TDPC/Efg/n. 49–50
▷n. 49–50 Wurde die Dreieinheit zuvor fast statisch als Prinzip erläutert, so ist jetzt die Vermittlung von unum und trinum thematisiert. Man beachte den durchgehaltenen Sprachgebrauch von »videre« in n. 49,11ff. Es ist das Hinsehen auf das, was in dem Beschriebenen vor sich geht. Das Hinsehen sieht auf etwas, wodurch es selbst bewegt wird; deshalb kommt es nicht zum Stand in diskursiver Unterscheidung, sondern schaut dem zu, was geschieht. Der Kardinal sieht eine Bewegung. Er sieht Gott im Verkehr mit sich zu. Die altkirchliche Lehre von der Agenesie Gottes des Vaters, der Genesie des Sohnes und der Perichorese des heiligen Geistes, das »filioque« und das »non tres dii« aufgreifend, teilt Cusanus Gott dem Vater das posse zu, dem Sohn das Allmächtigsein und bestimmt den heiligen Geist als die Verknüpfung von omnipotentia und omni- potens. Aber weder Einheit noch Dreiheit in Gott sind »mathematisch«, dem Bereich der Zahl zugehörig, sondern die Einheit ist »wahr und lebendig, alles einfaltend« (n. 50,5f.), die Dreiheit »auf lebendige Weise wechselbezüglich« (6f.). Wir stehen hier an dem zweiten Höhepunkt der Interpretation: Der Kardinal legt die Dreieinheit aus als Leben, das gekennzeichnet ist durch den lebendigen Austausch untereinander. Nicht darf man sagen, daß Cusanus vom Phänomen »Leben«, das Wechsel ist, auf- steigt zum höheren Leben der Dreieinigkeit; sondern vom Verständnis der Trinität, des vollkommenen Lebens her zeigt er auf, was »Leben« heißt: hervorbringen und in sich selbst zurückkehren, erzeugen und sich zusammenschließen, Gemeinschaft mit sich haben. Vita, das Leben Gottes, ist das Leben, an dem auch alles Lebendige teilhat. Die innertrinitarische Bewegung des göttlichen Lebens ist Freude.