Werk:MFCG/Zum Gedächtnis an Bruno Decker
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Gründet auf dem Werk „Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft, Band 1“ Josef Koch (Philosophiehistoriker)
1962 n. Chr. hrsg.
MFCG Band 1
Abschrift Abhandlung
unüberarbeitet
ungeprüft
Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft 1.pdf

Mitteilungen Und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft, Band 1 S. 14-16
Von Josef Koch, Köln
Der Wissenschaftliche Beirat der Cusanus-Gesellschaft hat bereits im ersten Jahr seines Bestehens einen schmerzlichen Verlust erlitten: Dr. Bruno Decker, o. ö. Professor der Dogmatik an der Universität Mainz, ist am 2. November 1961 durch einen jähen Tod aus dieser Zeitlichkeit abberufen worden.
Am 14. September 1907 in Berlin geboren, machte Decker seine philosophischen und theologischen Studien in Breslau und Innsbruck (1925-29) und - nach seiner Priesterweihe (1931) - in Rom (1935-39). 1940 promovierte er summa cum laude an der Breslauer Kath.-theologischen Fakultät zum Dr. theol. Bis 1949 war er auf verschiedenen Seelsorgsposten in und bei Berlin tätig. Dann holte ich ihn als Mitarbeiter an das neu errichtete Thomas-Institut an der Kölner Universität, wo er beim Aufbau der Bibliothek und des Filmarchivs wertvollste Hilfe leistete. 1950 machte er im Auftrag des Instituts eine Reise in die Schweiz und nach Italien, um für uns wichtige Handschriften zu filmen oder (wo die Bibliotheken keine Erlaubnis gaben) filmen zu lassen; 1951 folgte eine Reise zu belgischen und französischen Bibliotheken. Ich besitze noch eine Anzahl Briefe, in denen er seine Erlebnisse berichtete. Noch köstlicher waren seine mündlichen Berichte, so über das Nachtquartier im Obdachlosenasyl einer kleinen französischen Stadt, das ihm die Polizei anwies, da alle Gasthäuser geschlossen waren. Aber als echter Berliner fand er sich in allen Situationen zurecht. »Mit Schätzen reich beladen«, kehrte er jedesmal heim und ordnete sie mit solcher Sorgfalt in unser Archiv ein, als wäre alles sein Eigentum gewesen. Aber so war Decker: Was er tat, tat er mit aller Gewissenhaftigkeit und dachte an sich selbst wenig oder gar nicht. Während der Kölner Jahre arbeitete er an seiner ganz auf handschriftliche Studien gegründeten Habilitationsschrift über »Die Gotteslehre des Jakob von Metz O.P. Untersuchungen zur Dominikanertheologie zu Beginn des 14. Jahrhunderts«. Die Habilitation bei der kath.-theologischen Fakultät Mainz erfolgte 1955, die Berufung auf den Lehrstuhl für Dogmatik 1957. Eine ehrenvolle Berufung nach München lehnte er nach langer Bedenkzeit ab, weil ihm die Mainzer Theologen ans Herz gewachsen waren. Nur vier Jahre durfte er ihr Lehrer sein, dann rief Gott ihn zu sich. Für mich als seinen Lehrer, für seine Kollegen, Freunde und Schüler ist der frühe Tod dieses ebenso schlichten wie gelehrten Mannes überaus schmerzlich, aber nach Gottes heiligem Willen war seine Lebensaufgabe vollendet.

Eine allseitige Würdigung der Persönlichkeit und der wissenschaftlichen Arbeit des Verstorbenen kann ich an dieser Stelle nicht geben. Wenn ich hier nur über Decker als Editor schreibe, so darf das nicht mißverstanden werden. In erster Linie war er Theologe und als solcher war er ganz und gar Schüler des hl. Thomas von Aquin. Seine editorischen Fähigkeiten entdeckte ich während meiner Arbeit an der Edition von Meister Eckharts Auslegung des Johannesevangeliums durch die kritischen Briefe, die er mir über die ersten Lieferungen schrieb. Als mein Mitarbeiter Prof. Dr. K. Christ am 16. Dezember 1943 bei einem Bombenangriff in Berlin ums Leben kam, bat ich Decker, Christs Stelle zu übernehmen. Wir haben nach dem Krieg eine Lieferung gemeinsam zum Druck gebracht. Eine weitere Lieferung liegt fertig in seinem Nachlaß. Decker wirkte aber auch maßgebend an der Vollendung des 4. Bandes der Eckhart-Ausgabe (Sermones) mit und leistete bei den ersten beiden Bänden durch seine positive Kritik eine immer angenehm empfundene Hilfe.
Außer der Eckhart-Kommission zog auch die Cusanus-Kommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Decker als Mitarbeiter heran. Er sollte das »Compendium«, die letzte Schrift des Kardinals, und »De possest« herausgeben. Die Edition der Texte ist vorbereitet, aber leider noch nicht druckreif.
1955 gab Decker den unvollendeten Kommentar des hl. Thomas zu Boethius De trinitate nach den Handschriften mit einem ausgedehnten Quellennachweis heraus. Diese Ausgabe wurde von der wissenschaftlichen Welt so geschätzt, daß bereits 1959 eine neue Auflage erforderlich wurde. Das ist bei solchen Editionen eine große Seltenheit. P. A. Dondaine, O.P., der Leiter der Commissio Leonina zur Herausgabe der Werke des hl. Thomas, urteilte, daß auch seine Kommission keine bessere Ausgabe des Werkes hätte machen können. Er veranlaßte Decker, die kritische Ausgabe des Kommentars des hl. Thomas zu Dionysius Areopagita, De divinis nominibus, zu übernehmen und berief ihn in die Commissio Leonina. Darauf war Decker besonders stolz (soweit er überhaupt stolz sein konnte). Wenn man nun angesichts seines plötzlichen Todes allein die Last der Editionsarbeit in drei Kommissionen überschaut, kann man sich kaum des Gedankens erwehren, daß der Verstorbene sich wohl zuviel zugemutet hat. Aber nach einer Katastrophe sind wir ja immer klüger als vorher.

In Bernkastel wurde er bekannt, als er bei der Cusanus-Feier im Oktober 1949 einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über »Nikolaus von Kues und der Friede unter den Religionen« hielt. Er veröffentlichte ihn in dem Sammelwerk »Humanismus, Mystik und Kunst in der Welt des Mittelalters« (Leiden, 1953). In dem Vortrag, den er bei dem von der Universität Padua arrangierten Cusanus-Treffen in Brixen im Juli 1960 hielt, griff er das Thema nochmals auf und setzte sich mit seinen Kritikern auseinander.
Vielleicht darf ich diese Gedenkworte mit den Ausführungen schließen, mit denen Decker seinen Vortrag schloß:
»Wenn Cusanus heute lebte, würde er, dem die concordantia zeit seines Lebens am Herzen lag, die Bewegung zur Una Sancta hin mit dem ganzen Einsatz seiner überragenden Persönlichkeit fördern. Er, der damals sogar in den nicht-christlichen Religionen Ansatzpunkte für ein Glaubensgespräch fand, würde heute erst recht versuchen, über die Gräben, die uns seit Jahrhunderten trennen, Brücken der Verständigung und der Liebe zu schlagen. Und er würde vor den schier unübersteigbaren Hindernissen, die heute noch immer einer Unio entgegenstehen, nicht zurückschrecken, weiß er doch das Mittel, das schließlich allein zum Erfolg führt, wenn Menschenkräfte versagen. Er ist es, der im Erzengel des Dialogs »De pace fidei« (Über den Frieden im Glauben) betet: »50 komm denn Du zu Hilfe, der Du allein helfen kannst«. Vergessen sie bitte diesen Cusanus nicht, den betenden Cusanus, den knieenden Theologen« (Humanismus usw., S. 121).
Ich darf hinzufügen: Vergessen wir über dem Gelehrten Bruno Decker nicht den Frommen, dessen Lebenselement die Einheit von Glaube und Theologie, von Wissenschaft und Gebet war.