaffen; sie ist ebenso wie das Eine ein unerzeugtes Urprinzip. Attikos bekannte sich zu einem radikalen Dualismus. Nach seiner Lehre existieren die metaphysische Welt und die Materie unabhängig voneinander und hatten vor dem Schöpfungsakt nichts miteinander zu tun. Erst durch die Schöpfung ist die Materie unter göttlichen Einfluss gekommen.[36]
Die Neuplatoniker vertraten einhellig die gegenteilige Auffassung. Sie waren der Meinung, Platon habe die Weltschöpfung nur zum Zweck der Veranschaulichung wie einen zeitlichen Vorgang geschildert. In Wirklichkeit habe er eine überzeitliche, nur als kausales Verhältnis zu verstehende Hervorbringung der Weltordnung gemeint und den geordneten Kosmos für immer bestehend gehalten.[37] Für diese Interpretation des Timaios trat Proklos nachdrücklich ein. Unter anderem brachte er vor, ein guter Schöpfer müsse zu jeder Zeit das Bestmögliche wollen und tun, und das Beste sei nicht zeitlich variabel. Somit könne seine schöpferische Tätigkeit nicht zeitlich begrenzt sein, wenn das Erschaffen das optimale Handeln sei. Eine Unterlassung des Erschaffens in einem bestimmten Zeitraum setze mangelnden Willen oder mangelnde Fähigkeit voraus. Für den Schöpfer komme aber keine dieser beiden Möglichkeiten in Betracht; die erste sei schon wegen seiner Güte auszuschließen, die zweite wegen der Unwandelbarkeit seiner Natur.[38] Hinsichtlich der Urmaterie lehrte Proklos, sie habe zwar ebenso wie die Weltordnung keinen Anfang in der Zeit, aber kausal sei sie erzeugt. Als konsequenter Monist führte er auch die Materie auf das Eine zurück. Nach seiner Argumentation kann es zwei unerzeugte, voneinander unabhängige Prinzipien nicht geben. Wenn es sie gäbe, müssten sie zwei sein. Dies würde aber voraussetzen, dass jedes von ihnen eines wäre und somit an dem Einen teilnähme. Dann wäre das Eine den beiden übergeordnet; es wäre ihr gemeinsames, von beiden partizipiertes Prinzip. Also wären beide von etwas Höherem erzeugt.[39]
In der Rangordnung des proklischen Weltmodells nimmt die Materie wie bei allen anderen Platonikern den untersten Rang ein. Das Materielle steht am Ende der Kausalkette und in der Hierarchie tief unter der geistigen Welt. Die Materie ist aber nicht nur von der nächsthöheren Stufe hervorgebracht, sondern von allen ihr vorangehenden Stufen und in erster Linie vom Einen. Vermittelnd wirken dabei wiederum die beiden Prinzipien der Begrenzung und der Unbegrenztheit. Die universale Urmaterie, die Proklos als „erste“ und „einfache“ Materie bezeichnet, ist absolut gestaltlos und undifferenziert; ihre Ursache ist das Prinzip der überseienden Unbegrenztheit. Die Form, welche die an sich formlose Materie gestaltet und ihr eine bestimmte Struktur und Beschaffenheit verleiht, ist eine Manifestation des Prinzips Grenze. Aus dem Zusammenwirken, der „Mischung“ der beiden Prinzipien ergibt sich als „Gemischtes“ die Gesamtheit der sinnlich wahrnehmbaren Dinge. So ist für Proklos die überzeitliche Erschaffung der materiellen Welt zu verstehen.[40]
Die Instanz, die den Schöpfungsprozess durchführt, ist der Demiurg. Er erschafft die materielle Welt in zwei „Stufen“, allerdings nicht im Sinne eines realen zeitlichen Ablaufs; die zeitliche Ausdrucksweise dient nur der Veranschaulichung. Die erste Stufe ist die „körperschaffende“, in der einfache Materie zu Körperlichem geformt wird. Das so erzeugte Körperliche identifiziert Proklos mit dem, was sich laut dem Timaios „vor“ der Schöpfung in einem Zustand ungeordneter Bewegung befand. Er schließt aus, dass es sich bei diesem chaotisch Bewegten um die gestaltlose Urmaterie handeln könne, denn Platon selbst bezeichne es als sichtbar, also müsse es eine Form haben. Die zweite Schöpfungsstufe ist nach der Timaios-Auslegung des Proklos die „ordnende“, in der das chaotische Körperliche beseelt wird. Das All erhält eine Seele, die Weltseele, die seine Lenkung übernimmt, die materiellen Dinge ordnet und das Physische auf den Nous, die Vernunft, ausrichtet. Dadurch erlangt die materielle Welt das ihr mögliche Maß an Vollkommenheit.[41]
Die Materie wird von nichts partizipiert, ist aber zur Partizipation befähigt; da sie gestaltlos ist, ist sie für jede Gestaltung offen. Als Partizipierendes ist sie auf das von ihr Partizipierte ausgerichtet und für das, was ihr von dort her zukommt, empfänglich. Daher wird ihr die Form und Ordnung, die sie empfangen kann, auch zuteil.[42]
Für Proklos ergibt sich aus seinem Schöpfungsverständnis, dass die Existenz der Materie notwendig ist. Sie muss existieren, weil sie für die Vervollständigung des Alls benötigt wird. Zur Vollständigkeit des Kosmos gehören auch die materiellen Formen, die als solche nur in Materie existieren können. Vollständig muss der Kosmos sein, wenn er gut ist; gut muss er sein, da er einen guten Ursprung hat. Alles, was ist, geht aus dem Einen hervor, das Proklos mit dem schlechthin Guten gleichsetzt. Wenn das Gute die Ursache von allem ist, dann muss die Gesamtwirklichkeit ein optimal geordnetes Ganzes bilden, in dem jeder Teil das Ausmaß an Vollkommenheit verwirklicht, das auf seiner Ebene möglich ist. Das muss für die gesamte hierarchische Ordnung der aus dem Guten hervorgegangenen Entitäten gelten, also auch für die materielle, am weitesten vom Ursprung entfernte Ebene. Also muss die Materie die materiellen Formen aufnehmen, sie muss gestaltet und geordnet werden, und zwar nicht erst durch einen zeitlichen Akt, sondern überzeitlich. Da die Schöpfung überzeitlich ist, kommt Materie als konkrete Realität immer nur geformt vor. Sie ist vom Demiurgen so gut wie möglich geordnet und weist daher immer die ihr zukommende Vollkommenheit auf.[43]
Seele, Zeit und Ewigkeit
Das Seelische verortet Proklos in seiner Welthierarchie, wie im Neuplatonismus üblich, zwischen der geistigen und der materiellen Welt. Im Geist (Nous) sieht er den umfassenden Ursprung und Grund der Seele, der als bewahrendes Prinzip in ihr gegenwärtig ist. Die Seele erscheint ihm als der in anderer Dimension „wieder aufgenommene“ Nous. Sie ist auf abbildhafte Weise Geist, und ihre Gedanken sind Bilder der ursprünglichen Gedanken des Geistes. Im Geist sind Denken und Sein ungetrennt, zwischen ihnen besteht eine dynamische Identität. Denken, Gedanke und Gedachtes bilden eine wesenhafte Einheit. Das Sein der platonischen Idee ist im Geist der Gedanke. Anders verhält es sich in der Seele: Dort ist das Denken seinem Objekt immer untergeordnet und empfängt sein Maß von einem ihm vorgegebenen Sein. Daher muss das Denken der Seele den Übergang vom Gedanken zum Sein leisten. Es muss das im Geist Vereinte trennen und vom einen im Gedanken erfassten Sein zum anderen übergehen. Die Seele denkt diskursiv. Dieser Vorgang zeigt sich in der Dihairesis, einer Methode der Klassifikation und Begriffsbestimmung, mit der man einen allgemeineren Begriff in Unterbegriffe unterteilt, bis man die Definition eines gesuchten Begriffs findet. Dabei geht die Seele so vor, dass sie jede Idee getrennt in sich sieht, nicht aber alle in einem Blick. Während der Geist alles als Eines denkt und im Einzelnen bereits das Ganze denkt, sieht die Seele alles als Einzelnes und kann nur im Nacheinander, durch jedes Einzelne hindurchgehend, das Ganze konstruieren. Im Geist sind alle Gegensätze aufgehoben und eingefaltet, in der Seele sind sie entfaltet. Sie ist das entfaltete Sein des Geistes, der sich in ihr auseinanderlegt. Alles, was im Geist ineinander ist, ist in ihr gesondert. Proklos vergleicht die Seele mit einer immer beschriebenen „Schreibtafel des Geistes“. Sie ist nach der proklischen Lehre auf den Geist ausgerichtet und übersteigt sich auf ihn hin, indem sie nach seiner Vollkommenheit strebt. Ihr Denken ist daher eine Rückbewegung auf ihren Grund und Ursprung hin, an dem sie teilhat, indem sie denkt.[44]
Der fundamentale Unterschied zwischen Geist und Seele besteht darin, dass der Geist überzeitlich ist, während die Seele als selbstbewegte Substanz in die Zeit verflochten ist. Der Geist ist der Sphäre des Ewigen zugeordnet, dem zeitlosen Jetzt des aiṓn (der Ewigkeit im Sinne von Zeitlosigkeit oder Überzeitlichkeit). Die Seele ist zugleich überzeitlich und zeitlich; sie hat ein zeitloses Sein, aber ein Wirken in der Zeit. Der zeitliche Aspekt ihrer Existenz ist für die Seele konstitutiv; wenn es ihn nicht gäbe, würde sie sich in nichts vom Nous unterscheiden.[45]
Für Proklos ist die Zeit kein Akzidens, sondern eine Substanz (ousia). Wie alle Neuplatoniker hält er sie für anfangs- und endlos. Anderenfalls müsse eine Zeit ihrer Entstehung bzw. Auflösung angenommen werden, was widersinnig sei.[46] Hinsichtlich der Natur der Zeit vertritt Proklos ein Konzept, mit dem er sich von der Auffassung Plotins distanziert. Nach Plotins Theorie darf man die Zeit nicht außerhalb der Seele annehmen; erst durch die Seele und mit ihr gibt es Zeit. Für Proklos hingegen gründet die Zeit in der überzeitlichen Ewigkeit und ist deren Abbild. Sie ist jenseits der Seele und ihr ontologisch übergeordnet und vermittelt zwischen Geist und Seele. Da es die Aufgabe der Seele ist, sich auf den Geist und damit auf die Ewigkeit auszurichten, strebt der Philosoph nach Überwindung der Zeit durch das Denken, das ihn in den Nous führt. Wenn man im philosophischen Bemühen das Auge der Seele nach oben auf den Nous richtet und diese Haltung einübt, kann es geschehen, dass offenkundige Wahrheit in einem zeitlosen Jetzt aufleuchtet, in dem Zeit eliminiert ist.[47]
Das Leben der Seelen wird im proklischen System als zyklischer Prozess gedeutet. Sie sind aus ihrer rein geistigen Heimat in die physische Welt hinabgestiegen, haben dort Körper angenommen und wenden sich dann wieder nach oben, ihrem Ursprung zu, um heimzukehren und sich mit dem Nous zu vereinigen. Sie vollziehen also eine Bewegung, die erst abwärts und dann aufwärts führt. Der Weg hinauf ist das Philosophieren, die Gewinnung philosophischer Erkenntnis. Damit ist die Erkenntnis des Überzeitlichen gemeint, die aus der Hinwendung zur geistigen Welt resultiert. Die philosophische Bemühung zielt auf befreiende Reinigung von der Zerstreuung in die Mannigfaltigkeit und Einübung in die Einfachheit durch Sammlung. Sie führt vom Schein der Meinung zur Gewissheit der Wahrheit, die sich in der geistigen Welt als solche offenbart. Die Seele strebt von Natur aus zum Nous, aber sie wird nicht nur von diesem Streben aufwärts geleitet; einen weiteren Antrieb erhält sie von ihrer Sehnsucht nach dem Einen, dem Ursprung schlechthin, der für die Seele zugleich das Gute schlechthin ist.[48]
Der Aufstieg verwandelt zwar die Seele, macht sie frei, leicht und „geistartig“ und vergöttlicht sie sogar, aber zu einer absoluten Identität mit dem überzeitlichen Geist oder gar dem Einen kann sie nie gelangen. Ihr Denken bleibt immer ein seelisches und der zeitliche Aspekt ihrer Existenz bleibt erhalten. Sie umkreist das Sein des Geistes mit einer Bewegung, die Proklos als Tanz beschreibt; dem Mittelpunkt des Kreises kann sie sich annähern, aber sie erreicht ihn nie. Selbst wenn es ihr gelingt, zum Einen zu gelangen und es zu berühren, löst sie sich nicht darin auf, sondern bleibt Seele. Ihre Kreisbewegung ist endlos; auf den Aufstieg folgt stets ein neuer Abstieg.[49]
Mit seinen Überlegungen zum Auf- und Abstieg der Seelen orientiert sich Proklos weitgehend an den Grundzügen der herkömmlichen neuplatonischen Seelen- und Erlösungslehre, die Plotin als erster dargelegt hat. In einem wesentlichen Punkt widerspricht er Plotin aber nachdrücklich: Er lehnt dessen Behauptung ab, dass die Seele auch während ihres Aufenthalts im menschlichen Körper ständig zugleich mit ihrem obersten Teil in der geistigen Welt präsent bleibe. Nach der proklischen Seelenlehre bleibt beim Eintritt in die Körperwelt nichts „oben“; die Seele löst sich als Ganzes von der geistigen Welt und taucht in die Materie ein. Daher kann sie nicht aus eigener Kraft zurückkehren, sondern bedarf der Hilfe von außen. Somit ist sie auf die Unterstützung von Göttern angewiesen. Bei ihrer Rückwendung zu ihrem Ursprung spielt die Theurgie, ein rituelles Verfahren zur Herstellung einer Verbindung mit dem göttlichen Bereich, eine wichtige Rolle. In der von Proklos praktizierten philosophischen Lebensweise ergänzt eine hingebungsvolle theurgische Praxis die intensive denkerische Arbeit. Nach seiner Einschätzung ist die höchste Stufe der Theurgie „mächtiger als alle menschliche Weisheit und Wissenschaft“.[50]
Hinsichtlich des konkreten theurgischen Vorgehens folgt Proklos einer Tradition, die ihm in den Chaldäischen Orakeln vorliegt. Er zeigt sich als begeisterter Anhänger der Lehren dieses von den spätantiken Neuplatonikern sehr geschätzten Werks. Weitere wesentliche Elemente des Zusammenwirkens mit den Göttern sind für ihn Gebet und Hymnus. Sie fördern die Hinwendung zum Nous, sie verbinden den Geist der Götter mit den Worten des Betenden, Rezitierenden oder Singenden. Die Texte der Hymnen enthalten Symbole der Götter, die den Aufstieg der Seele unterstützen. Mit der Hymnendichtung will Proklos nicht seine subjektive Frömmigkeit ausdrücken, sondern objektive Mittel zur Verfügung stellen, mit denen man sich der geistigen Welt als einer objektiven Realität nähern kann.[51] Somit ist das Dichten und Vortragen von Hymnen ein Ausdruck desselben Strebens, dem auch alle philosophischen Bemühungen dienen. Allerdings besteht für Proklos die höchste Form der Hinwendung zum Göttlichen nicht in Worten und Riten, sondern darin, dass man sich – wie es schon Platon forderte – der Gottheit angleicht.[52] Die Bitten, die in Gebeten und Hymnen an die Götter gerichtet werden, haben nicht den Zweck, die Angesprochenen zu einem gewünschten Verhalten zu bewegen, denn wie alle Platoniker bekennt sich Proklos zu dem Grundsatz, dass die Götter nicht durch menschliche Bitten beeinflussbar sind. Vielmehr dienen die Bitten nur der Öffnung der Seele für die erwünschte göttliche Einwirkung.[53]
Wie alle Platoniker übernimmt Proklos Platons Theorie der Beseelung der Welt.[54] Dieser Lehre zufolge gibt es eine selbstbewegte Weltseele, welche die Ursache aller Bewegung in der Natur ist und die im Kosmos waltende Vernunft, den Nous, mit der Weltmaterie verbindet. Nach dem im Dialog Timaios erzählten Mythos hat der Demiurg die Weltseele zusammen mit dem Kosmos erschaffen. Proklos wendet sich gegen die Auffassung des Aristoteles, wonach Platon die Weltseele zugleich als Denkvermögen und als ausgedehnte Größe beschrieben hat und das Denken der Seele mit der Kreisbewegung des Alls gleichgesetzt hat. Nach Proklos’ Verständnis ist Platons Weltseele und ihr Denken ausdehnungslos, und die Bewegung des Weltalls soll nur als Bild dienen, mit dem wesentliche Kennzeichen und Inhalte des seelischen Denkens auf eine körperliche Bewegung übertragen werden. Damit verwirft Proklos die wörtliche Interpretation, die für Aristoteles den Ausgangspunkt seiner Kritik am Timaios bildet.[55]
Der seelische Bereich, der „Ort“ der Weltseele und der Seelen der sterblichen Lebewesen, ist auch die Wirkensstätte von Göttern, die den Gottheiten der geistigen Welt untergeordnet sind. Zu ihnen zählen Götter wie Poseidon, Hades, Artemis und Apollon, die aus der Mythologie als Geschwister und Nachkommen des Zeus bekannt sind.[56]
Die Natur des Schlechten und die Notwendigkeit der Übel
Bei der Untersuchung des Schlechten und der Übel (kaká) setzt sich Proklos mit der Schlechtigkeitstheorie Plotins auseinander. Plotin identifiziert das Schlechte mit der Materie. Unter Materie versteht er das absolut Gestaltlose und Eigenschaftslose, das den physischen Objekten, denen ihre Formen Eigenschaften verleihen, zugrunde liegt. Die absolute Schlechtigkeit der ungeformten, ganz und gar „armen“ Urmaterie besteht für Plotin darin, dass sie ihrem Wesen nach gar nichts hat, also in keiner Weise am Guten teilhat. Die Materie als solche ist das „erste Schlechte“, das an sich Schlechte. Sie ist das Prinzip aller Übel, und die einzelnen Übel sind schlecht, insoweit sie an diesem Prinzip teilhaben. Somit hat jedes Übel seine Ursache in der Materie. Beispielsweise lässt sich bei den Seelen das Schlechte darauf zurückführen, dass sie in die Materie gefallen sind und sich ihr angeglichen haben.[57]
Proklos bekämpft die Gleichsetzung des Schlechten mit der Materie, indem er zu zeigen versucht, dass diese These in ein auswegloses Dilemma führe. Sein Gedankengang ist: Alles ist entweder Prinzip oder Erzeugnis eines Prinzips. Wenn die Materie als solche schlecht ist, stellt sich die Frage nach dem Prinzip dieser Schlechtigkeit. Es bestehen dann nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist das Schlechte ein eigenständiges, in der Materie liegendes Prinzip, oder nur das Gute und Eine ist Prinzip und die schlechte Materie ist wie alles andere aus ihm hervorgegangen. Die zweite Annahme ist widersinnig: Da die Grundsätze gelten, dass jede Ursache das in höherem Grade ist, was ihr Erzeugnis ist, und dass sich jedes Erzeugnis seiner Ursache angleicht, müsste das Gute als Ursache des ersten Schlechten in höherem Grade schlecht sein als dieses, und das erste Schlechte müsste aufgrund seiner Teilhabe an einer guten Ursache durch Angleichung gut werden. Die andere Möglichkeit – das Schlechte als Prinzip – führt zum Dualismus, zur Annahme zweier gegensätzlicher, voneinander unabhängiger Prinzipien, die miteinander kämpfen. Dann besteht eine Dualität zweier eigenständiger Urprinzipien, des Guten (Einen) und des Schlechten. Das ist jedoch unmöglich, denn eine solche Zweiheit setzt eine den beiden Prinzipien, die Einheiten sind, übergeordnete Ur-Einheit voraus, und dann ist das Schlechte kein Urprinzip, sondern von derselben Ursache erzeugt wie das Gute. Aus der Widerlegung beider Möglichkeiten folgt für Proklos: Es gibt nur ein Urprinzip, das Eine, das für den Menschen das schlechthin Gute ist und auf das sich auch die Materie zurückführen lässt. Das Schlechte kann kein Prinzip sein und die Materie kann nicht schlecht sein.[58]
Aufgrund dieser und anderer Überlegungen gelangt Proklos zu einem anderen Verständnis des Schlechten und der Übel als Plotin. Er bestreitet die Existenz eines an sich Schlechten, welches das Gegenteil des absolut Guten wäre, und hält alle Übel für relativ. Den Umstand, dass es überhaupt Schlechtes gibt, hält er für das Resultat einer logischen Notwendigkeit. Diese ergibt sich für ihn daraus, dass zwei Arten der Teilnahme am Guten möglich sind: die ewige, unveränderliche und vollkommene im Bereich des Überzeitlichen und die vorläufige, wandelbare und zwangsläufig beschränkte in der Zeitlichkeit. Eine beschränkte Teilnahme ist als solche unvollkommen. Damit stellt sie eine Art „Beraubung“ dar, denn die so teilnehmende Entität ist partiell eines Gutes beraubt, das sie vollständig hätte, wenn die der Zeitlichkeit inhärenten Beschränkungen dem nicht entgegenstünden. Jedes Übel ist das Gegenteil eines bestimmten Gutes und besteht in dem durch die Zeitlichkeit bedingten partiellen Mangel dieses Gutes. Das absolut Gute hingegen, aus dem alles hervorgeht, kann kein derartiges Gegenteil haben. Ihm kann nichts entgegengesetzt sein.[59]
Da alles Seiende seinen Ursprung im Guten hat, muss das Schlechte als etwas Nichtseiendes betrachtet werden. Die einzelnen Übel sind Manifestationen von Nichtseiendem. Konkret handelt es sich jeweils um eine bestimmte Störung der naturgemäßen Ordnung, ein teilweises, zeitweiliges Nichtvorhandensein der Ordnung. Einen einzigen, gemeinsamen Ursprung der Übel kann es nicht geben, denn ein solcher müsste entweder ein erstes Prinzip oder eine Form oder eine Seele sein, doch für jeden dieser drei theoretisch möglichen Ursprünge ist von Natur aus eine Verursachung von Übeln ausgeschlossen. Die Übel bilden keine Einheit, sie stehen im Widerspruch zueinander und haben viele verschiedenartige Ursachen.[60]
Da es nichts absolut Schlechtes gibt, sind die Übel dem Guten nicht absolut entgegengesetzt; vielmehr haben sie einen gewissen Anteil an ihm. Alles Schlechte muss mit Gutem vermischt sein. Wenn das Schlechte in der bloßen Abwesenheit des Guten bestünde, wäre es rein passiv und könnte nicht agieren. Die Übel verfügen aber über eine eigene Kraft und Befähigung, mit der sie sich dem Guten widersetzen. Diese Fähigkeit verdanken sie demjenigen Guten, das auch in ihnen anwesend ist. Ohne die Präsenz dieses Guten könnten sie keinerlei Wirkungen haben.[61]
Betrachtet man die Natur als Ganzes, so ist die Möglichkeit der Existenz des Schlechten in ihr auszuschließen, denn die Natur ist direkt auf das Prinzip des Guten zurückzuführen und daher für das Schlechte unempfänglich; sie ist rundum gut. Übel können nicht die Natur selbst befallen, sondern nur einzelne materielle Körper und die an diese Körper gebundenen Seelen. Im Körper zeigen sich die Übel als Hässlichkeit oder Krankheit, in der Seele als Schwäche, als Nachlassen der vereinheitlichenden Kraft, die für das richtige, naturgemäße Verhältnis der Seelenteile sorgen müsste. Seelische Übel sind im Allgemeinen größer als körperliche. Sie entstehen, wenn der rationale Seelenteil seine Lenkungsfunktion nicht mehr so ausübt, wie es erforderlich wäre. Auch hier erweist sich das Übel als Störung der Ordnung. Schlechtes wird von der Seele nie als solches gewählt, sondern als vermeintlich Gutes.[62]
Vorsehung und menschlicher Wille
Nach der Überzeugung des Proklos lenkt die göttliche Vorsehung das Weltall und jedes einzelne Individuum. Dies geschieht aber nicht durch willkürliche Akte der Gottheit, sondern aufgrund einer Naturgegebenheit. Es kann nicht anders sein, denn alles Seiende ist von Natur aus ein Bestandteil der Weltordnung, die das Produkt des Einen ist. Die Vorsehung gründet im Einen und kann mit dessen Einfluss auf das Seiende gleichgesetzt werden. Zwar ist der Abstand zwischen der Ebene des Einen und derjenigen der irdischen Dinge groß, doch hemmt die Distanz die Wirkmacht nicht. Vielmehr gilt der Grundsatz: Je höher und damit machtvoller eine Wirklichkeitsebene ist, desto tiefer reichen ihre Wirkungen hinab. Beispielsweise wirkt das Seelische nur auf die Ebene der Lebewesen ein, während der Nous als höhere Hypostase auch das Unbelebte, dem er Form verleiht, zu gestalten vermag. Nichts ist machtvoller als das durch die Götter vermittelte Wirken des Einen, das die gesamte Wirklichkeit durchdringt.[63] Der metaphysische „Ort“, von dem aus die Vorsehung auf die Bereiche unterhalb der geistigen Welt einwirkt, ist der intellektuelle Bereich der geistigen Welt.[64] Alle Götter üben Vorsehung aus, und unterhalb der göttlichen Ebene sind Wesen wie Daimonen und Heroen, die auch am Wirken der Vorsehung beteiligt sind.[65]
Da das Eine für das Seiende das schlechthin Gute ist, kann die Vorsehung nichts anderes anstreben und verwirklichen als das jeweils Bestmögliche. Hier stellt sich für Proklos das Problem der Vereinbarkeit der Vorsehung mit der Existenz der Übel. Er prüft zwei Lösungsansätze, die den Gedanken der Vorsehung mit dem Konzept eines metaphysischen Guten verbinden. Der eine basiert auf der Annahme, dass der Einfluss der Vorsehung nur bis zur Mondsphäre hinabreiche und auf den „sublunaren“ Bereich (alles, was unterhalb des Mondes ist) nicht einwirke. Die Übel seien real, aber auf den sublunaren Bereich beschränkt. Die zweite Lösungshypothese lautet, dass die Vorsehung alles optimal lenke und es daher nichts wirklich Schlechtes gebe. Proklos verwirft beide Ansätze als unbefriedigend.[66] Ein weiteres Konzept, das er untersucht, steht in weit schärferem Gegensatz zu seiner Philosophie als diese beiden. Dabei handelt es sich um einen mechanistischen Determinismus. Dieser Position zufolge ist der Kosmos eine Maschine, die ethisch indifferenten Naturgesetzen folgt. Gesichertes philosophisches Wissen ist nicht erreichbar; die Vorstellung der Willensfreiheit ist eine Illusion; das Gute ist keine objektive Realität, sondern ein Konstrukt des Menschen, das auf willkürlichen, kulturabhängigen Konventionen basiert und Ausdruck des Luststrebens ist. Proklos geht auf einige Argumente ein, die ein Vertreter dieser Weltanschauung vorgebracht hat. Insbesondere widerspricht er der Behauptung, dass eine göttliche, überzeitliche Kenntnis des Künftigen nicht nur die menschliche Willensfreiheit, sondern jede Möglichkeit nichtnotwendiger Ereignisse ausschließe.[67]
Proklos unterscheidet – hier einem stoischen Konzept folgend – zwischen natürlichen Übeln, die vom menschlichen Willen unabhängig sind, wie Armut, Krankheit und Tod, und Übeln, die Ergebnisse einer freien Wahl des Menschen sind. Die natürlichen Übel hält er nicht für wirklich schlecht, denn sie seien nur eine unvermeidliche Folge der guten und notwendigen Existenz einer Welt der fließenden Zeit. Wo es ein Werden in der Zeit gebe, da müsse sich auch ein Prozess des Vergehens abspielen; das Verderben eines einzelnen Körpers bedeute die Entstehung eines anderen. Das sei um des endlosen Kreislaufs willen erforderlich, der in einer Welt des zeitlichen Nacheinander stattfinden müsse. Daher sei das Verderben der Körper unter dem Blickwinkel des Ganzen nicht schlecht, und das sei der hier maßgebliche Gesichtspunkt. Es sei mit dem Wirken der Vorsehung im Einklang. Wirklich schlecht sei nur das ethisch Schlechte, das heißt die Übel der einzelnen Seelen. Diese seien aber keine Wirkungen der Vorsehung, sondern Resultate einer in den Seelen auftretenden Schwäche.[68]
Nach dem proklischen Modell bedeutet die Lenkung der Welt durch die Vorsehung keinen vollständigen Determinismus aller Abläufe. Es gibt auch etwas, was nicht von der Vorsehung, sondern „von uns“ abhängt. Eine Selbstmächtigkeit der Seele muss angenommen werden. Diese Annahme ergibt sich aus dem Grundsatz, dass die vernünftig agierende Natur nichts vergeblich macht. Wäre alles Seelische restlos von der Vorsehung determiniert, so wäre die menschliche Fähigkeit zur Überlegung und Entscheidungsfindung, deren Betätigung eine Wahlmöglichkeit voraussetzt, überflüssig. Dann hätte die Natur den Menschen nicht mit dieser Fähigkeit ausgestattet. Ein weiteres Argument lautet: Wenn alles determiniert ist, ist auch die Entstehung der Behauptung „Nicht alles ist determiniert“ von der absoluten Notwendigkeit bestimmt. Das bedeutet, dass die absolute Notwendigkeit als Ursache bei den Verursachten eine Bewegung – nämlich eine Behauptung gegen die absolute Notwendigkeit – erzeugt, die sich derjenigen Bewegung, die von der eigenen Natur der Ursache bewirkt ist, entgegensetzt. Für Proklos ist die Annahme, dass eine Ursache etwas ihrer eigenen Natur Entgegengesetztes erzeugt, widersinnig. Daraus folgt, dass die Seele einen nicht von der Vorsehung determinierten Willen hat. Sie kann echte Wahlentscheidungen treffen und dabei aus Schwäche versagen.[69]
Philosophische Bewertung der Dichtkunst
Auch im Umgang mit der Dichtung war das Anliegen des Proklos philosophisch und religiös. Er hielt Dichter wie Homer und Hesiod für göttlich inspiriert und betrachtete die Chaldäischen Orakel als authentische Offenbarungen von Göttern. Bei der Homer-Auslegung verfuhr er mit Vorliebe nach dem Prinzip der Allegorese. Den aus philosophischer Sicht anstößigen Schilderungen des Verhaltens der Götter bei Homer versuchte er einen für Platoniker einleuchtenden Sinn zu geben, indem er dem Dichter eine verborgene didaktische Absicht unterstellte.[70]
Ein Problem stellte für den begeisterten Homer-Verehrer Proklos die prinzipielle Kritik Platons an der Dichtkunst dar. Er löste es, indem er geltend machte, Platon verwerfe nur die nachahmende Dichtkunst, welche die niedrigste Art von Poesie sei. Bei Homer spiele jedoch die Nachahmung nur eine untergeordnete Rolle; in erster Linie sei er göttlich inspiriert und seine Dichtung sei geeignet, die Seele mit der Welt der immateriellen Ursachen zu verbinden. Dann trete die eigene, niedere Natur des Menschen zurück, die Seele werde von der Gottheit erfüllt und erreiche so eine Vereinigung mit ihr.[71]
Damit wies Proklos der homerischen Dichtung eine wichtige Aufgabe im Rahmen der metaphysischen Bestrebungen des Neuplatonismus zu. Eingehend bemühte er sich um eine Harmonisierung Platons und Homers.[72] Die Grundlage seines Harmonisierungswillens war seine Überzeugung, die göttlich inspirierten Dichter wie Homer, Hesiod, Orpheus und Pindar seien Theologen und verkündeten die wahre Lehre von den höchsten Prinzipien. Die Unterweisung, die sie den Menschen böten, sei ebenso korrekt wie die Platons, nur verwendeten sie eine andere Darstellungsweise als der Philosoph. Durch allegorische Interpretation der Dichtung könne deren verborgener Sinn gefunden werden; dann zeige sich die Übereinstimmung der poetischen Botschaft mit den philosophischen Erkenntnissen.[73]
Mathematisierung der Philosophie
Die hohe Wertschätzung der Platoniker für die Mathematik, die auf Platon selbst zurückging, war bei Proklos besonders ausgeprägt. In seinem Euklidkommentar behauptete er, dass ausnahmslos alle Zweige des menschlichen Denkens mathematisierbar seien, darunter auch die Theologie (Metaphysik). Eine Konsequenz dieser Annahme war, dass in seiner Philosophie metaphysische Aussagen die Unerschütterlichkeit von Sätzen der Mathematik erlangten. Nach seiner Überzeugung ermöglicht die Mathematisierung eine Durchdringung aller Wissensgebiete: So wie die Mathematik auf physikalischem Gebiet die Berechnung der Planetenbahnen ermöglicht, lässt sich in der Staatskunde der günstigste Moment für eine politische Aktion berechnen. Auch den Gesetzen der Ethik und der Rhetorik liegen mathematische Gegebenheiten zugrunde; in der Dichtkunst beruhen die Gesetze der Metrik auf bestimmten Proportionen. So erweist sich für Proklos überall die Macht der Mathematik; sie „reinigt das Denken“, „befreit uns von den Fesseln des Irrationalen“ und beschenkt die Seele, indem sie sie zum rein Geistigen hinleitet, „mit einem Leben der Glückseligkeit“.[74] Allerdings ist Proklos nicht der Ansicht, physikalische Phänomene seien restlos auf mathematische Gegebenheiten reduzierbar. Er betont, dass sich mathematische Genauigkeit und Sicherheit in der Naturphilosophie nicht erreichen lasse und dass Sinnesobjekte etwas anderes seien als mathematische Objekte. Sie seien durch eine gewisse Unschärfe und Instabilität charakterisiert, die ihrer mathematischen Erfassbarkeit Grenzen setze.[75]
Astronomie
Für das neuplatonische Weltbild, das auf der Vorstellung eines optimal geordneten Kosmos basierte, stellte die Unregelmäßigkeit der von der Erde aus beobachteten Planetenbewegungen eine Herausforderung dar. Den kosmologischen Rahmen bildete das in der Spätantike allgemein akzeptierte geozentrische Modell des Astronomen Ptolemaios, dem zufolge sich die Erde in der Mitte des Weltalls befindet und von allen anderen Himmelskörpern umkreist wird. Dieses System erforderte die Annahme von Nebenbewegungen der Planeten neben ihrer Hauptbewegung um den Weltmittelpunkt. Zur Erklärung der Nebenbewegungen diente die Epizykeltheorie, die mittels komplizierter Berechnungen Theorie und Empirie in Einklang bringen sollte. Zu dieser Problematik äußerte sich Proklos in seinem Kommentar zu Platons naturphilosophischem Dialog Timaios, den er im Alter von 27 Jahren schrieb, und in seiner Kurzen Darstellung astronomischer Hypothesen. Er drückte seine Unzufriedenheit mit den mathematischen Konstruktionen aus, die das ptolemäische Modell zur Erklärung der Planetenbewegungen benötigte. Die Astronomen waren gezwungen, zwecks Berücksichtigung zusätzlicher Beobachtungen ihre Konstruktionen dem jeweiligen empirischen Befund anzupassen. Aus dieser Sachlage folgerte Proklos, dass die Astronomie keine exakte Wissenschaft sei. Seine eigene Erklärung für die beobachtete Ungleichförmigkeit der Planetenbewegungen lautete, dass nur die äußerste Himmelssphäre, der Fixsternhimmel, eine völlig gleichförmige und damit perfekte Bewegung aufweise. Als Gegenpol dazu betrachtete Proklos die völlig irregulären, willkürlichen, chaotischen Bewegungen von Objekten auf der Erde. Den geordneten, aber nicht gleichförmigen Planetenbewegungen wies er eine Mittelstellung zwischen diesen beiden Extremen zu.[76]
Proklos verwarf das verbreitete Modell starrer „Sphären“, dem zufolge die Gestirne an durchsichtigen, konzentrisch um die Weltmitte angeordneten, sich gleichförmig drehenden Hohlkugeln befestigt sind. Er akzeptierte die Existenz der Sphären, betrachtete sie aber nicht als feste Körper, sondern als Räume von spezifischer Konsistenz mit einem materiellen und einem immateriellen Aspekt. Damit entfiel für ihn die physische Funktion, die man ihnen zuzuweisen pflegte.[77]
- ↑ Zur Bedeutung des systematischen Charakters von Proklos’ Denken siehe Werner Beierwaltes: Procliana, Frankfurt 2007, S. 65–84; Christoph Horn: Proklos. Zur philosophiegeschichtlichen Stellung und zum Forschungsstand. In: Matthias Perkams, Rosa Maria Piccione (Hrsg.): Proklos. Methode, Seelenlehre, Metaphysik, Leiden 2006, S. 7–34, hier: 10–12.
- ↑ Siehe zu Proklos’ Aristoteles-Rezeption Carlos Steel: Why should we prefer Plato’s Timaeus to Aristotle’s Physics? In: Robert W. Sharples, Anne Sheppard (Hrsg.): Ancient Approaches to Plato’s Timaeus, London 2003, S. 175–187; Christoph Helmig: Forms and Concepts, Berlin 2012, S. 205–221.
- ↑ Proklos, In Platonis Timaeum I 12,30–13,7.
- ↑ Siehe dazu Michael Erler: Platons Schriftkritik und der Sinn der Aporien im Parmenides nach Platon und Proklos. In: Jean Pépin, Henri Dominique Saffrey (Hrsg.): Proclus lecteur et interprète des anciens, Paris 1987, S. 153–163, hier: 154 f.
- ↑ Eine Übersichtsdarstellung bietet Pauliina Remes: Neoplatonism, Socksfield 2008, S. 7–9, 35–47.
- ↑ Eine Übersichtsdarstellung bietet Pauliina Remes: Neoplatonism, Socksfield 2008, S. 47–59.
- ↑ Übersichtsdarstellungen bieten Pauliina Remes: Neoplatonism, Socksfield 2008, S. 59–75 und Radek Chlup: Proclus, Cambridge 2012, S. 16–32.
- ↑ Siehe zur philosophischen Praxis Radek Chlup: Proclus, Cambridge 2012, S. 234–254. Vgl. Henri D. Saffrey, Leendert G. Westerink (Hrsg.): Proclus: Théologie platonicienne, Bd. 1, Paris 1968, S. XXVI–XXXV.
- ↑ Robbert M. van den Berg (Hrsg.): Proclus’ hymns, Leiden 2001, S. 27–31; Henri D. Saffrey: Accorder entre elles les traditions théologiques: une caractéristique du néoplatonisme athénien. In: Egbert P. Bos, Pieter A. Meijer (Hrsg.): On Proclus and his influence in medieval philosophy, Leiden 1992, S. 35–50.
- ↑ Gyburg Radke: Das Lächeln des Parmenides, Berlin 2006, S. 72 f. Vgl. Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 228 f.; Marije Martijn: Proclus’ geometrical method. In: Pauliina Remes, Svetla Slaveva-Griffin (Hrsg.): The Routledge Handbook of Neoplatonism, London 2014, S. 145–159.
- ↑ Siehe zu dem Konzept und zur Terminologie Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 28–32. Vgl. Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 259–267, 303–311.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 31 f.; Klaus Kremer: Die neuplatonische Seinsphilosophie und ihre Wirkung auf Thomas von Aquin, Leiden 1971, S. 207–209.
- ↑ Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 70–72; Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 40–42.
- ↑ Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 76–82; Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 41–50.
- ↑ Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 82–86; Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 51–55.
- ↑ Proklos, In Platonis Parmenidem 1128.
- ↑ Jens Halfwassen: Plotin und der Neuplatonismus, München 2004, S. 158–160.
- ↑ Proklos, In Platonis Parmenidem 1191.
- ↑ Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 279–284; Jens Halfwassen: Plotin und der Neuplatonismus, München 2004, S. 160 f.; Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt am Main 1979, S. 361–382.
- ↑ Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 89–110; Christoph Horn: Proklos. Zur philosophiegeschichtlichen Stellung und zum Forschungsstand. In: Matthias Perkams, Rosa Maria Piccione (Hrsg.): Proklos. Methode, Seelenlehre, Metaphysik, Leiden 2006, S. 7–34, hier: 22–25; Anthony C. Lloyd: The Anatomy of Neoplatonism, Oxford 1990, S. 166–169; Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 74–83, 115.
- ↑ Werner Beierwaltes: Procliana, Frankfurt 2007, S. 80; Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 24–50; Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 111–113.
- ↑ Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 50–89; Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 117 f.; Friedemann Drews: Menschliche Willensfreiheit und göttliche Vorsehung bei Augustinus, Proklos, Apuleius und John Milton, Bd. 1, Frankfurt 2009, S. 262–291.
- ↑ Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 118–164; Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 63–65.
- ↑ Siehe dazu Dirk Cürsgen: Henologie und Ontologie, Würzburg 2007, S. 87–94, 139–142.
- ↑ Siehe zur Methode des Proklos im metaphysischen Diskurs Werner Beierwaltes: Procliana, Frankfurt 2007, S. 82–84; Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 15–19.
- ↑ Siehe zur Problematik der Terminologie Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 113.
- ↑ Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 110–115.
- ↑ Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 74 f., 115 f.; Radek Chlup: Proclus, Cambridge 2012, S. 92–99.
- ↑ Siehe dazu Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 117–123, 128–131.
- ↑ Siehe dazu Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 131–136.
- ↑ Siehe dazu Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 136–143; Michele Abbate: Il divino tra unità e molteplicità. Saggio sulla Teologia Platonica di Proclo, Alessandria 2008, S. 128–138.
- ↑ Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 150–155.
- ↑ Siehe dazu Veronika Maria Roth: Das ewige Nun, Berlin 2008, S. 142 f., 147–149, 155–160.
- ↑ Pieter d’Hoine: The Status of the Arts. Proclus’ Theory of Artefacts. In: Elenchos 27, 2006, S. 305–344; Carlos Steel: Proclus et les arguments pour et contre l’hypothèse des idées. In: Revue de Philosophie Ancienne, Bd. 2 Nr. 2, 1984, S. 3–27.
- ↑ Heinrich Dörrie, Matthias Baltes: Der Platonismus in der Antike, Bd. 5, Stuttgart-Bad Cannstatt 1998, S. 375–377; Matthias Baltes: Dianoemata, Stuttgart 1999, S. 305–308.
- ↑ Siehe zu diesen Modellen Matthias Baltes: Die Weltentstehung des platonischen Timaios nach den antiken Interpreten, Teil 1, Leiden 1976, S. 38–63; Matthias Baltes: Dianoemata, Stuttgart 1999, S. 90–95.
- ↑ John F. Phillips: Neoplatonic Exegeses of Plato’s Cosmogony (Timaeus 27C–28C). In: Journal of the History of Philosophy 35, 1997, S. 173–197.
- ↑ Benjamin Gleede: Platon und Aristoteles in der Kosmologie des Proklos, Tübingen 2009, S. 48; Matthias Baltes: Die Weltentstehung des platonischen Timaios nach den antiken Interpreten, Teil 2, Leiden 1978, S. 43 f., 46–50.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 29–33.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 30–33.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 28, 36; John Phillips: Order from Disorder, Leiden 2007, S. 140–148.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 40 f., 55 f.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 34–38.
- ↑ Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 193–196.
- ↑ Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 196 f.
- ↑ Benjamin Gleede: Platon und Aristoteles in der Kosmologie des Proklos, Tübingen 2009, S. 160–162.
- ↑ Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 197–199; Emilie F. Kutash: Eternal Time and Temporal Expansion: Proclus’ Golden Ratio. In: Panayiota Vassilopoulou, Stephen R. L. Clark (Hrsg.): Late Antique Epistemology, Basingstoke 2009, S. 44–66, hier: 47–52; Éric Joly: Le temps n’est pas un produit de l’âme: Proclus contre Plotin. In: Laval théologique et philosophique 59, 2003, S. 225–234, hier: 229–234.
- ↑ Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 210 f., 213 f.
- ↑ Werner Beierwaltes: Proklos, 2., erweiterte Auflage, Frankfurt 1979, S. 207–214.
- ↑ Proklos, Platonische Theologie 1,25, herausgegeben von Henri D. Saffrey, Leendert G. Westerink: Proclus: Théologie platonicienne, Bd. 1, Paris 1968, S. 113 Z. 6–10. Zur Interpretation dieser Stelle siehe Anne Sheppard: Proclus’ attitude to theurgy. In: The Classical Quarterly 76 (= New Series 32), 1982, S. 212–224, hier: 219–221. Zur Theurgie bei Proklos siehe auch Robbert M. van den Berg: Towards the Paternal Harbour. Proclean Theurgy and the Contemplation of the Forms. In: Alain-Philippe Segonds, Carlos Steel (Hrsg.): Proclus et la Théologie Platonicienne, Leuven/Paris 2000, S. 425–443; Ilinca Tanaseanu-Döbler: Theurgy in Late Antiquity, Göttingen 2013, S. 186–257. Vgl. Michael Erler: Interpretieren als Gottesdienst. In: Gilbert Boss, Gerhard Seel (Hrsg.): Proclus et son influence, Zürich 1987, S. 179–217, hier: 183 f.
- ↑ Michael Erler: Interpretieren als Gottesdienst. In: Gilbert Boss, Gerhard Seel (Hrsg.): Proclus et son influence, Zürich 1987, S. 179–217, hier: 180–185, 216 f.
- ↑ Robbert M. van den Berg (Hrsg.): Proclus’ hymns, Leiden 2001, S. 18–34.
- ↑ Robbert M. van den Berg (Hrsg.): Proclus’ hymns, Leiden 2001, S. 18–22, 138–140.
- ↑ Platon, Timaios 29e–37c.
- ↑ Siehe dazu Mischa von Perger: Die Allseele in Platons Timaios, Stuttgart 1997, S. 33–35.
- ↑ Siehe zu diesen Götterklassen Robbert M. van den Berg (Hrsg.): Proclus’ hymns, Leiden 2001, S. 35–43; Radek Chlup: Proclus, Cambridge 2012, S. 119–127. Vgl. Emilie Kutash: The Ten Gifts of the Demiurge, London 2011, S. 177–192.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 41–44, 46, 94–98.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 46–49; John Phillips: Order from Disorder, Leiden 2007, S. 43–46, 82–88; Jan Opsomer, Carlos Steel (Übersetzer): Proclus: On the Existence of Evils, London 2003, S. 15–19.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 59–62; John Phillips: Order from Disorder, Leiden 2007, S. 46, 57–74.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 62, 74–79; John Phillips: Order from Disorder, Leiden 2007, S. 44 f., 80–84.
- ↑ John Phillips: Order from Disorder, Leiden 2007, S. 85; Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 60–62.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 64–71, 80 f., 83–85; John Phillips: Order from Disorder, Leiden 2007, S. 46 f., 50 f., 105, 227–240; Radek Chlup: Proclus, Cambridge 2012, S. 208–218.
- ↑ Anthony C. Lloyd: The Anatomy of Neoplatonism, Oxford 1990, S. 106 f.; Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 99.
- ↑ Jean-Michel Charrue: Providence et liberté dans la pensée de Proclus. In: Philotheos 9, 2009, S. 57–83, hier: 59–61.
- ↑ Proklos, Über zehn die Vorsehung betreffende Zweifelsfragen 65.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 98 f.
- ↑ Siehe dazu Carlos Steel (Übersetzer): Proclus: On Providence, London 2007, S. 11–34 (Einleitung des Übersetzers).
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 98–105.
- ↑ Nestor Kavvadas: Die Natur des Schlechten bei Proklos, Berlin 2009, S. 139–141.
- ↑ Radek Chlup: Proclus, Cambridge 2012, S. 185–193.
- ↑ Proklos, Kommentar zur Politeia I 177,4–179,2 und I 192,4–205,23.
- ↑ Michael Erler: Interpretieren als Gottesdienst. In: Gilbert Boss, Gerhard Seel (Hrsg.): Proclus et son influence, Zürich 1987, S. 179–217, hier: 187–192; Suzanne Stern-Gillet: Proclus and the Platonic Muse. In: Ancient Philosophy 31, 2011, S. 363–380. Vgl. Anne Sheppard: Proclus as exegete. In: Stephen Gersh (Hrsg.): Interpreting Proclus, Cambridge 2014, S. 57–79, hier: 68–73.
- ↑ Reinhard Pichler: Allegorese und Ethik bei Proklos, Berlin 2006, S. 66–79. Vgl. Radek Chlup: Proclus, Cambridge 2012, S. 185–200; Patrizia Marzillo (Hrsg.): Der Kommentar des Proklos zu Hesiods „Werken und Tagen“, Tübingen 2010, S. XXII–XLVIII.
- ↑ Shmuel Sambursky: Naturerkenntnis und Weltbild, Zürich/München 1977, S. 24–26.
- ↑ Marije Martijn: Proclus on Nature, Leiden 2010, S. 179–192.
- ↑ Lucas Siorvanes: Proclus, New Haven/London 1996, S. 266–268, 278–284, 293–301; Emilie Kutash: The Ten Gifts of the Demiurge, London 2011, S. 128–132; Alain Philippe Segonds: Philosophie et astronomie chez Proclus. In: Gilbert Boss, Gerhard Seel (Hrsg.): Proclus et son influence, Zürich 1987, S. 159–177, hier: 163–177; Shmuel Sambursky: The Physical World of Late Antiquity, London 1962, S. 145–150; Dirk Baltzly (Übersetzer): Proclus: Commentary on Plato’s Timaeus, Bd. 5, Cambridge 2013, S. 17–21.
- ↑ Lucas Siorvanes: Proclus, New Haven/London 1996, S. 282.