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Universalienproblem Neuzeit

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Q: Universalienproblem Neuzeit

In der Neuzeit verschoben sich ab dem 17. Jahrhundert die philosophischen Fragestellungen insbesondere infolge der von René Descartes aufgeworfenen Frage der Erkenntnis.

René Descartes in einem Porträt von Frans Hals, 1648

Der Einfluss der Scholastik schwand, obwohl sich ihre Nachwirkungen bis ins 18. Jahrhundert zeigen. Der in der Scholastik üblichen Deduktion des besonderen Falls von anerkannten Lehrsätzen stellte sich zunehmend das umgekehrte Verfahren entgegen, nämlich die Induktion von Erfahrungstatsachen auf allgemeine Regeln. Dadurch verloren die hergebrachten Autoritäten an Einfluss, und neue Allgemeinbegriffe, Prinzipien und Gesetze wurden gefunden oder geschaffen. Diesen Wechsel hatte der Nominalismus mit seiner Bevorzugung des Besonderen vor dem Allgemeinen vorbereitet.

Durch Descartes erhielt der Begriff des Realismus eine zusätzliche, parallel verwendete Bedeutung als erkenntnistheoretischer Realismus. Es bildete sich das Gegensatzpaar von Empirismus und Rationalismus. Die Frage lautete nun, ob die Gegenstände unmittelbar erkannt werden (Realismus) oder ob sie durch Vorstellungen bestimmt sind (Idealismus). In diesem Sinne nahmen die Vertreter des Rationalismus überwiegend eine Position des Realismus ein, während die Vertreter des Empirismus vorrangig der nominalistischen Grundkonzeption folgten.

Das Problem der Universalien stand zur Kennzeichnung philosophischer Differenzen zwar nicht mehr im Vordergrund – es wurde jedoch in aller Regel als Bestandteil der Philosophie weiter behandelt. Auch in der Neuzeit finden sich alle grundlegenden Variationen vom Realismus über den Konzeptualismus bis hin zum Nominalismus. Dabei neigten die Empiristen zum Nominalismus; andererseits herrschte bei den Rationalisten neben dem erkenntnistheoretischen auch ein Begriffsrealismus vor. Konzeptualistische Abschwächungen und Differenzierungen finden sich in beiden Lagern.

Thomas Hobbes und John Locke

In seiner vorwiegend materialistisch geprägten, empiristischen Philosophie vertrat Thomas Hobbes einen starken Nominalismus. Er unterschied Namen für die Einzeldinge und Allgemeinbegriffe, die bei der sprachlichen Klassifizierung von Einzeldingen verwendet werden.[1]

„Ein allgemeiner Name wird vielen Dingen zugelegt aufgrund der Ähnlichkeit in Hinblick auf eine Qualität oder ein anderes Akzidenz (dieser Einzeldinge)“[2]

Auch John Locke war der Auffassung, dass alle Dinge, die existieren, Einzeldinge (partikulär) sind.[3] Er entwickelte eine psychologisch orientierte Theorie zur Entstehung von Allgemeinbegriffen. Wörter erhalten Allgemeinheit als Zeichen allgemeiner Ideen. Diese entstehen durch einen Abstraktionsprozess, indem von Raum, Zeit und anderen Faktoren zur Bestimmung einzelner Individuen abgesehen wird. Der Abstraktionsprozess ist eine Verstandestätigkeit, die Ähnlichkeiten von Individuen analysiert und daraus eine abstrakte Idee formt. Der abstrakte Begriff ist demnach ein Name der allgemeinen Idee.

„Das Allgemeine gehört nicht zum Bereich der existierenden Dinge, es ist vielmehr Erfindung und Produkt des Verstandes, der es sich für seinen eigenen Gebrauch herstellt; das Allgemeine bezieht sich lediglich auf Zeichen, seien diese nun Worte oder Vorstellungen.“[4]

Locke vertritt in der Universalienfrage einen nominalistischen Konzeptualismus, d. h., er geht davon aus, dass die durch Abstraktion gewonnenen allgemeinen Ideen eigenständige Entitäten im Verstand sind.

George Berkeley und David Hume

George Berkeley

George Berkeley kritisierte vor allem den von Locke beschriebenen Abstraktionsprozess.[5] Demnach bleibt, wenn von den spezifischen Eigenschaften eines Individuums abgesehen wird, nichts Beschreibbares übrig. So kann das Allgemeine im Begriff „schnell“ nicht erklärt werden, indem von einem schnell gehenden Menschen oder einem schnell fahrenden Schiff die Vorstellung eines Menschen oder eines Schiffes weggedacht wird. Auch kann der allgemeine Begriff eines Dreiecks, entgegen Lockes Darstellung, nicht gedacht werden, indem es sich zugleich stumpf, rechtwinklig und spitzwinklig vorgestellt wird. Vielmehr ergibt sich, so Berkeley, die Bedeutung einer allgemeinen Vorstellung aus ihrem Gebrauch.

Diese These erinnert stark an den späten Ludwig Wittgenstein, der Allgemeinbegriffe als den jeweiligen Konventionen unterworfen ansah. Diese rein nominalistische Auffassung einer Universalie umgeht die Verbindung des Begriffs der Allgemeinheit mit der Vorstellung eines idealen Seins. Damit wurden Allgemeinbegriffe unabhängig von der Existenz eines primären Prinzips gebildet – eine Verknüpfung, die das Denken der gesamten Scholastik beherrscht und dem Realismus als starkes Verteidigungsargument gedient hatte.

Die Lösung von der Metaphysik des Seins war ein wichtiger Impuls der Aufklärung. David Hume schloss sich Berkeley uneingeschränkt an und betonte, dass Allgemeinbegriffe als Repräsentationen von Individuen eingeführt werden können und ihre Eigenständigkeit durch Gewohnheit erhalten.[6] Es handelt sich dabei nicht um Abstraktionen. Zugrunde gelegt wird vielmehr ein bestimmtes Individuum, das repräsentativ für andere Individuen steht.

Rationalisten

Die Rationalisten Spinoza, Descartes und Leibniz vertraten einen mehr oder weniger konzeptualistisch geprägten Realismus. So vertrat Spinoza den Standpunkt, dass es durch die subjektive Weise der Bildung von Allgemeinbegriffen zu unterschiedlichen Auffassungen der Begriffsinhalte komme. Er sah hierin eine der Ursachen verschiedener Strömungen in der Philosophie. Die Ratio und die Scientia intuitiva waren für Spinoza höhere Erkenntnisweisen, durch die das Wesen einer Sache zu erfassen sei.[7]

Nach Descartes verfügt der Mensch von vornherein über eine Vielzahl von Ideen über die unveränderliche wahre Natur der Dinge; siehe dazu die angeborenen bzw. eingeborenen Ideen, die ideae innatae. Die Universalie ist ein Name für eine bestimmte Art und Weise zu denken.[8]

Leibniz sah Ähnlichkeiten nicht nur als Produkt des Verstandes, sondern sprach ihnen eine Realität zu. Empirische Induktion kann nicht zur Allgemeinheit führen. Dazu bedarf es der Vernunftwahrheiten.[9]

Kant und der deutsche Idealismus

Immanuel Kant

Immanuel Kant hat zwar nicht unmittelbar zum Universalienproblem Stellung genommen, durch die Art seiner Unterscheidung von Anschauungen und Begriffen[10] jedoch Einfluss auf die Diskussion der Folgezeit ausgeübt. „Anschauung“ nennt Kant eine einzelne Vorstellung (repraesentatio singularis), die sich auf einen unmittelbaren Gegenstand bezieht. Ein „Begriff“ entsteht hingegen durch die Bildung einer Synthese in einem Urteil, indem aus der Mannigfaltigkeit der Anschauungen eine mittelbare Beziehung zu den Gegenständen anhand gemeinsamer Merkmale hergestellt wird. „Allgemeinheit“ besteht, so Kant, vorbegrifflich und wird durch die Funktion des Urteils erfasst. Die Urteilskraft ist das Vermögen, „das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken“ (KdU B XXV).

„Der Begriff vom Hund bedeutet eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen Tieres allgemein verzeichnet, ohne auf irgendeine besondere Gestalt, die nur die Erfahrung darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto darstellen kann, eingeschränkt zu sein.“[11]

Der Mensch bildet Begriffe „durch Handlungen reinen Denkens“ (KrV B 81). Sie sind daher immer „allgemeine“ reflektierte Vorstellungen (repraesentatio per notas communes), sodass es tautologisch wäre, von „allgemeinen Begriffen“ zu sprechen. Kant unterschied empirische Begriffe (aufgrund sinnlicher Erfahrung) von reinen Verstandesbegriffen, die ohne sinnliche Anschauung ausschließlich im Verstand ihren Ursprung haben. Mit „Idee“ bezeichnete Kant nur reine Vernunftbegriffe wie die Idee der Republik oder die Idee der Freiheit. Diese entstehen aus Prinzipien, die in den Begriffen und Urteilen des Verstandes liegen.

Im Deutschen Idealismus forderte bereits Fichte die Aufhebung des Gegensatzes von „Allgemeinem“ und „Besonderem“, der durch Setzungen des „Ichs“ entsteht.[12] Das Einzelne als a posteriori, wie es in den Wissenschaften behandelt wird, ist durch das Apriori des Allgemeinen gesetzt und begründet. Der Begriff ist daher für Fichte nicht das Allgemeine, sondern das Einschränkende, das Bestimmende der Anschauung.

Hegel polemisierte gegen die vorbegriffliche Allgemeinheit als „die Nacht, in der alle Kühe schwarz sind“.[13] Das Unendliche und das Endliche kann nicht abstrakt als Gegensatz beschrieben werden, weil das Unendliche das Endliche enthalten muss, soll es nicht selbst ein Endliches sein. Für ihn bestand das „Wahre“ in einem Allgemeinen, das das Besondere in sich selbst ist. Erkenntnis des Absoluten ist ein Selbsterkennungsprozess. Die „sich wissende Vernunft“ ist das „absolute Allgemeine“.

19. Jahrhundert

Nach Kant stand das Universalienproblem nicht mehr explizit im Vordergrund der philosophischen Diskussion. Die scholastische Tradition, die das Problem in den Zusammenhang einer gottgewollten Ordnung stellte, verlor nach der Französischen Revolution ihre Geltung. Im 19. Jahrhundert wurde zumeist in Verbindung mit einem Empirismus eine nominalistische Position vertreten (Herbart, Beneke, Mill, Bain).

Dies gilt auch für Franz Brentano, der die Vorstellungen von Anschauungen a priori ebenso wie Begriffe a priori ablehnte. Erfahrungsurteilen, deren Wahrheit jedermann unmittelbar einsieht, kommt Allgemeinheit zu (Evidenz). Solche Erfahrungsurteile entstehen aus einer unmittelbaren, intentionalen Beziehung auf ein Objekt (Intentionalität). Für Brentano waren Begriffe wie „die Röte“ oder „Dreieckigkeit“ Abkürzungen für Bezeichnungen mehrerer Einzeldinge. Reine Verstandesbegriffe betrachtete er als Fiktionen. Allgemeines entsteht durch Abstraktion, indem Menschen generelle Prädikate mit bestimmten Arten von Vorstellungsbildern verknüpfen. Diese Auffassung ist nicht rein logisch, sondern empirisch überprüfbar, weshalb Stegmüller Brentano als psychologischen Konzeptualisten bezeichnete.[14] Der nominalistischen Auffassung Brentanos folgten auch die meisten Vertreter des Psychologismus(Fechner, Wundt, Münsterberg, Lipps).

Eine Ausnahme bildet in diesem Kontext Arthur Schopenhauer, denn für ihn bildet die Musik „den innersten aller Gestaltung vorhergängigen Kern, oder das Herz der Dinge[…]. Dies Verhältniß ließe sich recht gut in der Sprache der Scholastiker ausdrücken, indem man sagte: die Begriffe sind die universalia post rem, die Musik aber giebt die universalia ante rem, und die Wirklichkeit die universalia in re.“[15]

  1. ↑ Vgl. Thomas Hobbes, Leviathan (1651) I,4
  2. ↑ Thomas Hobbes: Elemente der Philosophie I: Vom Körper, Kap 11, Abschn. 3
  3. ↑ Vgl. John Locke, An Essay concerning Humane Understanding (1690) III, S. 3 und ebd. IV, S. 21
  4. ↑ John Locke: An Essay concerning Human Understanding, III, S. 3, 11
  5. ↑ Vgl. George Berkeley, A treatise concerning the principles of human knowledge (1710)
  6. ↑ Vgl. David Hume, A treatise of human nature (1740)
  7. ↑ Spinoza, Ethica, ordine geometrico demonstrata (1677) II
  8. ↑ Descartes, Principia philosophiae (1644) I
  9. ↑ Leibniz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand (1704) III
  10. ↑ Vgl. den Abschnitt „Von den logischen Verstandesbegriffen“ in der Kritik der reinen Vernunft, B, S. 92ff
  11. ↑ KrV B 180
  12. ↑ Vgl. Wissenschaftslehre
  13. ↑ Phänomenologie des Geistes, S. 19
  14. ↑ Stegmüller, Das Universalienproblem einst und jetzt, S. 78
  15. ↑ Arthur Schopenhauer, ‘‘Die Welt als Wille und Vorstellung‘‘, drittes Buch, 52 online