Werk:Compendium/VI
▷Capitulum VI
▷Consequenter attendas oportet quomodo non est opus talpam habere visum, quia cognitione signorum visibilium non indiget, cum in umbra terrae reperiat quod quaerit. Ita de omnibus similiter dicendum, scilicet quod omnia viventia tot species ex sensibilibus hauriunt, quot sunt eis ad bene esse necessariae. Quare non omnia perfecta animalia, licet in numero sensuum conveniant, etiam in numero specierum et signorum conveniunt. Alias haurit formica species, alias leo, alias aranea, alias vacca, sicut diversae arbores ex eadem terra diversa hauriunt alimenta, quaelibet suae naturae conveniens. Et vis phantastica unius animalis ex speciebus per sensus receptis aliam facit imaginationem quam aliud et aliam aestimationem amicitiae aut inimicitiae, convenientis aut disconvenientis quam aliud. Hinc homo haurit ex sensibilibus signis species suae naturae convenientes, qui cum sit rationalis naturae, species illi suae naturae convenientes haurit, ut per illas bene possit ratiocinari et reperire conveniens alimentum tam corporale corpori quam spirituale spiritui seu intellectui, sicut sunt differentes species decem praedicamentorum, quinque universalium, quattuor virtutum cardinalium et talium multorum, quae homini ratione vigenti conveniunt.
Folglich mußt du darauf achten, daß es nicht erforderlich ist, daß ein Maulwurf das Sehvermögen besitzt; da er in der dunklen Erde findet, was er sucht, braucht er nicht die Kenntnis der sichtbaren Zeichen. Gleiches kann man von allem aussagen: nämlich daß alle Lebewesen aus den sinnlichen Dingen so viele Eigengestalten aufnehmen, wie zu einem guten Leben für sie notwendig sind. Darum stimmen nicht alle vollständigen Lebewesen, auch wenn sie in der Zahl der Sinne übereinstimmen, in der Zahl der Eigengestalten und der Zeichen überein. Andere Eigengestalten nimmt die Ameise auf, andere der Löwe, andere die Spinne, andere die Kuh; so wie die verschiedenen Bäume aus eben derselben Erde verschiedene Nahrung aufnehmen, jeder die seiner Natur entsprechende. Die Einbildungskraft eines jeden Lebewesen bildet aus den durch die Sinne wahrgenommenen Eigengestalten ein anderes Vorstellungsbild als ein anderes Lebewesen und gibt eine andere Beurteilung von Freundschaft und Feindschaft, von Zuträglichem und Unzuträglichem als ein anderes. Darum nimmt der Mensch aus den sinnlichen Zeichen jene Eigengestalten wahr, die seiner Natur entsprechen; da diese eine verstandesmäßige Natur ist, nimmt er die dieser Natur entsprechenden Eigengestalten auf, um mit ihrer Hilfe wohl denken zu können und um entsprechende Nahrung zu finden, sowohl die körperliche für den Körper als auch die geistige für den Geist oder die Vernunft. Diese sind die verschiedenen Eigengestalten der zehn Kategorien, der fünf Universalien, der vier Kardinaltugenden und vieles derartigem, das einem wirklich verständigenden Menschen zukommt.
▷Plures etiam | species per visum homo haurit quam brutum animal,[1] puta principaliter, quia sensus visus colorum species, per quas coloratorum ut coloratorum differentias attingit; et consequenter, quia sensus magnitudinis, longitudinis et latitudinis, figurationis, motus, quietis, numeri, temporis et loci species, tot species solus homo ratione utens per visum haurit. Ita per auditum species differentium sonorum, gravium, acutorum, mediorum, cantuum, notarum et talium sonorum, atque novem alias species communis sensus praemissas; ita de aliis sensibus. Trahitque ultra ex omnibus istis sensibilibus speciebus vis ratiocinativa species variarum artium, per quas supplet defectus sensuum, membrorum, infirmitatum atque se iuvat ad resistendum corporalibus nocumentis et ad expellendum ignorantiam et hebetudinem mentis et confortandum ipsam, ut proficiat et fiat homo speculator divinorum. Habetque cognatas species insensibilis virtutis, iusti et aequi, ut noscat, quid iustum, quid rectum, quid laudabile, quid pulchrum, quid delectabile et bonum et illorum contraria, et eligat bona et fiat bonus, virtuosus, prudens, castus, fortis et iustus.
Mehr Eigengestalten nimmt der Mensch durch das Sehen auf als ein unvernünftiges Tier. Ursprünglich z. B. deshalb, weil der Gesichtssinn die Eigengestalten der Farben aufnimmt, durch die er Unterschiede des Farbigen als Farbigen erreicht; in der Folge deshalb, weil der Sinn die Eigengestalten der Größe, Länge, Breite, Gestaltung, Bewegung, Ruhe, Zahl, Zeit und des Ortes aufnimmt. So viele Eigengestalten nimmt nur der Mensch, der den Verstand gebraucht, durch das Sehen auf. Ebenso nimmt er durch das Hören die Eigengestalten der verschiedenen Töne auf, der tiefen, hohen, mittleren, des Gesanges, der Noten und so weiter, wie auch die der neun anderen Eigengestalten des Gemeinsinnes, die wir schon genannt haben. Dasselbe gilt auch für die anderen Sinne. Die Kraft des verstandesmäßigen Denkens gewinnt aus allen diesen sinnlichen Eigengestalten außerdem noch die Eigengestalten der verschiedenen Künste, mittels derer es die Unzulänglichkeit der Sinne, Glieder und der körperlichen Schwäche ausgleicht. Auch hilft es sich damit, körperliche Schädigungen abzuwehren, die Unwissenheit und die Trägheit des Geistes abzulegen und den Geist zu stärken, auf daß der Mensch sich dadurch vollende und ein Betrachter der göttlichen Dinge werde. Er besitzt auch angeborene Eigengestalten der nichtsinnlichen Kraft, Gerechtigkeit und Gleichheit, so daß er weiß, was gerecht, richtig, lobenswert, schön, erfreulich und gut ist und was deren Gegenteil bedeutet; und er wählt das Gute und wird gut, stark, klug, keusch, tapfer und gerecht.▷Quae omnia consideranti ea, quae in mechanicis et liberalibus artibus atque moralibus scientiis per hominem reperta sunt, patescunt. Nam solus homo repperit, qualiter defectum lucis ardenti candela suppleat, ut videat, et deficientem visum beryllis iuvet et arte perspectiva errorem circa visum corrigat, cruditatem cibi decoctione gustui aptet, foetores fumis odoriferis pellat, frigori vestibus et igne atque domo, tarditati vecturis et navibus, defensioni armis, memoriae scriptura arteque memorandi succurrat. Quae omnia et plura talia animal brutum ignorat. Habet se enim homo ut homo ad brutum ut doctus homo ad indoctum. Doctus enim litteras alphabeti videt et similiter indoctus; sed doctus ex varia illarum combinatione syllabas atque ex syllabis dictiones et de illis orationes componit, quod indoctus facere nequit ob defectum artis, quae ab exercitato intellectu acquisita docto inest. Componere igitur et dividere species naturales et ex illis facere intellectuales et artificiales species et signa notionalia homo ex vi intellectuali habet, qua bruta excellit et doctus homo indoctum, quia habet exercitatum et reformatum intellectum.
Jemandem, der dies alles betrachtet, wird offenbar, was in den mechanischen und freien Künsten und in der Ethik vom Menschen entdeckt wurde. Denn allein der Mensch hat entdeckt, wie eine brennende Kerze das Fehlen des Lichtes ausgleicht, so daß er sieht, und wie man bei schlechtem Sehen durch eine Brille abhilft, wie man optische Täuschungen durch die Kunst der Perspektive korrigiert, wie man rohe Speise dem Geschmack durch das Kochen anpaßt, üble Gerüche durch duftendes Räucherwerk vertreibt, die Kälte durch Kleider, Feuer und ein Haus, die Langsamkeit durch Fahrzeuge und Schiffe, die Verteidigung durch Waffen, das Gedächtnis durch Schriften und die Kunst der Erinnerung unterstützt. Von alledem und noch viel mehr hat das unvernünftige Tier keine Ahnung. Der Mensch verhält sich als Mensch zum Tier wie ein gelehrter Mensch zu einem ungelehrten. Die Buchstaben des Alphabetes sehen ein Gelehrter und ein Ungelehrter. Aber der Gelehrte setzt aus ihren verschiedenen Kombinationen Silben, aus den Silben Worte und aus den Worten Sätze zusammen, während der Ungebildete nicht fähig ist, das zu tun, weil ihm die Kunst fehlt, welche der Gelehrte sich durch Übung des Verstandes erworben hat und die ihm innewohnt. Aus der Kraft der Vernunft hat der Mensch die Fähigkeit, die natürlichen Eigengestalten zusammenzusetzen und zu trennen und aus ihnen vernunfthafte und künstliche Eigengestalten und Erkenntnis-Zeichen zu machen. Darin übertrifft er die Tiere; und ein gelehrter Mann übertrifft einen ungelehrten, da seine Vernunft geübt und gebildet ist.◀▷
- ↑ fol.171r