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beryllus (Cusanus)

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Der Beryll ist ein Edelstein, dem im Werk des Nikolaus von Kues eine wichtige Rolle zukommt, weil Nikolaus dasjenige Werk, mit welchem seine Spätphilosophie einsetzt und welches einen neuen Zugriff auf die zentralen Lehrstücke der →docta ignorantia und der → ((coincidentia oppositorum))[+] präsentiert, nach ihm benannt ist. Die Schrift versteht sich dezidiert als eine methodische Schrift zur Anleitung der Schau desjenigen, was erst durch diese Lehren sichtbar wird. Dabei soll der Leser im Durchdenken des von Cusanus Geschriebenen sich die geistige Fähigkeit zur Schau erwerben.

Die Beschreibung des Berylls als Stein

Cusanus schreibt eingangs über diesen Stein:

„Der Beryll ist ein glänzender, weißer und durchsichtiger Stein. Ihm wird zugleich eine konkave und eine konvexe Form verliehen, und wer durch ihn hindurchsieht, berührt zuvor Unsichtbares. Wenn den Augen der Vernunft ein vernunftgemäßer Beryll, der die größte und die kleinste Form zugleich hat, richtig angepaßt wird, wird durch seine Vermittlung der unteilbare Ursprung von allem berührt.“ De Beryllo n.3.

Der Beryll ist ein glänzender, weißer und durchsichtiger Stein. Diese Angabe fand Cusanus schon bei Albert vor. Dieser notierte nicht nur, daß der Beryll ein durchsichtiger Edelstein von weißer Farbe sei, sondern er fügt auch gleich noch den Grund an: Es scheine, daß in ihm sich das Wasser noch bewege, vgl. Albertus Magnus, Liber II Mineralium, tract. II, c. 2 (ed. Borgnet V, 32). Das ist eine sehr hohe Auszeichnung.

Um sie zu verstehen, müssen wir ganz kurz auf Alberts Theorie der Entstehung von Steinen blicken. Für Albert besteht ein Stein aus Erde und Wasser. Dabei hat die Erde doch immer die Oberhand; denn nahezu alle Steine, so hält Albert fest, versinken im Wasser, vgl. ebd. tract. I, c. 2 (ed. Borgnet V, 2 f.). Das gilt sogar für den Bimsstein und andere Vulkansteine – zumindest dann, wenn man sie zu Pulver zerreibt: Das Pulver sinkt im Wasser zu Boden. Durchsichtige Steine sind diejenigen, welche man Edelsteine nennt, vgl. ebd. tract. I, c. 3 (ed. Borgnet V, 4). Sie enthalten Wasser, welches man, indem man sie in ein sehr heißes Feuer gibt, verdampfen sieht. Dieses Wasser ist für ihre Durchsichtigkeit mitverantwortlich. Je höher der Wasseranteil eines Steines ist, desto edler ist er.

Wichtig ist der Hinweis, dass der durchsichtige Beryll auch für Albert nicht irgendein Edelstein ist, sondern ein besonders ausgewiesener. Dabei sei ein Aspekt betont: Albert verwendet die Auszeichnung, dass sich das Wasser im Beryll noch zu bewegen scheine. Der Beryll wird auf diese Weise, wenn ihm Eigenbewegung zugeschrieben wird, gleichsam zu einem ´lebendigen Stein´. Wir behalten diese cusanische Charakterisierung im Hinterkopf; sie ist für das philosophische Verständnis des Steins bei Cusanus wichtig.


Freilich rühmt Albert auch ganz anderes als Cusanus am Beryll. Er sagt ihm nach, dass der Beryll gegen Feinde und Streit helfe und unbesiegbar mache. Das scheint auf den ersten Blick ziemlich abwegig und abergläubisch. Indes, leistet der Beryll des Cusanus nicht – cum grano salis – das Gleiche? Der Beryll verhilft dem Geist des Menschen wider den Feind des Erkennens zur Wahrheit, indem er ihn über den Streit der Dialektik erhebt und in der Schau des Ineins-falls unbesiegbar macht. Zweifellos ist die Version des Cusanus viel rationalistischer als die Alberts, aber genauso zweifellos erkennt man in sublimierter Form die alten Eigenschaften des Berylls wieder.

Zwei Arten des Berylls

Wenn wir Alberts Angaben bezüglich der Beschaffenheit des Steines mit anderen Beschreibungen vergleichen, können wir aber eine aufschlussreiche Feststellung machen, nicht nur was den Zusammenhang von Beryll und Brille angeht – unzweifelhaft stammt ja ‚Brille‘ etymologisch von ‚Beryll‘ ab, vgl. z.B. Grimmsches Wörterbuch, Band 2, Sp. 283, s.v. Brille.–, sondern auch bezüglich der Frage, um was für einen Stein es sich bei dem Beryll des Cusanus eigentlich handelt.

Dass hier ein Problem vorliegt, darauf verweist auch Alberts Bemerkung, es gebe viele Arten und Gattungen dieses Steines. Er bezeichnete die durchsichtigen als die besten. Ferner bemerkt Albert, dass der Beryll als Linse fungiere und, in die Sonne gehalten, ein Feuer entfachen könne, vgl. Albertus Magnus: Liber II Mineralium, tract. II, c. 2 (ed. Borgnet V, 32); so auch Speculum naturale, Liber VIII, c. 48 bib:2424[+] . Einen geschliffenen Beryll kennt Albert noch nicht, doch ist die Vorläuferfunktion für die Brille hinreichend deutlich.

Ein ganz anderes Bild bietet sich hingegen, wenn man das ‚Speculum naturale‘ bib:2424[+] hinzu nimmt. Dieses kennt vor allem denjenigen Beryll, der dem Aquamarin verglichen wird und der als Heilmittel für schwache Augen gilt – aber nicht geschliffen, sondern indem man sich die Augen mit Wasser wusch, in dem vorher ein Beryll gelegen hatte, so zumindest scheint die Stelle im Speculum naturale, Liber VIII, c.48 bib:2424[+] verstanden werden zu müssen. Auch die farbliche Bestimmung fällt anders aus: Die ideale Farbe sei ölfarben – von reiner Durchsichtigkeit, wie sie für eine Linse erforderlich ist, keine Spur.

Offenbar gibt es zwei Arten von ‚Beryll‘. Die eine ist diejenige, wie Albert sie beschreibt. Schon seit Plinius nennt man den Beryll einen klaren, weißen und durchsichtigen Stein. Mit dieser Traditionslinie ist die Benennung ‚Brille‘ von ‚Beryll‘ geklärt. Aber es gibt doch ein Problem: Berylle dieser Art waren in Europa nicht zu finden. Das damals noch nicht erforschte Afrika weist entsprechende Berylle auf – aber das wissen wir erst heute. Selbst wenn man an Importe denkt, konnten diese doch kaum in solchem Maße erfolgen, wie es für eine Brillenproduktion notwendig gewesen wäre. Der ‚Beryll‘ dieser Traditionslinie ist also kein Beryll. In der Tat bildet die Stelle bei Cusanus einen der sehr frühen Belege dafür, daß man den Beryll, bzw. was man damals so nannte, geschliffen hat. Die Brille – Cusanus besaß ein solches Instrument, wie aus dem Inventarverzeichnis seines Nachlasses hervorgeht, vgl. n. 122: Item capseta cum occulariis (Etui mit Augengläsern), in: Mantese, Ein notarielles Inventar, 102 bib: 200[+] . – war ein Kind seiner Zeit (man vgl. → ((Jan van Eycks))[+] berühmte van der Paele-Madonna - ; er nutzte die zunehmenden Möglichkeiten, welche sich nicht zuletzt durch die Erfolge der Optik, die Entdeckung der Zentralperspektive etc. ergaben.

Neben dieser Art von ‚Beryll‘ steht die andere, welche das ‚Speculum naturale‘ beschreibt, die mit dem Aquamarin verglichen werden kann und deren beste Exemplare eine Farbe wie Öl aufweisen.

Offenkundig ist hier unter dem gleichen Namen von zwei verschiedenen Steinen die Rede. Der Stein, dessen Farbe dem Öl ähnlich ist, der dem Aquamarin verglichen wird, ist nach unserer heutigen Bezeichnung tatsächlich ein Beryll. Die Aquamarine gehören zu den Beryllen; einer sehr farbenreichen Gattung von Edelsteinen; es gibt rote, blaue oder grüne Berylle. Die Farbe des Meeres und des Öles findet sich bei Beryllen, die von nahezu durchsichtigem grün oder blau sind, in der Tat bis heute sehr kostbare Exemplare. Sie haben Plinius, Albert und Cusanus aber offenkundig gar nicht gemeint.

Der Beryll des Cusanus war ein Bergkristall

So bleibt die Frage, was als zweite Art von Beryll im Mittelalter fungierte. Was für ein Stein war der Beryll des Cusanus? Es muß ein Stein sein, der in größerer Menge gefunden wurde, der durchsichtig, hell leuchtend war, von Natur aus als Linse in Betracht kam und von solcher Härte, dass man ihn schleifen konnte. Die Antwort liegt auf der Hand: Was mit diesen Eigenschaften beschrieben ist, das ist der Bergkristall bzw. der Quarz, nach dem Wort Goethes: „Im Bergkristall zeigt sich der Quarz vollendet“. Der Bergkristall wäre dann als der in Europa verfügbare und durchsichtige Stein der Vater der Brille. In der Tat hat man offenbar Bergkristalle, andere durchsichtige Quarze und Halbedelsteine, die man wohl pauschal auch als Berylle bezeichnete, zum Verfertigen von Brillen verwendet, vgl. dazu: Glas, Aquamarin & Co bib:2425[+] .

Die Schrift über den Beryll ist demnach, wenn man mineralogisch korrekt in heutige Nomenklatur übersetzt, am besten mit „über den Bergkristall“ wiederzugeben; denn der lieferte die gewünschten Eigenschaften in bester Qualität.

Unbeschadet dieser Frage können wir aber festhalten, dass Cusanus mit dem Beryll einen alten, ruhmreichen Stein der Edelsteinkunde mit einer zukunftsweisenden, modernen Wissenschaft kombiniert. Er hebt nicht auf die Wundereigenschaften des Berylls ab, sondern bedient sich der Gesetze der Optik, welche an ihm sichtbar werden. Mit diesem Zugriff erweist er sich einmal mehr als Mann des Übergangs vom Mittelalter in die Neuzeit.

Harald Schwaetzer

08.10.2008