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Werk:TDPC/8.2

aus AufEinWort, der freien Forschung
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▷Cardinalis: Loquor in absolutis et generalissimis terminis, quasi dicerem: Cum potentia et actus sint idem in deo, tunc deus omne id est actu, de quo posse esse potest verificari. Nihil enim esse potest, quod deus actu non sit. Hoc facile videt quisque attendens absolutam potentiam coincidere cum actu. Secus de sole. Nam licet sol sit actu id quod est, non tamen id quod esse potest. Aliter enim esse potest quam actu sit.


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KARD: Ich rede in absoluten und allgemeinsten Begriffen, als sagte ich etwa: Da Möglichsein und Wirklichsein in Gott dasselbe sind[1], ist Gott alles das wirklich, wovon Sein- können ausgemacht werden kann.[2] Denn nichts kann sein, was Gott nicht wirklich wäre. Jeder der beachtet, daß das absolute Möglichsein mit dem Wirklichsein zusammenfällt, sieht das leicht ein. Anders ist es bei der Sonne. Denn obgleich die Sonne wirklich das ist was sie ist, so ist sie doch nicht was (sie) sein kann. Sie kann nämlich anders sein als sie jeweils ist.[3]

Kardinal: Ich spreche in absoluten und ganz allgemeinen Ausdrücken; so, als ob ich sagte: da Möglichkeit und Wirklichkeit in Gott dasselbe sind, ist Gott alles das als Wirklichkeit, von dem das Sein-Können verwirklicht werden kann. Denn nichts kann sein, was Gott nicht als Wirklichkeit ist. Das sieht jeder, der darauf achtet, daß die absolute Wirklichkeit mit der Möglichkeit zusammenfällt. Anders aber steht es mit der Sonne. Obwohl die Sonne als Wirklichkeit das ist, was sie ist, ist sie dennoch nicht das, was sie sein kann, denn sie kann anders sein, als sie wirklich ist.

  1. ↑ ▷8,1 Vgl. De gen. 1n. 145,10-12 (IV 106).
  2. ↑ ▷8,2 Vgl. De docta ign. I 2 n. 5 (I 7,11 f.); Werk:De ven. sap. 13 n. 34,12f. P. Wilpert, Das Problem der coincidentia oppositorum in der Philosophie des Nikolaus von Cues, in: Humanismus, Mystik und Kunstin der Welt des Mittelalters, hrsg. v. J. Koch (Leiden/ Köln 1953), S. 39-55, übersetzt »deus estomne id quod esse potest« mit »Gott ist alles, was er sein kann« (siehe auch Werk:De ven. sap. 13 n. 34, Schriften Heft 14; vgl. aber dagegen auch ebd. n. 33). Ich übersetze »Gott ist alles, was sein kann«, Keine der beiden Übersetzungen trifft die Bedeutung der lateinischen Wendung ganz. Während es die ontologische Differenz alles kreatürlichen Seins ausmacht, daß sein Selbstsein (er, sie, es) bestimmtes Begrenztsein ist und insofern eine Einschränkung des Könnens, ist Gottes Selbstsein unbegrenzte Macht und damit sein Er-seinkönnen Seinkönnen überhaupt. Die Übersetzung Wilperts kann dahin mißverstanden werden, daß man Gott als bestimmtes Subjekt versteht, die andere Übersetzung kann pantheistisch mißdeutet werden. Zwischen diesen beiden Abwegen liegt die Vermittlung des Cusanus, daß Gott die Identität von Er-sein und Alles-sein und zugleich in allem Seinkönnen des Kreatürlichen wirklich ist. Zum Problem s. auch K. Jacobi, Die Methode der Cusanischen Philosophie, Freiburg/München 1969, S. 56 Anm. 45; K. Flasch, Die Metaphysik des Einen bei Nikolaus von Kues, Leiden 1973. S. 168-171.
  3. ↑ ▷8,3 S. u. n. 11,4-10; 27,15; 30,10-14; 52,4-6.