Tempus, Modus und Modalität
Unter Modalität versteht man eine inhaltliche Kategorie, die vor allem Begriffe von Möglichkeit und Notwendigkeit umfasst. Der Modus ist dagegen eine grammatische Kategorie; sie kann inhaltliche Interpretationen haben, die Begriffe der Modalität erfordern.
Wechselbeziehungen zwischen Tempus und Modalität können darin bestehen, dass eine Tempuskategorie modale Nebenbedeutungen aufweist oder von Modalität nur unscharf abgegrenzt werden kann, oder dass umgekehrt eine Moduskategorie Interpretationen aufweist, die temporale Bedeutungen einschließen.
In beiden Fällen ist es das Futurtempus, das die größte Nähe zur Modalität besitzt. Bei Aussagen über die Zukunft gibt es eine Diskussion, ob sie nicht – im Gegensatz zur Vergangenheit – generell ein Element von Modalität haben müssen, da die Zukunft unbekannt ist. Es wird aber auch argumentiert, dass es eine rein temporale Interpretation des Futurs geben müsse, zum Beispiel in reinen Voraussagen, die anders als modale Aussagen keinen Bezug auf Alternativen andeuten.[55] Es scheint auch möglich, dass sich manche modalen (Neben-)Bedeutungen erst nachträglich aus der Bedeutung eines Futurtempus entwickeln[56] (etwa die Bedeutung einer gegenwärtigen Vermutung „Es wird (wohl) so sein“ aus einer Futurbedeutung „Es wird sich herausstellen, dass es so ist“[57]).
Futur mit modalen Nebenbedeutungen
Futurtempus wird öfters mit Hilfsverben markiert, und diese entstehen typischerweise durch Grammatikalisierung aus einer bestimmten Gruppe von Verbbedeutungen:[58]
- Bewegungsverben, die ursprünglich eine zukünftige Zeit als metaphorisches Ziel einer Bewegung, bzw. dann Veränderung, einführen,
- Modalverben oder modale Konstruktionen, die ursprünglich (a) Absicht oder (b) Verpflichtung bezeichnen.
Dementsprechend kann eine ursprüngliche modale Bedeutung weiterhin in einer Futurmarkierung eine Rolle spielen. Beispielsweise gibt es im Englischen die Wahl zwischen den Hilfsverben will und shall; hierbei wird shall(etymologisch verwandt mit dt. „sollen“) benutzt, wenn es um eine zukünftige Verpflichtung geht (z. B. in Verträgen). Dass will (verwandt mit dt. „wollen“) eine Nebenbedeutung von Absicht haben kann, zeigt sich u. a. daran, dass es nicht in Fragesätzen der ersten Person benutzt wird; als Erklärung hierfür wird genannt, dass sonst der widersinnige Sachverhalt angedeutet würde, dass der Sprecher seine eigenen Absichten erfragt: Shall (??will) I pick you up at seven?[59]
Zukunft und Irrealis
Manche Sprachen unterscheiden ihre Verbformen vor allem entlang den Modi Realis und Irrealis. Hierbei ist der Realis eine „Wirklichkeitsform“ und der Irrealis deckt die übrigen Bezüge ab, die dadurch allesamt als „nichtwirklich“ eingestuft werden. In solchen Sprachen wird der Bezug auf Zukünftiges regelmäßig dem Irrealis zugeordnet. Von einem Irrealis ist jedoch sinnvollerweise nur dann die Rede, wenn zusätzlich andere Interpretationen eingeschlossen werden, nämlich vor allem wenn Zukunft und kontrafaktische Aussagen zusammengefasst werden.[60] (Eine kontrafaktische Aussage bezieht sich auf vorgestellte Alternativen zur tatsächlich bekannten Vergangenheit oder Gegenwart).
Hier wird sichtbar, dass Tempus und Modus zusammen einen Bereich kartieren, in dem den Kategorien sowohl zeitliche als auch modale Koordinaten gegeben werden können: Neben Aussagen über tatsächlich vergangene oder gegenwärtige Zeiten sowie Voraussagen über die Zukunft – und somit realen Aussagen – stehen nicht-reale Aussagen, die aber auch temporal eingeordnet sind, nämlich Aussagen über Alternativen zur Vergangenheit, Vermutungen über die Gegenwart und modal eingefärbte Aussagen über die potenzielle Zukunft. (Beim Konjunktiv des Deutschen wird zwischen einem sogenannten Konjunktiv Präsens und einem Konjunktiv Präteritum unterschieden, hier liegt der Unterschied aber tatsächlich mehr in verschiedenen modalen Bedeutungen als in einer temporalen Unterscheidung.[61])
Oftmals wird es aber so sein, dass Sprachen, bei denen Aussagen über die Zukunft als Irrealis codiert werden – wenn ein Irrealis im vollumfänglichen Sinn vorliegt –, eher als Sprachen ohne Tempussystem zu betrachtet wären. Der Zeitbezug entstünde in solchen Fällen als speziellere Interpretation einer andersartigen, also modalen, Kategorie.[62]