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Tempus in den Sprachen der Welt

aus AufEinWort, der freien Forschung
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▷Tempus in den Sprachen der Welt

Häufigkeit tempusmarkierender Sprachen

Eine besonders typische Unterscheidung ist die zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitstempus; hierbei ist in der Regel die Vergangenheitsform markiert, die Form für die Gegenwart unmarkiert. In der Stichprobe des World Atlas of Language Structures (WALS) existiert in der Mehrzahl der Sprachen (nämlich 134 von 222, also etwa 60 %) ein Vergangenheits-Tempus, knapp 40 % der Sprachen zeigen also keine derartige Kategorie.[9]

Ebenfalls nach der Stichprobe von WALS zeigen im Vergleich etwas weniger Sprachen eine Flexionsform des Futur-Tempus (nämlich knapp die Hälfte: 110 von 222 Sprachen). (Es gilt allerdings als schwierig zu entscheiden, welche Fälle von mehr umschreibenden Techniken des Zukunftsbezuges auch noch unter Tempus zu rechnen wären).[10]

53 der 222 Sprachen der WALS-Stichprobe haben weder Vergangenheits- noch Futurtempus.[11]

Tempustragende Wortarten

Tempus wird oft als eine Kategorie des Verbs beschrieben. Es gibt jedoch in geringem Umfang Fälle, bei denen auch andere Wortarten die Tempusmarkierung des Satzes tragen.

Verben, Hilfsverben und verbnahe Partikeln

Der bekannteste und typischste Fall von Tempusmarkierungen sind morphologische Abwandlungen des Verbs, also Wortformen des Verbs im engeren Sinn. Hilfsverben, die nur Tempus bezeichnen, können auch dazu gruppiert werden, insofern als es sich auch um rein grammatische Elemente handelt. Im Deutschen kommen drei Typen von Tempusmarkierung im Zusammenhang mit Verben vor: Suffixe (Endungen), Stammveränderung (u. a. durch Ablaut) und Hilfsverben. Das Zeichen für die Vergangenheit (Präteritum) ist im Deutschen meistens ein Suffix:

(du) ''lach-te-st''
     lach-prät-2sg

Suffixe sind im Sprachvergleich der häufigste Typ, in der WALS-Stichprobe etwa viermal so häufig wie Präfixe.[12] Das folgende Beispiel mit Präfix stammt aus der afrikanischen Sprache Anywa[13] (oder Anuak) (Nilotisch):

''Dimó   ā-rúBó           kī  tìí''

Dimo prät-aufreihen.[https://de.wikipedia.org/wiki/Antipassiv apass] [https://de.wikipedia.org/wiki/Obliquus_(Kasus) obl] Perlen „Dimo reihte Perlen auf.“

Ablaut findet sich im Deutschen bei den sogenannten starken Verben, hier steckt die Vergangenheitsform im Wortstamm und nur die Personalendung erscheint extra:

(du) ''sprach-st''
 sprech.prät-2sg

Die Stichprobe von WALS deutet darauf hin, dass es womöglich keine Sprachen gibt, die nur Ablaut oder ähnliche Arten der Stammveränderung benutzen.[14] Auch im Deutschen ist dies nicht die „regelmäßige“ Form. Eine andere Art von ganzheitlicher Abwandlung des Verbs, die dann auch systematisch benutzt wird, ist jedoch die Markierung durch Töne in Tonsprachen, oft allerdings zusammen mit Affixen. Ein Beispiel aus der afrikanischen Sprache Suma (Gbaya-Untergruppe der Niger-Kongo-Sprachen):[15]

''fè'' „sterben“ (neutrale Form: tiefer Ton)
''fé'' „sterbe“ (Präsens: hoher Ton)
''fēē'' „starb“ (Vergangenheit: mittlerer Ton, zusätzliche Endung)

Das Futur des Deutschen wird durch das Hilfsverb „werden“ markiert – regulär erscheint dieses allerdings nicht im Infinitiv, wenn es das Futur ausdrückt (ebenso wie andere Tempora an das finite Verb gekoppelt sind):

(du) ''wirst sprech-en''
   fut-2sg sprech-inf

Dieser Unterschied zwischen Präteritum und Futur im Deutschen scheint durchaus typisch, d. h. Futur ist im Sprachvergleich häufiger durch Hilfsverbkonstruktionen markiert als Präteritum (die Abgrenzung zwischen Futur und anderen Kategorien ist allerdings auch schwieriger).[16] Für isolierende Sprachen ist es kennzeichnend, dass grammatische Markierungen sich generell wie eigene Wörter ausnehmen. Unveränderliche Wörter, die separat zum Verb ein Tempus bezeichnen, werden dann oft auch als Partikelnbezeichnet, wenn nicht genau feststellbar ist, ob es sich um Hilfsverben handeln könnte. Auch Sprachen anderen Typs können Tempus-Partikeln aufweisen, die mit dem Verb zusammen stehen. Ein Beispiel einer Sprache, die sogar das Präsens mit einer eigenen Partikel markiert, ist die papuanische Sprache Loniu:[17]

yo lɛʔi  tɔ    ehe
1sg präs  [https://de.wikipedia.org/wiki/Progressiv_(Grammatik) stativ] hinlegen
„Ich lege mich hin.“

Konjunktionen

Im Irischen wurde das Vergangenheitstempus in früheren Sprachstufen durch eine Partikel vor dem Verb markiert. Im heutigen Irisch erscheint sie nur noch vor Vokal, ansonsten ändert nur das Verb seine Form. Bei Sätzen in der Vergangenheit drückt jedoch auch eine nebensatzeinleitende Konjunktion die Tempusunterscheidung aus. Konjunktionen markieren nur Vergangenheitstempus, anders als das irische Verb haben sie keine Futurform.[18]

  • Die Konjunktion go „dass“ leitet Nebensätze ein, die im Präsens oder, wie hier, im Futur stehen:
Deir      sé ''go''   dtóg-faidh  sé an peann.
sagen.präs er dass nehmen-fut  er [https://de.wikipedia.org/wiki/Definitheit_(Linguistik) def] Stift
„Er sagt, dass er den Stift nehmen wird.“

Diese Konjunktion erscheint im Präteritum in der Form gur:

Deir      sé ''gur''      thóg        sé an peann.

sagen.präs er dass-prät nehmen.prät er def Stift „Er sagt, dass er den Stift genommen hat.“

  • Ebenso erscheint z. B. die Konjunktion mara „wenn...nicht“ im Präteritum in den Formen murar / marar:[19]
''Murar''          chaill         sí  é,      ghoid       sé  é.
wenn.nicht-prät verlieren.prät sie 3sg.m.[https://de.wikipedia.org/wiki/Objektpronomen obj] stehlen.prät er 3sg.m.obj
„Wenn sie es nicht verloren hat, dann hat er es gestohlen.“

Nominale Wortarten

Ein Phänomen, das zwar selten ist, aber in mehreren Sprachen unabhängig gefunden wurde, ist Tempusmarkierung an Subjektpronomen, Substantiva oder Artikeln. Das folgende Beispiel für ein tempusmarkiertes Pronomen stammt aus der afrikanischen Sprache Yag-Dii (Niger-Kongo-Sprachen):[20]

Yɔghó  míń     lúú     sʉ'ʉ.
morgen 1sg.fut weggehen [https://de.wikipedia.org/wiki/Perfektiver_Aspekt perf]
„Morgen werde ich weggehen.“

Die Form „1sg.fut“ ist also ein Pronomen der ersten Person in einer speziellen Form für Sätze im Futur. Solche Beispiele erinnern oberflächlich an Konstruktionen des Englischen, in denen eine Futurmarkierung sich an ein Subjektpronomen anlehnt; in diesem Fall handelt es sich jedoch nicht um eine Tempusflexion des Pronomens, sondern nur um eine lautlich reduzierte Form des Futur-Hilfsverbs, die sich an das Subjekt dementsprechend nur lautlich anlehnt (ein Klitikon):

  • I'll be alright. / It'll be alright / There'll be no problem / John'll be alright.

Ein Beispiel für ein Tempusaffix (kein Klitikon) an einem Substantiv im Satz findet sich in der südamerikanischen Sprache Sirionó (Tupí-Guaraní-Sprachen):[21]

 Ési-ke   óso  ñá   ií-ra.
Frau-prät gehen nahe Wasser-[https://de.wikipedia.org/wiki/Lokativ loc]
„Die Frau ging ans Wasser.“

Hierbei ist zu beachten, dass die Bedeutung dieser Tempusformen tatsächlich in der zeitlichen Einordnung der Satzbedeutung besteht, wie bei verbalen Tempusmarkierungen (ansonsten könnte man sich vorstellen, dass eine Vergangenheitsform am Substantiv die zeitliche Einordnung einer Eigenschaft der Person angibt, wie „seine frühere Ehefrau“; diese Bedeutung liegt hier nicht vor). Gerade weil das Tempus sich auf den Satz als ganzen bezieht, wird es im Prinzip möglich, es an verschiedenen Wörtern des Satzes anzubringen. (Auch wenn die obigen Beispiele als exotischer Fall erscheinen, ist auf die Analogie hinzuweisen, dass im Deutschen zwar nicht das Tempus, aber die Verneinung des Satzes an einem Artikel markiert werden kann: „Man muss kein Auto haben“ = „Es ist nicht so, dass man ein Auto haben muss.“)

Unterteilungen im Tempussystem

Das Tempus einer Sprache kann aus einer unterschiedliche Anzahl von Unterkategorien bestehen. Wie bereits in einem früheren Abschnitt anhand des Deutschen zu sehen war, kann manchmal – etwa für das deutsche Perfekt „hat gelobt“ – die Frage entstehen, ob es sich um eine eigene Tempus-Form handelt oder um eine Form, die ein Tempus selbst nur trägt (also hier: „haben“ mit einer Präsensform). Letzterer Fall wird dann oft als ein Aspekt bezeichnet statt als ein Tempus. Viele andere traditionell aufgeführte „Zeiten“ wie Imperfekt und Plusquamperfekt fallen ebenfalls unter die Rubrik des Aspekts oder sind zumindest temporale Unterkategorien, die durch Kombination mit einem Aspekt entstehen. – Siehe hierfür weiter unten den Abschnitt zur Kombination von Tempus und Aspekt.

Es gibt andere Formen einer Unterteilung des Tempussystems, die eindeutig nur Tempus-Kategorien betreffen, nämlich Unterscheidungen nach der zeitlichen Distanz. Einfachere Tempussysteme unterscheiden keine Distanz: In einem dreiteiligen System mit Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft ist es für die Wahl der Form egal, wie weit in der Vergangenheit eine Situation angesiedelt ist. Es gibt aber Sprachen, die feinere Unterteilungen je nach zeitlicher Distanz vornehmen. In der Stichprobe des WALS sind dies etwa 20 % der Sprachen.[22] Solche Unterteilungen können im Prinzip den Bereich der Vergangenheit und den der Zukunft betreffen, sind für die Vergangenheit aber häufiger.[23]

Die häufigste Unterscheidung von dieser Art ist zwischen einer vergangenen Zeit desselben Tages und einer Vergangenheit vor dem Heute.[24]Eine Sprache, deren Vergangenheitsformen nur eine solche Zweiteilung enthalten, ist Ancash Quechua:[25]

  • Limatam aywarquu
„Ich bin nach Lima gefahren (heute).“[26]
  • Limatam aywarqaa
„Ich bin nach Lima gefahren (gestern oder noch früher).“

Mehr Unterscheidungen sind möglich. Außergewöhnlich reich ist das System in der peruanischen Indianersprache Yagua, wo fünf Stufen der Vergangenheit durch Verbformen unterschieden werden: 1. heute, 2. gestern, 3. höchstens vor einem Monat, 4. höchstens vor einem Jahr, 5. vor etlichen Jahren oder in legendenhafter Zeit.[27]

Zeitliche Distanzunterscheidungen können mehr objektiver oder mehr subjektiver Natur sein. In Sprachen mit einem strikten, objektiven System können mit einer Verbform nur solche Zeitadverbiale gebraucht werden, die dem zeitlichen Rahmen der Tempusbedeutung genau entsprechen. Daneben gibt es auch Systeme, die unscharf zwischen naher und ferner Vergangenheit unterscheiden, je nachdem, ob der Sprecher eine subjektive Empfindung von Nähe oder Ferne der Situation ausdrücken möchte. In solch einem Fall können mit jeder der Tempusformen beliebige Zeitadverbiale mit genaueren Zeitangaben verbunden werden.[28]