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Werk:Compendium/XI

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▷Capitulum XI

▷Et ut videas animam sensitivam non esse intellectum, sed eius similitudinem seu imaginem, attende quomodo in vidente duplex est forma, una informans, quae est similitudo obiecti, alia est formans, quae est similitudo intelligentiae. Formare et informare agere quoddam est. Cum autem nihil fiat sine ratione, intellectus est principium actionum, quae sunt ad finem. Facit autem omnia aut per se aut per naturam; ideo opus naturae est opus intelligentiae. Hinc quando obiectum per suam similitudinem informat, hoc naturaliter fit, scilicet per intelligentiam medio naturae. Quando vero intelligentia format, hoc facit per propriam suam similitudinem. In vidente igitur duae sunt similitudines, alia obiecti, alia intelligentiae, sine quibus non fit visio. Similitudo obiecti est superficialis et extrinseca, similitudo intelligentiae centralis et intrinseca. Similitudo obiecti est instrumentum similitudinis intelligentiae. Similitudo igitur intelligentiae mediante similitudine obiecti sentit seu cognoscit.

Damit du siehst, daß die sinnenhafte Seele nicht das Vernunft-Denken ist, sondern seine Ähnlichkeit oder sein Abbild, achte darauf, daß und wie in einem Sehenden die Gestalt zweifach ist. Die eine ist die ein-gestaltende Gestalt, welche die Ähnlichkeit des Gegenstandes ist, und die andere die gestaltende, welche die Ähnlichkeit der Vernunft-Einsicht ist. Gestalten und Ein-Gestalten ist eine Art von Tun. Da aber nichts ohne Bestimmungsgrund geschieht, ist das Vernunft-Denken der Ursprung der Handlungen, die auf ein Ziel gerichtet sind. Es geschieht aber alles entweder durch sich selbst oder von Natur aus. Darum ist das Werk der Natur das Werk der Vernunft-Einsicht. Wenn also ein Gegenstand vermittels seiner Ähnlichkeit ein-gestaltet, dann geschieht das natürlich, d. h. durch die Vernunft-Einsicht mittels der Natur. Wenn aber die Vernunft-Einsicht gestaltet, dann macht sie das durch ihre eigene Ähnlichkeit. Im Sehenden sind also zwei Ähnlichkeiten: die eine ist die des Gegenstandes, die andere die der Vernunft-Einsicht; ohne diese beiden kommt keine Schau zustande. Die Ähnlichkeit des Gegenstandes ist oberflächlich und äußerlich, die Ähnlichkeit der Vernunft-Erkenntnis zentral und innerlich. Die Ähnlichkeit des Gegenstandes ist das Werkzeug der Ähnlichkeit der Vernunft-Erkenntnis. Die Ähnlichkeit der Vernunft-Erkenntnis also nimmt wahr bzw. erkennt mittels der Ähnlichkeit des Gegenstandes.▷Sentire igitur animam sensitivam, quae similitudo est intelligentiae, et speciem obiecti, quae est similitudo obiecti, requirit. Quare anima sensitiva non est intellectus, cum non sentiat sine similitudine obiecti. Intellectus enim non dependet ab aliquo, ut intelligibilia intelligat, et nullo alio a se ipso indiget instrumento, cum sit suarum actionum principium. Intelligit enim hoc complexum: ‹quodlibet est vel non est,› sine aliquo instrumento seu medio; sic et cuncta intelligibilia. Sensibilia non | intelligit, quia sensibilia et non intelligibilia. Quare[1] oportet, ut intelligibilia prius fiant, antequam intelligantur, sicut nihil sentitur, nisi sensibile fiat.

Sinnliches Empfinden erfordert also die sinnenhafte Seele, welche die Ähnlichkeit der Vernunft-Einsicht ist, und die Eigengestalt des Gegenstandes, welche die Ähnlichkeit des Gegenstandes ist. Darum ist die sinnenhafte Seele nicht das Vernunft-Denken, da sie nicht ohne die Ähnlichkeit des Gegenstandes empfindet. Das Vernunft-Denken ist nämlich nicht von irgend etwas abhängig, um das Vernünftig-Einsichtige zu erkennen, und bedarf keines – ihm gegenüber anderen – als Werkzeug, da es der Ursprung seiner Tätigkeiten ist. Es erkennt diesen Zusammenhang: «Etwas ist oder ist nicht» ohne irgendein Werkzeug oder Mittel; ebenso alles übrige Vernünftig-Erkennbare. Das Sinnliche erkennt es nicht, weil es sinnlich und nicht vernunfthaft ist. Darum müssen die vernünftig-erkennbaren Dinge zuerst werden, bevor sie eingesehen werden; so wie auch nichts sinnlich empfunden wird, wenn nicht das Sinnliche wird.◀▷

  1. ↑ fol.173v