Wenden
Wenden ist eine veraltete Bezeichnung für Slawen im deutschsprachigen Raum (Germania Slavica). Das seit dem 12. Jahrhundert gebräuchliche Ethnonym geht auf althochdeutsche Vorläufer zurück und diente den Verwendern als Fremdbezeichnung zur Abgrenzung von „den Anderen“. Wenden bezeichnete neben den slawischen Bewohnern von Gebieten entlang und östlich der Elbe („Elbslawen“) auch Slawen nördlich der Donau, in der Oberpfalz und in Oberfranken (Bavaria Slavica) sowie in den Ostalpen. In der Niederlausitz wird der Begriff bis heute für die Sorben verwendet. In der Steiermark und Kärnten werden slowenische und kroatische Nachbarn sowie die jeweiligen Minderheiten bis heute als Windische bezeichnet. Darüber hinaus hat sich der Begriff in einer Vielzahl von Toponymen erhalten wie etwa dem Wendland. Auch der Name Wanda wird als die Wendin gedeutet.[1][2]
Wortgeschichte
Erste Erwähnungen
In der Überlieferung des deutschsprachigen Raums begegnet die Bezeichnung Wenden erstmals um das Jahr 660 in den Schriftquellen.[3] Im IV. Buch der Fredegarchronik wird sie in latinisierter Fassung als Winedi/Winodi/Winidi verwendet, wobei es sich um eine andere Bezeichnung für Slawen handelte.[4] Fredegar berichtet, die Wenden hätten den fränkischen Händler Samo zu ihrem König gewählt,[5] dem sich die ebenfalls als Wenden bezeichneten slawischen Sorben unter ihrem Fürsten Derwan anschlossen.[6] An anderer Stelle ist davon die Rede, Wenden hätten unter einem Fürsten Walluch in einer nicht näher lokalisierbaren marca vinedorum (Wendenmark) zwischen Pannonien und Baiern gesiedelt.[7] Nach den Sorben werden auch die anderen beiden großen elbslawischen Stammesverbände des Frühmittelalters als Wenden bezeichnet: Zum Jahr 789 benennt das Fragmentum chesnii die Fürsten der Wilzen als reges Winidorum, und zum Jahr 810 sprechen die Annales Sancti Amandi von den Abodriten als Wenedi.[8]
Begriffsherkunft
Die Herkunft des Begriffes ist bis heute unklar. Nach der gängigsten Erklärung ist er von den Venedi abgeleitet,[9] die aber in keinem ethnischen Zusammenhang mit den Wenden stehen sollen.[10] Die Venedi siedelten an der Ostseeküste. Ihr Ursprung ist unbekannt. Sie werden erstmals von Plinius († 79) in seiner Naturalis historia als Venetae erwähnt und wohnten danach östlich der Weichsel.[11] Als nächster berichtet Tacitus († 120) in seiner Germania, am östlichen Rand Germaniens hätten zwischen den Germanen und den Sarmaten die Venedi gelebt, die er im Zweifel lieber den Germanen zurechnen wolle, weil sie „feste Häuser bauen, Schilde tragen, gern und gut zu Fuß gehen, ganz im Gegensatz zu den Sarmaten, die auf Wagen und Pferd zu Hause sind.“[12] Dagegen handelt es sich nach Auffassung des Claudius Ptolemaios († um 175) bei den von ihm in seiner Geographike Hyphegesis beschriebenen Uenedai[13] um Sarmaten. Um das Jahr 550 erwähnt Jordanes in seiner Gotengeschichte Venethi,[14] die von den Quellen der Weichsel über ungeheure Strecken hin gesiedelt hätten. Ob auch der Name der in der Antike an der Adriasiedelnden Veneter mit dem Begriff der Venedi und damit mit dem der Wenden in Verbindung steht, ist hingegen ungeklärt. Als zufällig gilt hingegen die Ähnlichkeit mit dem Namen der im Nordwesten Galliens siedelnden keltischen Veneter.
Wenden und Vandalen
Seit dem Mittelalter werden immer wieder Wenden und die von diesen zu unterscheidenden, germanischen Wandalen gleichgesetzt. Schon im Mittelalter geschah dieses nicht immer irrtümlich. Im 20. Jahrhundert diente die Gleichsetzung vorrangig zur Rechtfertigung nationalistischer und revanchistischer Interessen und Gebietsansprüche. In lateinischen Texten wurde häufig derselbe Begriff (Vandali) für Vandalen und Wenden benutzt, so z. B. auf der Corona Danica von 1618.
Um die Wende zum 13. Jahrhundert herum erfand der polnische Chronist Vinzenz Kadlubek die Wanda-Sage, um dem neu geschaffenen Herzogtum der Polanen eine weit zurückreichende Geschichte zu beschaffen. Kadlubeks vielfach wiederholte und als wahr ausgelegte Geschichte setzte Polen mit Wandalen gleich und nannte den Fluss, an dem seine „Wanda“ und ihr Volk lebten, „Wandalus“ (Weichsel).
Der Slawist Aleksander Brückner stellte folgendes über Kadlubeks Erfindungen fest: „Nur ein einziger von allen, die sich je mit polnischer Urgeschichte beschäftigt haben, hat das Richtige eingesehen, der Lemberger Erzbischof Gregor von Sanok im XV. Jahrh. (…) (er hat) die Angabe des Mag. Vincentius zurückgewiesen (…) Gregor erkannte richtig, dass allein die falsche Gleichung Poloni = Vandali den Mag. Vincentius zur Ansetzung seiner Vanda verführt hatte und wies sie folgerichtig ab; alle seine Nachfolger sind weniger vorsichtig gewesen und haben nur Irrthümer auf Irrthümer gehäuft. Da die Polen keinerlei Tradition aufweisen konnten, hat Mag. Vincentius die Legenden erfunden.“[15]
„Wendisch“ und „Windisch“
„Windisch“ ist das durch Umlautbildung von dem Substantiv Wenden abgeleitete Attribut, das oft als sprachliche Variante und Synonym zu „wendisch“ verwendet wird, wie man an Ortsbezeichnungen im Einzugsbereich der Elbe erkennen kann. So wohnten früher in Windischenbernsdorf ebenso Wenden wie in Wendisch Evern.
Ausschließlich als „Windisch“, nicht aber als „Wendisch“ wird traditionell auf Deutsch die slowenische Sprache bezeichnet. Seit dem Zerfall der Habsburgermonarchiewurde diese Bezeichnung aus politischen Gründen auf die Slowenischsprachigen in der Republik Österreich eingegrenzt und dem Slowenischen in Jugoslawien bzw. der Republik Slowenien gegenübergestellt. So ist im heutigen Österreich „Windische“ eine verbreitete Bezeichnung für die im Grenzgebiet lebenden Kärntner sowie die Eigenbezeichnung derjenigen, die diese Sprache (Mundart) verwenden, aber nicht als Slowenen gelten wollen. Auch in der Oberpfalz ist der Name „Windisch“ nicht nur als Familienname anzutreffen, sondern auch Bestandteil von Ortsnamen wie Windischeschenbach, Windischletten und Windischbergerdorf. In der Zeit, als Deutsch noch in den betreffenden Gebieten Amtssprache war, wurden Orte Windischgrätz (Slowenien) und Windisch Kamnitz (Tschechien) genannt. In der Oberpfalz trafen Slawen spärlich besiedeltes Gebiet an und ließen sich dort in eigenen Dörfern nieder, die von deutschen Bewohnern von Umlandsdörfern oder von der damaligen Obrigkeit deutsche Namen erhielten.
„Wendisch“ und „Sorbisch“
<figure class="mw-default-size mw-halign-left">[1]<figcaption>Wendische Hochzeit 1931 im Spreewald</figcaption></figure>
Die deutsche Eigenbezeichnung der alteingesessenen Slawen in der brandenburgischen Niederlausitz ist Gegenstand von Auseinandersetzungen. Während sich nach dem Zweiten Weltkrieg und in der DDR die einheitliche Bezeichnung Sorben für die zuvor auf Deutsch zumeist als Wenden bezeichneten Slawen der Nieder- und Oberlausitz weitgehend durchsetzte, verstehen sich viele Niederlausitzer auch weiterhin als Wenden, um sich von den Sorben in der sächsischen Oberlausitz abzugrenzen. In diesem Sinne bezeichnen sie auch die niedersorbische Sprache als Wendisch, wovon sich das (Ober-)Sorbische in der Oberlausitz unterscheidet. Mittlerweile tritt nur die Bezeichnung Sorbisch als kulturelle Einheit und anerkannte Minderheit in der gesamten Lausitz heraus, was die Eigenbezeichnung in beiden Sprachen widerspiegelt (niedersorbisch Serby, obersorbisch Serbja). Ein Wort Wendojo bzw. wendski existiert in beiden sorbischen Sprachen dagegen nicht.