Zum Inhalt springen

Werk:Compendium/X

aus AufEinWort, der freien Forschung
Dies ist eine alte Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 5. Juli 2024 um 16:07 Uhr durch Nikolaos (Diskussion | Beiträge). Sie kann sich erheblich von der aktuellen Version unterscheiden.

▷Capitulum X

▷Nunc elicias. Si quam artem invenisti et illam in scriptis tradere conaris, opus habes, ut verba proposito apta praemittas et significata eorum iuxta tuam mentem declares. Hoc quidem est principale. Et quoniam verbum in illis vocabulis signatum ars est, quam enodare proponis, totum studium versabitur, ut per ipsa vocabula, quanto praecisius potes, doceas, quae mente concepisti. Definitio enim, quae scire facit, est explicatio eius, quod in vocabulo complicatur. Et ad hoc in omni studio librorum principalem operam adhibeas, ut interpretationem vocabulorum iuxta mentem scribentis attingas, et cuncta facile apprehendes scripturasque concordabis, quas sibi contradicere putabas. Hinc distinctiones terminorum multum conferunt ad variarum scripturarum concordiam, si distinguens non errat. Et tunc minus deviat, quando ad aequalitatem reducere satagit.

Forsche hier weiter: Wenn du irgendeine Kunst gefunden hast und sie schriftlich zu überliefern trachtest, mußt du darauf sehen, dem Vorhaben entsprechende Worte vorauszuschicken und ihre Bedeutung deinem Geist gemäß zu erklären. Das ist das Erste und die Grundbedingung. Und weil das in diesen Wörtern bezeichnete Wort die Kunst ist, die du entwickeln möchtest, wird dein ganzes Streben darauf hinausgehen, daß du, so genau es dir nur möglich ist, durch die Wörter lehrst, was du im Geist begriffen hast. Die Definition nämlich, die das Wissen bewirkt, ist die Entfaltung dessen, was im Wort eingefaltet ist. Folglich wende bei jedem Studium der Bücher dein Hauptaugenmerk darauf, die Interpretation der Worte dem Geist des Schreibenden gemäß zu erreichen. Dann wirst du alles leicht erfassen und die Schriften, von denen du gemeint hast, daß sie einander widersprächen, zur Übereinstimmung bringen. Daher trägt eine unterscheidende Bestimmung der Wortbegriffe viel zur Übereinstimmung der verschiedenen Schriften bei, sofern der Unterscheidende nicht irrt. Und er wird dann am wenigsten in die Irre gehen, wenn er sich bemüht, diese zur Gleichheit zurückzuführen.

▷Adiciam tibi unam quam habui considerationem circa speciem notitiae principii. Hoc enim oportet esse principium, quo nihil prius nec potentius. Sola potentia, quae praecisam sui aequalitatem generat, maior esse nequit. Haec enim omnia in se unit. Capio igitur terminos quattuor, puta posse, aequale, unum et simile. Posse dico, quo nihil potentius; aequale, quod eiusdem naturae; unum ab ipsis procedens; et simile, quod est principii sui repraesentativum. Ipso posse nihil prius esse potest. Quid enim posse anteiret, si anteire non posset? Posse igitur, quo nihil potentius aut prius esse potest, utique est principium omnipotens. Est enim ante esse et non esse. Nihil enim est, nisi esse possit, nec non est, si non esse non potest. Atque praecedit facere et fieri. Nihil enim facit, quod facere non potest, aut fit, quod fieri non potest. Sic vides posse ante esse et non esse, ante facere et fieri; et ita de omnibus. Nullum autem omnium, quae hoc ipsum posse non sunt, sine ipso nec esse potest nec cognosci. Quaecumque igitur aut esse aut cognosci possunt, in ipso posse complicantur et eius sunt.

Ich will das Ergebnis einer Betrachtung hinzufügen, welche ich bezüglich der Eigengestalt des Ursprungsgedankens gemacht habe. Der Ursprung muß das sein, demgegenüber es nichts Früheres und nichts Mächtigeres gibt. Nur die Mächtigkeit, die ihre genaue Gleichheit zeugt, kann nicht größer sein, denn sie eint alles in sich. Ich nehme also vier Wortbegriffe: Können, Gleiches, Eines und Ähnliches. Können nenne ich das, demgegenüber nichts Mächtiger ist. Gleiches ist das, was von derselben Natur ist; Eines das, was von ihnen ausgeht. Ähnliches ist das, was seinen Ursprung darstellt. Nichts kann früher sein als das Können. Denn was könnte vorangehen, wenn es nicht vorangehen könnte? Das Können also, demgegenüber nichts mächtiger oder früher sein kann, ist der allmächtige Ursprung. Es ist vor dem Sein und dem Nicht-Sein. Denn es gibt nichts, wenn es nicht sein könnte, und es gibt nicht nichts, wenn es nicht nicht sein könnte. Es geht dem Machen und dem Gemacht-Werden voran. Denn nichts macht, das nicht machen kann und nichts wird gemacht, das nicht gemacht werden kann. So siehst du das Können vor dem Sein und Nicht-Sein, vor dem Machen und Werden, usw. Nichts von allem, das nicht das Können selbst ist, kann ohne es sein oder erkannt werden. Also ist alles, was auch immer sein oder erkannt werden kann, im Können eingefaltet und sein eigen.▷Aequale autem, cum non possit esse, nisi sit ipsius posse, erit prius omnibus, sicut posse, cuius est aequale. In aequalitate sua ostendit se posse potentissimum. Nam de se sui ipsius posse aequalitatem generare supremum potentiae est. Posse igitur, quod se aequaliter ad contradictoria habet, ut non possit plus unum quam aliud, per aequalitatem suam se aequaliter habet. Procedit autem ex posse et aequalitate eius unio potentissima. Potentia enim seu virtus unita fortior est. Unio igitur ipsius, quo nihil potentius, et eius aequalitatis non est minor ipsis, a quibus procedit. Et ita videt mens posse, eius aequalitatem et utriusque unionem esse unicum principium potentissimum, aequalissimum et unissimum. Patet satis quod posse aequaliter unit omnia, complicat et explicat.

Das Gleiche, das nur sein kann, wenn es dem Können angehört, muß wie das Können, dem es gleich ist, früher als alle Dinge sein. In seiner Gleichheit zeigt es sich als das allermächtigste Können. Denn aus sich selbst die Gleichheit seiner selbst zeugen zu können, ist die höchste Macht. Das Können also, das sich in gleicher Weise zum Kontradiktorischen verhält, so daß es eines nicht mehr kann als ein anderes, verhält sich durch seine Gleichheit gleich. Aus dem Können und seiner Gleichheit geht die mächtigste Einung hervor. Denn die geeinte Mächtigkeit oder Kraft ist stärker. Die Einung des Mächtigsten und seiner Gleichheit ist also nicht schwächer als das, aus dem sie hervorgeht. Und so sieht der Geist, daß das Können, seine Gleichheit und die Einung beider der einzige, mächtigste, gleichste und geeinteste Ursprung ist. Daraus geht genugsam hervor, daß das Können in gleicher Weise alles eint, einfaltet und ausfaltet.▷Quidquid igitur facit, per aequalitatem facit, et si creat, per ipsam creat, et si ostendit, per ipsam se ostendit. Non facit autem posse ipsum per aequalitatem se ipsum, cum non sit prius se ipso, nec facit per aequalitatem dissimile. Non enim aequalitas forma est dissimilitudinis et inaequalis. Id igitur, quod facit, simile est. Quidquid igitur est et non est ipsum principium, necesse est quod sit ipsius similitudo, cum aequalitas, quae non recipit magis et minus, non sit multiplicabilis seu variabilis sive alterabilis, sicut nec singulare; non enim est singularitas aliud quam aequalitas.

Was immer es macht, macht es durch die Gleichheit, und wenn es schafft, dann schafft es durch sie, und wenn es sich zeigt, dann zeigt es sich durch sie. Sich selber aber schafft das Können nicht durch die Gleichheit, da diese nicht früher ist als es selbst. Auch schafft es nicht Ungleiches durch die Gleichheit. Denn die Gleichheit ist nicht die Gestalt der Unähnlichkeit und des Ungleichen. Das also, was es macht, ist Ähnliches. Alles also, was ist und nicht der Ursprung selbst ist, muß notwendig dessen Ähnlichkeit sein, weil die Gleichheit, die kein Mehr und Weniger annimmt, nicht vervielfältigt oder abgewandelt oder verändert werden kann; ebensowenig wie das Einzelne. Die Einzigkeit ist ja nichts anderes als die Gleichheit. Der Gegenstand aller erkennenden Kraft kann also nichts anderes sein als die Gleichheit selbst, die sich in ihrer Ähnlichkeit zeigen kann.

▷Obiectum igitur omnis potentiae cogniti|vae non potest esse nisi[1] ipsa aequalitas, quae se in sua similitudine ostendere potest. Unde obiectum sensitivae cognitionis non est nisi aequalitas, sic et imaginativae atque etiam intellectivae. Naturaliter potentia suum cognoscit obiectum. Cognitio vero fit per similitudinem. Hinc omnium potentiarum cognitivarum aequalitas obiectum est, cuius similitudo ponit omnes potentias cognitivas in actu. Naturaliter enim intellectu vigentes aequalitatem esse vident, cuius similitudo est in intellectu, sicut visus coloratum, cuius similitudo seu species est in visu. Similitudo autem omnis est aequalitatis species seu signum. Aequalitas visui obicitur, quae in specie coloris videtur et in auditu in specie soni auditur; et ita de reliquis.

Darum ist der Gegenstand der sinnenhaften Erkenntnis nichts anderes als die Gleichheit, ebenso der der einbildungshaften und der vernunfthaften. Von Natur aus erkennt das Erkenntnisvermögen seinen Gegenstand. Erkenntnis jedoch vollzieht sich durch Ähnlichkeit. Daher ist die Gleichheit, deren Ähnlichkeit alle Erkenntniskräfte zur Wirklichkeit bringt, der Gegenstand aller Erkenntniskräfte. Von Natur aus sehen die mit Vernunft Begabten, daß es die Gleichheit gibt, deren Ähnlichkeit in der Vernunft ist; so wie das Farbige-Sehen, dessen Ähnlichkeit oder Eigengestalt im Sehen ist. Jede Ähnlichkeit aber ist die Eigengestalt oder das Zeichen der Gleichheit. Die Gleichheit tritt dem Sehen entgegen; sie wird in der Eigengestalt der Farbe gesehen usw.▷Propinquius tamen in imaginatione, quia non in specie qualitatis, sed quantitatis aequalitas imaginabilis est. Et haec species propinquiorem habet aequalitatis similitudinem. In intellectu vero non per similitudinem speciebus qualitatis aut quantitatis involutam, sed simplicem et puram intelligibilem speciem seu nudam similitudinem aequalitas attingitur. Et videtur aequalitas ipsa una, quae est omnium rerum essendi et cognoscendi forma in varia similitudine varie apparens. Et eius singularem apparitionem, quam rem singularem appellamus, in eius splendore humana mens naturaliter in se ipsa intuetur tamquam viva et intelligens eius apparitio. Non est enim humana mens nisi signum coaequalitatis illius quasi prima apparitio cognitionis, quam propheta «lumen vultus»[2] dei «super nos signatum»[3] appellat.

Näher aber ist die Gleichheit in der Einbildung, weil sie nicht in der Eigengestalt der Qualität, sondern der Quantität einbildbar ist. Und diese Eigengestalt hat eine der Gleichheit näherkommende Ähnlichkeit. In der Vernunft aber wird die Gleichheit nicht mittels der in die Eigengestalten von Quantität und Qualität verwickelten Ähnlichkeit, sondern mittels der einfachen und reinen vernunfthaften Eigengestalt oder reinen Ähnlichkeit erreicht. Und die Gleichheit erscheint als eine, welche die Gestalt des Seins und Erkennens aller Dinge ist, die in mannigfacher Ähnlichkeit mannigfach erscheint. Und ihre einzelne Erscheinung, die wir das Einzelding nennen, schaut in ihrem Glanz der menschliche Geist von Natur aus in sich selbst – gleichsam als ihre lebendige und vernünftig-verstehende Erscheinung. Der menschliche Geist ist ja nichts anderes als das Zeichen der Gleichheit mit ihm, gleichsam das erste Erscheinen der Erkenntnis, das der Prophet das Angesicht Gottes nennt, welches in uns eingeprägt ist.▷Hinc homo naturaliter bonum, aequum, iustum et rectum, quia splendores aequalitatis, cognoscit; legem illam ‹quod tibi vis fieri, alteri fac[4], laudat, quia est splendor aequalitatis. Cibus enim vitae intellectualis ex talibus est virtutibus; quare non ignorat ipsam pastus sui refectionem. Sicut visus sensibilis ad sensibilem lucem se habet, ita visus mentis ad hanc intelligibilem lucem. Nam lux sensibilis, illius intelligibilis imago, similitudinem aequalitatis habet, cum nihil inaequale in ipsa luce videatur. Hoc certum quod sicut visus sensibilis nihil sentit nisi lucem et lucis apparentiam in signis suis neque quidquam aliud esse iudicat, quin immo constanter affirmat sublata luce nil penitus manere – pascitur enim videre ex illis –, ita et mentis visus nihil sentit quam intelligibilem lucem sive aequalitatem et eius apparitionem in signis suis atque verissime profitetur quod hac luce sublata nihil nec esse nec intelligi potest. Quomodo enim sublata aequalitate staret intellectus, cuius intelligere in adaequatione consistit, quae utique desineret aequalitate sublata? Nonne veritas sublata foret, quae est adaequatio rei ad intellectum aut aequatio rei et intellectus? Nihil igitur in veritate maneret aequalitate sublata, cum in veritate ipsa nihil reperiatur quam aequalitas.

Daher erkennt der Mensch von Natur aus das Gute, Gleiche, Gerechte und Richtige, weil dies der Glanz der Gleichheit ist. Darum lobt er jenes Gesetz: was du willst, daß es dir geschehe, das tue dem anderen, weil es der Lichtglanz der Gleichheit ist. Die Speise des vernunfthaften Lebens nämlich besteht aus solchen Tugenden. Darum ist ihm nicht unbekannt, daß jene die Erquickung bei seinem Nahrungssuchen darstellt. Wie das sinnliche Sehen zu dem sinnlichen Licht, so verhält sich das Sehen des Geistes zu diesem vernunfthaften Licht. Denn das sinnliche Licht, Abbild jenes Vernunfthaften, trägt die Ähnlichkeit der Gleichheit, da nichts Ungleiches im Licht gesehen wird. Es ist gewiß, daß, wie das sinnliche Sehen nichts empfindet als das Licht und das Erscheinen des Lichtes in seinen Zeichen und sich das Urteil bildet, daß es nichts anderes gibt, ja sogar beständig behauptet, daß nichts übrigbliebe, wenn man das Licht hinwegnähme – sein Sehen nährt sich ja davon –, auch das Sehen des Geistes nichts anderes als das vernunfthafte Licht oder die Gleichheit und ihr Erscheinen in seinen Zeichen wahrnimmt und mit größter Wahrheit versichert, daß ohne dieses Licht nichts sein und erkannt werden kann. Denn wie sollte das Vernunft-Denken, dessen Verstehen in Angleichung besteht, die durch Hinwegnahme der Gleichheit gänzlich zu sein aufhörte, weiter fortdauern, wenn die Gleichheit entfernt wäre? Würde damit nicht die Wahrheit hinweggenommen, welche die Angleichung der Sache an das Vernunft-Denken oder die Angleichung der Sache und des Vernunft-Denkens ist? Nichts bliebe in der Wahrheit, wenn die Gleichheit hinweggenommen wäre, da in der Wahrheit selbst nichts anderes zu finden ist als Gleichheit.◀▷

  1. ↑ fol.173r
  2. ↑ cf. Ps. 4,7.
  3. ↑ cf. Ps. 4,7.
  4. ↑ cf. Matth. 7,12; Luc. 6,31; cf. Tob. 4,16.