Ablaut im Indogermanischen
Ablaut im Indogermanisch, vgl. Indo-European ablaut
Nach gängiger Auffassung haben die meisten urindogermanischen Wurzeln (z. B. *bʰer 'bringen', *dewk 'führen' oder *peh₃ 'trinken') */e/ als Wurzelvokal enthalten. Außerdem hätten alle uridg. Wurzeln einen Initialkonsonanten aufgewiesen, so dass z. B. **ed ‚essen‘, **es ‚sein‘, **ag̑ ‚treiben‘ oder **okʷ ‚sehen‘ ausgeschlossen gewesen seien. Ferdinand de Saussure begründete die Laryngaltheorie, gemäß der – in einer späteren weiterentwickelten Version – Laryngale durch Umfärbung des ursprünglichen */e/ bewirkten, dass in der Grundsprache neben */e/ auch */a/ und */o/entstanden seien. Die phonetische Realisierung der Laryngale ist – wie generell auch der sonstigen Phoneme, vgl. die Glottalhypothese– nicht völlig klar (sie werden daher durch Indexzahlen unterschieden); es können aber für *h₁*/h/oder */ç/ (ich-Laut), für *h₂ */x/ (ach-Laut) und für *h₃ */γw/ (stimmhaft und mit Lippenrundung) zumindest näherungsweise angenommen werden. Dabei färbt *h₁ nicht um (*h₁ed 'essen', *h₁es 'sein'), *h₂ bewirkt Umfärbung zu */a/ (h₂eg̑ 'treiben' > h₂ag̑) und *h₃ bewirkt Umfärbung zu */o/ (h₃ekʷ 'sehen' > h₃okʷ). Nach vollzogener Umfärbung und Dehnung (wenn sie nach dem umgefärbten Vokal stehen; *peh₃ 'trinken' > pō) schwinden die Laryngale mit Ausnahme von *h₂ im Anatolischen (> heth. ḫ bzw. ḫḫ; im Anlaut ist auch *h₃ erhalten) in allen Sprachen phonetisch spurlos.
Ist das */e/ unverändert erhalten, spricht man von der -e-Vollstufe. Wenn ein ursprünglich erwartetes */e/ in der indogermanischen Grundsprache nicht akzentuiert war, schwand es; der entsprechende Wortbestandteil stand dann in der Nullstufe (3.Sg. *h₁és -ti 'er ist', 3.Pl. *h₁ s- énti 'sie sind'; es entstehen die so genannten „starken“ und „schwachen“ Teilstämme). Neben der Nullstufe gab es die Dehnstufe */ē/ (vgl. im Folgenden die Bemerkungen zu Nartenisierung und Aufstufung). Die Ablautreihe Nullstufe – Vollstufe – Dehnstufe bezeichnet man auch als quantitativen Ablaut. Als qualitative Ablautvarianten existierten die -o-Abtönungen zu */o/ bzw. */ō/ (zur Ablautsituation „-o- wenn -e unter Nichtakzent“ vgl. im Folgenden). Tragen */o/ bzw. */ō/ den Akzent (also */ó/ bzw. */ṓ/), liegt eine Erscheinung vor, die als „sekundäre -ó- und -ṓ-Aufstufung“ unter folgenden Prämissen und Bedingungen beschrieben werden kann:
Mit Ausnahme deskriptiv präzise erfassbarer Ablauterscheinungen z. B. im Bereich der Endungen, des Themavokals oder analogischer Einflüsse folgt die grundsprachliche Akzent-Ablaut-Zuordnung stets der Regel „-é- unter Akzent, Null unter Nichtakzent, -o- wenn -e- (sekundär) unter Nichtakzent (diese Ablautsituation entsteht z. B. in vielen ursprünglichen reduplizierten Verbalbildungen, bei nominalen Komposita und Zusammenrückungen, in unbetonten vollstufigen nominalen Suffixen bei Wurzelbetonung oder in Wortformen, die im Verlaufe ihrer evolutiven Entwicklung – etwa durch Anaptyxe oder sonstige Ausspracheerleichterungen – zwei Mal die Vollstufe erhalten)“. Ein Wurzelnomen wie *péd 'Fuß' (dieser „starke“ Teilstamm ist so noch ursprünglich erhalten in lat. Akk.Sg. pedem < *péd -m̥ 'den Fuß', lat. Nom.Pl. pedēs 'Füße' < *péd (+ -éy-) -es und lat. Abl.Sg. pede < Lok.Sg. *péd + -i) gestaltet aus aussprachetechnischen Gründen (dieser Vorgang der Einführung eines -é- in den „schwachen“ Teilstamm heißt „Nartenisierung“ nach Johanna Narten) seinen erwarteten „schwachen“ Teilstamm *p d-´ entweder zu *péd- oder zu *p d-é- um. Dabei wird *p d-é- als noch nicht ausreichend empfunden und nochmals zu entweder *péd-e- oder ped-é- nartenisiert, woraus aufgrund der Akzent-Ablaut-Zuordnung *péd-o- bzw. pod-é- entstehen. Die Einzelsprachen beseitigen in der Regel den entstehenden Pleonasmus und wählen auf verschiedene Weise eine Form aus (z. B. das Lateinische die Variante mit -é- der Wurzel und das Griechische die Variante mit -o- der Wurzel) und geben die jeweils andere auf. Werden die entstehenden Ablautvarianten zur Bedeutungsunterscheidung benötigt, werden sie beibehalten (lat. -sēns 'seiend, -wesend': sōns 'schuldig'; egtl. 'der, der's ist'; nhd. Fuß mit der -ṓ-Variante (vgl. im Folgenden die Erläuterungen zur Aufstufung), aber Fessel mit der -é-Variante); im Verbalbereich werden (unter den beschriebenen Bedingungen) die -é-Variante regelhaft als „Normalverb“ (z. B. *h₁éd-o- als Basis für nhd. 'esse') und die -o-Variante regelhaft als „Kausativ-Iterativ“ (z. B. *h₁od-é- (+-yo-) als Basis für nhd. 'ätze'; egtl. 'lasse essen') fortgeführt.
Das außergewöhnlich häufige (nur scheinbar der ursprünglichen Akzent-Ablaut-Zuordnung widersprechende) Vorkommen betonter -o-Stufen (also -ó- und -ṓ-Stufen) in nominalen und verbalen „starken“ Teilstämmen ist darauf zurückzuführen, dass „schwache“ Teilstämme (hauptsächlich mit -o-Stufe, aber auch mit -é-Stufe oder Nullstufe) in der Lage sind, sich einen individuell genau zu ihnen passenden und auf sie zugeschnittenen „starken“ Teilstamm neu (= dann sekundär) hinzu zu bilden („Dominanz des ‚schwachen‘ Teilstamms“). Die verwendeten Aufstufungsvokale im erneuerten „starken“ Teilstamm können -ḗ- (mit dann vollständiger Nartenisierung z. B. in lat. pēs 'Fuß'), -ó- und -ṓ- (z. B. im griechischen Paradigma des Fuß-Worts, aber auch im Verbalbereich im esse-Wort armen. owtem 'ich esse' <*h₁ṓd + -o- oder in lat. sōpiō 'ich schläfere ein' < *swṓp + -yo-), „Null“ (bei Wurzelnomina) oder auch Resonantendehnungen (griech. „schwach“ δείκνῠ-, aber „stark“ δείκνῡ- 'zeigen') sein. Im Verbalbereich entwickelt sich die -ó-Aufstufung bei der Bildung verbaler „starker“ Teilstämme zu einer festen Regel, z. B. beim -ó-stufigen Perfekt oder bei anatolischen ḫi-Verben (heth. daii 'er stellt' < *dʰ h₁-óy -ey mit -ó-Aufstufung im Suffix, gebildet von „schwach“ *dʰ h₁- i -énti > heth. tii̯anzi 'sie stellen' aus). Dieser „schwache“ Teilstamm ist in seiner regelhaften Thematisierung (*dʰ h₁- i -énti > *dʰ h₁- i -ó-nti) fortgesetzt in latein. fiunt 'sie werden gemacht' (mit -k̑-Erweiterung der Wurzel in lat. faciunt 'sie machen') und im altind. Passiv dhīyánte 'sie werden gestellt', das mit dem Mittel der -ó-Aufstufung (in der Wurzel; nur 3.Sg.) ein athematisches Imperfekt *(h₁)é *dʰóh₁-i bildet, das als Passivaorist verwendet wird (altind. ádhāyi 'wurde gestellt').
Der auf diese Weise entstandene Ablaut lässt sich gut an den verbalen Ablautreihen (Präsens-Aorist-Perfekt) zeigen, z. B. bei der uridg. Wurzel *leykw 'verlassen':
Für das Präsens wird die Vollstufe verwendet: An die Wurzel *leykw 'verlassen' (plus ein Primärsuffix) wird direkt die Endung angehängt. Der Aorist hinwieder verlangt die Nullstufe: *likw, sodass (plus Augment und Endung) die Form *é + likw-ó-m 'ich verließ' entsteht. Das Perfekt wird mittels o-Vollstufe gebildet: *loykw, sodass (plus Reduplikation und Endung) die Form *le-lóykw-h₂e 'ich habe verlassen' angesetzt wird.
Diese Ablautreihe ist direkt fortgesetzt beispielsweise im Griechischen: λείπω, ἔλιπον, λέλοιπα (transkribiert leípō, élipon, léloipa)