Institutiones Grammaticae (Priscian)
also der Priscianus maior und Priscianus minor

Die Institutiones grammaticae sind eine systematische Darstellung der lateinischen Grammatik, dem Konsul und Patricius Julian gewidmet, den manche Forscher mit dem Autor des bekannten Auszugs von Justinians Novellae (einem Teil des Corpus iuris civilis) gleichsetzen, doch scheint dieser Jurist einige Zeit später als Priscian gelebt zu haben. Vielleicht ist daher eher jener Julian gemeint, der um 530 als Justinians praefectus praetorio Orientis amtierte und selbst als Dichter dilettierte. Die Institutiones sind in achtzehn Bücher aufgeteilt, von denen die ersten sechzehn sich hauptsächlich mit Klang, Wortbildung und Flexionen befassen, die letzten beiden, die etwa ein Drittel bis ein Viertel des Gesamtwerks darstellen, mit der Syntax.
Priscian informiert in seinem Vorwort darüber, dass er diejenigen Grundregeln der Griechen Ailios Herodianos und Apollonios Dyskolos ins Lateinische übernommen habe, die ihm angemessen erschienen, und sie um die lateinische Grammatik ergänzt habe. Er hat viele Fragmente älterer Autoren, die ansonsten verloren gegangen wären, überliefert, zum Beispiel von Ennius, Pacuvius, Lucius Accius, Gaius Lucilius, Cato und Marcus Terentius Varro. Die Autoren, die er am häufigsten zitiert, sind jedoch vor allem Vergil, dann Terenz, Cicero und Plautus, schließlich Lucan, Horaz, Juvenal, Sallust, Statius, Ovid, Livius und Persius.
Sein Fleiß bei der Sammlung von Formen und Beispielen war groß, sein Vorgehen methodisch. Sein lateinischer Stil ist ohne Schnörkel, er schreibt eine klare, verständliche Fachsprache.
Die Mängel seiner Arbeit können (aus moderner Sicht) in vier Hauptpunkten zusammengefasst werden:
- Priscian behandelt eingestandenermaßen griechische Autoren und griechische Grammatik als oberste Autoritäten und berücksichtigt zu wenig, dass jede Sprache, auch die lateinische, eine eigene Geschichte und eine eigene Gesetzlichkeit hat.
- Es gab keine systematische Untersuchung der Phonetik, und folglich werden die Veränderungen in den Sprachen rein mechanisch behandelt: i verändert sich zum Beispiel zu a, wie in genus, generis, generatum; zu o, wie in saxi, saxosus; q wird zu s, wie in torqueo, torsi etc.
- Die Auflösung eines Wortes in Wurzel oder Stamm und ungebeugte oder abgeleitete Affixe war ein in der Antike völlig unbekannter Gedanke, und die Formregeln basieren oft auf unwichtigen Phänomenen: zum Beispiel ende Venus als einziger weibliche Eigenname auf ein kurzes -us, wahrscheinlich werde es deswegen konsonantisch dekliniert, damit der regelmäßige Genitiv der zweiten Deklination nicht mit dem Imperativ des Verbs venireverwechselt werden könne. Der Genetiv des Substantivs ador sei aufgrund eines Regelkonflikts außer Gebrauch gekommen, da Neutra auf or eine kurze vorletzte Silbe haben (zum Beispiel aequor, aequŏris), hingegen adōro, wovon ador abgeleitet ist, eine lange.
- Die praktische Bedeutung der Flexionen wird nicht erkannt, und ihr syntaktischer Gebrauch wird behandelt, als sei er willkürlich oder zufällig. Dies als allgemeine Regel für deklinierbare Wörter niedergelegt, die, wenn sie sich auf ein und die gleiche Person beziehen, den gleichen Kasus, Genus und Numerus haben müssen, wird bei Priscian ergänzt um die Aussage, dass bei transitiven Wörtern verschiedene Numeri benutzt werden können, zum Beispiel doceo discipulos, docemus discipulum.
Oft gibt Priscian eine Regel auch zu allgemein oder zu eingeengt an und sucht dann nach Einschränkungen beziehungsweise Erweiterungen. Seine „Etymologien“ sind manchmal äußerst gewagt bzw. abwegig: zum Beispiel caelebs von caelestium vitam ducens, b statt eines konsonantischen u, weil ein Konsonant nicht vor einem anderen stehen kann; deterior vom Verb detero, deteris, potior (als Adjektiv) von potior, potiris; arbor von robur; verbum von verberatus aeris etc. Auch in griechischen Usancen liegt er nicht immer richtig. Trotz dieser Schwächen war Priscians Leistung sehr beachtlich.