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Ablautreihen

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Verben

Auch bei den Verben wird zwischen einer starken (vokalischen) und einer schwachen Konjugation unterschieden. Die Zahl der schwachen Verben war zu jeder Zeit höher als die der starken Verben, aber die zweite Gruppe war im Althochdeutschen deutlich umfangreicher als heute. Neben diesen beiden Gruppen gibt es die Präteritopräsentien, Verben, welche mit ihrer ursprünglichen Präteritums­form eine Präsensbedeutung aufweisen.

Starke Verben

Bei den starken Verben kommt es im Althochdeutschen zur Veränderung des Vokals im Grundmorphem, welches die lexikalische Bedeutung des Wortes trägt. Die Flexion (Beugung) der Wörter wird durch Flexionsmorpheme (Endungen) gekennzeichnet. Man unterscheidet im Althochdeutschen sieben verschiedene Ablautreihen, wobei die siebte nicht auf einen Ablaut, sondern auf Reduplikation zurückgeht.

Ablautreihen starker Verben
Ablautreihe Infinitiv Präsens Präteritum Plural Partizip
I. a ī + Konsonant (weder h noch w) ī ei i i
b ī + h oder w ē
II. a io + Konsonant (weder h noch Dental) iu ou u o
b io + h oder Dental ō
III. a i + Nasal oder Konsonant i a u u
b e + Liquid oder Konsonant o
IV. e + Nasal oder Liquid i a ā o
V. e + Konsonant i a ā e
VI. a + Konsonant a uo uo a
VII. ā, a, ei, ou, uo oder ō ie ie wie Inf.

Beispiele in rekonstruiertem und vereinheitlichtem Althochdeutsch:

Ablautreihe I.a
rītan – rītu – reit – ritun – giritan (nhd. reiten, fahren)
Ablautreihe I.b
zīhan – zīhu – zēh – zigun – gizigan (nhd. bezichtigen, zeihen)
Ablautreihe II.a
biogan – biugu – boug – bugun – gibogan (nhd. biegen)
Ablautreihe II.b
biotan – biutu – bōt – butun – gibotan (nhd. bieten)
Ablautreihe III.a.
bintan – bintu – bant – buntun – gibuntan (nhd. binden)
Ablautreihe III.b.
werfan – wirfu – warf – wurfun – giworfan (nhd. werfen)
Ablautreihe IV.
neman – nimu – nam – nāmun – ginoman (nhd. nehmen)
Ablautreihe V.
geban – gibu – gab – gābun – gigeban (nhd. geben)
Ablautreihe VI.
faran – faru – fuor – fuorun – gifaran (nhd. fahren)
Ablautreihe VII.
rātan – rātu – riet – rietun – girātan (nhd. raten)
Flexionsformen starker Verben am Beispiel werfan (Infinitiv)
Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum
Indikativ Singular 1. ih wirfu warf
2. dū wirfis/wirfist wurfi
3. er, siu, iz wirfit warf
Plural 1. wir werfemēs (werfēn) wurfum (wurfumēs)
2. ir werfet wurfut
3. sie, siu werfent wurfun
Konjunktiv Singular 1. ih werfe wurfi
2. dū werfēs/werfēst wurfīs/wurfīst
3. er, siu, iz werfe wurfi
Plural 1. wir werfēm (werfemēs) wurfīm (wurfīmēs)
2. ir werfēt wurfīt
3. sie, siu werfēn wurfīn
Imperativ Singular 2.
wirf
Plural werfet
Partizip werfanti / werfenti giworfan

Beispiel: werfan – wirfu – warf – wurfun – giworfan (nhd. werfen) nach der Ablautreihe III. b

Schwache Verben

Die schwachen Verben des Althochdeutschen lassen sich morphologisch und semantisch über ihre Endungen in drei Gruppen einteilen:

Verben mit der Endung -jan- mit kausativer Bedeutung (etwas machen, bewirken) sind für das Verständnis der im Mittelhochdeutschen sehr häufig und auch heute noch teilweise vorhandenen schwachen Verben mit Rückumlaut elementar, da hier das /j/ in der Endung den oben beschriebenen Primärumlaut im Präsens bewirkt.

Formen schwacher Verben mit der Endung -jan- mit kausativer Bedeutung und für denominative Bildungen am Beispiel *taljan → ahd. zellen ‚(auf-, er-, zu-)zählen, (aus-)sagen, sprechen‘.
Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum
Indikativ Singular 1. ih zellu zellita
2. dū zellis zellitos
3. er, siu, iz zellit zellita
Plural 1. wir zellumēs zellitum
2. ir zellet zellitut
3. sie, siu zellent zellitun
Konjunktiv Singular 1. ih zele zeliti
2. dū zellēst zelitīs
3. er, siu, iz zele zeliti
Plural 1. wir zelēm zelitīm
2. ir zelēt zelitīt
3. sie, siu zelēn zelitīn
Imperativ Singular 2.
zel
Plural zellet
Formen schwacher Verben mit der Endung -ōn mit instrumentaler Bedeutung (etwas benutzen) am Beispiel mahhōn ‚machen‘
Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum
Indikativ Singular 1. ih mahhо̄m mahhо̄ta
2. dū mahhо̄s mahhо̄tо̄s
3. er, siu, iz mahhо̄t mahhо̄ta
Plural 1. wir mahhо̄mēs mahhо̄tum
2. ir mahhо̄t mahhо̄tut
3. sie, siu mahhо̄nt mahhо̄tun
Konjunktiv Singular 1. ih mahho mahhо̄ti
2. dū mahhо̄s mahhо̄tīs
3. er, siu, iz mahho mahhо̄ti
Plural 1. wir mahhо̄m mahhо̄tīm
2. ir mahhо̄t mahhо̄tīt
3. sie, siu mahhо̄n mahhо̄tīn
Imperativ Singular 2.
mahho
Plural mahhot
Formen schwacher Verben mit der Endung -ēn mit durativer Bedeutung (vollziehen, werden) am Beispiel sagēn ‚sagen‘
Modus Numerus Person Pronomen Präsens Präteritum
Indikativ Singular 1. ih sagēm sagēta
2. dū sagēs sagētо̄s
3. er, siu, iz sagēt sagēta
Plural 1. wir sagēmēs sagētum
2. ir sagēt sagētut
3. sie, siu sagēnt sagētun
Konjunktiv Singular 1. ih sage sagēti
2. dū sagēs sagētīs
3. er, siu, iz sage sagēti
Plural 1. wir sagēm sagētīm
2. ir sagēt sagētīt
3. sie, siu sagēn sagētīn
Imperativ Singular 2.
sage
Plural sagēt

Besondere Verben

Das althochdeutsche Verb sīn ‚sein‘ wird als Verbum substantivum bezeichnet, weil es für sich allein stehen kann und ein Dasein von etwas beschreibt. Es zählt zu den Wurzelverben, welche zwischen Stamm- und Flexionsmorphem keinen Bindevokal aufweisen. Diese Verben werden auch als athematisch (ohne Binde- oder Themavokal) bezeichnet. Das Besondere an sīn ist, dass sein Paradigma suppletiv ist, also aus verschiedenen Verbstämmen gebildet wird (idg. *h₁es- ‚existieren‘, *bʰueh₂- ‚wachsen, gedeihen‘ und *h₂ues- ‚verweilen, wohnen, übernachten‘). Im Konjunktiv Präsens besteht weiterhin das auf *h₁es- zurückgehende sīn (die mit b-anlautenden Indikativformen gehen hingegen auf *bʰueh₂- zurück), im Präteritum jedoch wird es durch das starke Verb wesan (nhd. war, wäre; vgl. auch nhd. Wesen) ersetzt, welches nach der fünften Ablautreihe gebildet wird.

Präsensformen des verbum substantivum: sīn ‚sein‘
Numerus Person Pronomen Indikativ Konjunktiv
Singular 1. ih bim, bin sī
2. dū bist sīs, sīst
3. er, siu, ez ist sī
Plural 1. wir birum, birun sīn
2. ir birut sīt
3. sie, sio, siu sint sīn