Werk:Compendium/II
▷Capitulum II
▷Res igitur, ut cadit in notitia, in signis deprehenditur. Oportet igitur, ut varios cognoscendi modos in variis signis quaeras. Nam cum nullum signum adeo sufficienter modum essendi designet, sicut designari potest, si meliori modo, quo fieri potest, ad cognitionem perveniri debet, per varia signa hoc fieri necesse est, ut ex illis melius notitia haberi queat, sicut melius ex quinque sensibilibus signis sensibilis res cognoscitur quam ex uno aut duobus. Requirit autem perfectum esse alicuius rei, ut cognoscere possit, puta cum perfectum animal sine nutrimento vivere nequeat, necesse est, quod cibum suum cognoscat. Qui cum non reperiatur in omni loco, habebit animal necessario modum se movendi de loco ad locum et quaerendi. Ad quae sequitur, quod habeat sensus omnes, ut convenientem cibum visu, auditu, odoratu, gustu tactuque attingat.
Soll ein Ding bemerkt werden, so muß es in Zeichen aufgenommen werden. Daher ist es nötig, daß du die verschiedenen Weisen der Erkenntnis in verschiedenen Zeichen suchst. Da kein Zeichen die Seinsweise so ausreichend bezeichnet, wie sie bezeichnet werden kann, wenn man in der bestmöglichen Weise zur Erkenntnis gelangen soll, muß dies durch verschiedene Zeichen geschehen, damit man aus diesen eine bessere Kenntnis gewinnen kann; so wie man aus fünf sichtbaren Zeichen ein sinnlich-sichtbares Ding besser erkennt als aus einem oder zwei. Das vollständige Sein eines Dinges erfordert aber, daß es erkennen kann. Da zum Beispiel ein vollständiges Lebewesen nicht ohne Nahrung zu leben vermag, ist es erforderlich, daß es seine Nahrung erkennt. Da diese sich nicht an jedem Ort findet, muß das Lebewesen solcherart sein, daß es sich von Ort zu Ort bewegen und die Nahrung suchen kann. Daraus folgt, daß es alle Sinne hat, um die ihm zukommende Nahrung durch Sehen, Hören, Geruch, Geschmack und Berührung zu erfassen.▷Et quoniam animalia eiusdem speciei se mutuo fovent et iuvant, ut melius vivant, oportet, ut speciem suam cognoscant et se mutuo, quantum perfectio speciei deposcit, audiant et intelligant. Gallus enim alia voce convocat gallinas, dum invenit pastum, et alia de milvo, quem ex umbra praesentem percipit, eas avisat, ut fugiant. Et quia nobiliori animali est maior cognitio necessaria, ut bene sit, hinc hominem inter cuncta maximam notitiam habere oportet. Nam sine artibus mechanicis et liberalibus atque moralibus scientiis virtutibusque theologicis bene et feliciter non subsistit. Cum igitur homini cognitio plus ceteris sit necessaria, hinc «omnes homines natura scire desiderant». Quibus traditio doctrinae convenit, ut indoctus a doctiori informetur. Quae cum non nisi per signa fieri possit, ad cognitionem signorum descendamus.
Weil sich die Tiere derselben Eigengestalt, um besser leben zu können, gegenseitig unterstützen und helfen, müssen sie diese ihre Eigengestalt erkennen und sich je nach dem, wie es deren Vollendung erfordert, gegenseitig hören und verstehen. Mit einem bestimmten Ruf ruft der Hahn die Hennen, wenn er Futter gefunden hat, und mit einem anderen warnt er sie, daß sie vor dem Falken, den er im Schatten lauern sah, fliehen. Und da, je edler das Tier ist, eine um so größere Erkenntnis dazu erforderlich ist, daß es sich wohlbefinde, muß der Mensch die größte Kenntnis von allen haben. Denn ohne die Technik, die freien Künste, die Ethik und die theologischen Tugenden hat er keinen Bestand in Glück und Wohlbefinden. Da also die Erkenntnis für den Menschen notwendiger ist als für alle übrigen Lebewesen, verlangen alle Menschen von Natur aus zu wissen. Dabei kommt ihnen die Überlieferung des Wissens zu Hilfe, so daß der Ungelehrte und Nichtwissende vom Gelehrten belehrt wird. Da dies nun nicht ohne Zeichen geschehen kann, wenden wir uns der Erkenntnis der Zeichen zu.▷Signa omnia sensibilia sunt et aut naturaliter res designant aut ex instituto. Naturaliter, uti signa, | per quae in sensu designatur obiectum.[1] Ex instituto vero, uti vocabula et scripturae et omnia, quae aut auditu aut visu capiuntur et res, prout institutum est, designant. Naturalia signa naturaliter nota sunt sine omni alio doctore, sicut signum designans colorem omnibus videntibus notum est et designans vocem omnibus audientibus – ita de aliis sensibus – et vox laetitiae, ut risus, et tristitiae, uti gemitus cum fletu, et talia. Alia vero signa, quae ad designandum ad placitum sunt instituta, quibus institutio non est nota, non innotescunt nisi arte aut doctrina. Et quoniam necesse est signa omnia, per quae tradi debet notitia, nota esse magistro et discipulo, erit prima doctrina circa talium signorum notitiam. Quae ideo prima, quia sine ipsa nihil tradi potest et in eius perfectione omne, quod tradi potest, includitur.
Alle Zeichen sind sinnlich und bezeichnen die Dinge entweder von Natur aus oder auf Grund einer Festsetzung. Sie sind natürlich wie die Zeichen, durch die ein Gegenstand im Sinn abgezeichnet wird. Sie bestehen auf Grund einer Festsetzung, wie Wort und Schriftzeichen und alle Zeichen, die von Hören und Sehen wahrgenommen werden, und die die Dinge je nachdem, wie es eben festgesetzt worden ist, bezeichnen. Natürliche Zeichen sind von Natur aus, ohne irgendwelchen Lehrmeister, bekannt, z. B. ein Zeichen, das eine Farbe bezeichnet und jedem Sehenden bekannt ist; und ein Zeichen, das einen Ton bezeichnet, allen Hörenden bekannt ist. Das gilt auch für die anderen Sinne. Es gibt einen Ton der Freude, wie Lachen, einen Ton der Trauer, wie Seufzen, usw. bekannt. Andere Zeichen hingegen, welche zur Bezeichnung willkürlich festgesetzt sind, werden denen, welchen diese Festsetzung unbekannt ist, nur durch Kunst oder Wissenschaft bekannt. Und weil alle Zeichen, durch welche Kenntnis überliefert werden soll, dem Lehrer und dem Schüler bekannt sein müssen, muß der erste Teil der Wissenschaft um die Kenntnis solcher Zeichen kreisen. Diese ist deshalb der erste Teil, weil ohne sie nichts überliefert werden kann und weil in ihrer Vollendung alles, was überliefert werden kann, eingeschlossen ist.◀▷
- ↑ fol.169v