Werk:Compendium/I
▷Accipe breve Compendium continens circa quae consideratio tua versari debeat. Si proficere cupis, primo firma id verum, quod sana mens omnium hominum attestatur, puta singulare non est plurale nec unum multa; ideo unum in multis non potest esse singulariter seu uti in se est, sed modo multis communicabili. Deinde negari nequit, quin prius natura res sit quam sit cognoscibilis. Igitur essendi modum neque sensus neque imaginatio neque intellectus attingit, cum haec omnia praecedat. Sed omnia, quae attinguntur quocumque cognoscendi modo, illum priorem essendi modum tantum significant. Et hinc non sunt ipsa res, sed similitudines, species aut signa eius. Igitur de essendi modo non est scientia, licet modum talem esse certissime videatur.
Empfange ein kurzes Kompendium dessen, worauf sich dein Überlegen einlassen muß.
Wenn du weiterkommen willst, halte zunächst das als wahr fest, was der gesunde Geist aller Menschen bezeugt: daß das Einzelne nicht Mehreres und daß das Eine nicht das Viele ist. Folglich kann das Eine im Vielen nicht vereinzelt sein oder so, wie es in sich ist, sondern nur in der Weise der Mitteilbarkeit für das Viele. Ferner kann nicht geleugnet werden, daß das Ding der Natur nach früher ist, als es erkennbar ist. Folglich erfassen weder Sinn noch Einbildung noch Vernunft-Denken die Weise des Seins, da es all dem vorausgeht. Vielmehr bezeichnet nur alles, was durch irgendeine Weise des Erkennens erfaßt wird, diesen vorgängigen Modus des Seins. Und darum ist dies nicht das Ding, sondern seine Ähnlichkeit, Eigengestalt oder sein Zeichen. Also gibt es vom Modus des Seins keine Wissenschaft, auch wenn man einsieht, daß dieser Modus ganz gewiß ist.▷Habemus igitur visum mentalem intuentem in id, quod est prius omni cognitione. Quare qui id, quod sic videt, in cognitione reperire satagit, se frustra fatigat, sicut qui colorem solum visibilem etiam manu tangere niteretur. Habet se igitur visus mentis ad illum essendi modum quasi ut visus sensibilis ad lucem, quam certissime esse videt et non cognoscit. Praecedit enim omnia, quae visu tali cognosci possunt. Illa etiam, quae per ipsum cognoscuntur, signa sunt ipsius lucis. Colores enim, qui visu cognoscuntur, signa sunt et termini lucis in diaphano. Ponas igitur solem patrem esse sensibilis lucis, et in eius similitudine concipe deum patrem rerum lucem omni cognitione inaccessibilem, res autem omnes illius lucis splendores, ad quos se habet visus mentis sicut visus sensus ad lucem solis. Et ibi sistas considerationem circa essendi modum omni cognitioni suprapositum.
Wir haben ein geistiges Sehen, welches in das schaut, was früher ist als alles Erkennen. Wer darum bestrebt ist, das, was er solcherart schaut, in der Erkenntnis zu finden, der müht sich vergebens ab – so wie einer, der die Farbe, die nur sichtbar ist, mit der Hand zu berühren versucht. Das Sehen des Geistes verhält sich also zu jener Seinsweise wie das sinnliche Sehen zum Licht, das es zwar als ganz gewiß Vorhandenes sieht, aber nicht erkennt. Das Licht geht ja allem, was durch ein derartiges Sehen erkannt werden kann, voraus. Ebenso ist auch das, was mit seiner Hilfe erkannt werden kann, Zeichen des Lichtes. Die Farben, die durch das Sehen erkannt werden, sind Zeichen und Begrenzungen des Lichtes im Widerschein. Nimm also die Sonne als Vater des sinnlichen Lichtes und fasse nach diesem Beispiel Gott, den Vater aller Dinge, als das Licht, das allem Erkennen unzugänglich ist; alle Dinge aber als den Glanz dieses Lichtes, zu dem sich das Sehen des Geistes wie das sinnliche Sehen zum Licht der Sonne verhält. Und hier verhalte mit der Betrachtung über jene Seinsweise, welche jeder Erkenntnis übergeordnet ist.
- ↑ fol.169r