Werk:Compendium/IV
▷Capitulum IV
▷Considerans autem signa sensibilia quomodo ab obiecto ad sensum perveniunt, reperiet res corporales splendescere actu aut habitu, actu ut lucida, potentia ut colorata. Neque aliqua res corporalis penitus est expers lucis aut coloris, qui ex luce est. Non tamen color, nisi luce iuvetur, splendorem per visum nostrum perceptibilem de se mittit. Splendor autem subito et a remotis valde per rectam lineam proicitur, ad cuius perceptionem sensus visus naturaliter est adaptatus. Sonus vero a remotis orbiculariter se diffundit, ad cuius sensationem sensus auditus creatus est. Vapor vero se minus remote diffundit et odoratu percipitur, tactu vero tangibilia propinquiora et gustu interior sapor. Haec mirabili providentia naturae ad bene esse animalium sic ordinata sunt. Nam cum nulla res, uti in se est, sit multiplicabilis et ad bonum ipsius | esse expediat rerum notitiam[1] haberi, <oportet> quod res, quae per se in notitiam alterius intrare nequeunt, per suas designationes intrent. Quare oportet inter sensibile obiectum et sensum esse medium, per quod obiectum speciem seu signum sui multiplicare possit. Et quoniam haec non nisi praesente obiecto fiunt, nisi haec signa sic possent annotari, quod etiam recedente obiecto remaneant signata, non maneret rerum notitia.
Wenn jemand darüber nachdenkt, wie sinnliche Zeichen vom Gegenstand zum Sinn gelangen, dann wird er finden, daß die körperlichen Dinge tatsächlich oder der Möglichkeit nach leuchten; tatsächlich wie die leuchtenden, der Möglichkeit nach wie die farbigen Dinge. Auch ist kein körperliches Ding gänzlich ohne Anteil am Licht oder an der Farbe, die aus dem Licht stammt. Dennoch vermag die Farbe, wenn das Licht nicht hilft, keinen Glanz von sich aus zu spenden, den unser Auge wahrnehmen kann. Ein Lichtstrahl verbreitet sich plötzlich und geradlinig aus großer Ferne. Ihn aufzunehmen ist der Gesichtssinn von Natur aus geeignet. Ein Ton hingegen breitet sich aus der Ferne kreisförmig aus. Zu seiner Aufnahme ist der Gehörsinn geschaffen. Der Duft verbreitet sich in geringere Entfernung und wird von dem Geruchssinn wahrgenommen. Durch den Tastsinn wird das noch viel nähere Berührbare und vom Geschmacksinn der innere Geschmack erfaßt. Dies ist von der wunderbaren Vorsehung der Natur der Lebewesen zum Wohlbefinden zugeordnet. Denn da kein Ding, wie es in sich ist, vervielfältigt werden kann und doch sein Wohlbefinden die Kenntnis der Dinge erfordert, müssen die Dinge, die nicht von selbst in die Kenntnis des anderen treten, durch ihre Bezeichnungen eindringen. Aus diesem Grund muß es zwischen dem sinnlichen Gegenstand und dem Sinn ein Mittel geben, durch das der Gegenstand seine Eigengestalt oder sein Zeichen vervielfältigen kann. Und da dies nur durch den gegenwärtigen Gegenstand geschieht, können diese Zeichen nur so festgehalten werden, daß, würden auch die Gegenstände entfernt, das Bezeichnete bliebe. Sonst bliebe die Kenntnis der Dinge nicht bestehen.▷In istis igitur signorum designationibus in interiori phantastica virtute manent res designatae, uti vocabula manent in charta scripta prolatione cessante; quae remanentia memoria potest appellari. Sunt igitur signa rerum in phantastica signa signorum in sensibus. Nihil enim est in phantastica, quod prius non fuit in sensu. Ideo caecus a nativitate non habet phantasma coloris et imaginari nequit colorem. Signa igitur sensibilia licet abstractiora sint quam materialia sensibilia, non tamen penitus separata. Ideo et visus aliquantulum coloratus est, sed imaginatio coloris penitus colore caret. Quare signa rerum in imaginatione seu phantastica remotiora sunt a materia et magis formalia, hinc quoad sensibilia minus perfecta et quoad intelligibilia perfectiora.
Durch diese Bezeichnungen der Zeichen bleiben die Dinge in der inneren Vorstellungskraft bezeichnet, so wie Worte auf einem Papier aufgezeichnet bleiben, auch wenn ihr Verlauten verschwindet. Dieses Verbleibende kann Erinnerung genannt werden. Die Zeichen der Dinge in der Phantasie sind also Zeichen der Zeichen in den Sinnen. Denn nichts ist in der Phantasievorstellung, das nicht vorher im Sinn gewesen ist. Darum hat jemand, der von Geburt an blind ist, keine Vorstellung von der Farbe und vermag sie sich nicht vorzustellen. Wenn die sinnlichen Zeichen auch losgelöster sind als die sinnlichen Stoffe, so sind sie dennoch nicht gänzlich abgetrennt. Daher ist auch das Sehen irgendwie farbig. Die Vorstellung der Farbe jedoch hat überhaupt keine Farbe. Darum sind die Zeichen der Dinge in der Phantasie und Vorstellung weiter vom Stoff entfernt und formhafter; in bezug auf das Sinnliche weniger vollkommen, in bezug auf das Vernunfthafte hingegen vollkommener.▷Non tamen sunt penitus abstracta; nam imaginatio coloris licet nihil habeat qualitatis coloris, tamen non caret omni connotatione, quae sentitur. Nihil enim potest imaginari, quod neque moveatur neque quiescat et quod non sit quantum, scilicet aut magnum aut parvum, licet sit sine terminatione tali, quae in sensibilibus reperitur. Nihil enim adeo parvum esse potest, cuius medietatem imaginatio non attingat, aut adeo magnum, cuius duplum non imaginetur. In omnibus autem perfectis animalibus ad signa illa phantastica, quae sunt signa signorum sensuum, pervenitur, ut notitia non careat sibi opportuna. Solus vero homo signum quaerit ab omni materiali connotatione absolutum penitusque formale, simplicem formam rei, quae dat esse, repraesentans. Quod quidem signum, sicut est remotissimum quoad res sensibiles, est tamen propinquissimum quoad intellectuales.
Sie sind aber nicht völlig abstrakt; denn wenn auch die Vorstellung von der Farbe nichts von der Qualität der Farbe an sich hat, so entbehrt das, was wahrgenommen wird, dennoch nicht der Zusammengehörigkeit mit ihr. Man kann sich nämlich nichts vorstellen, das sich weder bewegte noch ruhte und keine Ausdehnung hätte, d. h. groß oder klein wäre, auch wenn es nicht von jener Begrenzung ist, die sich im Sinnlichen findet. Nichts kann so klein sein, daß die Vorstellung es nicht vermöchte, sich seine Hälfte vorzustellen, oder so groß, daß man sich nicht die doppelte Größe einbilden könnte. In allen vollständigen Lebewesen gelangt man zu jenen Phantasie-Zeichen, welche die Zeichen der Zeichen der Sinne sind, so daß dem Erkennen die für es geeigneten Anhaltspunkte nicht fehlen. Nur der Mensch sucht ein Zeichen, das von jeder stofflichen Zusammengehörigkeit frei, zur Gänze formal ist und das die einfache Gestalt der Sache, die ihr das Sein gibt, darstellt. Und wiewohl dieses Zeichen entfernt ist in bezug auf die sinnlichen Dinge, so ist es gleichwohl sehr nahe in bezug auf die vernunfthaften.◀▷
- ↑ fol.170r