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Methoden der Naturwissenschaften

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In den meisten naturalistischen Konzeptionen der Gegenwart spielen die Methoden der Naturwissenschaften eine zentrale Rolle. So erklärt Sellars in einer berühmten Passage seines Werks Science, Perception and Reality: „Wenn es um die Beschreibung und Erklärung der Welt geht, sind die Naturwissenschaften das Maß aller Dinge.“[1] Eine solche Auszeichnung der Naturwissenschaften kann zum einen gegen die starke Betonung geistes- oder sozialwissenschaftlicher Ansätze gerichtet sein. Tatsächlich werden von Naturalisten viele Varianten der modernen Wissenschaftsgeschichte oder Wissenschaftssoziologie kritisiert. Es wird zwar anerkannt, dass sich der Wissenschaftsbetrieb auch als ein soziales und historisches Phänomen untersuchen lässt, dennoch betonen Naturalisten, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaft grundlegender seien und sich nicht durch historische oder soziale Kontexte relativieren lassen. Auch findet sich bei vielen Naturalisten eine Ablehnung etwa der poststrukturalistischenLiteraturtheorie und Kulturwissenschaft sowie der Psychoanalyse.[2] Dennoch steht eine Gegenüberstellung von Naturwissenschaften und den „weichen Wissenschaften“ nicht im Zentrum naturalistischer Theorien und meist wird argumentiert, dass der Naturalismus durchaus mit Respekt vor den Geisteswissenschaften kombinierbar ist.[3]

Die zentrale Annahme des methodologischen Naturalismus ist vielmehr die Ablehnung einer eigenständigen, philosophischen Methode, die der empirischen Forschung vorausgeht und diese begründet. So schreibt etwa Quine von „der Erkenntnis, dass die Realität im Rahmen der Wissenschaft selbst identifiziert werden muss, nicht in einer vorgängigen Philosophie“ und von dem „Verzicht auf das Ziel einer der Naturwissenschaft vorgängigen Ersten Philosophie“.[4] Eine Ablehnung eigenständiger, philosophischer Methoden bedeutet insbesondere einen Verzicht auf das A priori. Apriorische Erkenntnisse werden empirischen Erkenntnissen gegenübergestellt, da sie unabhängig von Erfahrungen der Welt möglich sein sollen. Apriorische Argumente finden sich zum einen in den großen metaphysischen Systemen der Philosophiegeschichte. Ein klassisches Beispiel ist hierfür Immanuel Kant, der in der Kritik der reinen Vernunft argumentierte, dass Raum und Zeit keine Bestandteile der vom Menschen unabhängigen Realität seien. Dies könne man jedoch nur durch eine apriorische („transzendentale“) Argumentation zeigen, da alle empirischen Wissenschaften bereits Raum und Zeit voraussetzten. Methodologische Naturalisten möchten eine derartige apriorische Metaphysik durch empirische Forschung ersetzen. Zum anderen richtet sich der methodologische Naturalismus jedoch auch gegen die klassische analytische Philosophie, die davon ausging, dass es mit der Begriffsanalyse eine apriorische, philosophische Methode gibt. Die Begriffsanalyse sollte apriorisch sein, da bei ihr nur auf die Bedeutung der Wörter und nicht auf die Welt Bezug genommen wird. Das klassische Beispiel für einen analytischen Satz ist „Alle Junggesellen sind unverheiratet“. Wenn man die Bedeutung der Wörter kennt, weiß man, dass dieser Satz wahr ist. Man muss keine empirische Untersuchung durchführen, um den Satz zu überprüfen. In der analytischen Philosophie sollten in diesem Sinne zentrale philosophische Begriffe wie „Wissen“ oder „Rechtfertigung“ auf apriorische Weise analysiert werden.

Naturalisten in der Tradition von Quine lehnen die Begriffsanalyse als eine apriorische Disziplin ab. Quine hatte 1951 in dem Aufsatz Two Dogmas of Empiricism argumentiert, dass es keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen apriorisch-analytischen und empirisch-synthetischen Sätzen gibt.[5] Später argumentierte Quine, dass der Wegfall von apriorischen Erkenntnissen auch zu einer Aufgabe der traditionellen, philosophischen Erkenntnistheorie führen müsse: Wenn es keine apriorische Erforschung des menschlichen Erkenntnisvermögens gebe, müsse man sich auf die empirische Untersuchung beschränken. Und die empirische Forschung werde nicht durch die Philosophie, sondern durch die Kognitionspsychologie betrieben.[6] Bei Quine soll die naturalistische Erkenntnistheorie also letztlich in der empirischen Kognitionswissenschaft aufgehen. Manche Naturalisten gehen allerdings nicht so weit und argumentieren lediglich, dass eine moderne Erkenntnistheorie zunehmend die Erkenntnisse der Wissenschaften miteinbeziehen muss.

  1. ↑ Wilfrid Sellars: Science, Perception and Reality. Routledge and Kegan Paul, London 1963, ISBN 0-924922-50-8, S. 173.
  2. ↑ Ein klassisches Beispiel ist hier die Sokal-Affäre.
  3. ↑ Holm Tetens: Der gemäßigte Naturalismus der Wissenschaften. In: Geert Keil, Herbert Schnädelbach (Hrsg.): Naturalismus. Philosophische Beiträge. Suhrkamp, Frankfurt 2000, ISBN 3-518-29050-9, S. 273–288.
  4. ↑ Willard van Orman Quine: Theorien und Dinge. Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 35, S. 89.
  5. ↑ Willard van Orman Quine: Two Dogmas of Empiricism. In: Philosophical Review, 1951.
  6. ↑ Willard van Orman Quine: Naturalisierte Erkenntnistheorie. In: ders.: Ontologische Relativität und andere Schriften. Reclam, Stuttgart 1975, S. 105.