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GULR/Vorwort

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Als ich Carl Ottfried Müller's, meines gelehrten Freundes, vortreffliche Schrift über die Etrusker las und in der schönen Abhandlung über die Bildung der lateinischen Sprache viel Tiefes und Neues fand, fiel es mir auf, dass über die Ähnlichkeit zwischen dem Germanischen und Lateinischen nichts gesagt war. Da nun manche ältere und neuere Forscher schon öfters auf das germanische Element in Latein aufmerksam gemacht hatten, und auch ich schon länger von dem Vorhandensein dessellen überzeugt war, beschloss ich, die Sache genauer zu untersuchen. Noch glaubte ich die Zahl germanischer Worter im Latein so gross nicht. Wie erstaunte ich indess, als nach wenigen Wochen eine bedeutende Menge gefunden war und dann, als die Gesetze der Veränderungen, nach denen beide Sprachen sich bildeten, mir immer klarer vortraten, die Ausbeute täglich bedeutender wurde.

Anfangs hatte ich die Zahl der aus dem Latein in's Deutsche übergegangenen Wörter viel grösser gehalten und danach auch meine Collectaneen angelegt; aber bald sahe ich ein, dass der Stamm der meisten in der deutschen Sprache zu suchen sei. Von vielen Wörtern glaubte ich zuerst die Wurzel gefunden zu haben und staunte, wenn ich sie schon von Andern ganz auf dieselbe Weise abgeleitet fand. Es war mir dies auch stets erfreulich, weil es mich von der Richtigkeit meiner Forschung und Ansicht überzeugte, da ein so gleiches Resultat nicht Sache des Zufalls sein, sondern nur aus der innern Wahrheit des Gegenstandes hervorgegangen sein kann. Ich richtete nun meinen Blick auf die Flexion und das Geschichtliche, da ohne dies die Wahrheit des Gegenstandes nicht dargethan werden konnte. Da ich sowohl in jenem, wie in liesem Theile, manches Neue, oder wenig Beachtete gefunden zu haben glaube, so wage ich es, meine Forschungen hier öffentlich zur Prüfung vorzulegen. Gern gebe ich nach, dass von manchem Worte nicht die richtigste Ableitung gegeben ist und eine bessere gefunden werden kann, wie ich denn täglich noch etwas Neues und oft Besseres finde.

Aber so viel scheint mir denn doch gewiss, dass, wenn auch die eine Hälfte des Buches gestrichen würde – und das wäre denn doch etwas viel! – wohl noch so viel übrig bliebe, um eine engere Verwandschaft zwischen der lateinischen und deutschen Sprache, und den alten italischen und germanischen Völkern zu beweisen, als man gewöhnlich annimmt. Unsere deutschen Gelehrten haben sich aus Achtung vor dem vaterländischen Sprichwort: Es ist nicht weit her – gar oft verleiten lassen, in der weitesten Ferne zu suchen, was sie viel früher haben konnten, und ich werde wohl auf manchen Angriff mich bereit halten müssen, da dasselbe immer noch bei Vielen in Kraft steht und es einmal ein verjährtes Vorurtheil ist, das Latein von dem Griechischen abzuleiten.

Unbedenklich behauptet man, dass nox von νύξ abstamme;

Den Beweis zu führen, dass diese und ähnliche die natürlichsten Dinge bezeichnende Wörter von den Römern zu den Deutschen gekommen wären, sollte denn doch wohl unmöglich sein, und die Annahme einer gemeinschaftlichen Ursprache möchte für eine so grosse Ähnlichkeit nicht ausreichen.

Auch habenn ja zwei höchst ausgezeichnete Sprachforscher, Grotefend und Ramshorn, über das germanische Element im Latein sich deutlich ausgesprochen, und Murray sagt in seinem gelehrten Werke history of the european languages, dass besonders aus dem bisher meist vernachlässigten Studium der nordischen Sprachen Licht über die alten verbreitet werden könne, daher ich um so muthiger den einmal betretenen Pfad verfolgte.

Wenn ich von der gewöhnlichen Ableitung oft abweiche, wird man es, hoffe ich, nicht der Unwissenheit zuschreiben. Hätte ich dem alten Hergebrachten und durch Verjährung Geheiligten folgen wollen, so wäre ich von Scheller's kleinem Wörterbuche oder Vossen's Etymologicum magnun nicht abgewichen, es wäre aber dann auch das ganze Werkchen nicht entstanden, in dem freilich manches, jetzt noch kühner Scheinendes, ausgesprochen werden musste.

Als Niebuhr's Forschungen die lange Jahrhunderte gläubig nacherzählte römische Geschichte erschütterten, glaubte man, dass solche Untersuchungen der ganzen Geschichte den Untergang droheten. Jetzt hat man sich daran gewöhnt, und es füllt nicht mehr auf, wenn der Mythos als Mythos dargestellt wird. Widersprüche muss ich erwarten. Die mir jetzt von Freunden, welche einzelne Bogen durchlasen, gemacht wurden, haben nur dazu gedient, meine Aufmerksamkeit auf manches Übersehene zu lenken, und Anderes deutlicher und gründlicher nachzuweisen, als es geschehen war, aber keinesweges meine Meinung aufzugeben oder zu erschüttern.

Vielmehr dient mir die Art und Weise, wie ich zu den Wörtern gelangte, für die Richtigkeit der Ableitung. Denn hatte ich eine Regel, nach dem das Latein seine Würter veründerte; entdeckt, und suchte nun dieser gemäss die Wörter, so fand ich stets binnen kurzem eine ziemliche Anzahl, wie z. B. die in den Nachträgen gegebenen, in wenigen Tagen, bei mancherlei andern Arbeiten, zusammengetragen wurden.

Man entsage nur dem ganz gewöhnlichen, aber doch falschen Schlusse: Griechen und Römer schrieben früher als Deutsche, und daher mussten sie auch früher da sein, und denke, dass Völker Jahrtausende schon bestehen konnten, auch ohne zu schreiben, und man wird diese Umwälzung der gewöhnlichen Ansicht von Abstammung der Sprache und Völker, nicht so unnatürlich finden, als sie im ersten Augenblick scheint.

Bei Bearbeitung des Gegenstandes musste ich viel Vorhandenes benutzen, und verdanke besonders manche treffliche Ausbeute im sprachlichen Theile Wachter, Adelung, Murray, Grimm, Schmithenner, im geographischen und geschichtlichen Cluver, Burdetti, Niebuhr und Mannert. Wenn manches noch nicht gehörig ausgeführt ist, so bitte ich zu bedenken, dass auf diesem Gebiete es noch an Vorarbeitern fehlte und dass ich leider manches wichtige Werk, ohnerachtet aller Mühe, die ich mir, es zu erhalten, gab, nicht bekommen konnte. Hätte ich aber mit dem Herausgeben zögern wollen, bis das Werk zur höchsten Vollendung gebracht wäre, so würde es wahrscheinlich während meines Lebens nicht erschienen sein, da bis jetzt kein Tag verging, ohne dass ich etwas fand.

Wenigstens glaube ich, dass einiger Saame zu einer ernstlichen Forschung auf einem bis jetzt noch wenig betretenen Gebiet ausgeworfen ist, und wünsche, dass er reifere und schönere Früchte trage, als gegenwärtige Abhandlung. Zugleich sage ich hier meinem theuern Freund und Collegen, Herrn Collaborator Bauer, für die Bereitwilligkeit, mit welcher er bei der Correktur mich unterstützte und auf manches undeutlich Ausgesprochene aufmerksam machte, meinen herzlichen Dank.

Berlin, den 1sten December 1829.

Jäkel.