microcosmos (Cusanus)
Bereits in Sermo X weist Cusanus darauf hin, dass “so wie Gott in seiner Majestät mit Gerechtigkeit alles in Zahl, Gewicht und Maß lenkt [Wsh 11. 20], die Gerechtigkeit im Mikrokosmos alle Werke abwägt und zählt” (N15). Dass der Mensch seiner Natur nach nicht nur Teil der großen Welt ist, sondern diese auf seine Weise als kleine Welt Vergegenwärtigt und darstellt, ist jedoch ein Gedanke, den Cusanus erstmals im dritten Buch von De docta ignorantia formuliert und seinem Verständnis des Gottmenschen zugrunde legt. Er tut dies mit den Worten: “Die menschliche Natur ist die, welche über alle Werke Gottes emporgehoben, und nur wenig unter den Engeln [Ps. 8. 6; Heb. 2. 7], die geistige und sinnliche Natur einfaltet und alle Dinge innerhalb ihrer selbst zusammenfaßt, sodaß sie von den Alten treffend (rationabiliter) als Mikrokosmos oder kleine Welt bezeichnet wird. Sie ist demzufolge jene Natur, welche wenn sie zur Einung mit der Größe (maximitas) emporgehoben sein wird als die Fülle aller Vollkommenheit vom Allgemeinen und Besonderen so existieren würde, daß in der Menschheit alles den höchsten Grad erlangt hätte” (De docta ignorantia III. 3 N198).
Symbol und Begriff des Mikrokosmos sind für Cusanus in vierfacher Hinsicht von Be deutung. Erstens gebraucht er das Bild von der “kleinen Welt”, um die Sonderstellung des Menschen im Ganzen der Schöpfung in den Blick zu bringen. Zweitens greift er auf dieses Bild zurück, um das Selbstverständnis des Menschen und dessen Aufgabe zu präzisieren. Drittens sieht er in der Gegenüberstellung von Makrokosmos und Mikrokosmos die Möglichkeit, um sowohl den Menschen vom Universum her als auch das Universum vom Menschen her zu begreifen. Viertens beruft er sich auf Symbol und Begriff des Mikrokosmos, um die Vollendung des Menschseins in der Gestalt Christi zu verdeutlichen.
Sonderstellung des Menschen
Die soeben zitierte Stelle aus De docta ignorantia, an der sich Cusanus sowohl auf die Bibel stützt als auch die Vermittlung von geistiger und sinnlichere Natur hervorhebt, deutet schon auf die eigentümliche Position des Menschen im Ganzen von Welt und Wirklichkeit. Im Kapitel De homine des zweiten Buches von De coniecturis greift Cusanus den Gedanken vom Mikrokosmos wieder auf und bemerkt dazu, nachdem er die Dynamik von Sinneswahrnehmung, Einbildung, Verstand und Vernunft kurz skizziert hat: “Wunderbar ist dieses Werk Gottes, in dem sich das Unterscheidungsvermögen stufenweise vom Zentrum der Sinne bis in die höchste, vernunfthafte Natur erstreckt. . . Dort, so mutmaßt man, sind die Chöre des Wissens, der Vernunfteinsicht und der einfachsten Vernünftigkeit. Da die Einheit der Menschheit menschlich verschränkt besteht, schließt sie alles der Natur dieser Verschränkung entsprechend zusammen. Die Kraft ihrer Einheit umfaßt nämlich das Gesamt und schließt es innerhalb der Schranken ihres Bereiches so zusammen, daß nichts von allem ihrer Macht und Möglichkeit entgehen kann. . . Der Mensch ist nämlich Gott, aber nicht in Absolutheit, weil er eben Mensch ist. Er ist also menschlicher Gott. Der Mensch ist auch die Welt, jedoch nicht alles wie es konkret besteht, da er Mensch ist. Der Mensch ist also ein Mikrokosmos oder eine menschliche Welt. Das Reich der Menschheit umfaßt Gott und die ganze Welt in ihrer menschlichen Mächtigkeit. Demnach kann der Mensch ein menschlicher Gott sein und, wie Gott, auf menschliche Weise ein menschlicher Engel, ein menschliches Tier, ein menschlicher Löwe oder Bär oder was auch immer sein. Innerhalb der Mächtigkeit der Menschheit besteht alles auf seine Weise” (De coniecturis II. 14 N142, 143).
Cusanus weist darauf hin, dass in der Menschheit alles so wie es im Universum dem Uni versum entsprechend entfaltet und eingefaltet ist, menschlicherweise entfaltet und eingefaltet ist. Sie ist demnach ein menschlicher Gott, da sie in ihrer Einheit menschlich verschränkte Unendlichkeit ist. Als solche kennt ihr schöpferisches Tun kein anderes Ziel als das der Menschheit. Was sie auch hervorbringen mag, ist in diesem Sinn immer schon in ihr enthalten (N144).
Die an den zitierten Text anknüpfenden Ausführungen unterstreichen die Bedeutung, welche den hier geäußerten Gedanken zukommt. Sie lassen es aber mehr oder weniger offen, welches Gewicht Cusanus dem Ausdruck Mikrokosmos beimessen möchte. Dies ändert sich jedoch schlagartig, wenn wir als Ergänzung Sermo XXX heranziehen, in dem Cusanus vier Grundfragen zur Verfasstheit des Menschseins erörtert. Die erste bezieht sich auf den Menschen; die zweite betrifft den Grund für das Abgleiten des Menschen in Unehrlichkeit und Verworfenheit (crucitas). Die dritte richtet sich auf die Wiederherstellung des Menschen. Bei der letzten geht es um das Problem, wie wir der Gnade der Wiederherstellung teilhaftig werden können. Die Antwort, die Cusanus auf die erste Frage: quid sit homo? gibt, ist diese: “Er ist der ‘sechste Tage’ oder der Mikrokosmos”. Als Erklärung notiert er: “Gott hat alles im Wort geschaffen. Das Wort aber ist die unendliche Kunst. Diese Kunst (ars), das Wort oder der ewige Geist, ist das unendliche Licht oder die unendliche Weisheit. Wie aber alles Geschaffene durch Teilhabe an diesem ewigen Licht stufenweise ins Sein gelangt ist, beschreibt Moses und fügt hinzu, daß und wie er zuletzt, auf der sechsten Stufe, gleichsam wie zur Ergänzung der Geschöpfe, den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen habe [Gen. 1. 26]. Den Menschen aber hat er auf sich hin geschaffen. Alle Lebewesen und alle Geschöpfe kommen im Menschen als wären sie im Ziel zur Ruhe. Der Mensch aber kommt nur im siebenten Tag oder im Sabbat zur Ruhe. Der Sabbat aber ist das Licht, von dem es nicht heißt, daß es geschaffen sei, sondern daß Gott den siebenten Tag segnete [Gen. 2. 3]” (S XXX N8).
Was in dieser Antwort auffällt, ist das symbolische Verständnis des Menschen im Sinne des Biblischen Berichts. Zugleich verdichtet sich dieses Verständnis aber auch im Bild vom Mikrokosmos, sodass dessen Begriff sich als Symbolbegriff erweist, in dem verschiedene Überlieferungen miteinander verbunden sind, die als umfassende Konjektur des Menschseins das Menschsein mit sich selbst in Einklang bringen. Was der Mensch ist, seine quidditas, mag sich in vielfältigen Beziehungen verlieren. Es ist aber deutlich, dass sie in ihrer Bedeutung angesprochen wird, wenn wir den Menschen als mikrokosmisches Symbol begreifen und den Hinweisen folgen, die in dieser Konjektur gefunden werden. In der Bildung dieser Konjektur, welche die Bewegungen der menschlichen
Natur in der Spannung von Sinnlichkeit und Geistigkeit ebenso wie in der von Natur und Kust nachzeichnet, kann sich der Mensch auf seine eigenen Erfahrungen berufen, sodass er darin den Grund “entdeckt, warum er Mikrokosmos genannt wird” (De ludo globi II N105).
Selbstverständnis und Aufgabe
Obwohl Cusanus dem Problem des Mikrokosmos keine eigene Schrift gewidmet hat, so ist es dennoch überall dort mitgedacht, wo vom Menschen gesprochen wird. Hinweise auf diese Präsenz finden sich in den Predigten; etwa, wenn es heißt: “Der Zirkel in der sinnlichen Welt kann nicht so wahr sein wie er im Intellekt ist, der nichts von der Wahrheit wegnimmt, sondern alles so sein läßt wie es ist. Da die geistige Natur loslöst und nicht zusammenzieht, kann es im Abstrakten und dem von der Verschränkung Losgelösten keine Lüge geben, weil sie dort in ihrer eigenen Wesenheit ist. Dies muß man bei allem so sehen. So siehst du den Grund, warum unser innerer Mensch sich so sehr bemüht, die Figur dieses Welt im Vorstellungsbild zu vergegenwärtigen, um als Mikrokosmos die Kenntnis seiner selbst zu erreichen” (S CCLXIII N24).
Im Licht dieses Selbstverständnisses kann sich der Mensch insofern mit Gott vergleichen, als er für seine Welt und ihre Gestalt verantwortlich ist. “Wie die Einheit das ist, was Ordnung in die Vielheit bringt, so ist die göttliche Kraft, sofern man sie als Urheberin (creatrix) betrachtet, die Kraft der Ordnung, sodaß Ordnung die Welt bedeutet, welche der Schönheit wegen, die aus der Ordnung stammt, Kosmos genannt wird, und dessen Kraft Gott ist. Was subsistiert, subsistiert in der Kraft der Ordnung – wie die Harmonie in der Kraft der Ordnung oder des harmonischen Verhältnisses, das Reich in der Kraft imperialer Ordnung, der Mensch in der Kraft der menschlichen Ordnung. Darum geht ein Reich, das in sich zerstritten ist [Mk 3. 24], unter” (S LVIII N15). Dem entsprechend beschreibt Cusanus die menschliche Situation wie folgt: “Daher erfasst (concipit) der Geist das Absolute nur im Verschränkten, so wie er das Verschränkte nur im Absoluten erfaßt. Deshalb begreift er keines von beiden genau. Die Dinge, die er aufnimmt (concipit), macht er sich ähnlich. Da er aber weder ganz losgelöst, noch ganz verschränkt, sondern im Absoluten verschränkt und im Verschränkten absolut ist, so erfaßt er die Dinge wie er ist. Die Aufgabe des Geistes in der kleinen Welt oder dem Mikrokosmos ist der Aufgabe des Geistes Gottes in der großen Welt oder dem Universum vergleichbar. Denn er ist zugleich und auf einmal in jedem Teil des Körpers und in keinem dem Orte nach, sowie Gott überall im Universum ist und nirgends örtlich; vielmehr ist er da mittels seiner Mächtigkeit, Wesenheit und Gegenwart. . .Wo immer ein Körper berührt wird, wird wahrgenommen (sentitur). Die Wahrnehmung aber kommt aus der Seele. Wo die Potenz des Wahrnehmens ist, da ist die Wesenheit der Seele; wo die Wesenheit, da die Gegenwart” (S CLXXII N12).
In De venatione sapientiae bezieht sich Cusanus gleich zweimal auf das Motiv des Mikrokosmos. Das erste Mal geschieht dies im Felde des Lobes, wo er den Menschen als lebendiges Gotteslob interpretiert, und das zweite Mal im Feld der Ordnung, wo er ihn im Zeichen der ewigen Weisheit deutet. “Drei Dinge”, so hält er im ersten Beispiel fest, “sind notwendig, wenn man den Psalter spielen will: ein Psalterium, das aus zwei Teilen, dem Klangkörper und den Saiten besteht, und ein Psalterspieler. Dem entspricht das Zusammenwirken von Geist, Natur und Stoff. Der Psalterspieler ist der Geist, die Saiten sind die Natur, die vom Geist bewegt wird, und der Klangkörper der zur Natur hinzukommende Stoff. Im Mikrokosmos Mensch verhält sich dies wie in der größeren Welt. In ihm ist vernünftiges Denken, menschliche Natur und der ihr zugehörige Leib. So ist der Mensch ein lebendiges Psalterium, das in sich alles besitzt, um Gott die Lobpreisungen zu singen, die er in sich selbst erkennt. In Psalterspiel und Harfenton, im Wohlklang jauchzender Zymbeln lobt jeder Geist den Herrn” (De venatione sapientiae XX N56).
Im zweiten Beispiel weist er darauf hin, dass “die Ordnung des Gesamt das erste und genaueste Bild der ewigen und unzerstörbaren Weisheit ist, durch die das ganze Weltgefüge auf herrliche und friedliche Weise fortbesteht”, und fährt dann fort: “Wie herrlich richtete es die Weisheit ein, als sie dem Menschen, der Mikrokosmos und Kopula des Universums ist, im Höchsten der sinnlichen und im Untersten der geistigen Natur seinen Platz gab, indem sie in ihm, wie in einer Mitte, das niedere Zeitliche und höhere Immerwährende verband! Sie stellte ihn in den Horizont von Zeit und Dauer, wie es die Ordnung der Vollkommenheit verlangte”. Während wir dieselben Sinne besitzen wie die übrigen Lebewesen, “erfahren wir in uns selbst, dass wir darüber hinaus den Geist besitzen, der um die Ordnung weiß und sie lobt. Und darin wissen wir, dass wir der unsterblichen Weisheit und der Verbindung mit Gott und dem Geistigen fähig sind. So wie wir in jenem Teil, in dem wir mit den andern Lebewesen verbunden sind, deren Natur erlangt haben, so haben wir in jenem Teil, durch den wir der geistigen Natur verbunden sind, an dieser Anteil. Deshalb wird durch die Sterblichkeit des Tierischen in uns der Geist nicht ausgelöscht, denn er ist dem Geistigen verbunden, das immer währt”. Im Vorgriff auf die Beziehung zwischen Mikrokosmos und Christus setzt dies freilich voraus, dass wir dem Mittler gleichförmig werden, “was durch Glaube und Liebe geschieht”, durch die wir in “die Ordnung der Wiedergeburt” eintreten (De venatione sapientiae XXXII N95).
Gegenseitigkeit
Die Charakterisierung des Menschen als einer kleinen Welt setzt voraus, dass die Welt in ihrer Gesamtheit hinreichend bekannt ist, um zwischen großer und kleiner Welt unterscheiden zu können. Die Unterscheidung selbst mag je nachdem wie wir Mensch und Welt begreifen mehr oder weniger einschneidend sein. Ist sie aber einmal gemacht, dann ist es – noch unabhängig von der Frage nach ihrer Adäquatheit – grundsätzlich möglich, aus der Sicht des Makrokosmos den Mikrokosmos, und aus der des Mikrokosmos den Makrokosmos in Augenschein zu nehmen. Es ist dies eine Möglichkeit, die sowohl für das Verständnis beider aufschlussreich sein kann als auch das Potential gegenseitiger Kritik einschließt.
Während, wie der Aufbau von De docta ignorantia zeigt, Cusanus die Unterscheidung und Deutung des Mikrokosmos auf dem Hintergrund seines Denkens über das Universum (Buch II) vollzieht, macht er durchaus auch von der Möglichkeit Gebrauch, dieses Uni versum vom Verständnis der kleinen Welt her im Zeichen wechselseitiger Erhellung zu deuten. So heißt es etwa in De ludo globi I N40: “Wir können nicht leugnen, daß der Mensch, der eine Seele hat, Mikrokosmos genannt wird, d.h. kleine Welt. So hat auch die große Welt eine Seele, die wir Natur nennen, die andere den Geist aller Dinge nennen, der alles von innen nährt, eint, verbindet, erwärmt und bewegt. Diese Kraft der Welt, welche sich und alles bewegt, von ihr sagen wir, daß sie immerwährend ist, weil sie kugelrund und kreisförmig ist, alle Bewegung in sich hat, so wie die Kreisfigur die ganze Figur in sich zusammenfaltet. Von vielen wird diese Seele, die alles auf geordnete Weise entfaltet, die Notwendigkeit der Verknüpfung (necessitas complexionis) genannt, von anderen Weltordnung in der Substanz. Die ganze körperliche Welt verhält sich zu ihr wie der Körper des Menschen zur Seele. Sie [die Seele] ist sinnliche Seele im Sinnlichen, belebende Seele im Belebten, und elementare Seele in den Elementen. Wenn sie aufhört, den Baum zu beleben oder dem Tier das Leben zu geben, hört sie deswegen dennoch nicht auf zu sein, so wie dies von der Seele des Menschen gesagt worden ist.”
Ein Schlüssel zur Deutung des Unterschieds und Zusammenhangs von Mensch und Welt findet sich in den Beziehungen von Dauer und Zeit, die im Jetzt der Ewigkeit subsistieen, und in deren Bildsein die Ewigkeit dergestalt widerstrahlt, dass “diese ganze Welt des Mikrokosmos wegen, welcher der Mensch ist, besteht, auf daß dieser sei und lebe” (S CXXVIII N10). “Jeder Mensch hat seine eigene Zeit. . . So ist die Zeit, die der Fötus zu seiner Vollendung im Uterus braucht, eine andere bei dem einen, und eine andere bei einem anderen Tier [N2]. . . . Die Zeit entstammt dem Intellekt, der im Körper den Bewegungen unterworfen ist. Unser Körper ist nämlich zusammen mit seiner Tiernatur ein Mikrokosmos. Denn die sinnliche Seele ist eine einzige bewegende Kraft, die sich in ihrem Himmel bzw. ihren Himmeln erstreckt, wo sie sich verbirgt, und dennoch auf unterschiedliche Weise bewegt. Anders bewegt sich das Herz, anders die Leber, anders das Gehirn. Diese Bewegungen folgen, weil sie ähnlich und proportioniert sind, der Anordnung des Himmels und der Organe. Doch kann die [in der Tiernatur] versenkte Seele nicht messen, weil sie der Bewegung und Zeit unterworfen ist. Die Seele aber, welche die sinnliche Bewegung beurteilt, ist frei und an kein Glied oder Organ gebunden. Sie mißt, teilt, setzt zusammen und zählt. Sie macht auf Grund ihrer selbst die Maße und wird, vom Messen abgeleitet (a mensurando), Geist (mens) genannt. Deshalb ist sie der Bewegung oder Zeit nicht untergeordnet. Als das die Zeit messende Maß [Aristoteles, Phys. IV. 12 221a] kann sie von keiner Zeit begrenzt und gemessen werden, so wie auch das Geschöpf die Allmacht des Schöpfers nicht festlegen kann” (S CLXX N3). Der Bezug zur Zeit in der Spanne von Geburt und Tod nötigt Cusanus, auch die Auflösung des Makrokosmos in Betracht zu ziehen (S CLXXV N2) “Wie der Mensch so wird auch die Welt aufhören. Sie löst sich auf wenn Ordnung und Harmonie aufhören, wenn die Unausgewogenheit der Säfte (discrasia) über sie kommt. Zuerst aber werden Zeichen sichtbar an Sonne, Mond und Sternen [Lk 21. 25]. Der Mensch besteht als Mikrokosmos. In ihm gibt es Sonne, Mond, Sterne, Himmel, Erde, Meer usw. Die Sonnenkraft welche lebendigmachende Kraft ist, ist im Menschen (in medio hominis) wie die Sonne unter den Planeten; nämlich im Herzen. Sie ist verantwortlich für das Leben und die Quelle des Lebens – so wie die Sonnenkraft die Quelle alles dessen ist, was hervorgebracht wird. Und wie die Sonne ein Herz hat, so hat der Mond ein Gehirn, und jeder Planet ein Glied, und seine eigentümliche Bewegung. Wenn demnach die Bewegung des Lebensgeistes des Herzens die natürliche Ordnung verläßt, weil sie entweder zu wenig schnell oder nicht langsam genug ist, zerreißt die Harmonie der Sternenbewegung – im Menschen in den zur Form gehörenden Gliedern, in den vier Säften, auf der Erde, im Meer, in der Luft und im Äther, und es beginnt die Auflösung. Daher kann der Arzt, wenn er derartige Anzeichen wie etwa die Verwirrung in allen natürlichen Bewegungen, wahrnimmt, die Auflösung vorhersehen, wie Christus dies vom Feigenbaum sagt [Lk 21. 29]” (S CLXV N2/3). Es ist schwer zu sagen, wie Cusanus die a den Panpsychismus der Antike erinnernden Analogien zwischen der großen und kleinen Welt, die seinem und dem Sternenglauben einer Zeit entgegenkamen, genau verstanden hat, da er die damit verbundenen Differenzen nicht ausdrücklich erörtert. Sofern jedoch das Bild vom Mikrokosmos auf die Vermittlung allen Erkennens in der Welt des Menschen gerichtet ist, ändert dies nichts an der prinzipiellen Bedeutung dieses Bildes.
Vollendung in Christus
Der Grund für die zentrale Bedeutung des Menschen als Mikrokosmos ergibt sich bei Cusanus aus der Verbindung neuplatonischer Auffassungen von Wesen und Substanz mit der Bildsprache der Bibel. “Der Mensch, der auch Mikrokosmos genannt wird, ist nach dem Bild und Gleichnis des menschgewordenen Gottes geschaffen. Denn Gott sagt: lasset uns den Menschen nach unserem Bild und Gleichnis machen. Er hätte nicht gesagt: Lasset uns den Menschen machen, wenn es die Wahrheit des Menschen nicht bereits gegeben hätte, nach dessen Bild und Gleichnis er den Menschen Adam oder den Erdhaften, was dasselbe ist, hätte schaffen wollen. Die Kreatur Adam wäre nämlich nicht eher Mensch als irgendein anderes Tier oder Geschaffenes gewesen, wenn es die Wahrheit des Menschen nicht gegeben hätte. Gott nämlich, der sagte: Lasset uns den Menschen machen, bevor es Adam aus Erde gab, hat den Menschen gedacht und gebildet während er sagte: Lasset uns den Menschen machen. Dieser Begriff Gottes [vom Menschen] kann nur der ganz wahre und substantielle Begri_ sein” (S CXXII N2).
Die zeitlose Wahrheit, die in diesem Verständnis des Menschen angedeutet ist, bildet die Basis für die Konzeption Christi als Vollendung der Schöpfung und als Weg zum Heil aller und jedes einzelnen Menschen. “So wollte Gott im Menschen als in der Natur, in welcher die Welt ist, die schöpferische Kraft mit dieser vereinen, sie zu Ende bringen und vollenden, damit sie Mikrokosmos genannt werde. [Er wollte] seine seit Vorzeiten verborgene Macht zeigen und die menschliche Schwachheit von der Gewalt der Fürsten der Finsternis befreien und zur Höhe ziehen. Er sah herab auf die Zeiten der Unwissenheit, wie Paulus in Apostelgeschichte XVII sagt, und schickte seinen Sohn, in dem er das Gesamt erneuerte, in dem wir Gläubigen durch den Heiligen Geist wiedergeboren werden, wenn wir das geistige Licht in der Teilhabe am Licht des Geistes Christi empfangen” (S LVIII N31). Während in der Welt Nichtwissen, Finsternis und Blindheit herrschten, hat sich die ewige Wahrheit mit dem Mikrokosmos vereint, indem sie sich die geistige Natur des Menschen zu eigen machte, und die aus der Jungfrau Maria geborene menschliche Natur zum höchsten Grad im Begreifen der Wahrheit führte, und zwar dergestalt, dass “sie mit der absoluten Wahrheit unübertrefflich und untrennbar eins ist” (S CXXII N7).
Da das Verlangen nach Vollendung und der Gedanke des Unendlichen aufs innigste mit der menschlichen Natur verknüpft sind, sieht Cusanus in der Einung von Schöpfer und Geschöpf einen Grundzug allen Seins und Werdens, der zur Wirklichkeit des Größten gehört und so wie dieses mitzudenken ist. Während er damit die Vollendung des Universums einerseits denken muss, stellt sich andererseits die Frage, was dies konkret bedeutet und wie sich die Geschichte der Menschheit darstellt, wenn wir diese im Licht dieser Frage zu begreifen versuchen. In der Antwort auf diese Frage, sieht er seinen Glauben an Christus bestätigt; d.h. er erkennt in Christus die Antwort, die er sucht. Doch kann er zugleich auch sagen: “Weil im Menschen, der Mikrokosmos ist, alles eingefaltet ist, ist das Prinzip zur Vollendung des Gesamt mit dem Prinzipiierten vereint worden” (S CCLVII N22), wodurch und weshalb eben “jener Mensch Ziel der Schöpfung ist, der Sohn Gottes ist” (S CLIV N21). Dementsprechend muss man, wie er in dem bereits zitierten S CLXXII N 12 weiter ausführt, in Christus “den menschlichen Geist im Mikrokosmos oder der kleinen Welt, der Jesus genannt wird, betrachten, und zugleich darauf achten, daß dieser Geist mit dem göttlichen Geist als dem Geist des Universums oder der großen Welt hypostatisch vereint ist. Es ist als ob man annähme, die Kraft der Seele, so wie sie lebendige Kraft im Auge ist, sei Jesus. Weil diese Kraft mit der vernünftigen Kraft (vi rationali) vereint ist, lebt sie wie Gott oder die absolute Vernunft bzw. das Wort im ganzen Menschen und in jedem seiner Teile. Wie die Kraft im Auge ist, ist sie an einem Ort. Wie sie [in der Spannung von ratio und intellectus] mit der Kraft der Vernunft vereint ist, gehört sie keinem Ort an, da diese Kraft alles leitend überall und nirgends örtlich ist.”
Die Vermittlung der Unendlichkeit im Mikrokosmos, der Jesus heißt, führt das weiter und zu Ende, was dem Bild der Ewigkeit seine Mitte und Dynamik verleiht. Obwohl konkret, ist diese Vermittlung dennoch von allgemeiner Bedeutung. Dem entsprechend heißt es in S CCLXII N19: “Ohne Sonne kann es in der sinnlichen Welt kein Leben oder Freude geben. So auch nicht im Mikrokosmos ohne den Lichtglanz der Weisheit. Jeder Mensch ist im Himmel der Vernunft wie ein Stern, der mit jeweils anderem Licht leuchtet, das er von der Sonne als Geschenk erhält. Die Sonne aber ist unter den Menschen jener Mensch, der wie die Wurzel und das Geschlecht Davids die Erhabenheit des Priestertums und des Königtums zusammenfaltet. Jeder Mensch hat in sich einen Stern, der ihn vom Osten bis zu Jesus oder dem Worte Gottes führt [Mt. 2. 2, 9]. Denn aufgrund des angeborenen Lichts der Vernunft suchen wir nichts anderes als die Sonne oder die Quellen des Lichts oder Jesus. Der Stern geht uns voraus. Denn die Vernunft führt zur Quelle des Lebens. So suchen die Philosophen in seinem Licht Licht und Erleuchtung in der Quelle (lumen in fonte)”.
Literatur:
Dupré, W., “Der Mensch als Mikrokosmos”, MFCG 13 (1978), 68–87.
Haubst, R., Streifzüge in die cusanische Theologie, Münster: Aschendor_ 1991.
Bormann, K., Nikolaus von Kues: “Der Mensch als zweiter Gott”, Trier: Paulinus, 1999.
Faden, G., “Die Koinzidenz von Nähe und Ferne bei Nikolaus von Kues”, MFCG 26 (2000), 261–279.
Pring-Mill, R., Der Mikrokosmos Ramon Llulls. Eine Einführung in das mittelalterliche
Weltbild, übersetzt von Uilli Roth, Stuttgart-Bad Cannstatt: fromann-holzbog, 2001.
Senger, H. G., Ludus Sapientiae Studien zum Werk und zur Wirkungsgeschichte des
Nikolaus von Kues, Leiden: Brill 2002.
© 2009 W. Dupré