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GDSG/An Gervinus

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Georg Gottfried Gervinus

Auszer unserer landsmannschaft, auf die ich immer noch ein gutes stück gebe, die ich jetzt sogar enger geschürzt wünsche, hat in vielen dingen gemeinsame forschung und sinnesart, zu Göttingen gleiches schicksal uns verbunden. seit Reinhart Fuchs nahmen Sie an meinen arbeiten beständig theil und hielten das streben alles ernstes in unsere sprache, sage und geschichte zu dringen für ein unmittelbar der gegenwärtigen und künftigen zeit zu gute kommendes unaufschiebbares geschäft.

Das buch, mit dessen zueignung, wie niemand als Ihre liebe frau weisz, ich mich schon lange umtrug, war gerade fertig, als die verhängnisse dieses jahrs herein brachen, die mich, wären sie vor dem druck eingetroffen, bewogen haben würden damit ganz zurückzuhalten; jetzt habe ich Ihnen anderes auszusprechen als was mir sonst angelegen hätte, und den etwas übermütigen ton meiner doch mit einer düsteren ahnung schlieszenden vorrede musz ich herabstimmen. denn es kann kommen, dasz nun lange zeit diese studien danieder liegen, bevor das wühlende öffentliche geräusch ihnen wieder raum gestatten wird; sie müssen uns dann wie ein edler und milder traum hinter uns stehender jugend gemuten, wenn ans ohr der wachenden ein roher wahn schlägt, alle unsere geschichte von Arminius an sei als unnütz der vergessenheit zu übergeben und blosz am eingebildeten recht der kurzen spanne unserer zeit mit dem heftigsten anspruch zu hängen. solcher gesinnung ist im höchsten grade einerlei, ob Geten und Gothen jemals gewesen seien, ob Luther in Deutschland eine feste macht des glaubens angefacht oder vor hundert jahren Friedrich der grosze Preuszen erhoben habe, das sie mit allen mitteln erniedrigen möchten, da doch unsrer stärke hofnung auf ihm ruht. gleichviel, ob sie fortan Deutsche heiszen oder Polen und Franzosen, gelüstet diese selbstsüchtigen nach dem bodenlosen meer einer allgemeinheit, das alle länder überfluten soll.

Wie verschieden davon war Ihre von jeher politische, aber für die herlichkeit des lebendigen vaterlandes streitende richtung. Ihre geschichte der poesie legt immer den maszstab an die dichter, ob sie es auferbaut und des volks geistigen fortschritt in der seele empfunden und gepflegt haben. sogar für die thierfabel geht das sittliche beispiel oder auch die satire Ihnen über das weichere epische leben, wobei ich doch beherzigte, dasz es im gegensatz zum offenen bekenntnis auch eine stille, alles epimythiums entrathende förderung des volks gibt, und einige Ihrer urtheile über Göthe schienen mir ungerecht, in dessen jugend und blüte kein deutscher aufschwung fiel, dessen alter die politik müde sein muste, und der doch so gesungen hat, dasz ohne ihn wir uns nicht einmal recht als Deutsche fühlen könnten. so stark ist diese heimliche gewalt vaterländischer sprache und dichtung.

Jetzt haben wir das politische im überschwank, und während von des volks freiheit, die nichts mehr hindern kann, die vögel auf dem dach zwitschern, seiner heiszersehnten uns allein macht verleihenden einheit kaum den schatten. o dasz sie bald nahe und nimmer von uns weiche!

In wie ungelegner zeit nun mein buch erscheine, das vom vorgesteckten ziel sich nicht abwandte, ist es doch, wer aus seinem inhalt aufgabe und gefahr des vaterlandes ermessen will, durch und durch politisch. es lehrt, dasz unser volk nach dem abgeschüttelten joch der Römer seinen namen und seine frische freiheit zu den Romanen in Gallien, Italien, Spanien und Britannien getragen, mit seiner vollen kraft allein den sieg des christenthums entschieden und sich als undurchbrechlichen damm gegen die ungestüm nachrückenden Slaven in Europas mitte aufgestellt hat. Von ihm zumal gelenkt wurden die schicksale des ganzen mittelalters, aber welche höhe der macht wäre ihm beschieden gewesen, hätten Franken, Burgunden, Langobarden und Westgothen gleich den Angelsachsen ihre angestammte sprache behauptet.

Mit deren aufgeben giengen sie uns un groszentheils sich selbst verloren; Lothringen, Elsasz, die Schweiz, Belgien und Holland sind unserm reich, wir sagen noch nicht unwiderbringlich entfremdet. viel zäher auf ihre muttersprache hielten die Slaven und darum kann uns heute ein übermütiger slavismus bedrohen; in unserer innersten art lag je etwas nachgibiges, der ausländischen sitte sich anschmiegendes, sollen wir von dem fehler bis zuletzt nicht genesen?

Der sich zunächst dem forscher in der sprache enthüllende grundsatz, dasz zwischen groszen und waltenden völkern (neben welchen es jederzeit unterwürfige und bewältigte gab) auf die dauer allein sie scheide, und anders redende nicht erobert werden sollen, scheint endlich die welt zu durchdringen. aber auch die innern glieder eines volks müssen nach dialect und mundart zusammentreten oder gesondert bleiben; in unserm widernatürlich gespaltnen vaterland kann dies kein fernes, nur ein nahes, keinen zwist, sondern ruhe und frieden bringendes ereignis sein, das unsre zeit, wenn irgend eine andere mit leichter hand heranzuführen berufen ist. Dann mag was unbefugte theilung der fürsten, die ihre leute gleich fahrender habe zu vererben wähnten, zersplitterte wieder verwachsen, und aus vier stücken ein neues Thüringen, aus zwei hälften ein starkes Hessen erblühen, jeder stamm aber, dessen ehre die geschichte uns vorhält, dem groszen Deutschland freudige opfer bringen.

Mein blick sucht in lichte zukunft einzudringen, wenn auch noch über uns schwer ein wolkenbedeckter himmel steht, und nur am saum der berge die helle vorbricht. vielleicht, bevor einige menschenalter vergangen sind, werden sich nur drei europäische völker in die herschaft theilen: Romanen, Germanen, Slaven. Und wie aus der letzten feindschaft zwischen Schweden und Dänen der schlummernde trieb ihres engen verbandes erwacht ist, wird auch unser gegenwärtiger hader mit den Scandinaven sich umwandeln zu brüderlichem bunde zwischen

uns und ihnen, welchen der sprache gemeinschaft laut begehrt. wie sollte dann, wenn der grosze verein sich binnenmarken setzt, die streitige halbinsel nicht ganz zum festen lande geschlagen werden, was geschichte, natur und lage fordert, wie sollten nicht die Jüten zum alten anschlusz an Angeln und Sachsen, die Dänen zu dem an Gothen wiederkehren? sobald Deutschland sich umgestaltet kann Dänemark unmöglich wie vorher bestehn.

Frankfurt 11. juni 1848.

JACOB GRIMM.