Werk:TDPC/6.1
6[1]▷Dico autem consequenter: Cum omne exsistens possit esse id quod est actu, hinc actualitatem conspicimus absolutam, per quam quae actu sunt id sunt quod sunt. Sicut cum alba videmus visibili oculo, albedinem intellectualiter intuemur, sine qua album non est album. Cum igitur actualitas sit actu, utique et ipsa potest esse, cum impossibile esse non sit. Nec potest ipsa absoluta possibilitas aliud esse a posse, sicut nec absoluta actualitas aliud ab actu. Nec potest ipsa iam dicta possibilitas prior esse actualitate quemadmodum dicimus aliquam potentiam praecedere actum. Nam quomodo prodisset in actum nisi per actualitatem? Posse enim fieri si se ipsum ad actum produceret, esset actu antequam actu esset. Possibilitas ergo absoluta, de qua loquimur, per quam ea quae actu sunt actu esse possunt, non praecedit actualitatem neque etiam sequitur. Quomodo enim actualitas esse posset possibilitate non exsistente? Coaeterna ergo sunt absoluta potentia et actus et utriusque nexus. Neque plura sunt aeterna, sed sic sunt aeterna quod ipsa aeternitas. Videnturne vobis haec sic aut aliter se habere?
Folgerichtig sage ich weiter: da alles Bestehende das sein kann, was es als Wirkliches ist, sehen wir von hier aus die absolute Wirklichkeit, durch die alles, das als Wirkliches ist, das ist, was es ist. So schauen wir, wenn wir mit dem sinnlichen Auge Weißes sehen, geistig das Weißsein, ohne das das Weiße nicht weiß ist. Wenn also die Wirklichkeit wirklich ist, so kann sie auch sein, da das Unmöglich-Sein nicht ist; die absolute Möglichkeit kann nichts anderes sein als das Können und die absolute Wirklichkeit kann nichts anderes sein als das Wirklich-Sein. Diese genannte Möglichkeit kann nicht früher sein als das Wirklichsein, so wie wir sonst sagen, eine Möglichkeit gehe der Wirklichkeit voran. Denn wie sollte sie in die Wirklichkeit übergehen, wenn nicht durch das Wirklichsein? Wenn das Werden-Können sich selbst zur Wirklichkeit führte, dann wäre es wirklich, bevor es wirklich wäre. Die absolute Möglichkeit also, über die wir sprechen und durch die alles, was wirklich ist, wirklich sein kann, geht weder dem Wirklichsein voraus noch folgt sie ihm. Denn wie sollte es Wirklichsein geben, während die Möglichkeit nicht besteht? Die absolute Möglichkeit und Wirklichkeit und Verknüpfung beider sind darum gleichewig. Und es gibt nicht mehrere Ewige; sie sind vielmehr so Ewige, daß sie die Ewigkeit selbst sind. Scheint euch, daß es sich so verhält oder anders?
- ↑ ▷n. 6 Ausgehend vom puren »ist« schließt der Kardinal mit dem traditionellen logischen Satz »Was ist, kann sein« und steigt vom Sein des bestimmten Könnens auf zur absoluten Wirklichkeit. Vom nackten Sein der actualitas ab- soluta dringt er nun weiter vor: Er sagt nicht, daß von die- ser absoluten actualitas kein posse mehr ausgesagt werden könne, weil in ihr alles verwirklicht ist, sondern er schließt parallel, daß, weil die absolute Wirklichkeit wirklich ist, auch von ihr gilt, daß sie sein kann (5f.). Und das Sein-können der absoluten Möglichkeit ist selber absolut als Können (7f.). Z. 8-17 zeigen nun, daß im Absoluten Gleichzeitigkeit von Möglichkeit, Wirklichkeit und Verknüpfung besteht. Damit ist (gegen die Tradition) die Möglichkeit gleichrangig neben die Wirklichkeit gestellt. Der Kardinal hat jetzt der Frage Bernhards Genüge getan, indem er vom einfachen »ist« der Kreatur her (existens) das Ewige in der Dreiheit von Möglichkeit, Wirklichkeit und Verknüpfung erblickt hat. Dabei geschah die Vermittlung dieses Sehens über das Können. Das Geringste, was das Geschöpf an sich hat, das Seinkönnen, holt Cusanus in Gott ein und gründet damit die Möglichkeit gleichberechtigt neben die actualitas. Damit ist die erste Problementfaltung abgeschlossen. Der Einsatz des Johannes (21-23) leitet die Durchführung ein.