Konzeptualismus
[ konzeptual + -ismus ]
Der Konzeptualismus (lat. conceptus: Allgemeinbegriff) ist eine erkenntniskritische Position innerhalb der mittelalterlichen Philosophie. Von Abälard vorbereitet und von William von Ockham und seiner Schule vertreten, suchte sie einen Mittelweg im Universalienstreit. Dem Nominalismus gesteht der Konzeptualismus zu, dass Universalien Namen für Gemeinsames sind; dem (platonischen) Begriffsrealismus aber folgt er, wenn er betont, dass diese Namen nicht willkürlich sind. Für Ockham sind die Allgemeinbegriffe natürliche Zeichen, wie etwa das Weinen ein Zeichen für Trauer ist. Zwar sind sie nicht in der Sache selbst verwirklicht, für die sie stehen, aber sie sind ihnen in bestimmter Hinsicht ähnlich.
Universalienstreit
Q: Universalienproblem Konzeptualismus
Im Universalienstreit hatte Abaelard (1079–1142) die konträren Positionen bei seinen Lehrern kennen gelernt – zunächst den radikalen Nominalismus bei Roscelinus und danach den entschiedenen Realismus bei Wilhelm von Champeaux. Abaelard rückte bei seiner Untersuchung dieser Frage in seinen Schriften Logica Ingredientibus und Logica Nostrorum Petitioni Sociorum neben dem rein ontologischen Aspekt auch die sprachlogische Perspektive in den Vordergrund. Zunächst kritisierte er die vorhandenen Argumente.[1] Für ihn konnten die Universalien nicht eine je einheitliche Entität sein, weil sie nicht verschiedenen, getrennten Dingen zugleich innewohnen könnten. Auch konnte das Universale nicht etwas Zusammengefasstes sein, weil jedes Einzelne dann das Ganze enthalten müsse. Ebenso wies er die These zurück, Universalien seien zugleich individuell und universell, da der Begriff der Individualität als Eigenschaft des Universellen durch sich selbst widersprüchlich definiert werde. So könnten z. B. Begriffe wie Lebewesen nicht existieren, weil diese nicht zugleich vernunftbegabt (Mensch) und nicht-vernunftbegabt (Tiere) sein könnten.
Da die Argumente für die Realität der Allgemeinbegriffe nicht zu einem haltbaren Ergebnis führten – Wilhelm von Champeaux musste sich verärgert korrigieren –, schloss Abaelard, dass die Universalien Wörter (voces) sind, die vom Menschen zur Bezeichnung festgelegt werden. Soweit sie sich auf sinnlich konkret Wahrnehmbares beziehen, sah Abaelard in ihnen nur Benennungen, also uneigentliche Universalien (appellatio). Soweit sie sich auf sinnlich nicht Wahrgenommenes beziehen, handele es sich um echte Allgemeinbegriffe (significatio). Solche Begriffe würden vom Menschen konzipiert, um das Gemeinsame und nicht Unterscheidende verschiedener gleichartiger Gegenstände zu bezeichnen. Die Erkenntnis hierüber entstehe nicht durch körperliche Sinneswahrnehmung (sensus), sondern durch gedankliches Begreifen (intellectus) der Seele, indem der Geist (animus) eine Ähnlichkeit (similitudo) herstelle. Stoffund Form existierten verbunden und würden nur durch die Einbildungskraft (imaginatio) der Vernunft (ratio) im Wege der Abstraktion (forma communis) getrennt. Siehe auch Hylemorphismus.
Universalien seien damit weder Ideen „vor den Dingen“ (ante rem, platonischer Universalienrealismus), noch Gattungsformen „in den Dingen“ (in re, aristotelischer Universalienrealismus), sondern begriffliche Abstraktionen im Verstand, die jedoch aus dem Vergleich der wirklichen Einzeldinge entstanden seien. Sie entstünden damit erst „nach den Dingen“ (post res). Das Wort als Naturlaut (vox) sei Bestandteil der Schöpfung. Aber das Wort als Sinn (sermo) sei eine menschliche Einrichtung, ein menschlicher Gebrauch (institutio hominum). Dadurch, dass Allgemeinbegriffe eine eigene Bedeutung hätten, stünden sie zwischen den realen Dingen (res) und den reinen gedanklichen Bezeichnungen (ficta). Universalien seien damit semantisch existent und mental wirklich. Diese Auffassung, die ähnlich von Gilbert De La Poirée, Adelard von Bath und John von Salisbury vertreten wurde, wurde später als Konzeptualismus bezeichnet. Ein klassisches Beispiel Abaelards ist der Name der Rose, der sich auf keinen Gegenstand bezieht, wenn es keine Rosen mehr gibt, dennoch seine Bedeutung behält.[2]
Siehe auch
Weblinks
- Rudolf Eisler: Stichwort Konzeptualismus, in: Wörterbuch der philosophischen Begriffe 1904
Literatur
- Siegfried Blaschke/Peter Schroeder/Reiner Wimmer, Stichwort „Konzeptualismus“, in: Jürgen Mittelstraß (Hg.), Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart 1995, Bd. 2, S. 466 f.
- Wolfgang Hübener, Stichwort „Konzeptualismus“, in: HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. v. Joachim Ritter, Basel 1992, Bd. 4, S. 1086–1090
- Wolfgang Stegmüller, Das Universalienproblem einst und jetzt, in: ders., Glauben, Wissen und Erkennen, Darmstadt 1965, S. 48–118
- ↑ Vgl. Petrus Abaelardus: Das Universalienproblem. In: Kurt Flasch (Hrsg.): Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Bd. 2: Mittelalter. Stuttgart 1982, S. 233–262.
- ↑ Andrea Grigoleit, Jilline Bornand: Philosophie: abendländisches Denken im historischen Überblick, Compendio Bildungsmedien AG, 2004, 57; siehe auch: Der Ausdruck „Der Name der Rose“ bei Peter Abaelard (abgerufen am 19. Mai 2011; PDF; 109 kB).