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Ablaut

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ab + Laut Apophonie

ABLAUT, m. permutatio vocalium literarum, geregelter übergang des vocals der wurzel in einen andern; ein edles und ihr wesentliches vermögen der deutschen sprache, verschieden von umlaut. [1]

Ablaut

Ablaut (auch Apophonie) wird ein regelmäßiger Wechsel des Vokals innerhalb etymologisch zusammengehöriger (wurzelverwandter) Wörter oder Wortteile in den indogermanischen Sprachen genannt. Der Begriff wurde 1819 von Jacob Grimm in die Sprachwissenschaft zur Bezeichnung des regelmäßigen Wechsels im Stammvokal bei der Flexionder germanischen starken Verben eingeführt (er wurde vereinzelt schon früher ähnlich verwendet, allerdings noch nicht als klar umrissener Fachbegriff).

Es wird zwischen qualitativem Ablaut (Wechsel der Vokalfärbung) und quantitativem Ablaut (Wechsel der Vokallänge) unterschieden. Die Bezeichnung für die Ablautstufen ist nicht einheitlich. In der Regel unterscheidet man beim indogermanischen Ablaut zwischen drei Stufen:

  • Vollstufe (auch Grundstufe oder Normalstufe)
  • Dehnstufe (Langstufe)
  • Nullstufe (auch Schwundstufe oder Reduktionsstufe).

Ablaut im Indogermanischen

Ablaut bei den deutschen bzw. germanischen Verben

Im Germanischen dient bei den (neueren) sogenannten schwachen Verben ein Dentalsuffix (z. B. -t- im Deutschen, -ed im Englischen) zur Markierung des Präteritums und des Partizips II. Beispiel aus dem Deutschen:

loben, der Stammvokal ändert sich bei der Vergangenheitsbildung nicht: loben, lobte, gelobt.

Bei den (älteren) starken Verben dagegen tritt ein weitgehend regelmäßiger Ablaut auf, das heißt, dort ändern sich die Hauptvokale bei der Konjugation. Noch heute sind die Ablautverhältnisse im Deutschen gut erkennbar. Beispiel:

singen, Vollstufe (das germanische */i/ geht hier auf das */é/ im indogermanischen Präsens zurück), sang: o-Abtönung (das */-ó-/ aus altem Perfekt (das im Germanischen als Präteritum umgedeutet wurde) wurde zum */a/; vergleiche acht versus lat. octō aus grundsprachlich *ok̑tṓ), gesungen: Nullstufe (/un/ aus silbischem */ņ/)
trinken, der Vokal ändert sich bei der Vergangenheitsbildung: trinken, trank, getrunken.

Es gibt im Germanischen sieben Ablautreihen, innerhalb deren ein Vokal nach einer jeweils festen Regel ablautet (der ursprüngliche Grund dafür sind u. a. die nachfolgenden Konsonanten). Im Deutschen sind alle sieben Ablautgruppen bis heute erhalten, wobei manche Verben im Laufe der Sprachgeschichte auch ihre Ablautgruppe gewechselt haben, oder schwach geworden sind, z. B. wird das Verb backen im Norddeutschen heute überwiegend schwach gebeugt (backen – backte – gebackt), während im Oberdeutschen noch öfter starkes Präteritum und Partizip II (backen – buk – gebacken) zu finden sind.

Übersicht der Ablautreihen (moderne Reihenfolge) und Ablautstufen (urgermanischer Lautstand)
Vollstufe Dehnstufe abgetönte

Vollstufe

abgetönte

Dehnstufe

Schwundstufe
Stammvokal e ē o ō -
1. Reihe: + i e + i ē + i o + i ō + i i
2. Reihe: + u e + u ē + u o + u ō + u u
3. Reihe: + Nasal/Liquid + Konsonant e + Nasal/Liquid + Konsonant ē + Nasal/Liquid + Konsonant o + Nasal/Liquid + Konsonant ō + Nasal/Liquid + Konsonant (silbischer) Nasal/Liquid + Konsonant
4. Reihe: + Nasal/Liquid e + Nasal/Liquid ē + Nasal/Liquid o + Nasal/Liquid ō + Nasal/Liquid (silbischer) Nasal/Liquid
5. Reihe: + Konsonant außer Nasal/Liquid e + Konsonant außer Nasal/Liquid ē + Konsonant außer Nasal/Liquid o + Konsonant außer Nasal/Liquid ō + Konsonant außer Nasal/Liquid nicht möglich
6. Reihe: a/o-Ablaut statt e/o-Ablaut (möglicherweise vorindogermanisches Substrat)
7. Reihe: ehemals reduplizierende Verben

Beispiele für Verben der einzelnen Ablautreihen:

1. Ablautreihe des Deutschen: ei – i/ie – i/ie

  • beißen – biss – gebissen
  • schreiben – schrieb – geschrieben
  • schneiden – schnitt – geschnitten

2. Ablautreihe des Deutschen: ie – o – o

  • biegen – bog – gebogen
  • bieten – bot – geboten
  • fliegen – flog – geflogen
  • frieren – fror – gefroren
  • wiegen – wog – gewogen

alternativ: au – o – o

  • saugen – sog – gesogen
  • saufen – soff – gesoffen

3. Ablautreihe des Deutschen: e/i – a – o/u

  • singen – sang – gesungen
  • schwimmen – schwamm – geschwommen
  • sterben – starb – gestorben
  • helfen – half – geholfen

4. Ablautreihe des Deutschen: e/o – a – o

  • kommen – kam – gekommen
  • nehmen – nahm – genommen

5. Ablautreihe des Deutschen: e/i – a – e

  • lesen – las – gelesen
  • liegen – lag – gelegen
  • sitzen – saß – gesessen

6. Ablautreihe des Deutschen: a – u – a

  • tragen – trug – getragen
  • graben – grub – gegraben
  • backen – buk – gebacken

alternativ: ö – o – o

  • schwören – schwor – geschworen

7. Ablautreihe des Deutschen: ei/au/ō/a/ū – i – ei/au/ō/a/ū

  • heißen – hieß – geheißen
  • hauen – hieb – gehauen
  • stoßen – stieß – gestoßen
  • fangen – fing – gefangen
  • fallen – fiel – gefallen
  • schlafen – schlief – geschlafen
  • rufen – rief – gerufen

Beim Erlernen der mittelhochdeutschen und althochdeutschen Sprache kommt der Beschäftigung mit den Ablaut-Reihen eine besonders wichtige Bedeutung zu.

Der Ablaut geht auf die urindogermanische Sprache zurück. Im Urgermanischen wurde er systematisch zur Bildung der Stammformen der Verben produktiv, was man heute noch sprachübergreifend beobachten kann, z. B.

deutsch:

  • stehlen – stahl – gestohlen
  • geben – gab – gegeben

niederländisch:

  • stelen – stal – gestolen
  • geven – gaf – gegeven

englisch:

  • steal – stole – stolen
  • give – gave – given

isländisch:

  • stela – stal – stolið
  • gefa – gaf – gefið

gotisch:

  • stilan – stâl – stelun – stulans
  • giban – gâf – gebun – gibans

Zu beobachten ist dabei das gleichartige, meist aber nicht genau gleiche Ablautreihen-System (da es zu unterschiedlichen Lautverschiebungen kam). Das Schriftbild hält ältere Formen oft lange aufrecht, die sich in der gesprochenen Sprache bereits geändert haben.

Die Kenntnis der historischen Entwicklungen des Ablauts kann oft helfen, scheinbar zufällige Unregelmäßigkeiten zu erklären. Beispielsweise hat das Verb „sein“ im Lateinischen die Formen est (er/sie/es ist) und sunt (sie sind), die den verwandten deutschen Formen stark ähneln. Der Unterschied zwischen Singular und Plural in beiden Sprachen lässt sich einfach erklären: die urindogermanische Wurzel beider Verben ist *h1es-. In der indogermanischen Ursprache wurde der Stammvokal im Plural weggelassen (sog. Nullstufe des Ablauts), was aus *h1és-ti für ist zu *h1s-énti für sind führte (lat. sunt < *h1s-ó-nti; das lat. Verb ist in der 1.Sg., 1.Pl. und 3.Pl. thematisiert).

Auch in der Wortbildung spielt der Ablaut eine Rolle, so sind im Deutschen die Substantive Band und BundAbleitungen des Verbs binden. Diese sogenannte implizite Derivation ist heute allerdings nicht mehr produktiv.

Strikt vom Ablaut zu trennen ist der im West- und Nordgermanischen verbreitete Umlaut (z. B. deutsch Maus – Mäuse, Mäuslein; fahren – fährt), da dieser durch die lautliche Umgebung verursacht worden ist, z. B. durch ein in der folgenden Silbe stehendes -i/j-. Er ist eine wesentlich jüngere Erscheinung als der indogermanische Ablaut, weshalb auch keinerlei systematischer oder historischer Zusammenhang mit dem Wechsel in den Ablautreihen besteht und der Umlaut in aller Regel nicht zu den Ablautphänomenen gerechnet wird.

Ablaute im Sanskrit

Ablaut im Litauischen

Im Litauischen werden drei Ablautreihen unterschieden, wobei nicht immer alle Abstufungen bei den Wörtern auftreten.

Reihe Normalstufe Dehnstufe Abtönung Dehnstufe und Abtönung Nullstufe Kommentare
I. e ė a o uo i (į)
žélti „sprießen“ žėlė žalias „grün“ žolė „Gras“ - - Die Nullstufe tritt hier nicht auf, weil Liquida oder Nasale fehlen.
ėda „Essen“ uodas „Mücke“ -
Durch Nasalierungen entstand die Reihe ę, ą, į, wobei diese Vokale heute lang und nicht mehr nasal sind.
gręžti grąžìnti grįžti
Neben r und l wurde ein i eingeschoben, d. h. ir, ri, yr, ry, il, li usw.
berti „schütten“ bėrė barstyti „streuen“ bìrti, byra (bįra) „geschüttet werden“
Reihe Normalstufe Dehnstufe Abtönung Nullstufe Kommentare
II. ei (ej) ėj ai (aj) i y ie
sneigėti „stark schneien“ snaigė „Schneeflocke“ snìgti „schneien“ snyguriuoti „ein wenig schneien“ sniegas „Schnee“
Reihe Normalstufe oder Abtönung Nullstufe Dehnstufe Kommentare
III. au u ū uo ov
laukti „warten“ lùktelėti „bisschen warten“ palūkėti „eine Weile warten“

lūkuriuoti „abwarten“

kráuti „laden; stapeln“ krūvà „Haufen“ króvė

Allerdings treten außerdem so genannte Ablautentgleisungen auf, wobei diese darin bestehen, dass die i-Stufe ohne folgende Liquida oder Nasal auftritt.

  • teškia, tėškė (tėkšti „spritzen; schlagen, klopfen; werfen“), taškyti „spritzen“, tìško (tìkšti „spritzen“), tyška „spritzt, spritzen“

Siehe auch

Literatur

  • Gerhard Eis: Historische Laut- und Formenlehre des Mittelhochdeutschen. Carl Winter, Heidelberg 1950 (= Sprachwissenschaftliche Studienbücher); Lizenzausgabe: VEB Max Niemeyer Verlag, Halle (Saale) 1958, S. 38–41.
  • Benjamin W. Fortson: Indo-European Language And Culture. An Introduction. 2nd edition. Wiley-Blackwell, Oxford 2009, ISBN 978-1-4051-8896-8.
  • Alwin Kloekhorst: Etymological Dictionary of the Hittite Inherited Lexicon. Brill, Leiden/ Boston 2008, ISBN 978-90-04-16092-7.
  • Helmut Rix: Historische Grammatik des Griechischen. Laut- und Formenlehre. Darmstadt 1976, 1992, ISBN 3-534-03840-1.
  • Helmut Rix: Lexikon der Indogermanischen Verben. LIV. Die Wurzeln und ihre Primärstammbildungen.Bearbeitet von Martin Kümmel, Thomas Zehnder, Reiner Lipp und Brigitte Schirmer. 2., erweiterte und verbesserte Auflage. Reichert, Wiesbaden 2001, ISBN 3-89500-219-4.
  • Elmar Seebold: Vergleichendes und Etymologisches Wörterbuch der germanischen starken Verben. Mouton, Den Haag 1970, DNB 458930229.
  • Alfred Senn: Handbuch der litauischen Sprache. Band 1: Grammatik (= Indogermanische Bibliothek. Reihe 1: Lehr- und Handbücher). Winter, Heidelberg 1966, S. 77–79.
  • Andrew L. Sihler: New Comparative Grammar of Greek and Latin. Oxford University Press, Oxford/New York 1995, ISBN 0-19-508345-8.
  • Oswald J.L. Szemerényi: Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1990, ISBN 3-534-04216-6.
  • Harald Wiese: Eine Zeitreise zu den Ursprüngen unserer Sprache. Wie die Indogermanistik unsere Wörter erklärt. Logos-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-8325-1601-7.
Wiktionary: Ablaut – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  1. ↑ „ABLAUT, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=A00837>, abgerufen am 31.12.2023. ABLAUT, m. permutatio vocalium literarum, geregelter übergang des vocals der wurzel in einen andern; ein edles und ihr wesentliches vermögen der deutschen sprache, verschieden von umlaut.