DG1G/An Savigny
(Nach der Ausgabe von 1819 wiederholt.)
Wie hat sich mein Herz danach gesehnt, lieber Savigny, was ich einmal Gutes und Taugliches hervorzubringen im Stande sein würde, Ihnen und keinem andern öffentlich zuzuschreiben. Gott weiß und tut stets das beste. Als, nach dem frühen Tode des Vaters und dem absterben beinahe aller Verwandten, der liebsten seeligen Mutter unermüdliche Sorge nicht mehr übersah was aus uns fünf Brüdern werden sollte, und ich, mir selbst überlassen, in manchem verabsäumt, doch voll guten Willens, redlich mein vorgesetztes Studium zu betreiben, nach Marburg kam; da fügte es sich, daß ich Ihr Zuhörer wurde, und in Ihrer Lehre ahnen und begreifen lernte, was es heiße etwas studieren zu wollen, sei es die Rechtswissenschaft oder eine andere. Auf diese Erweckung folgte bald nähere Bekanntschaft mit Ihnen, deren liebreichen Anfang ich niemals vergesse, und woran sich mehr und mehr Faden knüpften, die von dieser Zeit an bis jetzo auf meine Gesinnung, Belehrung und Arbeitsamkeit unveränderlichen Einfluß behauptet haben. Ich denke auch zurück, daß wir ohne Sie den Arnim nicht kennen gelernt hätten, und was sich an beide Bekanntschaften schließt oder daraus mit hervorgegangen ist, müssen gleichfalls meine Geschwister als etwas auf irgend eine weise behülflich und für ihre Lebensart bestimmend gewordnes betrachten. So hat uns der Himmel, nach dem wir verwaist und allein gestanden, mit andern Menschen beraten wollen und Zuneigungen zu Wege gebracht, an die unsre Eltern nicht einmal einen Gedanken haben konnten.
Meine bisherigen Arbeiten, von denen Sie stets unterrichtet gewesen sind und an welchen Sie immer Anteil genommen haben, schienen mir doch zu gering ausgefallen, oder bloße Sammlung roher Stoffe, deren Wichtigkeit künftig einmal gezeigt werden kann, zu wenig mein eigen, als daß ich Sie zu einem Maßstab meiner Dankbarkeit und Anhänglichkeit hätte brauchen dürfen. Ich schlage auch gegenwärtiges Buch, dessen Mängel nicht verborgen bleiben werden, nur etwas höher an, weil es mich größern Fleiß gekostet hat, und weil ihm ein gewisses Verdienst nicht entgehn kann, insofern in einem ungebauten Feld es zugleich leichter und schwerer ist Entdeckungen zu machen. Man nimmt mit der ersten halbwilden Frucht vorlieb, da sie an der Statte, woher sie kommt, nicht erwartet wurde, aber ihr wohl die Mühseligkeil des unbefahrnen weges anzusehn ist, auf dem ich sie einbringe. Sollte es hiermit auch anders stehn, so versehe ich mich doch zum voraus, daß Sie meinem Versuch, von dieser Seite her in unser deutsches Altertum Bahn zu brechen, sein recht geschehen lassen und den Gedanken billigen werden: einmal aufzustellen, wie auch in der Grammatik die Unverletzlichkeit und Notwendigkeit der Geschichte anerkannt werden müsse.
Mag man dem Erfolg, den ein eifriger und nicht einseiliger Betrieb der altdeutschen Literatur in unsern Tagen gehabt hat, seit sie gerade durch die letzte feindliche Unterjochung für viele gemutet Gegenständ des Trostes und der Aufrichtung geworden war (welcher schöne Anfang auch nicht zu vergessen ist), böses oder gutes nachsagen wollen; das Gute wird gewis schwerer wiegen und von Bestand sein. Die übertriebnen, unreifen Lobpreisungen, die jeder ersten Freude zu gut gehalten werden müssen, sind schon vorbei oder haben sich allmälich gemildert; aber auch von dem Tadel anderer Leute, welche neben der ungeleugneten Trefflichkeit griechischer und sonst für klassisch gehaltner Muster das vermeintlich bäurische Wesen unsrer eignen Vorzeit gar nicht aufkommen lassen möchten, und sich beinahe schämen davon zu reden, wird kein Vernünftiger mehr zurückgeschreckt. Ich bin des festen Glaubens, selbst wenn der Wert unsrer vaterländischen Güter, Denkmäler und Sitten weit geringer angenommen werden müßte, als wir ihn gerecht und bescheiden voraussetzen dürfen, daß dennoch die Erkenntnis des einheimischen unser die würdigste, die heilsamste und aller ausländischen Wissenschaft vorzuziehen wäre. Auf das Vaterland sind wir von Natur gewiesen, und nichts anderes vermögen wir mit unseren angebornen Gaben in solcher Maße und so sicher begreifen zu lernen. Die Geschichte unsrer Poesie und Sprache erscheint jetzt noch arm und unentwickelt; es kann aber einmal die Zeit kommen, wo sie, fruchtbarer und festgegründeter, selbst auf die griechische und latefnische Gelehrsamkeit wollätigen Einflßl äußern wird. Eines langsamen, bedächtigen Gangs mag sie immer bleiben. Bisher hat sie mehr einem wolgelegnen Haus geglichen, dessen Fensler zu schönen Aussichten einladen, in welchem aber noch Tisch und Stüle mangeln, sich bequem und wohnlich niederzulassen. Was zu tun sei braucht nicht erst lange gesagt zu werden. Die geretteten und wieder eroberten Denkmäler werden überall in sorgsamer Bewahrung gehalten, es frommt uns nicht, sie eilfertig in den Druck zu geben, damit ihr inhalt der bloßen Neugier geöfnet werde, sondern wir sollen uns der Herstellung und Sicherung ihrer ursprünglichen Gestalt befleißigen. "Was die Vorzeit hervor hat gebracht, darf nicht dem Bedürfnis oder der Ansicht unsrer heutigen Zeit zu willkürlichem Dienste stehn, vielmehr hat diese das ihrige daran zu setzen, daß es treulich durch ihre bände gehe und der spatesten nachweit ungefälscht überkomme. Es würde uns wenig damit geholfen sein, irgend ein alles Gedicht in dem Zustande zu finden, der es etwa für das siebzehnte Jahrhundert hätte allgemein lesbar machen sollen.
Die nicht bloß von mir geforderte sondern schon von einigen lobwürdig geleistete strenge Behandlung der Quellen unsrer altdeutschen Literalur kommt freilich der neueren Zeit ungelegen, welche ihren dermaligen Stand für Wissenschaft und Poesie in den Mittelpunkt zu erheben und mit allein zu überladen trachtet. Dieses nachweben jedes glänzenden Stoffs, den das Ausland trägt, dieses wenden und link machen unsrer eignen alten Röcke hebt nicht allein den wirklichen Wert des Fremden oder Alten auf, indem Inhalt und Form einer wahren Dichtung so wesentlich verbunden sind, daß sie nicht auseinander gerissen werden können; es benimmt auch die eigentliche Freude an dem einheimischen und jetzigen. Unsre heutigen Dichter leben in einem Geräusch von Stoff und Form, woraus sich viele gar nicht flüchten können, wenige nur sind in ihrer Heimlichkeit unberührt geblieben. In der Sprache hat man die Einführung fremder Wörter, die vermeinte zurückbringung veralteter übel empfunden, und mit Fug gescholten, zu gleicher Zeit wird unsre Poesie selbst durch alle möglichen Verdeutschungen heimgesucht, ihre Natur in fremde Weisen gezwängt, und die Erneuerung altdeutscher gediente für etwas Nötiges gehalten. Allerdings gibt es notwendige und rechte Übertragungen, auf denen großer Segen ruht. Die Erhabenheit der heiligen Schriften geht in alle Zungen über; ich habe vielmals bedacht, wie wunderbar die Wirkung des Christentums auch in dem Stück gewesen, daß es die Vergleichung der Sprachen aller Weltteile allein erst möglich gemacht hat. Was wäre die Geschichte unsrer deutschen geblieben ohne die gothische Version, und ohne die Versuche frommer Männer in den folgenden Jahrhunderten, das Licht des Evangeliums in der Rede des eignen Landes zu entzünden? Luthers Verdeutschung der Bibel, die für uns mit jedem Menschenalter köstlicher und zum heiligen Kirchenstil wird (woran geflissentlich kein Wörtchen geändert werden sollte), hat dem hochdeutschen männliche Haltung und Kraft gegeben. Wo es also in der Sache Not tut, da ist auch die Übersetzung ein begeistertes Werk, und was für das ganze Volk gehört muß in der Muttersprache zu ihm reden. In unsrer heutigen Literatur herrscht aber ein offenbares Misverhältnis von Bildung, die gar nicht zum Volke dringen kann, und ein Unmaß im Übersetzen von Büchern, die weder das Volk nähren, noch den gebildeten störendes Überdrusses erlassen. Zu einer fern abgelegenen Sprache mögen selbst dem gelehrten Hilfsmittel erschwert oder abgeschnitten sein, an deren Stelle Übertragungen mit wahrem Vorteil treten je bescheidener sie in der Form; bleiben desto sicherer. Daß man hingegen jedwede Vortreilichkeit einer andern europäischen Nation, deren Werke Gelehrte und Gebildete im Urtext zu lesen pflegen, noch dazu Deutsch machen und ihre Form auf das steifste nachzubilden strebt, das eben scheint mir tadelhaft, und für den echten deutschen Ton, nach dem viele schon vergebens suchen, grundverderblich, als müßte unsre Literatur alles in sich verzehren und der Deutsche das wissenswürdige des Auslands nach bequemer Zurichtung im eignen Hause treffen. Fremde Werke bleiben gleichwohl von der deutschen Bearbeitung unabhängig fortbestehn, Denkmäler unsrer Vorzeit hingegen, weil sie uns naher sind, und die Verstimmung zwischen verwandten Tönen schreiender ist, als zwischen solchen, die weit auseinander liegen, empfinden es desto schlimmer, wenn man sie zwingt die Farbe der heutigen weit aufzustecken. Vaterländische alte Sagen, wie es mir scheint, haben ihren eignen Reiz in einer gewissen Mangelhaftigkeit ja der Glaube beruht mit darauf, weil das Gefühl einem sagt, daß die Lüge alles ausspinnen möchte. Unsre edelsten Werke des dreizehnten Jahrhunderts sind wirklich so zart gedichtet und ausgeführt, daß sich die geschickteste Hand eines neuen Dichters daran vergreifen würde, was könnte aus der lieblichen Unschuld der gottfriedischen Dichtung von Tristan werden, ginge nicht aller Gefallen an der Derbheit der Lieder unsers Heldenbuchs verloren, sobald man jene in neue Stanzen bringen, diese in einem vervollständigten Gedicht herausschmücken wollte? Den Ariost und Tasso konnte ich niemals zu Ende lesen, weil mir vorkam, bei allem Glanz ihrer Worte und Empfindungen sei doch die Natur der alten Volksdichtung in ihnen zu Grund gegangen. Jede zu große Fülle läßt wieder leer. Die rechte Poesie gleicht einem Menschen, der sich tausendfältig freuen kann, wo er Laub und Gras wachsen, die Sonne auf und nieder gehen sieht; die falsche einem, der in fremde Länder fährt, und sich an den Bergen der Schweiz, dem Himmel und Meer Italiens zu erheben wähnt, steht er nun mitten darin, so wird sein vergnügen vielleicht lange nicht reichen an das Maß des daheimgebliebnen, dem sein Apfelbaum im Hausgarten jährlich blüht und die Finken darauf schlagen. Auch erbauen sich unsre Mahler wenig daran, daß sie aus allen Heiligengeschichten und Ritterbüchem mahlen wollen, was ihnen nicht zu Augen gegangen ist und nicht zu Herzen geht; das heutige Leben sollten sie anschauen und erlassen, weder die Muster des deutschen noch des griechischen Altertums. Es gibt auch keinen rechten Unterschied zwischen antiker und romantischer Poesie. Die Geschichte der Mahlerei, Poesie, und Sprache lehret viele Abwege meiden, denn sie zeigt uns, daß jederzeit die Wahrheit denen erschienen ist, welche auf die Spur der Natur, fern von menschlicher Schulweisheit getreten sind. Von solcher natürlichen Weisheit aus unsrer vaterländischen Geschichte zu lernen, soviel als mein Pfund austrägt, und nicht abzulassen, ist meine sehnlichste Begier.
Behalten Sie lieb Ihren getreuen Jacob Grimm.